Veröffentlicht am 8. Januar 2008
Heute vor … Jahren: Unruhe um einen Friedfertigen – Oskar Maria Graf
Am 8. Januar 1947 erscheint in New York der Roman „Unruhe um einen Friedfertigen“ von Oskar Maria Graf. Graf, einer der grossen deutschen Volks-Schriftsteller, dessen Geschichten sich vor allem durch wortgewaltige, urwüchsige Komik auszeichnen, wird 1894 in Berg bei Starnberg geboren. 1938 flieht der heimatverwurzelte Dichter vor der „braunen Mordbande“ (Graf) ins amerikanische Exil nach New York.
Allerdings kann er sich dort niemals wirklich einleben, bleibt auch im multikulturellen New York bewusst „Made in Bavaria“, verweigert sich gar dem Englischen, und läuft durch Manhattans Strassenschluchten in bayerischer Tracht mit „Lederhosn“.
Antifaschismus als Literatur
Doch im Gegensatz zum berühmten Mit-Bayer Ludwig Thoma, der mit antisemitischen Äusserungen nie geizte, verschreibt sich Graf lange vor der NS-Barbarei in Deutschland einer antifaschistischen, humanistischen Lebenseinstellung, schliesst sich der linken Arbeiterbewegung an und spart seine Einstellung gegenüber Nazi-Deutschland auch in seinen literarischen Werken nicht aus.
„Unruhe um einen Friedfertigen“ stellt einen der Höhepunkte der deutschsprachigen Exil-Literatur dar. Graf entwirft darin das eindringliche Zeit-Panorama der Entwicklung eines beschaulichen bayerischen Dorfes in der Weimarer Republik bis zur Entstehung der Hitlerei.
Im Dorf Aufing wird der Schuster Julius Kraus plötzlich mit seiner jüdischen Herkunft konfrontiert. Was folgt, ist kein heroisches Aufbegehren, nicht der lautstarke Widerstand – sondern das fatalistisch-unaufhaltsame Zermürben eines einfachen Mannes vom Dorf, der bloss in Ruhe seinen Leisten schlagen will. Kraus, dieser grundanständige, im Grunde weltfremde Handwerker, begreift lange nicht, was um ihn herum vorgeht: Wie aus netten Nachbarn plötzlich boshafte Feinde werden, wie das verschlafene, biedere Nest Aufing sich unmerklich in etwas Bedrohliches verwandelt…
Wenn Friedfertigkeit destruktiv wird
Über die blosse Milieustudie hinaus wirft Oskar Maria Grafs Roman eine zutiefst beunruhigende moralische Frage auf, die das Werk bis heute so schmerzhaft aktuell macht: die Frage nach der Mitschuld durch blosse Passivität. Julius Kraus ist zwar das unschuldige Opfer, doch seine beharrliche Weigerung, die politische Realität überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, grenzt fast schon an eine pathologische Form von Realitätsverweigerung. Indem der Schuster versucht, sich gänzlich unpolitisch zu verhalten und die Augen vor dem aufkeimenden Faschismus zu verschliessen, entzieht er sich ungewollt dem notwendigen Widerstand. Hierin liegt die bittere, eigentlich zynische Ironie, die bereits im Buchtitel mitschwingt. Die „Unruhe“, die um den „Friedfertigen“ herum entsteht, bricht letztlich nicht trotz, sondern auch wegen seiner kompromisslosen Friedfertigkeit über ihn herein.
Die Illusion des In-Ruhe-gelassen-Werden-Wollens
Graf demonstriert damit schonungslos, dass in einem totalitären System das blosse „In-Ruhe-gelassen-Werden-Wollen“ zu einer lebensgefährlichen Illusion gerät. Wer angesichts des Unrechts schweigt, um den eigenen Frieden im Privaten zu retten, stabilisiert unfreiwillig die Macht der Täter. Der Roman wird so zu einer eindringlichen Warnung vor den fatalen Folgen einer vermeintlich neutralen Zuschauerrolle. Wahre Friedfertigkeit, so legt es das bittere Ende des Buches nahe, darf nicht in Passivität erstarmen, sondern verlangt den Mut zum lauten Einspruch. Erst durch diesen Appell an die Zivilcourage wandelt sich das bayerische Dorfdrama in eine universelle Parabel über das menschliche Gewissen in Zeiten der Diktatur.
Seelenkunde des Biedermanns
Graf zeigt diesen Auflösungsprozess mit wortgewaltiger Genauigkeit, gleichsam mit dem Mikroskop – und als einer, der seine Bayern kennt, in ihrer gutmütigen Feigheit und ihrer ressentimentgeladenen Lebensfreude. Grafs Roman ist damit weit mehr als ein antifaschistisches Pamphlet; er seziert unbarmherzig gradlinig dieses nette, aber unterschwellig ignorante Milieu des deutschen Kleinbürgertums, dessen Biederkeit und unerschütterliche Gleichgültigkeit einer der Nährböden der „braunen Mordbande“ war, die schliesslich die ganze Welt in den Abgrund stürzte. ♦
Lesen Sie in unserer Rubrik „Heute vor … Jahren“ auch Orient versus Okzident – Der Fall Salman Rushdie
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