Lothar Becker: Der grüne Pullunder (Satire)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 10 Minu­ten

Der grüne Pullunder
oder
Wie mir meine Hemmungen einmal das Leben retteten

Lothar Becker

Bis zu dem Tag, an dem ich her­aus­ge­fun­den habe, dass ich Hem­mun­gen habe, dachte ich doch tat­säch­lich, ich hätte keine Hem­mun­gen. So eigen­ar­tig es sich auch anhört, ich habe mein äus­serst selt­sa­mes Ver­hal­ten über Jahre hin­weg für völ­lig nor­mal gehal­ten. Ich wun­derte mich nur, dass ich, wenn ich als Junge sonn­abends zum Bäcker geschickt wurde, es nie fer­tig brachte, der Ver­käu­fe­rin in die Augen zu sehen und die mir auf­ge­tra­gene Anzahl an Bröt­chen zu ver­lan­gen. Ich konnte mir nicht erklä­ren, wieso, aber es war eine Tor­tur. Ich betrat das Geschäft, und wusste, dass es mir unter gar kei­nen Umstän­den mög­lich sein würde, in Gegen­wart die­ser jun­gen Dame so etwas Gro­bes und Gefühl­lo­ses wie „Bröt­chen“ zu sagen. Ich schwitzte, tor­kelte durch den Laden und hatte den Ver­dacht, mein Kopf würde jeden Moment plat­zen. Sobald ich an der Reihe war, starrte ich wie ein Geis­tes­kran­ker an die Zim­mer­de­cke, und kaufte irgend­et­was ande­res, Schmalz­krin­gel oder Streu­sel­schne­cken, oder ich ging gleich in den Fahr­rad­la­den nebenan und holte eine Luftpumpe.
Dar­über sind meine Eltern tief besorgt gewe­sen und haben immer wie­der für mich extrem schmerz­hafte Äus­se­run­gen wie „Mit dem Jun­gen ist doch was!“ oder „Von mir hat er das aber nicht“ gemacht. Natür­lich habe auch ich geahnt, dass mit mir irgend etwas nicht stimmte, aber mir war nicht klar, dass es Hem­mun­gen waren. Ich dachte eher an Blöd­heit oder so etwas.
Aber dann schick­ten mich meine Eltern zu einem Psy­cho­lo­gen. Ver­mut­lich, weil ich ihnen unheim­lich wurde, oder weil sie es satt hat­ten, dass ich ihnen zum Früh­stück eine Luft­pumpe auf den Tel­ler legte.

Der Psy­cho­loge war ein sehr ein­fühl­sa­mer Mensch. Er sass auf einem Dreh­stuhl, hatte die Beine über­ein­an­der geschla­gen und zupfte an der Bügel­falte sei­nes lin­ken Hosen­bei­nes herum.
„Und?“, fragte er, „was fehlt dir denn?“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Na, aber“, der Psy­cho­loge setzte ruck­ar­tig beide Füsse auf den Fuss­bo­den, damit er seine Hände auf seine Ober­schen­kel stüt­zen und sei­nen Kopf weit vor­stre­cken konnte, „mir kannst du es doch sagen!“
Ich schüt­telte den Kopf.
„Nun komm schon! Wie soll ich dir denn hel­fen, wenn du nicht mit mir redest?“
Um meine Hilf­lo­sig­keit zu ver­deut­li­chen, zuckte ich noch ein­mal mit den Schul­tern und ver­drehte dabei die Augen. Der Psy­cho­loge kroch noch ein Stück näher an mich heran. So nah, dass er zu schie­len begann, wenn er mich ansah.
„Was ist eigent­lich dein Problem?“
„Ich weiss nicht. Dass ich so bin wie ich bin.“
Der Psy­cho­loge nickte verständnisvoll.
„Dass du so bist wie du bist. Soso, aber was stört dich denn an dir?“
Ich ver­suchte sei­nem Gesicht auszuweichen.
„Das kann ich Ihnen nicht sagen.“
Das Gesicht des Psy­cho­lo­gen folgte mir unerbittlich.
„Oh doch, das kannst du!“
„Nein!“
„Aber warum denn nicht?“
Ich hielt mir die Ohren zu, und schrie so laut ich konnte:
„Weil ich mir fast in die Hose mache, wenn ich daran denke, dass ich mit ihnen dar­über spre­chen soll!“
Dies­mal wich der Psy­cho­loge ein wenig zurück:
„Na, jetzt kom­men wir der Sache schon näher! Du möch­test dar­über spre­chen, aber du kannst es nicht, stimmt’s?“
Ich konnte nicht mehr an mich hal­ten, und schlug mit bei­den Fäus­ten auf die Tischplatte.
„Na, das sage ich doch die ganze Zeit!“
Der Psy­cho­loge lehnte sich zurück und beob­ach­tete mich wie eine Laborratte.
„Aber warum kannst du denn nicht dar­über spre­chen?“, fragte er, und liess seine Brille ein paar Zen­ti­me­ter auf sei­ner Nase her­un­ter rutschen.
„Es geht nicht“, sagte ich, und sah an ihm vor­bei aus dem Fens­ter. Draus­sen trai­nierte ein Vogel Kamikaze.
„Warum geht es nicht?“ Der Psy­cho­loge stand auf und stellte sich vor das Fens­ter, und ich musste den Kopf sehr schief hal­ten, um den Vogel noch sehen zu können.
„Wenn ich das wüsste! Wis­sen sie was? Ich habe das Gefühl, mir platzt der Kopf.“
Der Psy­cho­loge nahm einen Apfel aus einer Schale und liess ihn von einer Hand in die andere rollen.
„Weisst du, was ich denke?“, fragte er.
„Nein“, ant­wor­tete ich wahrheitsgemäss.
„Du hast Hem­mun­gen“, sagte er.
„Hem­mun­gen?“
„Ja“, sagte er.
Seit die­sem Tag war mir der Name mei­nes Lei­dens bekannt.
Dadurch, dass ich nun wusste, was es war, wurde es aber auch nicht besser.

Meine Hem­mun­gen erstreck­ten sich auf alle erdenk­li­chen Berei­che. In der Schule hin­der­ten mich meine Hem­mun­gen mas­siv am Wei­ter­kom­men. Weil ich Hem­mun­gen hatte, die rich­ti­gen Ergeb­nisse auf­zu­schrei­ben, gab ich bei Klas­sen­ar­bei­ten aus­schliess­lich leere Blät­ter ab. Ganz schlimm war der Musik­un­ter­richt. Natür­lich war ich viel zu gehemmt, um zu sin­gen. Ich war der fes­ten Ansicht, dass, sobald ich den Mund öff­nen würde, das Welt­ge­füge zusam­men­brä­che. Ich stand vor der Klasse, der Boden schwankte unter mei­nen Füs­sen, meine Hände tas­te­ten in der Luft nach einem Halt, mein Mund öff­nete und schloss sich völ­lig geräusch­los. Nach drei Minu­ten tau­melte ich zurück in mei­nen Stuhl.
„Was war denn das?“, fragte meine Musiklehrerin.
„Ein Lied“, sagte ich.
„Nein, eine sechs“, sagte meine Musiklehrerin.
„Inter­es­sant“, sagte ich.
Meine durch­wegs auf diese mich stark behin­dern­den Hem­mun­gen zurück­zu­füh­ren­den schlech­ten Leis­tun­gen san­ken auf ein der­ar­tig nie­de­res Niveau, dass mein Klas­sen­leh­rer, Herr Hart­leibl, behaup­tete, ich hätte sei­nen Vor­rat an schlech­ten Zen­su­ren auf­ge­braucht. Etwas Düm­me­res als mich müsste man mit der Lupe suchen. Weil ich zu gehemmt war, zu wider­spre­chen, gab ich ihm recht.
Ich erin­nere mich vol­ler Ekel an die furcht­ba­ren Zei­ten der Tanz­stunde. Viel zu gehemmt, um ein Mäd­chen anzu­spre­chen, tanzte ich aus­schliess­lich mit Jun­gen. Sogar zum Abschluss­ball. Immer, wenn Hei­ner und ich über das Par­kett rausch­ten, bil­dete sich ein Spa­lier und ohren­be­täu­ben­der Bei­fall bran­dete auf. Ich kann nicht behaup­ten, dass mein Ruf davon auf irgend­eine Weise pro­fi­tiert hätte. Man hat es wirk­lich nicht leicht auf die­ser Welt, wenn man Hem­mun­gen hat, wirk­lich nicht.

Ein­mal aber haben mir meine Hem­mun­gen sogar das Leben geret­tet. Man sollte es nicht glau­ben, doch es ist die Wahr­heit, ohne meine Hem­mun­gen stände ich jetzt viel­leicht nicht hier. Es fing ja völ­lig harm­los an. Mit einem Pul­lun­der. Mit einem neuen, extrem grob­ma­schig gestrick­ten, wider­lich häss­li­chen, grü­nen Pul­lun­der. Er lag auf mei­nem Bett und dane­ben stand meine Mutter.
„Ziehe ihn an!“, sagte meine Mutter.
Ich schüt­telte den Kopf.
„Nein“, sagte ich.
„Aber warum denn?“, fragte meine Mutter.
„Weil er häss­lich ist“, sagte ich.
„Über­haupt nicht!“, meine Mut­ter strich mit ihrem Hand­rü­cken über das grüne, Fus­se­lige Teil, „Pul­lun­der sind jetzt der letzte Schrei!“
Ich sah sie voll­kom­men ver­ständ­nis­los an.
„Was? Das ist doch nicht dein Ernst! Mit dem Ding mache ich mich total lächerlich!“
„Unfug!“, sagte meine Mut­ter, “ na los, pro­biere ihn wenigs­tens mal an!“
Ohne eine Ant­wort abzu­war­ten, stülpte sie mir mit nicht zu über­bie­ten­der Geschwin­dig­keit den Pul­lun­der über den Kopf. Dann schubste sie mich vor den Spiegel.
„Na, was sagst du nun?“
Ich musste mehr­mals schlu­cken, bevor ich ant­wor­ten konnte.
„Ich sehe aus wie ein Frosch!“
„Na, jetzt über­treibst du aber!“
Meine Mut­ter begann, hin­ter mir am Saum des Pul­lun­ders herum zu zupfen.
„Ich gehe so nicht raus“, sagte ich.
„Das wer­den wir ja sehen!“, sagte meine Mut­ter um eini­ges lau­ter als nötig. Ihr Ver­hal­ten blieb nicht ohne Fol­gen. Noch wäh­rend ich sie durch eine Viel­zahl fan­ta­sie­vol­ler Ges­ten zu einer Dämp­fung ihrer Stimme ani­mie­ren wollte, kam plötz­lich mein Vater her­ein. Sein Kopf war hoch­rot. Offen­sicht­lich schie­nen wir ihn bei einer sei­ner Lieb­lings­be­schäf­ti­gun­gen wie auf dem Sofa lie­gen oder aus dem Fens­ter sehen gestört zu haben.
„Was ist denn hier schon wie­der los?“
Meine Mut­ter eröff­nete ihm, dass ich den neuen Pul­lun­der nicht tra­gen wollte.
Mei­nem Vater war die Ver­ständ­nis­lo­sig­keit ins Gesicht geschrieben.
„Was? Den neuen Pul­lun­der! Das gibt´s doch gar nicht! Ich will dir mal was sagen, Junge. Wir arbei­ten Tag und Nacht, um dir jeden erdenk­li­chen Luxus zu bie­ten. Um dich zu ernäh­ren, um dich zu klei­den, um dir alles kau­fen zu kön­nen, was du brauchst. Damit du genau so chic wie die ande­ren aus­siehst, und du? Wie dankst du es uns?“
Er sagte tat­säch­lich „chic“! Du lie­ber Him­mel! Da hätte er ja gleich „dufte“ sagen können.
Mein Vater stützte seine Hände in die Hüf­ten und betrach­tete mich verständnislos.
„Was hast du denn an dem Pul­lun­der auszusetzen?“
„Er ent­stellt mich“, sagte ich.
„Ich fasse es nicht!“, brüllte mein Vater.
„Viel­leicht ist es wegen sei­ner Hem­mun­gen“, sagte meine Mutter.
„Das ist mir egal!“, die Stimme mei­nes Vaters über­schlug sich, „der Pul­lun­der wird nicht wie­der ausgezogen!“
„Aber Gün­ther!“, sagte meine Mut­ter. Mein Vater hiess Günther.
„Nichts da mit Gün­ther!“, mein Vater genoss es, end­lich wie­der ein­mal auto­ri­tär sein zu dür­fen, „wir neh­men schon genug Rück­sicht! Aber alles hat seine Gren­zen! Irgend­wann reisst auch mir der Gedulds­fa­den! So, und jetzt höre mir mal genau zu: Wenn ich dich in den nächs­ten Tagen ohne Pul­lun­der erwi­sche, setzt es eine Tracht Prü­gel! Damit das klar ist! Und nun ab, Bröt­chen holen!“
Ich warf mei­ner Mut­ter einen fle­hent­li­chen Blick zu. Als Ant­wort ver­drehte sie ihre Augen, was soviel bedeu­tete wie: Du weisst doch, wie dein Vater ist, wenn er sich aufregt.

Da nahm ich den Ein­kaufs­beu­tel und lief los. Kaum, dass ich das Haus ver­las­sen hatte, über­fie­len mich die stärks­ten Hem­mun­gen, meine durch den grü­nen Pul­lun­der der Lächer­lich­keit preis­ge­ge­bene Gestalt den Bli­cken ande­rer Men­schen aus­zu­set­zen. Am liebs­ten wäre ich die Treppe rück­wärts wie­der nach oben gegan­gen. Aber daran war natür­lich nicht zu den­ken. Ein­fach wei­ter in Rich­tung Bäcke­rei zu lau­fen, erschien mir aller­dings genau so unmög­lich. Was um alles in der Welt sollte ich bloss tun? Ich konnte weder vor noch zurück. Wäh­rend ich auf dem Bord­stein von einem Bein auf das andere trat, begriff ich, dass ich mich in eine durch und durch aus­weg­lose Situa­tion hin­ein manö­vriert hatte. Ich war zu einem Gefan­ge­nen mei­ner Hem­mun­gen gewor­den, zu einer Mario­nette mei­ner ver­korks­ten Emo­tio­nen. Mein Gemüt begann sich zu ver­dun­keln. ´Ich halte das nicht mehr aus`, dachte ich, ´kein Mensch hält es aus, ein Freak wie ich zu sein, ein Freak in einem grünenPullunder !`

Und dann pas­sierte es. Irgend­et­was in mei­nem Gehirn schal­tete sich um, ich ver­lor jedes Inter­esse an mei­ner Per­son und fasste den Ent­schluss, mei­nem Dasein mit einer Über­do­sis Schlaf­ta­blet­ten ein rasches Ende zu berei­ten. Natür­lich mit Schlaf­ta­blet­ten. Es mit Schlaf­ta­blet­ten zu tun hielt ich für die ein­zige mir zumut­bare Methode, mein Vor­ha­ben in die Tat umzu­set­zen. Men­schen mit Hem­mun­gen neh­men für so etwas Schlaf­ta­blet­ten, dachte ich, und rannte, ohne nach links und rechts zu sehen, zur nächs­ten Apo­theke, riss deren Tür auf und ging hin­ein. Das erste, was ich nach mei­nem Ein­tre­ten sah, war die Apo­the­ke­rin. Eine Apo­the­ke­rin mit den äus­ser­li­chen Attri­bu­ten eines Film­stars. Manch­mal schüt­telte sie ihren Kopf. Dann wehte ihr Haar in einer Art Zeit­lupe. Es war unglaub­lich. Natür­lich begriff ich sofort, dass ich in ihrer Gegen­wart kei­nes­falls so etwas Anzüg­li­ches, Zwei­deu­ti­ges, Miss­ver­ständ­li­ches wie „Schlaf­ta­blet­ten“ sagen konnte. Es ging nicht. Ich schwitzte, ver­mochte mich kaum auf den Bei­nen zu hal­ten, mein Kopf fühlte sich an wie ein auf­ge­bläh­ter Heiss­luft­bal­lon. Als ich an der Reihe war, starrte ich wie ein Geis­tes­kran­ker an die Decke und sagte:
„Schl…“
Wei­ter kam ich nicht.
„Schl..?“, fragte die Apothekerin.
Ich nickte.
„Was meinst du mit Schl…?“, fragte sie.
„Na eben Schl….“, sagte ich, stürmte zur Tür hin­aus und ging in den Fahr­rad­la­den nebenan, um eine Luft­pumpe zu kaufen.

Natür­lich hat sich diese Anschaf­fung für mein Vor­ha­ben in kei­ner Weise als nütz­lich erwie­sen. Des­we­gen bin ich ja auch noch am Leben. Spä­ter habe ich oft über die­sen denk­wür­di­gen Tag nach­ge­dacht und bin zu der bemer­kens­wer­ten Erkennt­nis gelangt, dass Hem­mun­gen ver­mut­lich die ein­zi­gen Gefühls­re­gun­gen sind, die den Ent­schluss, frei­wil­lig aus dem Leben zu gehen, zuerst ver­an­las­sen und dann doch wie­der ver­hin­dern. Ist das nicht seltsam?
Mitt­ler­weile besu­che ich eine Selbst­hil­fe­gruppe, die anony­men Gehemm­ten. Ich kann nicht behaup­ten, dass es mir dort über­mäs­sig gefal­len würde. Wir bekom­men Locke­rungs­übun­gen gezeigt, und ver­su­chen, mit Rol­len­spie­len schwie­rige Situa­tio­nen zu bewäl­ti­gen. Manch­mal wer­den wir auch zu extrem pein­li­chen Hand­lun­gen gezwun­gen. Wir müs­sen dann Strick­müt­zen tra­gen oder wild­fremde Per­so­nen nach dem Weg fra­gen, was häu­fig die Gren­zen des Erträg­li­chen sprengt.
Bedau­er­li­cher­weise haben sich trotz mei­ner regel­mäs­si­gen Teil­nahme bis zum heu­ti­gen Tag noch keine Anzei­chen einer raschen Gene­sung ein­ge­stellt. Das mag zu einem nicht zu unter­schät­zen­den Teil daran lie­gen, dass sämt­li­che der Gruppe zuge­hö­ri­gen Betrof­fe­nen grosse Hem­mun­gen haben, über ihre Hem­mun­gen zu spre­chen. Aber einige kleine Erfolge zei­gen sich all­mäh­lich doch. So habe ich zum Bei­spiel keine Hem­mun­gen mehr, Geld zu neh­men, und ein­mal abge­se­hen von die­sen sub­ti­len Licht­bli­cken, konnte ich etwas sehr Wich­ti­ges ler­nen, denn, wie Frau Klein­h­em­pel, unsere The­ra­peu­tin ganz rich­tig bemerkt hat, kann es ohne Hem­mun­gen keine funk­tio­nie­rende Gemein­schaft geben. Aus­ge­lebte Hem­mungs­lo­sig­keit würde unsere Gesell­schaft in kür­zes­ter Zeit zer­stö­ren. Nur durch Hem­mun­gen kann das Chaos, die blanke Anar­chie ver­hin­dert wer­den. Da kann man ein­mal sehen! Ich würde ihr zu gern ein­mal sagen, dass sie damit voll­kom­men recht hat. Aber dafür bin ich bedau­er­li­cher­weise noch viel zu gehemmt. ♦


Lothar Becker - Schriftsteller Publizist - Glarean MagazinLothar Becker

Geb 1959, Stu­dium der Sozi­al­päd­ago­gik,  schreibt haupt­säch­lich Bel­le­tris­tik, letzte Roman-Ver­öf­fent­li­chung „Bubble Gum 69“ im Ber­li­ner Eulen­spie­gel Ver­lag, Texte und Ver­to­nung für/von Musi­cals, lebt in Lim­bach-Ober­frohna/D

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3 Kommentare

  1. Ich freue mich, dass es dir ver­wehrt war, die Tablet­ten zu kau­fen. Sonst hät­test du ja diese herr­li­che Geschichte nicht schrei­ben kön­nen, die mich an meine eigene Hem­mung erin­nert. Mein Pul­lun­der war ein Blu­men­kohl oder bes­ser zwei. Aber das ist eine andere Geschichte.

    LG Flo­rence

    • Vie­len Dank für das Lob. Aber die Sache mit dem Blu­men­kohl inter­es­siert mich nun doch. Darf ich erfah­ren, was da pas­siert ist?

      • Hallo an den Mann mit dem grü­nen Pul­lun­der, lie­ber Lothar.
        Da brauchst du zwei, drei Minu­ten Zeit, um das Elend zu erfassen.
        Was bei dir die­ser Pul­lun­der war, war bei mir ein Blu­men­kohl – oder bes­ser meh­rere Blu­men­kohls oder Köhle oder was auch immer. Die Mehr­zahl kannte ich damals – mit 5 Jah­ren – noch nicht. Es war in der Nach­bar­schaft üblich, die greif­ba­ren Kln­der hin­aus ins feind­li­che Leben zum Ein­kau­fen zu schi­cken; zum Krä­mer, zum Gemü­se­händ­ler, zum Bäcker. Ja, sowas gab es damals – kurz vor dei­nen Geburts­jahr – noch. Ich erhielt also den Auf­trag von mei­ner Oma, 2 Stück die­ser schwie­ri­gen Sorte Gemüse zu kau­fen. Ich liebte diese Auf­träge, konnte ich doch schon ohne Zet­tel ein­kau­fen gehen. Nicht, dass ich ihn nicht hätte lesen kön­nen, das konnte ich bereits mit gut 4 Jah­ren, aber alle Erwach­se­nen waren ein­hel­lig der Mei­nung, ich sei ein beson­ders schlaues, pfif­fi­ges Ding und so schwebte, hüpfte ich eigent­lich immer zu die­sen neuen Bewei­sen mei­ner Schlau­heit. Ich muss eine echte Kotz­pille gewe­sen sein. Ver­wöhnt, maß­los über­schätzt, was ich schließ­lich erfah­ren musste. Im Laden ange­kom­men über­fiel mich dann plötz­lich die Pul­lun­der-Läh­mung: Ich begann zu stot­tern und mir fiel nur ein, ein­fach einen Blu­men­kohl zu kau­fen. Viele Nach­ba­rin­nen stan­den herum und tratsch­ten, vor allem Nach­bar-Omas mit weni­ger pfif­fi­gen Enke­lin­nen. Wel­che Bla­mage – obwohl ich das Wort damals noch nicht kannte.
        Ich presste „1 Blu­men­kohl bitte“ her­aus, schnappte ihn und rannte raus, nach­dem ich noch an die 30 Pfen­nig erin­nert wer­den musste. Alle starr­ten sie mir hin­ter­her – dachte ich zumindest.
        Ich war­tete min­des­tens 10 Minu­ten. (Eine Uhr hatte ich nicht, konnte sie aber natür­lich schon lesen), weil ich doch noch einen zwei­ten Blu­men­kohl kau­fen wollte. Aber die Kun­din­nen stan­den und quatsch­ten, so dass ich lang­sam nach Hause schlich.
        „Was, hast du ver­ges­sen???“ – meine Oma. „Das gibt es doch nicht!“ – Mama.
        „Lass das Kind in Ruhe“ brummte mein Stief­va­ter. „Dann geht sie eben noch mal, ist doch nicht schlimm. Jeder ver­gisst mal was!“
        „Aber doch nicht F…., das hat sie doch schon vor zwei Jah­ren gestemmt“.
        Sie waren fas­sungs­los. Ich biss die Zähne zusam­men und ging noch mal los, einen zwei­ten Kopf zu kau­fen. Gott­lob war der Laden leer.
        Ich hätte auch zur Kon­kur­renz, 5 Minu­ten wei­ter, gehen kön­nen, aber dann hätte ich über eine der vie­len Eisen­bahn­brü­cken gehen müs­sen. Weißt du, über eine die­ser Brü­cken aus Holz mit brei­ten Lücken zwi­schen den Boh­len, so dass man die Schie­nen sehen konnte. Ich wusste genau, dass ich irgend­wann durch eine die­ser Lücken rut­schen würde, also ließ ich das blei­ben und biss in den sau­ren Apfel oder in den wei­ßen Blumenkohl.
        Als ich nach Hause kam, wurde ich ver­stoh­len beäugt. „Sie sieht rich­tig elend aus…“ – meine Oma. „Wie ein­ge­schrumpft…“ meine Mut­ter. “Quatsch“, – mein Stiefvater.
        Krank, ja, ich war krank, dachte ich. Viel­leicht war mein Gehirn geschrumpft. Das beste wäre, ich würde ster­ben. Dann wür­den mich alle bedau­ern und gut über mich reden. Aber wie? Schlaf­ta­blet­ten kannte ich noch nicht, brauchte bei uns auch kei­ner; alle schlie­fen eher zu viel. Ich lege mich ein­fach ins Bett, dachte ich, und werde immer klei­ner, bis ich weg bin. Und das tat ich auch.
        „Hirn­haut­ent­zün­dung“ beschloss meine Mut­ter. „Sie hat bestimmt Hirn­haut­ent­zün­dung, da setzt es zuerst da oben aus“, meinte sie und zeigte auf ihren Kopf.
        Dann folgte das übli­che Ritual. Fie­ber­mes­sen, kalte Kom­pres­sen, bis mir die Zähne klap­per­ten und als ich kleine Bröck­chen her­aus­ge­würgt hatte, wurde der Arzt geru­fen. Die Bröck­chen waren ein cle­ve­rer Ein­fall. Brot­kru­men mit Spu­cke zusam­men gepresst und deko­ra­tiv aufs Kopf­kis­sen gelegt, demons­trier­ten meine Krank­heit. Der Arzt, Dr. B. wohnte gleich nebenan im Haus und kannte uns wie seine zer­knautschte, brü­chige braune Tasche.
        „Nanu“, pol­terte er und hockte sich auf die Couch­kante. Ich durfte im Wohn­zim­mer auf dem Sofa resi­die­ren und ver­suchte, blass und schmäch­tig auszusehen.
        „Nanu, dann kannst du ja am Sonn­abend gar nicht zu Sabi­nes Geburts­tag kom­men, du kran­kes Hühn­chen. Hast du Fie­ber?“ Er legte mir seine Rie­sen­hand auf die Stirn, hin­ter der sich zwar kein rich­ti­ges Gehirn mehr befand, aber immer­hin auch kein Fieber.
        Da fiel mir ein, meine Freun­din Sabine, Dr. B.s jüngste Toch­ter wurde in zwei Tagen 6. Ich liebte sie heiß und innig. Sie liebte mich näm­lich auch und sie war gar nicht dar­auf aus, schlauer zu sein als ich. Eine tolle Freun­din also.
        Ich schaffte es sogar, mich wie­der auf­zu­rich­ten und hatte das Gefühl, den Blu­men­kohl wenigs­tens für kurze Zeit ver­ges­sen zu können.
        So kam es auch, aber ganz habe ich die­ses über­schätzte Gemüse nie aus mei­nem Hirn bekom­men. Du wür­dest das nicht gerade als Hem­mung bezeich­nen, aber ich war seit­dem viel weni­ger ent­hemmt. Viel­leicht ganz gut so, aber noch heute bekomme ich manch­mal Hit­ze­schübe, wenn ich an bla­ma­ble Momente in mei­nem Leben denke. Und immer steht der Blu­men­kohl an ers­ter Stelle der Ver­ur­sa­cher; schließ­lich war er der erste rich­tige Stol­per­stein auf mei­nem Weg.

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