Martin Kirchhoff: Drei Gedichte

Klaipeda. Rundgang

Klaipeda. Rundgang

Stim­men­voll, die Klänge,
sa­gen, wer­den getragen
ins Ge­hör, die Fragen

Wor­te, Spra­che, die Klänge
hier, fremd mir,
Spra­che, kräf­ti­ger Stier

Tau­che ein, die Klänge
schwe­ben, Träu­me erleben,
Wor­te, tie­fe Orte

Stim­men­voll, die Kultur
hö­ren, Spra­che kann betören,
Klän­ge, gleich Chören

Tau­che ein, Spra­che fremd,
bes­ter Wein, den nie­mand kennt;
schö­ner Klang, hei­misch hier
Ge­sän­ge, fremd und in mir

Bahnhof der Lufttrinker

Halb er­blin­det un­ter der Brücke
Bahn­are­al, Schie­nen, Gräser
S-Bah­nen hum­peln ei­sern dahin
Bett­ler, Mensch, Arbeitsloser

rat­tert der Zug, rat­tert die Zeit, rat­tert die Luft
es stei­gen Men­schen in die Ver­gan­gen­heit der Leere
es geht was kommt, alle wis­sen was kei­ner weiss
rat­tert das Le­ben, rat­tert der Traum, rat­tert das Sein

Halb se­hend un­ter der Brücke
Rui­nen, Flä­chen, Schotter
Ge­stal­ten stol­pern glau­bend umher
Lie­der, Mor­gen­rot, Hoffnung

ver­geht was ist, ver­geht was glaubt, ver­geht was ver­gan­gen ist
es kom­men die To­ten in die Zu­kunft der Gegenwart
es kommt was geht, alle wis­sen was kei­ner sagt
ver­geht der Tod, ver­geht das Nichts, ver­geht der Schein

Schrä­ge Vö­gel im Bahn­hof der Lufttrinker

Ankunft

Wel­len, die Boten,
sie be­cir­cen mei­ne Seele,
die Mö­wen rufen
sie zau­bern mir Flügel

Ein grü­nes Boot legt an
Wind, der Flüsterer,
er nimmt mei­ne Seele,
die Ge­dan­ken schweben
sie zau­bern mir Farben

Ein grü­nes Boot legt ab
See­le, der Sucher,
nimmt an die Wellen,
die Ge­dan­ken zaubern
sie ru­fen die Möwen

Eine See­le kommt an
See­le wird Welle
Wel­le wird Bote
Bote wird Möwe
Sie ru­fen mich

An­ge­kom­men im Meer


Martin Kirchhoff - Schriftsteller - Glarean MagazinMar­tin Kirchhoff

Geb. 1954 in Leonberg/D, zahl­rei­che Ly­rik- und Pro­sa-Pu­bli­ka­tio­nen in Bü­chern, Zeit­schrif­ten und An­tho­lo­gien, ver­schie­de­ne Li­te­ra­tur­prei­se, lebt als Zei­tungs­kor­rek­tor in Leonberg

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