Beatrix Maria Kramlovsky: Der Fisch (Bild-Meditation)

Der Fisch

Meditation über ein Bild von Georges Braque

Bea­trix Ma­ria Kram­lovsky

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Georges Braque_Schwarzer FischSchim­mernde Sa­men­netze wa­bern im Meer. Der Fisch und seine Ge­fähr­tin tan­zen laut­los im Rausch der Zeu­gung.
Die Frau schwebt im Was­ser, ver­sucht, in der Strö­mung ih­ren Platz zu be­hal­ten, nichts auf­zu­wir­beln, sachte, als sei sie wie­der das Kind an der Hand des Groß­va­ters im Wald, schlei­chend auf der Pirsch in an­de­ren Far­ben. Sie ver­hält sich wie ein er­reg­ter Jagd­hund.
Das We­sen mit der schim­mern­den Haut vor ihr steht im grü­nen Licht, Krin­gel und Spi­ra­len tan­zen in zärt­li­chem Sma­ragd, schlie­ßen Hel­lig­keit ein, Gelb si­ckert herab, flüs­si­ges Glas, das sich auf die dunkle Haut legt. Der Fisch ver­harrt völ­lig be­we­gungs­los, sieht sie im­mer noch an, ab­war­tend, sehr di­stan­ziert, mit die­sen star­ren Pu­pil­len, die­sem Schwarz, als presse er sich an ein Oku­lar und ver­ste­cke sein wah­res Auge da­hin­ter. Er ist schön. Seine Be­we­gun­gen sind spar­sam, voll ver­hal­te­ner En­er­gie, sein Kör­per glänzt fest und glatt, im Schwarz kö­nig­li­chen Lei­chen­ge­prän­ges.
Sie öff­net ihre Fin­ger zu Fä­chern, lang­sam, be­hut­sam, das Was­ser rinnt da­zwi­schen durch, strei­chelt an der zar­ten Haut ih­rer Hand­tel­ler ent­lang. Sie spürt die Wärme, die von oben her­un­ter­dringt, die Far­ben und Le­be­we­sen rund um sich, ohne sie be­wußt wahr­zu­neh­men, sie spürt, dass sie da sind. Doch al­les ist nur of­fen für das Fisch­auge ge­gen­über, und so ver­har­ren sie in ge­gen­sei­ti­ger Be­trach­tung.

Im wei­ßen Sand­bett ru­hen die schwar­zen Fels­blö­cke, ro­sa­far­ben leckt das Meer an den von grün­brau­nen Al­gen über­zo­ge­nen Wän­den. Es ist ein Stein im Schwarz dump­fer Ka­ta­kom­ben. In Spal­ten lau­ern ko­balt­blaue Stri­che, schie­ßen ein in das Schwarz, be­we­gen sich hin zu vio­lett, aus Ris­sen rie­selt stump­fes An­thra­zit. Nackt liegt das Schwarz der pral­len Sonne aus­ge­setzt, die Le­ben­dig­keit der Schat­ten am Fuß der Fel­sen weicht star­rer Leb­lo­sig­keit. Es ist, als zöge sich der Glanz zu­rück ins ur­alte, feuchte In­nere, hin­ter­ließe ein Schwarz, sei­ner Seele be­raubt, das un­term dem tro­pi­schen Licht zer­brö­ckelt zu ru­ßi­gem, apa­thi­schem Dun­kel. Die Fel­sen war­ten. Wie ur­zeit­li­che Pan­zer­tiere ha­ben sie sich in sich zu­rück­ge­zo­gen und brü­ten über den Far­ben.

Der Mann nimmt den Ap­fel und legt ihn auf die nas­sen Fin­ger der Frau. Salz ver­krus­tet sich im Wind an den win­zi­gen, auf­ge­rich­te­ten Häär­chen. Der Ap­fel ist rot, prall und glatt. Die Frau hält Le­ben in der Hand.
Licht tanzt über dem Meer, die brau­nen Erd­töne stei­gen auf, bie­ten sich der Sonne dar, Ocker schwelt über Um­bra, Kar­min, leuch­tet im Schat­ten der grü­nen Pflan­zen­dä­cher, Siena ver­mischt sich mit zar­tem Rosa und schmilzt ins pud­rige Beige des Stran­des. Die See ist wie ein Schild, blei­weiß in der ver­ge­hen­den Hitze ver­birgt sie den laut­lo­sen Kampf, die laut­lose Schön­heit, die laut­lose Jagd, das laut­lose Wer­ben, die laut­lose Ver­nich­tung, die laut­lose Ge­burt.
Un­ter den Blät­tern ver­harrt seuf­zend die auf­stei­gende Brise, Schleier zie­hen von den Hän­gen herab. Schräge Bron­ze­töne ver­damp­fen auf der Haut der Frau. Der Mann beugt sich über die Schat­ten, beißt in den Ap­fel, das Fleisch kracht saf­tig zwi­schen sei­nen Zäh­nen, der Zau­ber bricht.
Der Fisch und seine Ge­fähr­tin um­tan­zen die be­fruch­te­ten Schnüre, be­ob­ach­ten das kei­mende Le­ben.
Auf dem sich kräu­seln­den Was­ser lie­gen Boote mit auf­ge­roll­ten Net­zen.

Kra­ni­che stak­sen ne­be­lig weiß auf dür­ren Bei­nen zwi­schen glän­zen­den, kunst­voll ge­schich­te­ten Me­lo­nen, den rei­fen To­ma­ten, de­ren sanf­tes Rot in den Kör­ben schim­mert. Die Vö­gel ho­cken auf den durch­hän­gen­den Pla­nen, wet­zen die halb­of­fe­nen Schnä­bel, re­cken die Hälse und schie­ßen hin­un­ter auf den nas­sen Tisch mit­ten zwi­schen die brau­nen Hände mit den pas­tell­far­be­nen Geld­schei­nen, die sich den Fisch­bün­deln ent­ge­gen­stre­cken. Sie zie­len auf Fisch­reste, Schwänze und In­ne­reien, schnap­pen auf, schlu­cken ruck­ar­tig mit den sich krüm­men­den Häl­sen. Die Fin­ger wei­chen nicht zu­rück, die Kra­ni­che he­ben ab.
Ein Fisch­auge liegt auf dem nas­sen Holz, Schup­pen kle­ben wie Kat­zen­sil­ber auf dem Tisch, ab­wasch­bare In­tar­sien des Tier­to­des.

Hoch über dem Was­ser steht das weiße Haus mit der schma­len Brüs­tung, auf der Ve­randa tan­zen Men­schen. Die grü­nen Spros­sen der glas­lo­sen Fens­ter leuch­ten im Ker­zen­schein. Die Frau und der Mann schauen über die ver­streu­ten Lich­ter un­ter ih­nen hin­aus auf das silb­rige Grau des Mee­res, die blau­schwar­zen Kup­pen der vor­ge­la­ger­ten In­seln.

Im war­men Bam­bus­ton hin­ter den grü­nen Spros­sen legt eine nuß­far­bene Frau mit lang­ge­zo­ge­nen Fin­gern und wei­ßen Halb­mon­den auf Perl­mutt­nä­geln ein Stil­le­ben des To­des. Sie hält die Pa­paya, sie spürt die wäch­serne Haut der grob­po­ri­gen Orange, sie fährt über das an­ge­lau­fene matte Grau der Platte, prüft das Ge­webe des Tu­ches, zieht daran. Auf dem Tel­ler lie­gen der Fisch und seine Ge­fähr­tin, ap­pe­tit­lich und prall. Die ge­bro­che­nen Au­gen ver­wan­deln sich zu Lö­chern ins bo­den­lose Schwarz.
Be­trach­tung hält die Zeit an. Stille. Die Frau lä­chelt den Mann an, ihre Lip­pen be­rüh­ren sich. In der Un­be­weg­lich­keit des Au­gen­blicks ver­löscht der Tod im Le­ben.
»Es ist an­ge­rich­tet«, sagt die nuß­braune Frau, und das Paar wen­det sich ihr zu. ■


Beatrix Maria Kramlovsky Bea­trix Ma­ria Kram­lovsky

Geb. 1954 in Steyr/A, Stu­dium der An­glis­tik und Ro­ma­nis­tik, Prosa-Buch­ver­öf­fent­li­chun­gen, ver­schie­dene in­ter­na­tio­nale Kunst­aus­stel­lun­gen, di­verse Li­te­ra­tur-Aus­zeich­nun­gen, lebt in Bisamberg/A

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