Bernhard Strobel: Nichts, nichts (Erzählungen)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 3 Minu­ten

Die karge Welt der Verlierer

von Günter Nawe

Schnör­kel­los, bei­nahe mini­ma­lis­tisch lesen sich die Geschich­ten des Bern­hard Stro­bel. Und sind gerade des­halb sehr inten­siv und nach­hal­tig. Der junge Skan­di­na­vist aus Wien, Jahr­gang 1982, hat bereits mit sei­nem ers­ten Erzähl­band „Sack­gasse“ auf sich auf­merk­sam gemacht – und bestä­tigt das posi­tive Urteil der Kri­tik mit dem jetzt vor­lie­gen­den Band „Nichts, nichts“.

Die Kunst des Weglassens

Nichts, nichts - Bernhard Strobel - Erzählungen - Droschl VerlagStro­bel beherrscht die Kunst des Weg­las­sens, sodass am Ende nur noch das Wesent­li­che bleibt. Schliess­lich geht es in sei­nen durch­weg kur­zen Erzäh­lun­gen um Men­schen, denen ohne­hin nicht mehr viel geblie­ben ist als Obdach­lo­sig­keit, Sprach­lo­sig­keit und Lebens­tris­tesse. Seine Figu­ren sind Aus­sen­sei­ter, die sich am Rande der Gesell­schaft „ein­ge­rich­tet“ haben und auch dar­aus noch ver­trie­ben wer­den – ins Nichts.
So in der Titel­er­zäh­lung „Nichts, nichts“. Es ist eine Moment­auf­nahme zweier Men­schen, die sich nichts zu sagen haben, die Fra­gen haben und keine Ant­wor­ten. Ein klei­ner „Dia­log“ zwi­schen Mar­kus und Lara mag das belegen:
„’Was war denn mit dir los?’ fragt sie. ‚Weiss nicht’, sagt er. Nach einer län­ge­ren Pause sagt sie: ‚Willst du dar­über reden?’  ‚Es kommt ja sowieso nichts dabei raus.’“…
So geht es wei­ter bis zur ulti­ma­ti­ven Aus­sage „Nichts, nichts“. Der Leser weiss nicht, wor­über sie über­haupt hät­ten reden sol­len. Es ist alles gesagt, da es nichts zu sagen gibt.

Lakonisch die karge Welt der Verlierer geschildert

Bernhard Strobel - Glarean Magazin
Bern­hard Strobel

Bern­hard Stro­bels Figu­ren befin­den sich – und das ist sar­kas­tisch gemeint – durch­weg „in guter Gesell­schaft“ – dies auch der Titel einer wei­te­ren Erzäh­lung. Es ist Weih­nach­ten, als der Ich-Erzäh­ler kon­sta­tiert: „Ich will nicht behaup­ten, dass ich es satt habe, zu leben; aber die Vor­stel­lung, sozu­sa­gen meine letzte grosse Fei­er­lich­keit zu bege­hen, erfüllte mich in den ver­gan­ge­nene Tagen  immer häu­fi­ger mit einem Gefühl gros­ser Wärme und Zufrie­den­heit.“ Ein­und­acht­zig ist er, drei Schei­dung hat er hin­ter sich, einen Woh­nungs­brand ver­ur­sacht und zwei Töch­ter, bei denen er wech­sel­weise Weh­nach­ten ver­bracht hat. Dann aber bekommt die Geschichte einen ganz ande­ren Drive.
So also gibt es Erzäh­lun­gen mit einem guten Ende und Geschich­ten mit einem bösen Ende. Und alle blei­ben irgend­wie unvoll­endet, sodass der Leser sie wei­ter­den­ken kann oder muss.

Aussergewöhnliche sprachliche Kunstfertigkeit

Der österreichische Autor Bernhard Strobel hat in seinem neuen Prosaband
Der öster­rei­chi­sche Autor Bern­hard Stro­bel hat in sei­nem neuen Pro­sa­band „Nichts, nichts“ Erzäh­lun­gen vor­ge­legt, die von aus­ser­or­dent­li­cher Kunst­fer­tig­keit sind, wie wir sie heute in der Lite­ra­tur nur noch ganz sel­ten finden.

Stro­bel schil­dert lako­nisch die karge Welt der Ver­lie­rer. Manch­mal wütend und dann wie­der vol­ler grim­mi­ger Komik. „Du machst es einem nicht gerade leicht“, ist einer der Sätze, die Stro­bel nicht nur zu einer Figur sagt. Auch der Leser könnte die­sen Satz sagen. Nein, leicht macht es Stro­bel, machen es seine Prot­ago­nis­ten dem Leser nicht. Das ist aber auch letzt­lich nicht Auf­gabe von Literatur.
Die­ser Erzähl­band nimmt den Leser mit  in eine Welt der Ver­zwei­fel­ten, der Ver­wei­ge­rer, in eine Welt derer, die in ihr kei­nen Sinn mehr sehen. Und meist „geschieht“ dann bei der Lek­türe auch mit dem Leser etwas. Etwas, was ihn berührt, was ihn lehrt zu ver­ste­hen. Stro­bels Erzäh­lun­gen sind zudem von einer Kunst­fer­tig­keit, wie wir sie heute kaum noch zu lesen bekom­men – und des­halb aussergewöhnlich.
Bern­hard Stro­bel ist also ein gross­ar­ti­ger Erzäh­ler, der sich Zeit lässt mit dem, was er zu sagen, zu erzäh­len hat. Umso wert­vol­ler ist das Ergeb­nis. Und umso höher sind die Erwar­tun­gen an das nächste Buch. Es soll ein Roman werden… ♦

Bern­hard Stro­bel: Nichts, nichts – Erzäh­lun­gen, 116 Sei­ten, Lite­ra­tur­ver­lag Dro­schl, ISBN 978-3-85420-766-5

Lesen Sie im Glarean Maga­zin auch über die Erzäh­lun­gen von Vik­to­rija Tokar­jewa: Liebesterror

Kommentare sind willkommen! (Keine E-Mail-Pflicht)