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Tragische Entscheidungen unbescholtener Menschen

Heute vor … Jahren: Des Teufels General – Carl Zuckmayer

Walter Eigenmann · 14. Dezember 2007

Am 14. Dezember 1946 wird Carl Zuckmayers Drama „Des Teufels General“ am Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt. Das Stück, 1945 in Zuckmayers amerikanischem Exil entstanden, thematisiert den Gewissenskonflikt des Luftwaffen-Generals Harras – dessen reales Vorbild der NS-Generaloberst Ernst Udet ist -, der sich aus fliegerischer Besessenheit in den Dienst der Wehrmacht stellt, aber im Dezember 1941 erkennt, dass er dadurch mitschuldig wird an Krieg und Unmenschlichkeit. Harras versucht sein moralisches Versagen zu sühnen, indem er durch seinen Tod den charaktervolleren Freund, der durch Sabotage Widerstand geleistet hat, dem Zugriff der Nazi-Mörder entzieht.

Idealisierung eines Nazi-Offiziers

Des Teufels General - Szenenfoto aus dem Film von H. Käutner (1954, Hauptrolle Curd Jürgens)
Des Teufels General – Szenenfoto aus dem Film von H. Käutner (1954, links Curd Jürgens)

Kritische Köpfe (auch des damaligen Widerstandes) warfen und werfen Zuckmayer bis heute vor, er habe die Gestalt Harras‘ idealisiert. Befürworter hingegen anerkennen die „literaturpolitische“ Leistung des Dramas, welches unmittelbar nach der Nazi-Barbarei eine öffentliche Diskussion um die Möglichkeiten des aktiven Widerstands bzw. der passiven Duldung entfachte. Vor allem bei den jüngeren Deutschen weckte Zuckmayer, der sich selbst den Gesprächen in vielen Städten stellte, ein Bewusstsein von offenen und freien Reden.

Ehrliche Auseinandersetzung oder willkommene Absolution?

Als „Des Teufels General“ 1948 erstmals auf deutschen Bühnen gespielt wird, ist der Erfolg überwältigend. Innerhalb weniger Spielzeiten nehmen über sechzig Theater das Stück in den Spielplan auf; die Aufführungszahlen übertreffen jene jedes anderen zeitgenössischen Dramas. Das Publikum erkennt in Harras eine Erfahrungswelt, die viele Deutsche als die eigene empfinden.

Das ist zugleich auch die Crux des Erfolgs: Was Zuckmayer als moralische Befragung anlegt, wird von Teilen des Publikums als Entlastung gelesen. Der „anständige Kerl“, der dennoch mitgemacht hat, wirkt für manche weniger als Anklage denn als Absolution. Zeitgenössische Kritiker registrieren diese Verschiebung und stellen die Frage, ob das Stück zur ehrlichen Auseinandersetzung beiträgt oder dem verbreiteten Wunsch nach einem Schlussstrich Vorschub leistet.

Tragische Entscheidungen unbescholtener Menschen

Carl Zuckmayer (1896-1977)
Carl Zuckmayer (1896-1977)

Zuckmayer selbst war sich im Klaren darüber, dass sein Dreiakter zu bewussten Fehlinterpretationen benutzt werden konnte. Zehn Jahre nach der enthusiastisch gefeierten Londoner Aufführung zog der Autor das Stück von sämtlichen deutschen Bühnen zurück. Zuckmayer: „Es wäre allzu leicht, im positiven oder negativen Sinne, das Stück heute als ‚Entschuldigung‘ eines gewissen Mitmachertyps misszuverstehen. Sein Inhalt ist jedoch die tragische Situation und schliesslich die tragische Entscheidung von unbescholtenen Menschen, die gezwungen sind, oder sich, wie Harras, aus Leichtsinn dazu hergegeben haben, einer ihnen verhassten Gewaltherrschaft zu dienen.“
Der Dramatiker widmet das just nach dem Krieg beendete Stück seinen von den Nazis ermordeten Freunden Theodor Haubach, Wilhelm Leuschner und Helmuth von Moltke.

Kongeniale Verfilmung

"Nur zum Teil durch tatsächliche Ereignisse und Personen angeregt": Theater-Anzeige der Uraufführung von "Des Teufels General"
„Nur zum Teil durch tatsächliche Ereignisse und Personen angeregt“: Theater-Anzeige der Uraufführung von „Des Teufels General“

1954 nimmt sich der Regisseur Helmut Käutner der Verfilmung des Zuckmayer-Schauspiels an, besetzt die Hauptrollen mit Curd Jürgens und Marianne Koch. Die Film-Macher erhielten vom Autor unbeschränkte Vollmacht, was in zusätzlichen Handlungssträngen und Hinzufügungen von Charakteren resultierte. Insbesondere der Harras-Gegenspieler und Himmler-Adlat Schmidt-Lausitz wird vom tumben Befehlsvollstrecker zum intelligent agierenden SS-Offizier aufgewertet. Der Film erhielt mehrere Auszeichnungen und gilt als kongeniale Realisierung der Zuckmayerischen Theater-Intentionen.♦

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Nationalsozialismus über Oskar Maria Graf: Unruhe um einen Friedfertigen

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