Piper : Liebesbriefe berühmter Frauen (Anthologie)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Benjamin, Sie haben mein Leben verzehrt!“

von Karin Afshar

Mein Lie­ber,
es trifft sich gut, dass du weit fort bist. Nein, ver­steh mich nicht falsch! – Ich ver­misse dich und deine Gegen­wart, deine brum­mi­gen Macken, unser Geschimpfe über die Poli­tik, deine Für­sorg­lich­keit. Ich ver­misse uns.
Aber es trifft sich gut, dass du fort bist, denn nach lan­ger Zeit habe ich wie­der ein Buch in die Hand genom­men. Du hast dir immer gewünscht, ich möge mich in die Lese­ecke set­zen, jetzt sitze ich hier. Wenn ich dir den Titel sage, wirst du auf­stöh­nen. Er lau­tet „Lie­bes­briefe berühm­ter Frauen“. Es ist ein ech­tes Frauenbuch.
Es trifft sich gut, dass du fort bist, denn es hat mich nun dazu gebracht, dir nach lan­ger Zeit wie­der einen Brief zu schrei­ben. Weisst du noch, all die Briefe? Lie­gen sie noch unten im Schrank?
In die­sem Buch hier sind 50 Lie­bes­briefe abge­druckt, Namen bekommst du wei­ter unten. Zu den Brie­fen haben die Her­aus­ge­ber jeweils klare und mensch­li­che Texte geschrie­ben, damit die Lese­rin ermes­sen kann, wel­chen Stel­len­wert der Brief und der Adres­sierte im wei­te­ren Ver­lauf ihres Lebens hatte. Denn nicht alle Bezie­hun­gen, von denen hier geschrie­ben wird, blie­ben glück­lich. Man­che ende­ten sehr bald, andere been­dete der Tod.

Frauen und Männer lieben unterschiedlich

Liebesbriefe berühmter Frauen

Aus nicht weni­gen Brie­fen ist Ver­liebt­heit und fast schon Beses­sen­heit zu erle­sen, in ande­ren die Vor­ah­nung, dass die Liebe gefähr­det ist, in noch ande­ren ist aus Ver­liebt­heit die tiefe Gewiss­heit der Liebe gewor­den – und Marie Curie hat ihre Briefe an ihren töd­lich ver­un­glück­ten Mann geschrie­ben, um sei­nen Tod zu begrei­fen. Da kön­nen einem Schauer über den Rücken lau­fen.  – Lach nicht. Ich darf so schrei­ben, ich bin eine Frau.
Was mich auch gefes­selt hat, war die Ent­de­ckung, dass Frauen aus vor­her­ge­hen­den Jahr­hun­der­ten ihre Emp­fin­dun­gen und Sehn­süchte ebenso gut, viel­leicht sogar bes­ser zu äus­sern wuss­ten als manch eine der Eman­zen heute. Clara Wieck fin­det mit 19 Jah­ren sehr bestim­mende Worte; das hat mich beein­druckt. Chris­tiane Vul­pius, die an Goe­the schreibt, schreibt so, wie ihr der Schna­bel gewach­sen ist. Ganz neben­bei ent­de­cken die Briefe natür­lich auch den Angesprochenen!
Im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert leide ich mit Edith Piaf und Camille Clau­del. Du hast mich doch erst vor eini­gen Tagen auf den wohl berühm­tes­ten Roman­an­fang der Lite­ra­tur ver­wie­sen: „Alle glück­li­chen Fami­lien glei­chen ein­an­der, jede unglück­li­che Fami­lie ist auf ihre eigene Weise unglück­lich.“ – So kann man es wohl auch für die Liebe sagen.
Ich werde der Frage, ob Frauen und Män­ner unter­schied­lich lie­ben, noch ein­mal nach­ge­hen müs­sen, und dann wer­den wir dar­über strei­ten! Ich meine näm­lich unbe­dingt ja!

Liebevoll aufgearbeitetes Buch

Liebesbriefe berühmter Frauen: Clara Wieck, Edith Piaf, Marie Curie, Marilyne Monroe
Lie­bes­briefe berühm­ter Frauen: Clara Wieck, Edith Piaf, Marie Curie, Mari­lyne Monroe

Zu die­sem Buch gab es bereits einen Vor­gän­ger, die „Lie­bes­briefe gros­ser Män­ner“. Wie das aus­fiel, weiss ich natür­lich nicht, aber die­ses Buch hier haben Petra Mül­ler und Rai­ner Wie­land sehr lie­be­voll auf­ge­ar­bei­tet. Ich bekomme Lust, mich ein­mal mehr mit Simone de Beau­voir und Carson McCul­lers zu beschäf­ti­gen. Frida Kahlo, die du nicht so magst, ist dabei und Paula Moder­sohn-Becker, deren Bil­der dir wie­derum sehr gefal­len. Ich erzähle dir bei Gele­gen­heit von ihren Brie­fen. Von Mary­lin Mon­roe ist ein sehr kur­zer Brief nur abge­druckt, aber der zeigt mei­ner Ein­schät­zung nach sehr gut ihr Dilemma. Den Schluss macht die Lie­bes­ge­schichte des letz­ten Jahr­hun­derts, als ein König auf den Thron vezich­tete. Wal­lis Simpson schreibt an Edward, ob es nicht bes­ser sei, „sie mache sich aus dem Staub“. Du weisst, mir gefällt dergleichen.

Vermisst: Die Frauenbilder

Die
Die „Carry&Mr.Big-Gucker“ als Leser­ziel­gruppe? (Szene aus „Sex and the City“)

Man kann den Her­aus­ge­bern gra­tu­lie­ren, ein gelun­ge­nes Buch. Wenn bloss  – und jetzt wirst du wie­der sagen, ich hätte ja eh immer etwas zu meckern – der Ein­band nicht so kit­schig wäre. Da haben sie doch aus Sex-and-the-City (die Serie, die ich mir übri­gens nie ange­schaut habe – ehr­lich!) Carry und ihren Mr. Big abge­druckt und das auch noch mit pink­far­be­ner Rück­seite. Also, das ist ein biss­chen sehr dick auf­ge­tra­gen und ein Wink mit dem Zaun­pfahl an die Zielgruppe.
Dabei hätte es dem Buch gut gestan­den, wenn die Frauen, die im Innern zu Wort kom­men, auch gezeigt wer­den. Hilde Knef war eine schöne Frau, Ingrid Berg­mann, Sarah Ber­nard und Vir­gi­nia Woolf waren bekannt genug, um zum Hin­gu­cker zu werden.
Ich werde das Buch noch das eine oder andere Mal in die Hand neh­men, bis du wie­der­kommst. Und das ist hof­fent­lich bald, denn ich möchte kei­nen Tag ohne dich auf­wa­chen und ein­schla­fen. Schön, dass es dich gibt… ♦

P.Müller und R.Wieland (Hg.), Lie­bes­briefe berühm­ter Frauen, Piper Ver­lag, 216 Sei­ten, ISBN 978-3492257961

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