Ernst Halter: Mermaid (Roman)

Liebe wuchert nicht für die Zukunft, sie verschwendet sich jetzt

oder

Ein­ver­lei­bung gleich Kom­mu­nion gleich Zeit als Ewig­keit gleich Seele gleich das Gute

von Karin Afshar

Ein Gedanke fällt mir zu, wäh­rend ich das gerade ein­ge­trof­fene Buch zur Hand nehme und mir sei­nen Ein­band anschaue – Amor und Psy­che inein­an­der ver­sin­kend: Man muss mer­ken, wann man am Ende der Hoff­nung ange­kom­men ist. Über diese Grenze hin­aus ver­liert man Lebens­zeit. – Damit beginne ich zu lesen. [K.A.]

In “Mer­maid” von Ernst Hal­ter geht es um Liebe und Beses­sen­heit, auch um Ero­tik und Lei­den­schaft. Ein (nicht ganz glück­lich) ver­hei­ra­te­ter Mann lässt sich auf ein Aben­teuer ein… Das ist mise­ra­bel banal aus­ge­drückt! Zwei­ter Ver­such: Ein Mann und eine Frau ver­fal­len ein­an­der und kön­nen nicht wie­der von­ein­an­der las­sen. Noma­den sind beide, Suchende (nach sich selbst), und wer­den anein­an­der zu Grenz­gän­gern und auch -ver­let­zern. Es geht um das Ent­gren­zen in der gegen­sei­ti­gen Hin­gabe; am Ende – soviel sei ver­ra­ten – um die Ent­fes­se­lung des Zer­stö­re­ri­schen. Engels­sturz – aus dem Jen­seits ins Dies­seits. Unter­gang – das Dies­seits mit Kra­ter­zu­gän­gen zur Unterwelt.

Stella alias Persephone von Rosetti

Ernst Halter - Mermaid - Roman - Cover - Glarean MagazinStella, die häu­fig in Deutsch­land zu tun hat und aus Zürich stammt, lebt in Mai­land und ist Kunst­his­to­ri­ke­rin. Sie arbei­tet als Juro­rin und Aus­stel­lungs­ku­ra­to­rin für Museen und Gale­rien, ist erfolg­reich und auf dem öffent­li­chen Par­kett gewandt. Eine schöne Frau, die sich zu klei­den weiss und ihre Aus­strah­lung auch ein­setzt. Pri­vat – ist sie kom­pli­ziert, mal Kind­frau, mal domi­nie­rend, mal unter­wür­fig, zwei­felnd, unsi­cher, koket­tie­rend. Prä­raf­fae­li­tisch – ich erin­nere mich, das Wort an einer Stelle gele­sen zu haben. Das trifft es. Die Per­se­phone von Rosetti – in Blond aller­dings, ich glaube, Stella ist blond.
Elias, Sohn einer däni­schen Mut­ter, ist Lek­tor, schreibt Bücher, über­setzt, ver­öf­fent­licht Gedichte – ein Lite­rat, ein Mann der Worte. Er ist mit Ellen, einer Eng­län­de­rin, die eine trau­ma­ti­sie­rende Kind­heit hin­ter sich hat und an Depres­sio­nen lei­det, ver­hei­ra­tet und bewohnt mit ihr ein Haus (wo, ist mir nicht erin­ner­lich). Von Elias habe ich kein Gesicht, auch kein Alter, keine Kör­per­spra­che. Er bleibt unphy­sisch und ein Schemen.

Erschreckend wie ein dunkler Zauber

Dante Gabriel Rossetti: Proserpine (Persephone)
Dante Gabriel Ros­setti: Pro­ser­pine (Per­se­phone)

Stella und Elias ler­nen sich in Frank­furt ken­nen (einem Ort, in dem beide fremd sind) und tref­fen sich von nun an in Hotels, abge­le­ge­nen Pen­sio­nen, in Bur­gen und Schlös­sern, in Wäl­dern, ent­lang von Bahn­li­nien, auf Ber­gen, in Tälern, in der Schweiz, in Deutsch­land, das Elias mehr ent­spricht, wäh­rend sie mit dem schrof­fen Land ihre Schwie­rig­kei­ten hat. Im Laufe der Geschichte wird sie sagen: „Ecco la Cim­me­ria tedesco, orsi, mam­muti…. Cerco di con­vin­cermi della tua realtá. Die­ses Ger­ma­nien – ich weiss kein bes­se­res Wort – ist so unwi­der­steh­lich und erschre­ckend wie ein dunk­ler Zauber…“
Ver­zau­be­rung. Ver­wün­schung. Gibt es die eine Liebe? Oder ver­schie­dene? Eine für die eine Frau und eine für die andere? Und Frauen? Lie­ben sie immer gleich? Ernst Hal­ter – in die­sem April 80 gewor­den – lässt sei­nen Hel­den und seine Hel­din dies erkun­den. Er schickt sie aus, die Ant­wort den Tie­fen des ewi­gen, zeit­lo­sen Mee­res zu ent­reis­sen und an den Strand der Gegen­wart zu wer­fen. Da ist sie – die Meer­jung­frau aus dem Rei­che Nep­tuns, die, um in der Gegen­wart sein zu kön­nen, sich mit einem Sterb­li­chen ver­bin­den muss. Natür­lich nicht zufäl­lig legt der Autor Elias als Namen für Stella Mer­maid in den Mund. Aber sie ist auch Tuli­pan, Estelle, Regina Macondo, Madonna dell’adulterio, Stella blu, … der blauen Augen wegen. (Blau sind auch die Augen von Dämo­nen.) Und dann tau­chen noch andere Namen auf: Venus und Ishtar. Ich kläre wei­ter unten auf, woher hier der Wind weht.

Im Heimlichen unheimlich nahe

Ernst Halter (*1938 in Zofingen/Schweiz)
Ernst Hal­ter (geb.1938 in Zofingen/Schweiz)

Auf einem Meer, des­sen Ober­flä­che sie trägt, des­sen Ober­flä­che abwech­selnd Stella und Elias selbst sind (er schreibt „auf ihr“ seine Gedichte), treibt die Bezie­hung, die Stella und beson­ders Elias zukunfts­tra­gend zu gestal­ten sich nicht trauen. Unter der Ober­flä­che die­ses Mee­res des Noch-nicht-Gewor­de­nen und des Schon-wie­der-Ent­wor­de­nen ist die Zeit noch unge­teilt. Halt – unge­teilte Zeit ist nicht Zeit; denn Eigen­schaf­ten von Zeit sind Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit. Wir bewe­gen uns in die­sem Ozean im Unge­teil­ten und im Ewi­gen – mit uns die bei­den Lie­ben­den, die sich in ihrer ewi­gen und dann wie­der abgrund­tie­fen Umar­mung im stän­di­gen Umher­zie­hen im Heim­li­chen unheim­lich nahe kom­men und einem Schiff­bruch entgegensteuern.

Das Wesen der Liebe ver­webt Ernst Hal­ter also mit Zeit: mit der Anwe­sen­heit des Ver­gäng­li­chen und der Abwe­sen­heit des Ewi­gen, oder umge­kehrt. Das Ewige exis­tiert aller­dings nicht, denn es west aus­ser­halb der Zeit. Der eng­li­sche Gruss: Sein uner­schaf­fe­nes Licht leuch­tet aus­ser jeder Zeit, es ist mit­leid­los und erlischt nach einem ein­zi­gen Nu.

Als Leser durch das Tor des Wenn geschoben

Die Grenze oder Zäsur, die wir in “Mer­maid” fin­den wer­den, wird for­mell durch den Brief­wech­sel mit einem längst toten Schrift­stel­ler gezeich­net. Die­ser weist unse­ren Autor auf seine Denk­feh­ler hin, wirft ihm Schein­lo­gik vor, und dass er den Leser um seine Frei­heit bringe. Ein ganz und gar wirk­sa­mer Kniff ist das, den der Autor Ernst Hal­ter hier anwen­det. Indem er als „Erzäh­ler-Schrei­ber“ die­ser aus­sen­ste­hen­den Per­son (die ihn als „sich als Gott auf­füh­ren­den Erzäh­ler“ bezeich­net) ant­wor­tet, ver­tei­digt er sei­nen Plot, für den er die schwie­rigste, näm­lich die „nor­male Vari­ante des Lie­bes­the­mas“ gewählt hat.
Wir als Leser (jetzt in den Fort­gang der Geschichte ein­be­zo­gen), die längst her­auf­ge­zo­gene Peri­pe­tie und Kata­stro­phe und die Prot­ago­nis­ten wer­den durch das Tor des Wenn gescho­ben. Die­ses Tor steht für die Schwelle zum Nie-Rea­li­sier­ten. Doch wir wären nicht Men­schen, wenn wir für Stella und Elias nicht doch noch auf die Wen­dung zum Guten hoff­ten – irgend­wie. Schrift­stel­ler wis­sen der­glei­chen, und so hält es auch Ernst Hal­ter und schreibt uns auf die ange­deu­te­ten vier bösen Wör­ter hin.
Eine nep­tu­nisch-schil­lernde Geschichte mit Untie­fen – ich schaue sie aus der struk­tu­rel­len Rich­tung an. “Mer­maid” spricht in vie­len Stim­men, deren Gegen­sätz­lich­kei­ten und Dua­li­tä­ten der Autor-Erzäh­ler dem Leser zur Zusam­men­set­zung überlässt.

Neun Stimmen, neun Handlungslinien

Neun Stim­men, neun Linien meine ich gefun­den zu haben. Sie tre­ten in Form von unter­schied­li­chen „Text­sor­ten“ oder Hand­lungs­se­quen­zen mit ver­schie­de­nen inein­an­der­flies­sen­den Erzähl­tempi auf.
Da ist die Stimme von Stella, die in einem Bewusst­seins­strom über die Bezie­hung und die Gescheh­nisse spricht. Dane­ben gibt es Aus­züge aus Brie­fen und elek­tro­ni­scher Post von Stella an Elias, von ihm an sie. Es gibt eine aukt­oriale Linie, die hin­ein­schlüpft in das Sub­jek­tive von Elias oder Stella (Bil­der des Innen-wie Aus­sen­seins, Bei-sich-Seins und Aus­ser-Sich-Seins wech­seln sich ab). Auch Ellen, Elias‘ skiz­zen­haft in Erschei­nung tre­tende Ehe­frau, erhält eine Stimm-Linie. Traum­se­quen­zen sind eine nächste Linie. Hier und da stösst aus dem Unsicht­ba­ren eine Rah­men-Hand­lungs­li­nie nach oben an die Ober­flä­che: Elias aus dem OFF, aus dem post mor­tem und in neuem Leben.
Eine offene Text­struk­tur, in der die ein­zel­nen Kapi­tel auto­nom für sich ste­hen könn­ten. Könn­ten, denn sie bestehen durch­aus nicht – ähn­lich den Ver­bin­dun­gen in einem Rhi­zom – aus iso­lier­ten Ein­hei­ten. Wie komme ich denn bloss auf Rhi­zom? In der Bio­lo­gie bezeich­net ein Rhi­zom einen Wur­zel­typ, der mor­pho­lo­gisch als Neben­ein­an­der-/In­ein­an­der­wach­sen von Spros­sen oder Stän­geln oder Trie­ben beschrie­ben wird. Ein Rhi­zom kann sowohl über- als auch unter­ir­disch in alle Rich­tun­gen wach­sen. Es wuchert. – Die Linien die­ses „Gebil­des“ ohne Hier­ar­chie und Ord­nung bil­den ein Geflecht, in dem alles mit allem ver­bun­den ist. An ver­schie­de­nen Stel­len wächst etwas nach oben und durch­bricht die gren­zende Kruste. Die auf der Ober­flä­che sicht­ba­ren Triebe haben nur schein­bar nichts mit­ein­an­der zu tun. Auto­no­mie – eine Illusion.

Offenes, nicht polarisierendes Schreiben

"Nomadentum und Schizophrenie" des multiplen Schreibens: Cover von "Mille Plateaux - Capitalisme et schizophrénie" (Deleuze & Guattari 1980)
“Noma­den­tum und Schi­zo­phre­nie” des mul­ti­plen Schrei­bens: Cover von “Mille Pla­teaux – Capi­ta­lisme et schi­zo­phré­nie” (Deleuze & Guat­tari 1980)

Deleu­zes & Guat­ta­ris „écri­ture nomade et rhi­zo­ma­tique”1) ist eine „écri­ture migrante” – ein offe­nes, nicht abgren­zen­des und nicht pola­ri­sie­ren­des Schrei­ben. Das Noma­di­sche und die Nicht-Zuge­hö­rig­keit sind ein star­kes Motiv in einer sol­chen Lite­ra­tur. Noma­di­sches, rhi­zo­ma­ti­sches Schrei­ben setzt die Viel­heit, das Mul­ti­ple, über­win­det die Dua­li­tät und „lebt“ die Auf­he­bung der Suk­zes­si­vi­tät und Linea­ri­tät eines Tex­tes. Noma­den­tum und Schi­zo­phre­nie. Ein Schizo2) ist der, der mit vie­len Stim­men spricht, der mit den Mas­kie­run­gen spielt und immer unter­wegs ist. Er ver­fehlt sein Ziel, weil er kei­nes mehr hat. Das Ver­feh­len selbst ist zum Ziel geworden.
Ozean einer­seits und Rhi­zom ande­rer­seits. Das Unend­li­che und das Gewebe mit den vie­len Ein­gän­gen. Und in die­ser Unstruk­tur Hal­ters Land­schafts und Orts­be­schrei­bun­gen. Sie sind detail­liert, Weg­be­schrei­bun­gen ähn­lich, so dass ich mich frage, warum er die Ört­lich­kei­ten der­mas­sen red­un­dant beschreibt und benennt. Die Ant­wort: Sie sind Meta­phern für unsere bei­den Suchen­den – die Land­schaf­ten, die Orte sind die bei­den Suchen­den. Ihre Stim­mun­gen kor­re­spon­die­ren und sind in Reso­nanz mit den auf­ge­such­ten Orten. Schrift­stel­le­ri­sche Zau­be­rei. Sie seien dem Leser ans Herz gelegt.

Virtuoser Rückblick und Abschied

Auch auf die Anspie­lun­gen auf Ereig­nisse der Geschichte an Orten, an denen Elias und Stella sich auf­hal­ten und über die sie spre­chen, sei begeis­tert ver­wie­sen. Alle­samt Puz­zle­teile für das Gesamt­bild. Kein Wort ist hier zufäl­lig gesetzt. Mir will dar­über hin­aus schei­nen, Ernst Hal­ter bezieht sich auf eigene ältere Werke – ist nur ein Ver­dacht, dem ich noch nach­ge­hen werde. Lässt mich sofort an Jean Sibe­l­ius den­ken, der in sei­ner Sieb­ten, sei­ner letz­ten Sin­fo­nie, seine vor­he­ri­gen in Zita­ten noch ein­mal hat Revue pas­sie­ren las­sen. Abschied, grosse Vir­tuo­si­tät, und die Ein­sicht: Alles ist mit­ein­an­der ver­bun­den, wir leben auf “1000 Plateaus”.
Blei­ben wir wei­ter im Struk­tu­rel­len: Vier Spra­chen begeg­nen dem Leser. Deutsch als Erzähl­spra­che ist die Spra­che der Aus­ge­spro­chen­heit, Deut­lich­keit, sie kann nicht anders. Gleich­zei­tig ver­wen­det Hal­ter sie in lyrischs­ter Weise als Elias‘ Trä­ger­sub­strat, die seine und Stel­las Unaus­weich­lich­keit andeu­tet und beschwört.

Flie­hen durch Som­mer und Schnee,
der Tod bela­gert die Strassen
zwi­schen Umar­mung und Abschied,
Vögel löchern die Dämmerung,
die ruhe­lose Nacht
wim­mert und graut ohne Mond.
Ver­schwin­den unter vier Augen,
trin­ken ein­an­der auf einen Zug,
die Lust
sie­geln mit Schwei­gen.3)

Ausgeprägter Zeigecharakter von Sprache

Ita­lie­nisch ist Stel­las Gefühls­spra­che, ihr Lie­bes­ge­flüs­ter, aber auch ihre dunk­len Momente, Ahnun­gen und ihre Dro­hun­gen. Es sind „hin­ge­wor­fene Bröck­chen“, meist kurze Aus­rufe, Impe­ra­tive, Bewer­tun­gen. Sofern der Leser nicht Ita­lie­nisch spricht, fin­det er im Anhang des Buches ein alpha­be­ti­sches Wör­ter­ver­zeich­nis (darin auch die ande­ren Spra­chen). Der so unter­schied­li­che Klang von Deutsch und Ita­lie­nisch, und die Wech­sel von der einen Stim­mung in die andere, signa­li­sie­ren einer­seits die Spal­tung, die sich durch die Prot­ago­nis­ten, ihre Wün­sche und ihre Sucht zieht, ande­rer­seits den brü­cken­den Zei­ge­cha­rak­ter von Spra­che in sei­ner schöns­ten Ausprägung.
Hier und da wird auch auf Fran­zö­sisch (Spra­che der Bil­dung und Con­ten­ance) und Eng­lisch (Ellens Mut­ter­spra­che, stiff upper lip; und ihrer Rolle ent­spre­chend – hier für das Depres­sive, das Ver­quälte ver­wen­det) gespro­chen. Dezente Stil­mit­tel, Anzeige der Ver­wo­ben­heit, der Vielfalt.
Die „Farbe“ der Spra­che der Lie­ben­den, ihr Ver­hält­nis zuein­an­der und die Viel­zahl der Stim­men lässt das Hohe­lied Salo­mos, jene Lie­bes­lie­der, die in nicht all­täg­li­chen Bil­dern, aber mit wie­der­keh­ren­den Moti­ven Ver­ei­ni­gung und Tren­nung, Begeh­ren und Erfül­lung, eben Lie­bes­ge­flüs­ter besin­gen, anklin­gen. Doch ich frage mich beim Lesen immer drin­gen­der, ob Mer­maid ein Lied auf die Liebe ist. Haben wir es über­haupt mit einem Lie­bes­ro­man zu tun?
“Mer­maid” ist alles andere als eine klas­si­sche Drei­ecks­ge­schichte mit den „übli­chen“ Schuld­ge­füh­len, dem Dilemma des Man­nes zwi­schen Gelieb­ter und Ehe­frau, der Angst vor dem Ent­deckt­wer­den oder vor even­tu­el­len For­de­run­gen der Gelieb­ten – das ist allen­falls das vor­der­grün­dige Thema, das in vie­len Roma­nen mal mehr, mal weni­ger tief­ge­hend psy­cho­lo­gisch auf­ge­ar­bei­tet wird.

Quadratur einer tiefgründigen Vierecksgeschichte

Schatten der literarischen Protagonisten: Die schön-zerstörerische Göttin Lilith
Schat­ten der lite­ra­ri­schen Prot­ago­nis­ten: Die schön-zer­stö­re­ri­sche Schwarze Venus Lilith

Mer­maid” ist eine tief­grün­dige Vier­ecks­ge­schichte. Schauen wir bei Carl Gus­tav Jung nach: In einer Lie­bes­be­zie­hung gehen Mann und Frau sowie die Anima eines Man­nes (sein Frau­en­bild bzw. seine weib­li­chen Anteile in sich) und der Ani­mus der Frau (ihr Män­ner­bild bzw. ihr männ­li­cher Anteil) ein über­kreu­zen­des Qua­ter­nio4) ein. Die­ses Motiv liegt im Falle von Stella und Elias anders vor. Es sind nicht Anima und Ani­mus, son­dern ihre Schat­ten, ihre Dämo­nen, die eine Ver­bin­dung ein­ge­hen.5) Venus und Ishtar, zwei Göt­tin­nen aus unter­schied­li­chen Mytho­lo­gien, tref­fen in Stella auf­ein­an­der. Venus-Maria-Eva: die guten Mut­ter­fi­gu­ren; in Lilith aller­dings fin­det sich mit der Göt­tin Ishtar/Inanna das Dunkle, Dämo­ni­sche, das kör­per­li­che Begeh­ren und das Zer­stö­re­ri­sche. Sie ist die Schwarze Venus.6)
Wenn nun in die­ser „Qua­dra­tur“ das Schat­ten­paar über die Zeit bestimmt, wenn das Unbe­wusste und Ver­drängte über das bewusste Paar-Ich in sei­ner Ver­zweif­lung die Vor­herr­schaft über­nimmt, wer­den die bei­den Lie­ben­den anein­an­der böse.
Gesche­hen wird das, wenn sie in vor­an­schrei­ten­der Ent­frem­dung keine Bezie­hung mehr auf­neh­men kön­nen. „Böse“ ist das Unge­lebte, das ver­drängte Gute; das Böse lockt. Die Nixen und die Undi­nen aus dem Was­ser ver­spre­chen die ver­drängte Erfül­lung und wol­len dafür das Leben, und nicht weni­ger, des Ande­ren. Wird es ihnen ver­sagt, tritt Posei­don als Rächer auf den Plan.

Modern, aktuell, anspruchsvoll

Wann fängt die Obses­sion an, wo hört die Ent­frem­dung auf? Komi­sches Wort: Ent­frem­dung. Bedeu­tet doch eigent­lich, dass man sich bekann­ter wird, weil man sich vom Fremd­sein ent­fernt! Nach dem Moment ihrer Ent-Deckung bricht sich aus bei­den dämo­nisch Böses sei­nen Weg in die Gegen­wart. Das Unge­teilte zer­fällt bei­nahe fei­xend, springt in die Zeit! Jetzt sind sie in der Pro­fa­ni­tät einer ganz nor­ma­len, die End­lich­keit in sich tra­gen­den Affäre ange­kom­men, in der das offene Rin­gen mit den eige­nen Schat­ten bestim­mend wird. Wie sich dies in der Geschichte aus­ge­stal­tet, ver­rate ich natür­lich nicht.

FAZIT: “Mer­maid” von Ernst Hal­ter ist ein Roman, der mehr­fach in die Hand genom­men wer­den will, so viele Ebe­nen und Ver­bin­dun­gen, Ver­weise auf die Not­wen­dig­keit der Läu­te­rung ent­hält er. Ein moder­nes, aktu­el­les, anspruchs­vol­les Buch – und für so man­che Leser wohl nicht ungefährlich…

Jeder ein­zelne Leser wird mit einer ande­ren Ant­wort als sein Nach­barle­ser aus der Geschichte her­aus­kom­men, wenn er die letzte Zeile von “Mer­maid” gele­sen hat. Habe einer Bekann­ten von mei­ner Lek­türe erzählt. Sie meinte, sie wolle das Buch lie­ber nicht lesen – ver­mut­lich würde es bei ihr Minen, die sie sehr tief ver­senkt hat, zün­den. So sehe ich es auch: Für einige Leser kann es ein gefähr­li­ches Buch sein, denn es könnte sie mit all dem, was sie im Leben aus­ge­las­sen haben und das sie ruhen las­sen möch­ten, kon­fron­tie­ren. Meer­jung­frauen sind nicht ungefährlich.

Über den Schwei­zer Schrift­stel­ler Ernst Hal­ter habe ich absicht­lich nichts geschrie­ben, aus­ser, dass er 2018 sei­nen 80. Geburts­tag fei­erte. Es heisst, er lebe sehr zurück­ge­zo­gen und sei ein „sträf­lich unter­schätz­ter Autor“. “Mer­maid” ist sein bis­lang letz­tes Buch, und mit ihm dürfte die Unter­schät­zung ein für alle Mal der Ver­gan­gen­heit ange­hö­ren. Thema und Umset­zung sind mehr als modern und aktu­ell, sehr anspruchs­voll. Ein Buch, das mehr­fach in die Hand genom­men wer­den will, so viele Ebe­nen und Ver­bin­dun­gen, Ver­weise auf die Not­wen­dig­keit der Läu­te­rung ent­hält es.
Ich wün­sche allen Lesern einen span­nen­den Gang durch die schö­nen Land­schaf­ten und die lehr­rei­chen Abgründe… Mögen Sie gewan­delt herauskommen! ♦

1) Deleuze, Gil­les & Guat­tari, Félix : Mille Pla­teaux, 1980
2) Deleuze, Gil­les & Guat­tari, Félix: Kafka. Für eine kleine Lite­ra­tur, Ber­lin 1976
3) S. 149
4) C. G. Jung, Psy­cho­lo­gie der Über­tra­gung, in: Hur­witz, Lilith – die erste Eva, S. 163
5) Gele­sen bei Sieg­mund Hur­witz, Lilith – die erste Eva, Dai­mon Ver­lag, 1980, 2011: In der ara­bi­schen Lite­ra­tur sind der Karin und die Karina als die Schat­ten­ge­fähr­ten bekannt, S. 161 ff.
6) Über Lilith und die viel­fäl­tige Lite­ra­tur über sie sei auf S. Hur­witz verwiesen

Ernst Hal­ter: Mer­maid, Roman, 346 Sei­ten, Klöp­fer & Meyer Ver­lag Tübin­gen, ISBN 978-3-86351-463-1

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Liebe auch über Mar­ga­ret Mil­lar: “Liebe Mut­ter…” (aus der Reihe “Ver­ges­sene Bücher”)

… sowie zum Thema Schwei­zer Romane über Mar­tina Cla­va­det­scher: Die Erfin­dung des Ungehorsams

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