Beatrix Maria Kramlovsky: Der Fisch (Bild-Meditation)

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Der Fisch

Medi­ta­tion über ein Bild von Geor­ges Braque

Bea­trix Maria Kramlovsky

George Braque - Der Fisch - Gemälde - Glarean Magazin
George Braque: Schwar­zer Fisch, Öl – 1942

Schim­mernde Samen­netze wabern im Meer. Der Fisch und seine Gefähr­tin tan­zen laut­los im Rausch der Zeugung.
Die Frau schwebt im Was­ser, ver­sucht, in der Strö­mung ihren Platz zu behal­ten, nichts auf­zu­wir­beln, sachte, als sei sie wie­der das Kind an der Hand des Gross­va­ters im Wald, schlei­chend auf der Pirsch in ande­ren Far­ben. Sie ver­hält sich wie ein erreg­ter Jagdhund.
Das Wesen mit der schim­mern­den Haut vor ihr steht im grü­nen Licht, Krin­gel und Spi­ra­len tan­zen in zärt­li­chem Sma­ragd, schlies­sen Hel­lig­keit ein, Gelb sickert herab, flüs­si­ges Glas, das sich auf die dunkle Haut legt. Der Fisch ver­harrt völ­lig bewe­gungs­los, sieht sie immer noch an, abwar­tend, sehr distan­ziert, mit die­sen star­ren Pupil­len, die­sem Schwarz, als presse er sich an ein Oku­lar und ver­ste­cke sein wah­res Auge dahin­ter. Er ist schön. Seine Bewe­gun­gen sind spar­sam, voll ver­hal­te­ner Ener­gie, sein Kör­per glänzt fest und glatt, im Schwarz könig­li­chen Leichengepränges.
Sie öff­net ihre Fin­ger zu Fächern, lang­sam, behut­sam, das Was­ser rinnt dazwi­schen durch, strei­chelt an der zar­ten Haut ihrer Hand­tel­ler ent­lang. Sie spürt die Wärme, die von oben her­un­ter­dringt, die Far­ben und Lebe­we­sen rund um sich, ohne sie bewusst wahr­zu­neh­men, sie spürt, dass sie da sind. Doch alles ist nur offen für das Fisch­auge gegen­über, und so ver­har­ren sie in gegen­sei­ti­ger Betrachtung.

Im weis­sen Sand­bett ruhen die schwar­zen Fels­blö­cke, rosa­far­ben leckt das Meer an den von grün­brau­nen Algen über­zo­ge­nen Wän­den. Es ist ein Stein im Schwarz dump­fer Kata­kom­ben. In Spal­ten lau­ern kobalt­blaue Stri­che, schies­sen ein in das Schwarz, bewe­gen sich hin zu vio­lett, aus Ris­sen rie­selt stump­fes Anthra­zit. Nackt liegt das Schwarz der pral­len Sonne aus­ge­setzt, die Leben­dig­keit der Schat­ten am Fuss der Fel­sen weicht star­rer Leb­lo­sig­keit. Es ist, als zöge sich der Glanz zurück ins uralte, feuchte Innere, hin­ter­liesse ein Schwarz, sei­ner Seele beraubt, das unterm dem tro­pi­schen Licht zer­brö­ckelt zu rus­si­gem, apa­thi­schem Dun­kel. Die Fel­sen war­ten. Wie urzeit­li­che Pan­zer­tiere haben sie sich in sich zurück­ge­zo­gen und brü­ten über den Farben.

Der Mann nimmt den Apfel und legt ihn auf die nas­sen Fin­ger der Frau. Salz ver­krus­tet sich im Wind an den win­zi­gen, auf­ge­rich­te­ten Häär­chen. Der Apfel ist rot, prall und glatt. Die Frau hält Leben in der Hand.
Licht tanzt über dem Meer, die brau­nen Erd­töne stei­gen auf, bie­ten sich der Sonne dar, Ocker schwelt über Umbra, Kar­min, leuch­tet im Schat­ten der grü­nen Pflan­zen­dä­cher, Siena ver­mischt sich mit zar­tem Rosa und schmilzt ins pud­rige Beige des Stran­des. Die See ist wie ein Schild, blei­weiss in der ver­ge­hen­den Hitze ver­birgt sie den laut­lo­sen Kampf, die laut­lose Schön­heit, die laut­lose Jagd, das laut­lose Wer­ben, die laut­lose Ver­nich­tung, die laut­lose Geburt.
Unter den Blät­tern ver­harrt seuf­zend die auf­stei­gende Brise, Schleier zie­hen von den Hän­gen herab. Schräge Bron­ze­töne ver­damp­fen auf der Haut der Frau. Der Mann beugt sich über die Schat­ten, beisst in den Apfel, das Fleisch kracht saf­tig zwi­schen sei­nen Zäh­nen, der Zau­ber bricht.
Der Fisch und seine Gefähr­tin umtan­zen die befruch­te­ten Schnüre, beob­ach­ten das kei­mende Leben.
Auf dem sich kräu­seln­den Was­ser lie­gen Boote mit auf­ge­roll­ten Netzen.

Kra­ni­che stak­sen nebe­lig weiss auf dür­ren Bei­nen zwi­schen glän­zen­den, kunst­voll geschich­te­ten Melo­nen, den rei­fen Toma­ten, deren sanf­tes Rot in den Kör­ben schim­mert. Die Vögel hocken auf den durch­hän­gen­den Pla­nen, wet­zen die halb­of­fe­nen Schnä­bel, recken die Hälse und schies­sen hin­un­ter auf den nas­sen Tisch mit­ten zwi­schen die brau­nen Hände mit den pas­tell­far­be­nen Geld­schei­nen, die sich den Fisch­bün­deln ent­ge­gen­stre­cken. Sie zie­len auf Fisch­reste, Schwänze und Inne­reien, schnap­pen auf, schlu­cken ruck­ar­tig mit den sich krüm­men­den Häl­sen. Die Fin­ger wei­chen nicht zurück, die Kra­ni­che heben ab.
Ein Fisch­auge liegt auf dem nas­sen Holz, Schup­pen kle­ben wie Kat­zen­sil­ber auf dem Tisch, abwasch­bare Intar­sien des Tiertodes.

Hoch über dem Was­ser steht das weisse Haus mit der schma­len Brüs­tung, auf der Veranda tan­zen Men­schen. Die grü­nen Spros­sen der glas­lo­sen Fens­ter leuch­ten im Ker­zen­schein. Die Frau und der Mann schauen über die ver­streu­ten Lich­ter unter ihnen hin­aus auf das silb­rige Grau des Mee­res, die blau­schwar­zen Kup­pen der vor­ge­la­ger­ten Inseln.

Im war­men Bam­bus­ton hin­ter den grü­nen Spros­sen legt eine nuss­far­bene Frau mit lang­ge­zo­ge­nen Fin­gern und weis­sen Halb­mon­den auf Perl­mutt­nä­geln ein Stil­le­ben des Todes. Sie hält die Papaya, sie spürt die wäch­serne Haut der grob­po­ri­gen Orange, sie fährt über das ange­lau­fene matte Grau der Platte, prüft das Gewebe des Tuches, zieht daran. Auf dem Tel­ler lie­gen der Fisch und seine Gefähr­tin, appe­tit­lich und prall. Die gebro­che­nen Augen ver­wan­deln sich zu Löchern ins boden­lose Schwarz.
Betrach­tung hält die Zeit an. Stille. Die Frau lächelt den Mann an, ihre Lip­pen berüh­ren sich. In der Unbe­weg­lich­keit des Augen­blicks ver­löscht der Tod im Leben.
„Es ist ange­rich­tet“, sagt die nuss­braune Frau, und das Paar wen­det sich ihr zu. ♦


Beatrix Maria Kramlovsky Bea­trix Maria Kramlovsky

Geb. 1954 in Steyr/A, Stu­dium der Anglis­tik und Roma­nis­tik, Prosa-Buch­ver­öf­fent­li­chun­gen, ver­schie­dene inter­na­tio­nale Kunst­aus­stel­lun­gen, diverse Lite­ra­tur-Aus­zeich­nun­gen, lebt in Bisamberg/A

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