Veröffentlicht am 13. August 2026
Judit Polgár wird 2005 die erste Schachspielerin unter den Top-Ten
Am 13. August 2005 stand eine junge ungarische Schachspielerin namens Judit Polgár in der Weltrangliste auf Platz acht. Acht: Eine Zahl, über die man normalerweise hinwegliest, weil sie weder Triumph noch Katastrophe verspricht. Aber im Schach, in dieser seltsam hermetischen Welt aus Holz-Figuren und Jahrhundert-Egos, sagte diese Zahl damals etwas, das viele lieber nicht gehört hätten. Denn: Unter den besten acht Spielern der Welt war eine Frau. Nicht als Ehrengast, und nicht als Kuriosität. Sondern in der realen Tabelle.

Vater László Polgár war kein Unmensch, aber er war jemand, der Überzeugungen hatte und sie ernst nahm (was gelegentlich aufs Gleiche hinausläuft). Seine These: Genies werden gemacht, nicht geboren; Begabung ist überschätzt, Umgebung ist alles, und wer früh genug anfängt, konsequent genug bleibt und die richtigen Aufgaben stellt, kann aussergewöhnliche Ergebnisse erzwingen.
Nun, das klang 1970 in Budapest nach einer Privattheorie, die man im Schachkaffee diskutiert und dann vergisst; Vater Polgár vergass sie nicht.
Ein übertragbares Experiment?
ZITATE
„Chess is a language. Chess doesn’t make any distinction between a girl and a boy.“ Schach ist eine Sprache. Schach macht keinen Unterschied zwischen einem Mädchen und einem Jungen. (Judit Polgár, Interview in Chess.com 2012)
„I might never have become a chess grandmaster if I’d stuck to women-only tournaments.“ Ich wäre vielleicht nie Grossmeisterin geworden, wenn ich mich auf reine Frauenturniere beschränkt hätte (Judit Polgár, in The Guardian 2019)
Gemeinsam mit Klara zog er drei schachverliebte Töchter (Susan, Sofia, Judit) in einem Haushalt auf, der auf Lernen ausgerichtet war wie andere Haushalte auf Fernsehabende. Sprachen, Mathematik, Aufgaben – und sehr viel Schach. Die Welt machte später daraus gern ein Experiment, mit allen Konnotationen, die das Wort trägt. Wahrscheinlich war es schlicht eine Familie, die für ihre Kinder etwas wollte und bereit war, dafür alles umzubauen. Ob das für andere Familien ebenfalls funktioniert hätte? Falsche Frage. Es musste nur für diese funktionieren…
Judit Polgár und das Schachbrett
Es gibt Spieler, die Schach wie eine Hausarbeit angehen: Sorgfältig, fehlerarm, auf Sicherheit bedacht, mit dem stillen Ehrgeiz des Buchhalters, der nie einen Fehler im Jahresabschluss hatte. Das ist keine Beleidigung, solche Spieler werden oft sehr stark. Judit Polgár war anders, sie wollte brennen. Initiative, Komplikation, Unordnung auf dem Brett: das war ihr Terrain. Wenn andere nach dem ruhigen Weg in ein sicheres Endspiel suchten, hatte man manchmal den Eindruck, dass sie sich dabei langweilte. Nicht demonstrativ, nicht für die Kameras, sondern weil die Partie für sie erst dort anfing, wo andere aufatmeten.
Das ging gelegentlich schief, selbstverständlich. Wer so spielt, verliert auch so, und manche Niederlagen waren spektakulär auf eine Art, die Gegner noch Jahre später gern erzählten. Aber ihre Siege – die blieben anders hängen als die meisten Siege. Man erinnerte sich, wo man gesessen hatte, als man sie zum ersten Mal nachspielte…
Judit Polgar – Garry Kasparov, Moskau 2002
(Klick auf einen Zug öffnet Analyse-Brett)
Der bequemere Weg existierte
Es hätte für Polgár durchaus auch eine andere Schach-Karriere geben können. Eine erfolgreiche, respektierte, mit Titeln und Anerkennung, im Frauenbereich nämlich, wo ihre Stärke sie früh zur absoluten Ausnahme gemacht hätte. Doch die junge Judit wollte das nicht, sie wollte offene Turniere, gemischte Konkurrenz, Gegner, die keinerlei Interesse daran hatten, dass diese Partie irgendeine Geschichte erzählte. Gegner, die gewannen, weil sie besser vorbereitet waren, nicht weil jemand den falschen Zug gemacht und sich dabei entschuldigt hatte.

In den 1980er- und 1990er Jahren war diese Entscheidung keine Selbstverständlichkeit. Die Skepsis war real und verbreitet und trug viele Gesichter: Das offene Misstrauen, den herablassenden Ton, den freundlichen Zweifel, der fast noch schlimmer ist. Sogar der Jahrhundertspieler Garry Kasparov liess sich anfangs zu entsprechenden Äusserungen hinreissen, was zur Geschichte gehört und was man deshalb nicht verschweigen sollte (auch wenn er es heute vielleicht täte…).
1991 – oder der Moment, in dem ein Argument starb
Mit 15 Jahren und 4 Monaten wurde Polgár Grossmeisterin, also jünger als ein Bobby Fischer bei seinem damaligen Rekord. Von diesem Moment an fehlte einem bestimmten Satz die Grundlage; dem vielgehörten Satz, dass Frauen das eben nicht könnten. Dass es irgendeine natürliche Grenze gebe, irgendein biologisches Limit, das sich in Ranglisten unweigerlich abbilden würde. Das Argument war wegen Judit Polgár nicht verschwunden, Argumente dieser Art verschwinden nie vollständig, aber es hatte seine Widerlegung bekommen…
1994 – oder die Partie mit dem Touch-Move-Streit
In Linares 1994 spielte Polgár gegen Kasparov, und es gab einen Touch-Move-Streit, Videomaterial, Debatten, und eine Schachgemeinde, die sich bis heute nicht vollständig einig ist, was genau damals passierte und wer recht hatte. Was man weiss: Die Partie existiert, Polgár sass am Brett. Die Frage, ob ein Finger eine Figur berührt hat oder nicht, hat halt im Schach fast eine metaphysische Qualität.
Acht Jahre später, 2002, gewann sie gegen Kasparov beim Wettkampf „Russia vs. Rest of the World“ (siehe auch Partie oben). Diesmal war kein Streit, kein Nachspiel, kein Videomaterial nötig. Einfach das bessere Spiel; das wurde neidlos anerkannt.
Judit Polgar 2005 in San Luis: Number Eight
Bei der FIDE-Weltmeisterschaft 2005 in San Luis spielte sie gegen Topalov, Anand, Svidler, Morozevich, gegen ein Feld also, das jeden Turniersaal schwerer machte, schon durch schiere Anwesenheit. Die Teilnahme dieser Welt-Gewichte war historisch, und viel wurde über dieses Turnier geschrieben. Stimmt, aber und ist trotzdem das Langweiligste an der Geschichte; das Historische interessiert ja meist weniger als das Konkrete. Und das Konkrete war Platz acht einer jungen Ungarin in der FIDE-Weltrangliste. Acht – eine kleine, unauffällige Zahl…

Die Frage, die immer kommt
Irgendwann fragt immer jemand: Wenn das möglich ist, warum sieht man dann so wenige Frauen ganz oben? Die Antwort ist nicht schön, weil sie kein klares Schuldiges liefert und keinen einfachen Triumph erlaubt: Schachstärke entsteht aus Training, Gedächtnis, Mustererkennung, Frustrationstoleranz, Konzentration, Geld, Zeit, Gesundheit, guten Trainern. Und ja, aus Jahren, in denen man bereit ist, das alles für eine Partie hinzugeben, die man vielleicht trotzdem verliert. Dazu kommt etwas Banales, das manche lieber übersehen: Wenn deutlich weniger Mädchen Turnierschach spielen, ist die Gruppe schlicht kleiner, aus der Ausnahmetalente hervorgehen. Das ist zunächst mal simple Arithmetik.
Und dann ist da zu schlechter Letzt noch das Umfeld: Erwartungen; Herablassung; Die tausend kleinen Signale, die einem sagen, dass man nicht gemeint ist. Das lässt sich schwer messen, existiert aber trotzdem. Judit Polgárs Erfolg war kein Beweis, dass alles gleich ist, sondern der Beweis, dass eine bestimmte Gewissheit komplett falsch lag.
Was bleibt von dieser Nummer Acht?
Es gab in diesen damaligen Jahren sicher stärkere, schrillere Momente im Schach: Mehr Skandal, mehr Preisgelder, mehr Spektakel. Vieles davon ist weg, was aber bleibt: Eine junge Frau aus Budapest, aufgewachsen in einer Familie, die Konventionen für verhandelbar hielt, stand unter den besten acht Spielern der Welt. Nicht symbolisch, nicht als Randnotiz. Sondern als Konkurrentin, die gewann, verlor, riskierte und am Ende eine Zahl in der Tabelle hinterliess, über die man immer noch nachdenkt: Acht. Manchmal reicht das… ♦
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Cooler Report, Leute! War schon immer ein Fan von Judith! Ihr Angriffsschach ist echt special. Legendär ihr Blitz-Sieg in Madrid, völlig respektlos gegen Super-Magnus 🙂 https://www.youtube.com/watch?v=hvbZCRid5CY
Weiter so, Leute, lese die Schach-Abteilung des Magazins immer gerne (auch Software-Besprechungen).
Hi aus Wien: Rene S.