Veröffentlicht am 16. August 2026
Vergessene Bücher (06): "Matahari" von Hans Morgenthaler
Mit seinem Buch „Matahari – Stimmungsbilder aus dem Malayisch-Siamesischen Dschungel“ gelang dem Berner Literaten Hans Morgenthaler alias Hamo 1921 ein Wurf, der die Sehnsucht des Lesepublikums nach unverstellter Natur und exotischen Fernen, nach der Echtheit und Wildheit tropischer Breiten bediente. Es ist das Werk eines zivilisationsmüden Suchenden, der im Regenwald nicht nur das ganz Andere findet – sondern auch sich selbst und vor allem: seine eigenen Grenzen.
In den 1980er-Jahren gab es in Burgdorf, meiner Heimatstadt an der Emme, noch zwei Museen: Das historische Regionalmuseum im Schloss und die völkerkundliche Sammlung am Kirchbühl. Heute sind beide Sammlungen im Schloss vereint. Was ich sehr schade finde, denn das Museum für Völkerkunde war einst mein Lieblingsmuseum und passte perfekt zum alten Bürgerhaus, in dem es untergebracht war. Im Kern handelte es sich um die Sammlung des reichen Burgdorfer Kaufmannssohns Heinrich Schiffmann, der aus Entdeckerlust und in der Hoffnung, dass das Meerklima seine Tuberkulose kurieren würde, zwischen 1893 und 1903 zwei Weltreisen unternommen hatte.
Von diesen Reisen brachte er zahlreiche hochwertige Andenken mit, die nach seinem Tod 1904 ans Gymnasium Burgdorf gingen, an jene Bildungsinstitution, die als Jüngling auch er besucht hatte. Hier dürfte das Gut seiner Sammlung bei vielen Gymnasiasten die Sehnsucht nach fernen Ufern geweckt oder verstärkt haben, denn es war eine Zeit, in der weite Erdteile unter europäischer Kolonialherrschaft standen und begüterte westliche Weltenbummler ausgedehnte Reisen in exotische Gefilde unternahmen. Wer nicht reisen konnte, verschlang mit Begeisterung alles, was es über ferne Länder zu lesen gab.
Der Ruf der Ferne

Einer, der nicht nur las und selber schrieb, sondern auch reiste, war der Burgdorfer Hans Morgenthaler (1890–1928). Er weilte just zu der Zeit am örtlichen Gymnasium, als die Sammlung Schiffmann an die Institution überging. Ob auch er sich von all den farbenprächtigen und fremdartig anmutenden Masken, Statuetten, Gewändern, Kopfbedeckungen, Waffen, Kannen, Krügen, Musikinstrumenten, Schmuck und anderen Gegenständen aus Afrika, Arabien, Indien, Indonesien, China und Japan verzaubern liess? Das ist zu vermuten.
Jedenfalls vernahm auch er den Ruf der Ferne, und im Gegensatz zu vielen anderen, die weniger unternehmungslustig waren, folgte er ihm. Für eine Schweizer Bergwerkfirma reiste der studierte Zoologe, Botaniker und Geologe 1917 nach Südostasien, um im Dschungel von Siam, dem heutigen Thailand, unter herausfordernden Bedingungen nach Gold-, Silber- und Zinnvorkommen zu suchen. 1920 kehrte er, an der Malaria erkrankt, in die Schweiz zurück. Hier verfasste er sein Buch „Matahari – Stimmungsbilder aus dem Malayisch-Simaesischen Dschungel“.
1921 erschien es in der deutschen Originalfassung im Orell Füssli Verlag, in den Jahren darauf kam es zusätzlich in einer niederländischen, englischen und amerikanischen Ausgabe auf den Markt. Zu den begeisterten Lesern gehörte auch der angesehene Schriftsteller und spätere Nobelpreisträger Hermann Hesse, mit dem sich Hans Morgenthaler anfreundete.
Hesse, der 1911 selber eine Reise nach Indien und Ceylon unternommen hatte, schrieb in der Basler „National-Zeitung“ über „Matahari“: „Manche Seiten dieses Buches riechen geradezu nach dem Urwald Ostasiens und mahnen den, der einmal dort war, mit unerbittlicher Eindringlichkeit an hundert charakteristische Geräusche, Gerüche, Stimmungen, Bangigkeiten und Köstlichkeiten jener märchenhaft überfüllten, geil-üppigen Waldwelt, die so sehr berauschen und so tief ermüden und deprimieren kann“.
Heute ist das einst sehr erfolgreiche Buch weitgehend aus dem literarischen Gedächtnis verschwunden. Nur antiquarisch ist es noch erhältlich.
Lobpreis einer zauberhaften Welt

Es lohnt sich, ein Exemplar zu beschaffen und zu lesen. Hans Morgenthaler, der in Kulturkreisen unter dem Kurznamen Hamo verkehrte, war kein Chronist im trockenen Sinn des Wortes, sondern genauer Beobachter, einfühlsamer Schilderer und kühner Stilist. Seine Sprache ist von expressiver Intensität, und die Episoden, die er erzählt, haben oftmals eine geradezu dichterische Strahlkraft.
Wie gemalt und ins Mythische transformiert wirkt zum Beispiel die Szene, in der er ein siamesisches Ehepaar in einem kleinen Fischerboot auf einem Waldsee beobachtet: „Der Sand, in dem ich sass, war trocken, die windstille Bucht lag wie ein Honigteich vor mir, und mitten in seiner einfachen Welt schwamm das Fischerboot. […] Wie auf einem See aus reinem Gold bewegte sich das Schiffchen, jetzt in der leuchtenden Strasse, die die untergehende Sonne in meine Augen glitzerte, es selber und die Silhouetten seiner zwei Menschen tiefschwarz vor all der Helle, dann, ein Schlag mit dem Ruder, und auf einmal flitzte es silbern, wie ein springendes Fischchen sonnabseits in den Schatten.“
Ein weiteres Beispiel: „Da die zackigen Silhouetten unordentlicher Palmenhaine mit romantisch lockenden Hütten und Menschenfiguren darunter sich tiefer in dein geistiges Innere einzuzeichnen beginnen und dir scheint, als könnten die kahlen nüchternen Strassenzeilen und geradlinigen Dinge Europas deinen ins Unermessliche gesteigerten Hunger nach Echtem und Schönem und Natur nie mehr stillen. Da du ohne diese bunten Bilder nie mehr leben willst!“
In solchen Worten schildert, preist und verklärt der Autor den exotischen Kulturkreis Hinterindiens als Gegenentwurf zur entzauberten, rational dominierten Welt Europas und insbesondere zur bürgerlich trockenen Sphäre seines Heimatlands. Der schwärmerische Ton mag zuweilen wohl auf Leserwirkung bedacht sein, aber Hamos Schilderungen sind immer so lebendig und anschaulich, als würden sie auf einem bunt bemalten Seidenband vor den Augen eines betörten Publikums ausgerollt.
Von Sonne und Wald ist die Rede, von der urwüchsigen und unbändigen Kraft der tropischen Vegetation, so eindringlich, dass man den feuchten Treibhausgeruch des Dschungels förmlich zu riechen glaubt. Ärmliche, aber freundliche Dörfer tauchen auf, mit dunkelhäutigen, geerdeten und unverstellten Menschen. Dann Meer, Strand, Sand, Mangroven, das Zauberlicht von Sonnenuntergängen. Wieder Wald, Baumriesen, schlingende Ranken, Farn, Vögel, Affen, Leoparden, Elefanten, Zirpen, Rufen, Schreien, dazu das schäumende Wasser eines Wildflusses.
Das sind Bilder, die europäische Leserinnen und Leser im bequemen Sessel verschlungen haben müssen – Bilder, die zum Träumen anregen und für kurze Momente die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies stillen.
Regen, Hitze, Mücken, Blutegel

Hamo war aber viel zu sehr Literat von Format, als dass er sein hinterindisches Paradies nur hätte verklären wollen. „O, in den Tropen packt das Leben den Weissen Mann unbarmherzig und rüttelt ihn in eine hemdärmlige oder noch nacktere Lebensauffassung. Ich möchte sagen: Das ist mehr als beständiges der Todesgefahr Ausgesetztsein!“, schreibt er. Und wendet sich auf vielen Buchseiten ausführlich den Strapazen, Gefahren und Widrigkeiten des Lebens im Regenwald zu.
Hamo und sein Trupp, bestehend aus einigen Trägern, seinem siamesischen Assistenten Aris und dem chinesischen Leibkoch Hollukki, waren wochen- und monatelang auf Wanderschaft durch das feuchte und stickige Grün des Dschungels auf der Suche nach Stellen mit Erzvorkommen, von denen sie gesprächs- oder gerüchteweise gehört hatten, um sie zu untersuchen und, falls lohnend, mittels Konzession zu erwerben. Diese Erkundungszüge zu Fuss fern jeder Zivilisation und mit bescheidenster Ausrüstung müssen weit strapaziöser und entbehrungsreicher gewesen sein, als man es sich als heutiger Leser oder Leserin überhaupt vorstellen kann.
Die häufigen und ausgiebigen Regengüsse, die einen bis in die letzte Textilfaser durchnässten. Die stickige Hitze, die oft sogar den Einheimischen zu schaffen machte. Raubkatzen auf der Lauer. Unwegsames Gebiet, in dem man sich mit dem Buschmesser Pfade freihauen musste. Kaum Abwechslung auf dem Speiseplan, manchmal auch zu wenig Essen. Gefährliche Stromschnellen. Mücken, Mücken, Mücken; Blutegel, Blutegel, Blutegel. Und die Plackerei des Pickelns, Schaufelns und Grabens bei den Erzsondierungen.
Während einer Expedition befand sich Hamo sogar in latenter Lebensgefahr wegen eines chinesischen Kundschafters, der ihm ein siamesischer Adliger nachgesandt hatte, um seine Pläne auszuspionieren. Der Spitzel war nicht nur von hartnäckiger Unverfrorenheit, sondern auch opiumsüchtig. Er wiegelte einen Teil von Hamos Mannschaft auf und liess verlauten, dass er den weissen Tuan (Herrn) demnächst mit seinem Messer umbringen werde. So weit kam es dann doch nicht – aber Hamo war überzeugt, dass sein Schicksal ein paar durchwachte Nächte lang bloss an einem seidenen Faden hing.
Hinzu kam die ständige Gefahr, sich an der Malaria anzustecken. Auch Hamo wurde von dieser Tropenkrankheit befallen. Eindrücklich beschreibt er einen solchen Anfall: das Fieber bis an die Grenzen des Erträglichen, das machtlose Ausharren und Abwarten, die fatalistische Lethargie – und schliesslich die langsamen Anzeichen der Besserung bis hin zur Genesung.
Der ganzheitliche Blick

Das ist es, was Morgentalers Buch unter anderem so lesenswert und auch so lebensnah macht: Er sieht und preist das Schöne an der Natur, ohne vor deren Schrecknissen, deren Feindseligkeit die Augen zu verschliessen. Dieser unverstellte, ganzheitliche Blick sorgt dafür, dass das Buch mehr als ein unreflektiertes Stück naturromantischer Schwärmerei ist.
Warum aber nahm Hamo solche Strapazen und Widrigkeiten fern seiner Schweizer Heimat und seines Freundeskreises auf sich? Um diese Frage zu beantworten, hilft ein Blick auf die Persönlichkeit des Geologen und Schriftstellers. Bei ihm dominierte eindeutig nicht die Nüchternheit des rationalen, naturwissenschaftlich geschulten Denkens, sondern die hochsensible und schwierige Künstlerseele. Hamo, unter einem autoritären, verwitweten Vater aufgewachsen, war ein Nonkonformist, der am etwas spiessigen bildungsbürgerlichen Milieu seiner Heimatstadt litt.
Diese Stimmungslage befiel auch mich, der ich ebenfalls Burgdorfer bin, zuweilen in meiner Jugendzeit. Umso mehr kann ich nachvollziehen, was Hamo umgetrieben haben muss, als er immer mal wieder als Bürgerschreck in Erscheinung trat und auch sonst den dramatischen Auftritt liebte. So stiess er zum Beispiel die Mitglieder der Casino-Gesellschaft – des heute immer noch existierenden örtlichen Literaturvereins – gerne vor den Kopf, indem er zu den Veranstaltungen, völlig gegen die damalige Etikette, in Bergkleidung aufkreuzte, sich an einen Tisch setze und sang.
Für ihn war dieses abenteuerliche Outfit nicht bloss Staffage, sondern Lebensgefühl: Immer wieder zog er sich als leidenschaftlicher Alpinist in die Berge zurück, um der Betriebsamkeit und dem Mief des Stadtlebens für ein paar Tage zu entrinnen. Als im Zuge des aufkommenden Bergtourismus immer mehr Menschen seine geliebten Hochfelder und Gipfel stürmten, empfand er diese als entweiht und versenkte seine Tourenausrüstung feierlich in einer Gletscherspalte.
Bürgerlichkeit und normierte Wohlanständigkeit gingen ihm stark gegen den Strich. Auf der Flucht vor seinem beengenden Umfeld und wohl auch vor sich selbst verpflichtete er sich schliesslich zu seinem zweijährigen Berufsaufenthalt in den waldigen Unwegsamkeiten Siams. Mit Abenteuerlust verbanden sich der Drang, die eigenen Grenzen auszuloten, und der Wunsch, „ehrliche Arbeit“ zu leisten.
Ehrliche Arbeit war für Hamo ein Tun, dessen Sinn sich aus persönlicher Neigung und engagierter Hingabe definiert. Im Gegensatz zum Arbeitsbegriff, der in seiner angestammten Heimat vorherrschte. So sinniert er an einer Stelle in seinem Buch, dass im Abendland alle Werke aus einer „grimmigen, verbissenen Verzweifeltheit heraus“ geschähen und in der Überzeugung, keine andere Wahl zu haben, als „wahnsinnig“ zu arbeiten. Und kommt zum Schluss: „Europa ist unheilbar überbevölkert. Für seine Menschen ist es eine Zumutung, da zu sein. Asien dagegen ist Freude.“
Sind wir nicht Wanderer?

Eine weitere Triebfeder für Hamos Flucht in die wilde Natur unter Matahari, der Sonne Hinterindiens, war das, was er in seinem Tropenbuch als den Wanderdrang beschreibt. Jenen tief sitzenden Trieb, der die Menschheit seit Urzeiten prägt und von dem er selber in hohem Mass befallen war, ganz im Gegensatz zu seinen städtisch sesshaften Mitbürgern in der Schweiz. Er lebte den Wanderdrang so intensiv, ja geradezu rücksichtslos aus, dass er sich eines Tages eine Standpauke von seinem siamesischen „Diener“ beziehungsweise Assistenten Aris anhören musste.
„Jetzt wollen wir dann nicht mehr so viel reisen!“, schimpfte der Mitarbeiter. „Tuan, dein Leben ist zu hart. Schau, die anderen Weissen hier im Land, die haben ein Haus und eine Frau und wohnen richtig irgendwo, und nur von Zeit zu Zeit gehen sie in den Wald. Du aber wanderst ohne zu rasten, läufst mehr herum als gut ist für dich, und deine Gesundheit bricht zusammen unter dem unsteten Leben im Wald. Sogar wir braunen Menschen halten das auf die Dauer nicht aus.“
Darauf antwortete Hamo: „Sind wir nicht Wanderer, Aris! Ist dieses freie Leben nicht auch herrlich? Willst du wie die anderen, wie die Stadtmenschen absitzen und schwach werden?“ Sprachs und legte sich, ohne eine Antwort abzuwarten, schlafen.
Zwischen Augenhöhe und westlichem Dünkel
Ja, Hans Morgenthaler alias Hamo war anders als die meisten seiner Schweizer Zeitgenossen. Er war eine Art Jean Jacques Rousseau des frühen 20. Jahrhunderts auf der Suche nach der verlorenen Natur, unangepasst, antibürgerlich, eigenständig, eigensinnig, dazu beharrlich und zäh, getrieben und sich selber nicht schonend, aber auch einfühlsam, leutselig und interessiert an allen Menschen, die er nahe am idealen Naturzustand wähnte.

Sein Blick auf die Siamesen ist eine seltsame Mischung aus Freundschaftlichkeit, Bewunderung und intellektueller Distanz. Dass er von den kolonialen Vorstellungen seiner Zeit geprägt war, von der Überlegenheit der weissen Ethnie und der westlichen Kultur, schimmert in seinen Ausführungen bei aller Wertschätzung gegenüber den Einheimischen immer wieder durch, manchmal ganz unerwartet und überdeutlich. Gerade bei ihm, dem eigentlich unverdächtigen Europa-Verdrossenen, mutet dies besonders befremdlich an. Es zeigt aber letztlich nur, dass wir alle dem Geist unserer jeweiligen Zeit verhaftet sind, auf die eine und andere Weise – und es vermutlich selbst nur selten merken.
Da erwähnt Hamo lobend einen älteren chinesischen Mann, bei dem er eine Zeit lang lebte und „an den ich nicht weniger freundlich zurückdenke, als an einen meiner Grossväter“. Da würdigt er fünf oder sechs Zinnwäscherinnen, mit denen er einen Nachmittag lang plauderte und Erz wusch; in diesen Frauen erblickte er Repräsentantinnen des unverstellten Lebens, „selber wie herausgewaschen, blossgelegt und alles Nebensächliche weg“. Und da waren junge Siamesinnen, die er in seinen Aufzeichnungen als „wundervoll natürlich“ hervorhebt, als „wie Leben gewordene Traumgestalten“. Und mit Anerkennung hält er an einer Stelle fest: „Ein siebenjähriges Kind in Siam kann sich nützlicher machen und besser den Weg durchs Leben finden, als ein fünfundzwanzigjähriger Student bei uns.“
Auf der anderen Seite hat er keine Bedenken, die meisten seiner ungelernten Arbeiter beziehungsweise Träger einfach als „unwichtig“ abzutun, mit dem erklärenden Zusatz: „Unter Kuli sind Persönlichkeiten selten.“ Dabei lobt er ebendiese Träger als dienstbare Geister ein paar Absätze vorher noch in den höchsten Tönen: „Ich hatte nie deutlicher das Gefühl, jemand zu sein, bei meinen Mitmenschen etwas zu gelten, und nie ist mir mehr Liebe und teilnehmende Sorgfalt entgegengebracht worden, als wenn ich mit meinen Kuli im Wald war.“
„Geistige Überlegenheit des Weissen“?

Einmal, als Hamo während einer Erkundungsreise mit einer unglücklich zusammengestellten Mannschaft unterwegs war, wäre es beinahe zu einer Meuterei gekommen. Um die Lage zu meistern, trat er mit offiziersmässig knappen Befehlen auf, „und ich beobachtete mich da, als wäre ich ein anderer, wie vor meinem eigenen Menschen stehend und hatte Freude an ihm, wie er sicher und tapfer unter all den Kanaillen stand, einen derben Entschluss um die Lippen, und mit ruhigen Augen, die von der geistigen Überlegenheit des Weissen sprachen.“
Ob die Aussage von der „geistigen Überlegenheit des Weissen“ ironisch gemeint ist? Bei Hamo kann man nie wissen, möglich wärs. Jedenfalls schien er sich als Europäer in Siam bei den Einheimischen nicht ganz und gar unbeliebt gemacht zu haben: Er zahlte zuverlässig und fair, war kein Trunkenbold und kein Schürzenjäger und hielt sich lieber unter Siamesen und Chinesen auf, als anderen Europäern die Aufwartung zu machen. Auch hatte er sich die Mühe gemacht, praktisch fehlerfrei Malaiisch zu lernen, aus der Erkenntnis heraus, dass Sprache der Schlüssel zu allem ist, auch zu den Herzen der Menschen.
Als er wieder in der Schweiz war, bekam er von seinem Assistenten Aris einen Brief, in dem deutlich wird, welche Wertschätzung er, der weisse Tuan, bei seinem ehemaligen Mitarbeiter genoss. In einer Passage steht: „Ein anderer Weisser hier hat mich, Deinen Diener, schon gerufen und aufgefordert, ihm Deine Geheimnisse und Funde im Wald zu verraten. Er will mir den gleichen Lohn geben wie Du, aber ich will nicht, weil ich warte, dass Du, o Tuan, zurückkommst. Und weil Deiner Hilfe mir, Deinem Diener gegenüber, so viel war, und ich Dir das nie vergelten kann, hoffe ich, der Herrgott gebe dir Glück, welches hoch ist.“
Ein Leben als mittelloser Literat
… ist eine Essay-Reihe, in der das Glarean Magazin Werke vorstellt, die vom kultur-medialen Mainstream links liegengelassen oder überhaupt von der „offiziellen“ Literatur-Geschichte ignoriert werden, und doch von literarischer Bedeutung sind über alle modische Aktualität hinaus. Die Autoren der Reihe pflegen einen betont subjektiven Zugang zu ihrem jeweiligen Gegenstand und wollen weniger belehren als vielmehr erinnern und interessieren.
Nach seiner Rückkehr in die Schweiz lebte Hans Morgenthaler alias Hamo acht Jahre bis zu seinem Tod unter prekären wirtschaftlichen Verhältnissen als freier Schriftsteller, Rezensent und Feuilletonist. An den Publikumserfolg von „Matahari“ konnte er nicht anknüpfen. Das Nachfolgewerk „Gadscha puti, ein Minenabenteuer“ wurde vom Verlag Orell Füssli zunächst abgelehnt – erst 1929 kam es posthum heraus –, und der melancholische, rund komponierte Liebesroman „Woly, Sommer im Süden“ (1924) wurde von einer literarisch feinhörigen Leserschaft zwar wohlwollend und zum Teil sogar begeistert aufgenommen, bekam aber nicht die breite Resonanz wie „Matahari“.
Hans Morgenthaler verstarb 1928 knapp 38-jährig in Bern an Tuberkulose. Dank dem Berner Literaten und Pfarrer Kurt Marti wurde er in den 1970er-Jahren wiederentdeckt, einige seiner Werke erschienen in einer Neuausgabe. Ich selber besitze von „Matahari“ ein Exemplar der Originalausgabe von 1921, an dem noch ein bisschen etwas vom Geruch der Zwischenkriegszeit anzuhaften scheint: etwas von Aufbruch und Entdeckerlust, etwas, das hinausdrängt in ferne Welten, wo man gelegentlich nicht nur dem ganz Anderen, sondern auch sich selbst in seiner ursprünglichen, reinen – um nicht zu sagen: gereinigten – Gestalt begegnet. ♦
Jahrgang 1963; geboren, aufgewachsen und wohnhaft in Burgdorf/Emmental; verheiratet, Vater zweier Söhne; 1982 bis 1988 Theologiestudium in Bern, dann Wechsel in den Journalismus; von 1996 bis 2012 Redaktor bei der „Berner Zeitung“; heute Redaktionsleiter Bern der Monatszeitung „reformiert“; Autor von Romanen, Erzählungen, Lyrik und Theaterstücken.
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Lieber Hans Herrmann, ich gratuliere Dir herzlich zu diesem spannenden, wichtigen Bericht über Hamo, dessen Bücher ich natürlich gelesen und nicht vergessen habe! Ah, die Emmentaler Schriftsteller sind etwas Besonderes und alles andere als „hinter dem Mond“! Eben ist, noch völlig unbeachtet, „Die Brüder der Flamme“ von Alfred Fankhauser, neu erschienen, in der Reihe Reprinted by Huber (im Kampa / Atlantis Verlag, Zürich) (www.reprinted-by-huber.ch) Mit einem biographischen Nachwort von Charles Linsmayer und 12 Holzschnitten von Werner Neuhaus. Gut, dass solche Bücher wieder neu aufgelegt und gelesen werden. Sie haben ihre Aktualität nicht verloren! Barbara Traber