«Caissa»-Zeitschrift für Schach- und Brettspiel-Geschichte gegründet

Ein neues Magazin für die schachhistorische Forschung

Walter Eigenmann

Caissa- Cover-Erstausgabe-Glarean MagazinWer im Online-Jahre des Herrn 2016 ein neues Print-Medium auf den Markt wirft, das ausgerechnet Schachhistorie zum Gegenstand hat, ist entweder verrückt, oder naiv, oder ein Chess-Junkie, oder Millionär, oder das alles zusammen. Der Neunkirchener Althistoriker Dr. Mario Ziegler ist (wahrscheinlich) nichts von alledem – und trotzdem wagten er und seine Mitarbeiter vom Chaturanga-Verlag, mit «Caissa» eine halbjährliche 100-seitige «Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte» ins Leben zu rufen. Vor kurzem präsentierte Ziegler im Verbund mit dem Salzburger Co-Herausgeber Prof. Dr. Rainer Buland nun die erste «Caissa»-Nummer.

Wer soll «Caissa» – nicht zu verwechseln mit der gleichnamen ehemaligen «Schachrundschau Caissa», die 1955 mit der Deutschen Schachzeitung fusionierte – eigentlich lesen? In seinem Vorwort zur Erstausgabe umreißt der Initiant und Chefredakteur Mario Ziegler die Intention des Magazins: «Caissa will eine Plattform schaffen, auf der Forschungsergebnisse der unterschiedlichsten Disziplinen im Bereich der Schach- und Brettspiel-Geschichte präsentiert werden können und dadurch ein Bild vom gegenwärtigen Stand der Forschung deutlich wird». Die Zeitschrift solle «die gesamte Schach- und Brettspiel-Geschichte von den ersten Anfängen bis in die jüngste Vergangenheit, einschliesslich Verweisen auf Brettspiele in der Kunst und Literatur» berücksichtigen.

Schach-Mario-Ziegler-Glarean-Magazin
«Die gesellschaftliche Bewertung des Spiels für ganze Epochen der Geschichte steht noch aus»: «Caissa»-Initiant und -Herausgeber Mario Ziegler (*1974)

Dabei ortet Ziegler Defizite in der aktuellen Schachgeschichts-Forschung, z.B. die mangelnde Institutionalisierung der zahlreichen, aber in ihrer Vereinzelung wirkungslosen Solo-Projekte: Es existierten bedeutende nationale und internationale «Gruppierungen, die sich den verschiedenen Aspekten der Brettspiele und insbesondere des Schachspiels widmen – eine Vernetzung all dieser Bemühungen sucht man jedoch nach wie vor vergeblich». Die meisten dieser Initiativen seien privatem Engagement geschuldet, vermisst werde ein «übergeordnetes Konzept». Auch im universitären Bereich würden die Brettspiele als Forschungsgegenstand kaum wahrgenommen: «Auch wenn immer wieder Teilaspekte in den Blick genommen werden, so ist doch bezeichnend, dass etwa die gesellschaftliche Bewertung des Spiels für ganze Epochen der Geschichte noch nicht aufgearbeitet ist». Explizite Zielgruppen von «Caissa» sind dementsprechend «Bibliotheken, Wissenschaftler und interessiertes Fachpublikum im Bereich der Geschichts-, Sprach- und Kulturwissenschaften».

Breites thematisches Spektrum

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«Caissa»-Autor und Großmeister Robert Hübner arbeitete akribisch diverse Partien des legendären Matches Blackburne-Steinitz von 1822 auf und recherchierte erstmals verschollen geglaubte Notationen

Welches thematisch vielfältige Untersuchungsfeld sich dabei für «Caissa» auftut, stellt bereits die Première-Ausgabe des Magazins unter Beweis: Vom ersten «Wettkampf zwischen Blackburne und Steinitz» (Autor: Robert Hübner) über ein Portrait des bedeutenden ungarischen Schachspielers und Redakteurs Laslo Toth (Ivan Bottlik) bis hin zur «NS-Ideologie im Brettspiel» (Antonella Ziewacz) und einem Rückblick auf die «Wendejahre 1989-90 in der Zeitschrift ‚Schach’» (Bernd Gräfrath) deckt die Erstausgabe ein schachhistorisch wie -wissenschaftlich ebenso heterogenes wie informatives Spektrum ab. Hinzu kommen die unverzichtbaren Rezensionen und Verlags-Ankündigungen einschlägiger Fachliteratur, vor allem aber zahllose, durchwegs sorgfältig gewählte und qualitativ hervorragende Bild-Dokumentationen zu jedem Artikel.

Die internationale Ausrichtung des Bandes unterstreichen dabei jene Beiträge, die nicht nur in englischer Sprache kurz zusammengefasst, sondern gleich ausschließlich im englischen Original abgedruckt werden. Zu erwähnen ist hier ein schöner Essay von Peter J. Monté, der den mythischen bzw. gött-lichen Urgünden des Schachspiels in den altpersischen, -griechischen und -römischen Kulturen in Wort und Bild nachspürt, sowie ein komplett englisch verfasster Abriss von Adrian Harvey «Social participation in the game of chess», der kenntnisreich das Schachspiel als bedeutender Teil der «gehobenen» Freizeitkultur im England des 18. Jahrhunderts bis in unsere heutigen Tage der schachlichen «Durchdringung» aller Gesellschaftsschichten untersucht.

Das Schach in Büchern des Deutschen Barock und der frühen Neuzeit

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Schachhistoriker Siegfried Schönle fahndete umfangreich und wissenschaftlich exakt dokumentiert nach Spuren und Belegen zum Schachspiel in Drucken aus dem 17. Jahrhundert

Im Zentrum dieser Erstausgabe steht aber die 44-seitige «annotierte Bibliographie» über das «Schach in Büchern aus der Zeit des Deutschen Barocks und der frühen Neuzeit» des Kasseler Schachforschers Siegfried Schönle. Mit Akribie und umfangreichem Quellen-Nachweis stellt der Autor eine Fülle von Büchern bzw. Reprints aus dieser Zeit mit explizitem Schachbezug zusammen, dokumentiert fast alle entspr. Publikationen mit Cover- und/oder Detail-Bebilderung, stellt den allgemein-kulturellen und literarisch-belletristischen Spuren der Buch-Inhalte nach, fördert schachkulturell Belangloses ebenso wie schachhistorisch Richtungsweisendes zutage und dokumentiert so einen illustren, ja manchmal bizarren Bilderbogen des Phänomens Schach im Werk zahlreicher Forscher und Schriftsteller jener Zeit.

Printtechnisch und typographisch erlesene Qualität

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«Gesellschaftsspiele spiegeln den Zeitgeist einer Epoche wieder und sind dadurch historische Quellen für Ansichten und Entwicklungen einer Gesellschaft»: Antonella Ziewacz beleuchtet den Kulturmissbrauch des Spiels während der Nazi-Diktatur

So vielfältig der historische Mix dieser ersten, in einer Startauflage von 5’000 Exemplaren gedruckten «Caissa»-Nummer daherkommt, so sehr hält dabei das Outfit des Bandes mit. Das im dreispaltigen Layout präsentierte und durchwegs farbig bebilderte Heft ist sowohl vom Print als auch von der Typographie her äussert qualitätsvoll aufgezogen. Sogar die detailverliebte Partien-Kommentierung eines Robert Hübner mit ihrer Varianten-Verschachtelung kommt problemlos lesbar daher, wobei die weinrote Farbe der Diagrammdrucke eine schöne optische Finesse darstellt. Man merkt dem Heft auf jeder Seite den professionellen Anspruch an, den Herausgeber und Druckerei an dieses Magazin stellen. Ein special compliment geht an dieser Stelle auch an R. Dobicki & S. Schäfer für das erlesene Grafikdesign.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Die neugegründete Zeitschrift «Caissa» widmet sich der historisch-wissenschaftlichen Forschung des Schachs und der Brettspiele. Die Erstausgabe dokumentiert eindrücklich ein breites thematisches Spektrum und eine erlesene Qualität sowohl in drucktechnischer wie in grafischer Hinsicht. Für die historisch-wissenschaftlich Interessierten unter den Schach-Adepten ist «Caissa» zweifellos das neue Referenz-Printmedium.

Wer als Amateur- oder Turnier-Spieler mal schachkulturell über den Rand seines kleinen 64-feldrigen Brettes hinausblicken wollte, der griff bis heute vorzugsweise zu einem anderen, ebenfalls qualitätsvollen Schach-Periodikum, nämlich «Karl». Seit kurzem wird also nun mit «Caissa» auch für die historisch-wissenschaftlich Interessierten unter den Schach-Adepten eine willkommene und qualitativ professionelle Ergänzung zur Verfügung stehen, die zumal mit einem Einzelpreis von 15 Euro pro Band das Budget absolut fair belastet. Für diese Leserschicht ist «Caissa» zweifellos das neue Referenz-Printmedium – auch oder gerade in unseren modernen Tagen der kurzlebigen Live-Turnier-News und des Blog-Häppchen-Schachs… ■

Mario Ziegler (Hrsg.): Caissa – Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte Nummer 1/2016 (Erstausgabe), 94 Seiten, Chaturanga Verlag, ISSN 2363-8214

Gerhard Josten: «Auf der Seidenstraße zur Quelle des Schachs»

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Bereicherung des Diskurses über den Schach-Ursprung

Thomas Binder

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Auf der Seidenstrasse zur Quelle des Schachs - Cover - Gerhard JostenDie Frage nach dem Ursprung des königlichen Spiels gehört zu den ungelösten Problemen der Kulturgeschichte. Als sicher kann gelten, dass das Schachspiel aus südöstlicher Richtung zu uns gelangt ist. Alle weiteren Details bleiben bisher – und werden es möglicherweise immer bleiben – im Reiche der Mythen verborgen.
Gemeinhin wird der Ursprungsort in einem riesigen Gebiet vermutet, das mit «China, Indien oder Persien» zu umschreiben wäre. Oft wird sogar versucht, einen einzelnen Schöpfer des Spiels zu benennen. Selbst die berühmte Weizenkornlegende reiht sich in diese Überlegungen ein, ist doch die von Feld zu Feld verdoppelte Füllung des Schachbretts mit Weizenkörnern der Lohn für den «Erfinder des Schachspiels».

Zu den Forschern, die sich in jüngerer Zeit auf die Suche nach den Quellen des Schachs gemacht haben, zählt die Initiativgruppe Königstein. Von 1991 bis 2005 trafen sich namhafte internationale Schachhistoriker zu acht Konferenzen. Letztlich konnten auch sie keine schlüssige Antwort auf die eingangs gestellte Frage finden. Auf der Homepage http://www.schachquellen.de ist ihr Vermächtnis dokumentiert.
Eines der Mitglieder dieser Gruppe ist auch der deutsche Schachhistoriker, -komponist und -schriftsteller Gerhard Josten. Er legt nunmehr in Buchform seine Erkenntnisse und Schlussfolgerungen zum Thema vor.

Gerhard Josten - Seidenstrasse Quelle des Schachs - Afrasjab
«Schmelztiegel der Kulturen und Spiele»: Das alte Kushan-Reich

In den Mittelpunkt der Überlegungen stellt er dabei die Seidenstraße – einen Oberbegriff für die Handelsrouten entlang derer schon um die Zeitenwende der Kontakt zwischen Europa und (Ost-)Asien seinen Anfang nahm. Dabei wurden nicht nur Handelsgüter ausgetauscht, sondern auch Wissen, Ideen, Techniken – sicher aber auch Geschichten, Kunst, Überzeugungen – und ganz gewiss auch Spiele und Spielideen.

In einem seiner einführenden Kapitel führt uns Josten in jene Zeit und räumt mit manchen falschen Vorstellungen über die Seidenstraße auf. So musste man keinesfalls den ganzen Weg vom Mittelmeer nach China auf sich nehmen, um von den Segnungen dieser Route zu profitieren. Vielmehr wurden Güter und Ideen über viele Zwischenstationen unter den Völkern weitergereicht, dabei immer wieder verändert und bereichert.

Gerhard Josten - Seidenstrasse Quelle des Schachs - Synkretismus
Synkretismus als schachistorische Forschungstechnik

Den letztgenannten Prozess beschreibt Gerhard Josten nun für das Schachspiel, indem er verschiedene (Brett-)spiele ins Feld führt, die in den Ländern entlang der Seidenstraße und in deren weiterem Einflussgebiet verbreitet waren. Er wägt ab, welche Elemente dabei jeweils in das Schachspiel eingeflossen sind, wie sie sich zu einem Spiel vereinigten und ergänzten, das letztlich als Urform des Schachs angesehen werden kann. Hierfür verwendet er an zentraler Stelle und durchaus schlüssig den aus der Philosophie und Religionswissenschaft bekannten Begriff des Synkretismus.
Den Ort, an dem das Schachspiel entstanden sein könnte, bestimmt Josten im Kushanreich, welches innerhalb der Seidenstraße eine solch zentrale Position einnimmt, dass es sich als Schmelztiegel der Kulturen und ihrer Spiele offenbar anbietet.

Hat der Autor damit die Frage nach dem Ursprung des Schachs gelöst? Sicher nicht! Er bereichert aber den Diskurs um eine interessante Hypothese, die über den genannten Entstehungsort hinaus verschiedene neue Ideen einbringt. Ob sie dem Anspruch strenger Wissenschaft standhält, mag Ihr Rezensent nicht beurteilen. Das ist aber auch sekundär, solange keine eindeutig schlüssigeren Erklärungsansätze bekannt sind.
Die von Josten vorgelegte Arbeit ist eine in sich geschlossene Theorie – nicht besser und nicht schlechter als andere. Das Verdienst des Autors besteht darin, seine Ideen in eine auch dem Laien zugängliche Form gebracht und unsere Sinne für das nach wie vor ungelöste Problem geschärft zu haben.
Ob man seinen Gedankengängen in jedem Falle folgen möchte, bleibt dem Leser überlassen. An manchen Stellen konnte ich dies jedenfalls nicht bis ins letzte Detail tun – so als er zu einem unvollständig(!) gefundenen Satz von mehr als 4’000 Jahre alten Spielsteinen eine mögliche Anordnung auf einem 8×8-Brett ableitet, die natürlich der des heutigen Schachs sehr ähnlich ist.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Gerhard Josten bereichert mit seiner neuen Monographie die Forschung zum Ursprung des Schachs um eine interessante Hypothese. Seine Ideen werden schlüssig und gut lesbar vorgetragen, dabei passend illustriert. Die Kaufempfehlung für einschlägig interessierte Leser wird (trotz des recht hohen Preises) gerne ausgesprochen.

Jostens Buch ist angenehm lesbar geschrieben. Hier kommt ihm sein für einen Sachbuchautor überdurchschnittliches Schreibtalent zu Gute, welches ja schon in Romanen erprobt ist. Die Darstellung ist reich und zweckmäßig illustriert, überwiegend mit archäologischen Funden von Spielsteinen und –brettern sowie kartographischen Skizzen. Dabei gelingt Gerhard Josten auch der Spagat zwischen erfrischender Lesbarkeit und wissenschaftlicher Korrektheit im Umgang mit Quellen und Zitaten. Erstere stammen oft aus dem Internet. Der Autor hat, obwohl schon im achten Lebensjahrzehnt stehend, dieses Medium aktiv in seine Forschungsarbeit einbezogen. Zu den Zitaten ist anzumerken, dass englischsprachige in der Regel ohne Übersetzung stehen gelassen wurden.

Als Klammer des Buches dient der sogenannte  Babson-Task – eine Aufgabe, die für Schachkomponisten lange Zeit ebenso unlösbar schien, wie für die Historiker die Frage nach den Quellen des Schachs. Auf dem Titelbild prangt (vielleicht nicht ganz zum Thema passend) die bisher beste Darstellung hierzu in einer Aufgabe des Russen Leonid Jarosch. Gegen Ende des Buches kommt Josten darauf zurück. Man mag den Zusammenhang zur Grundthematik etwas bemüht finden, als eine weitere Anregung zum Weiterforschen (z.B. im Internet) nimmt der Rezensent diesen Exkurs gerne auf.
Der Preis des Buches von knapp 30 Euro erscheint mir allerdings etwas zu hoch und wird ihm möglicherweise die verdiente Verbreitung unter Schachspielern, die gern etwas über den Brettrand hinausschauen, erschweren. ■

Gerhard Josten: Auf der Seidenstraße zur Quelle des Schachs, Diplomica Verlag Hamburg, 139 Seiten, ISBN 978-3842892194

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Weitere Schach-Rezensionen im Glarean Magazin

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Mario Ziegler: «Das Schachturnier London 1851»

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Qualitätsvolle Monographie zu einem schachhistorischen Meilenstein

Thomas Binder

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Schach-Turnier-London-1851-Chesscoach-Verlag-Cover-Glarean-MagazinDas Jahr 1851 markiert einen Meilenstein in der Geschichte des Schachs als Wettkampfsport. Zum ersten Mal trafen einige der anerkannten Meister in einem Turnier aufeinander. Bis dahin hatten sich die Besten der Besten nur in Match-Zweikämpfen gegenüber gestanden. In London nun maßen sich 16 Spieler, darunter gut zur Hälfte Akteure, die man nach heutigem Verständnis etwa zu den Top-20 der Super-Großmeister zählen würde.
Den Übergangscharakter der Veranstaltung verdeutlichen auch die Regularien. So war «London 1851» mitnichten ein Turnier, wie wir es heute kennen, sondern eine Folge von KO-Matches, die in einem Finale kulminierte. Eine Begrenzung der Bedenkzeit war nicht vorgesehen, nach 8 Stunden wurde die Partie vertagt. Interessant auch, dass zwar das Anzugsrecht ausgelost wurde, nicht aber die Farbverteilung. So konnte unter Umständen auch Schwarz die Partie eröffnen. Die damit nötige Übersetzung der Partien in die heute übliche Notation mag in einigen Fällen die Quelle von Unklarheiten gewesen sein.
Über das Turnier von London gibt (gab es bisher) zwei Standardwerke: 1852 veröffentlichte der Engländer Howard Staunton das authentische Turnierbuch. Staunton war die zentrale Figur des Londoner Turniers. Er wirkte maßgeblich in Vorbereitung und Durchführung des Turniers mit und nahm zudem als Spieler teil. Sportlich erlebte er allerdings mit Platz 4 eine Enttäuschung. Stauntons verdienstvolles Turnierbuch wurde 2010 von Jens-Erik Rudolph in einer deutschen Ausgabe neu herausgebracht. Den deutschen Klassiker lieferte bereits 1852 der Berliner Verlag Veit & Company. Eine namentliche Nennung des Autors hierzu gibt es bisher nicht. Mario Ziegler – um nun endlich zum hier rezensierten Buch zu kommen – nennt einige Argumente für die Autorenschaft Alexanders von Oppen, des Herausgebers der «Schachzeitung».

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Imposanter Schach-Turnier-Saal: Der Londoner «Crystal Palace» im Jahre 1851

Mit dem letzten Satz wurde bereits angedeutet, dass der Historiker Dr. Mario Ziegler in der Tat neue Forschungsergebnisse vorlegen kann. Er arbeitete beide Turnierbücher sowie darüber hinaus zahlreiche Schachzeitungen und –kolumnen (buchstäblich aus «aller Welt») auf. Ein breites Feld für geschichtliche Forschungen lässt das Londoner Turnier allemal. So gibt es bis heute keinen genauen Terminplan des wohl knapp 2 Monate dauernden Wettstreits. Ziegler hat hier Pionierarbeit geleistet, indem er für viele Partien das Datum auf engere Zeiträume eingrenzen konnte. Zu der kontrovers diskutierten Abmachung zwischen dem späteren Turniersieger Adolf Anderssen und seinem Viertelfinalgegner Jozsef Szen über eine Teilung des Preisgeldes, das einer der beiden erringen würde, entwickelt Ziegler in ausführlicher und gut fundierter Argumentation einen eigenen Standpunkt. So ergreift er auch an vielen anderen Stellen sehr wohl Partei für den einen oder anderen Spieler, für den einen oder anderen Kommentator, analysiert und moderiert die einschlägige Fachdiskussion.

Den Hauptteil des Buches bilden die ausführlich kommentierten Partien. Auf ca. 370 Seiten werden die 85 gespielten Schachpartien vorgestellt. Knapp 100 Seiten nehmen die Porträts der 16 Teilnehmer ein – naturgemäß in sehr unterschiedlicher Gewichtung, sind doch über die weniger bekannten Teilnehmer kaum biographische Details verfügbar. Gehen einige der Porträts an die 10 Seiten heran, oder bei Staunton weit darüber hinaus, so ist es bei E.S. Kennedy – nicht einmal die Vornamen sind bekannt – nur eine halbe Seite. Selbst über Anderssens Finalgegner, den Engländer Wyvill kommt kaum mehr als eine Seite zusammen. Das zeigt einmal mehr, auf welch schwieriges Forscherterrain sich Mario Ziegler begeben hat. Komplettiert wird sein Werk durch eine Reihe kürzerer Artikel zur Vorgeschichte und Nachwirkung des Turniers.

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Spielte 1851 auch die «Unsterbliche Schach-Partie»: London-Turniersieger Adolf Anderssen

Zu den großen Stärken des vorliegenden Buches muss Zieglers Sprachstil gezählt werden. Es ist ein Vergnügen, seine Zeilen zu lesen. Ihm gelingt eine sachliche Darstellung, die ohne emotionale Aufwallungen auskommt und dennoch spannend und lebendig zu lesen ist. Dabei stört es nicht, dass der Historiker nun mal nicht aus dem Korsett einer wissenschaftlich fundierten Arbeit entfliehen kann. Fast jede Seite ist mit umfangreichen Fußnoten gespickt. Neben akribischen Quellenangaben beherbergen sie jeweils den Text der fremdsprachigen Originale. Davon Gewinn zu haben, setzt zwar die sichere Beherrschung der zitierten Sprachen – zudem in zeitgenössischer Ausprägung – voraus, mit diesem Hintergrund kann man aber noch manche Nuancen entdecken, die bei der Übersetzung verloren gegangen sind.

Im Mittelpunkt des Interesses stehen natürlich die Partieanalysen. Hier leistet der Autor eine solide Arbeit. Jede einzelne Partie wird sehr ausführlich vorgestellt, in angemessener Weise mit Diagrammen illustriert.  In der Eröffnungsphase verweist Mario Ziegler an vielen Stellen auf den damaligen Stand der theoretischen Diskussion und auf Vorgängerpartien. Ein Verweis auf heutiges Theoriewissen findet hingegen seltener statt. Der Partieverlauf wird anschaulich geschildert, insbesondere die Wendepunkte werden pointiert herausgestellt. Die analysierten Alternativen und Varianten untermauern die Argumentation. Natürlich stützt sich Mario Ziegler dabei auf Computerhilfe. Er benennt im Quellenverzeichnis selbst die eingesetzten Programmversionen und die benutzte Hardware. In den Kommentaren wird für mich freilich nicht immer erkennbar, wo Ziegler eigene Entdeckungen (bzw. die seines Computers) präsentiert und wo er auf bereits früher veröffentlichte Analysen zurückgreift.

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Analysen-Beispiel der Partie Staunton-Horwitz

Dem heutigen Leser mag es befremdlich vorkommen, dass damals selbst in einem Elite-Turnier grobe Fehler an der Tagesordnung waren. Auch die geringe Remisquote (nur 7 von 85 Partien) spricht für ein ganz anderes Spielniveau. So gesehen könnte man das vorliegende Werk vielleicht noch um eine globalere Analyse zur Entwicklung der Spielstärke und der Leistungsdifferenzierung in jener Epoche ergänzen.

Neben der schachlich soliden Arbeit überzeugen die Partiebesprechungen durch ihren flüssigen Schreibstil und die nie verloren gehende Einbindung in den Gesamtzusammenhang des Turniers. Etwas unglücklich erscheint allenfalls, dass ab dem Halbfinale auch die Matches der unterlegenen Spieler ohne klare Abgrenzung vorgestellt werden. So steht das große Final-Match zwischen Anderssen und Wyvill nicht am Ende des Buches, sondern wird noch von den Spielen um die Plätze 3 bis 7 gefolgt. Hier könnte ich mir bei einer Überarbeitung eine klarere Teilung in das eigentliche KO-Turnier und die Trostrunde vorstellen.

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Nach mehr als 150 Jahren wird von Dr. Mario Ziegler ein neues Standardwerk über das erste große Schachturnier vorgelegt. Im Mittelpunkt stehen Porträts der 16 Turnierteilnehmer und die ausführliche Besprechung aller 85 Partien. Zieglers Monographie überzeugt gleichermaßen durch fundierte historische Recherche wie flüssig geschriebene Texte.

Das vorliegende Buch macht einen hochwertigen Eindruck. Typographisch gibt es nichts auszusetzen, auch der Umgang mit den zahlreichen Fußnoten ist gelungen. Bedenkt man die enorme Forschungsarbeit, die in diesem Werk steckt, ist der stolze Preis gewiss mehr als gerechtfertigt. Freilich muss offen bleiben, ob es in der Schachszene genügend Interessenten gibt, die es ermöglichen, dass man solche Projekte wirtschaftlich sinnvoll durchhalten kann.
Gerade auch unter diesem Aspekt möchte ich Mario Ziegler viel Erfolg und Beharrlichkeit in seiner Arbeit wünschen. Aus seiner Feder stammen übrigens zwei mindestens genauso reizvolle schachhistorische Projekte: «Die große Schachparade» (an den historischen Epochen orientiert) und «Säulen des Schachs» (Vorstellung wichtiger Orte der Schachgeschichte). Zu beiden Serien ist bislang ein Band erschienen, und man darf erwartungsfroh auf Fortsetzung hoffen. ■

Mario Ziegler: Das Schachturnier London 1851, Verlag ChessCoach, 555 Seiten, ISBN 978-3944158006

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Weitere Schach-Rezensionen im Glarean Magazin

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Interessante Buch- und CD-Neuheiten – kurz vorgestellt

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Ulrich Suter: «Literarische Innerschweiz»

In jahrelanger, akribischer Recherche hat der Schongauer Kulturschaffende Ulrich Suter eine lexikalische Bestandesaufnahme der gesamten Innerschweizer Literatur-Szene erstellt. Der von der Luzerner Albert-Koechlin-Stiftung herausgegebene Band besticht durch eine großartige biographische Materialfülle, durch qualitative Sorgfalt der Auswahl, durch genaue und lückenlose Bestandesaufnahme, und durch ein sowohl ästhetisches wie praktikables Layout. Enthalten sind über 1’200 innerschweizerische Literaturschaffende aus allen 18 Regionen; auf 520 Seiten wird dabei eine Fülle an Stichworten, Porträts, Leseproben und Infos ausgebreitet. Ein 82-minütiger Dokumentarfilm der Filmemacherin Claudia Schmid über die spektakuläre Landschaft der gesamten Vierwaldstättersee-Region und deren Verankerung im Schaffen auch weltliterarisch bedeutsamer Dichter runden den sehr instruktiven Band ab.
Unser Fazit: Unverzichtbar für jegliche ernsthafte Beschäftigung mit einem ganz speziellen, überraschend originellen und thematisch reichhaltigen Segment der Schweizer Literatur. ■

Ulrich Suter: Literarische Innerschweiz – Regionen, Porträts, Leseproben, Literaturverzeichnis; Albert Koechlin Stiftung, 520 Seiten, mit gleichnamiger DVD-Beilage zum Buch, ISBN 3-905446-13-8

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Beat Portmann: «Alles still»

Inhalt des Kriminalromans: «Eine junge Frau aus einem alten Luzerner Patriziergeschlecht möchte herausfinden, wer ihr Vater ist, nachdem ihre Mutter das Geheimnis mit ins Grab genommen hat. Gemeinsam mit einem vermeintlichen Privatdetektiv macht sie sich auf die Suche nach den Spuren, die das Liebespaar in den frühen Siebzigerjahren hinterlassen hat. Dabei dringen sie immer tiefer in die Psyche einer Stadt vor, die mit dem Namen der Patrizierin eng verbunden und bis heute über ihren Bedeutungsverlust nicht hinweggekommen ist. In wechselnden Begegnungen mit frommen Kindermädchen, wortkargen Marktfrauen und mysteriösen, kettenrauchenden Jesuiten kommen sie einem Verbrechen auf die Spur und schliesslich einer Liebesgeschichte, die sie auf verhängnisvolle Weise in ihren Bann zieht.» (Verlagsinfo) ■

Beat Portmann: Alles still, Kriminalroman (Reihe Tatortschweiz), 240 Seiten, Limmat Verlag, ISBN ISBN 978-3-85791-642-7

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Schachklassiker: «Meilensteine der Schachliteratur»

Anfangs 2009 startete der Hamburger Kleinverleger Jens-Erik Rudolph ein ehrgeiziges Unternehmen: Erklärtes Ziel des rührigen Verlagschefs ist nämlich, der (deutschsprachigen) Schachwelt sämtliche «Klassiker» des Königlichen Spiels in zeitgemäßem Layout und fehlerlektoriert zur Verfügung zu stellen – von Aljechin bis Reti, von Steinitz bis Tarrasch, von Morphy bis Lasker, von Pillsbury bis Nimzowitsch.
Vor ziemlich genau drei Jahren erschien denn mit Siegbert Tarraschs legendärem Lehrbuch «Das Schachspiel» der Start-Band – und vor kurzem ist mit Ludwig Bachmanns «Schachmeister Pillsbury» bereits das erste Dutzend vollbracht worden. Rudolphs schön aufgemachte, bei BoD herausgebrachte Schach-Klassiker-Reihe dürfte sich schon jetzt bei so manchem Sammler zu einem besonderen Schmuckstück im privaten Schach-Regal gemausert haben, denn seine Nachdrucke überzeugen mit einheitlichem Outfit, mit typographischer Sorgfalt, und nicht zuletzt mit Bereinigungen längst bekannter Fehler der Originalausgaben sowie mit einer Fülle zusätzlicher Diagramm-Drucke. Eine beachtenswerte und verdienstvolle Initiative, die nicht nur dem historisch Interessierten. sondern jedem Schachfreund die ganz Großen der Chess History näher bringt. ■

Jens-Erik Rudolph (Hg): Schachklassiker – Meilensteine der Schachliteratur, BoD, bisher 12 Bände

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Rainer Wedler: «Seegang»

In seiner Novelle «Seegang» kehrt der mehrfach ausgezeichnete Ketscher Essayist, Lyriker und Roman-Autor Rainer Wedler quasi zu seiner einstigen Liebe zurück: der Seefahrt – war doch der 1942 in Karlsruhe geborene Schriftsteller jahrelang Schiffsjunge bei der Handelsmarine, bevor er in Heidelberg studierte und 1969 über Burley promovierte. In Wedlers «Seegang» – thematisch effektvoll unterstützt durch eingestreute Grafiken/Zeichnungen – unternimmt ein älterer Mann alleine eine Schiffsreise und trifft unversehens in seiner Kabine auf eine blinde Passagierin, eine junge Frau, gar ein Mädchen noch, sie könnte seine Tochter sein oder eine junge Geliebte… ■

Rainer Wedler: Seegang, Novelle, 116 Seiten, Pop Verlag, ISBN 978-3863560300

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Michael Ehn / Ernst Strouhal: «en passant»

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Eindrückliche Zeitdokumentation der jüngeren Schachgeschichte

Thomas Binder

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Das 20-Jahr-Jubiläum der wöchentlichen Schachkolumne in einer überregionalen Tageszeitung ist heutzutage sicher ein Grund für würdige Feiern. Michael Ehn und Ernst Strouhal (dem regelmäßigen Leser als «ruf & ehn» bekannt) können stolz auf genau diese zwei Jahrzehnte ihrer Arbeit für den Wiener «Standard» zurückblicken. Sie begehen dies mit einer Sammlung ihrer dort erschienenen Beiträge und werden das dabei entstandene Buch «en passant» am 10. Dezember im «project space» der Wiener Kunsthalle bei einer grandiosen Veranstaltung präsentieren.
Die beiden Autoren müssen dem Fachpublikum wohl nicht mehr vorgestellt werden. Michael Ehn gehört zu den renommiertesten Schachhistorikern der Gegenwart. Erst kürzlich konnten wir an dieser Stelle sein Buch «Alles über Schach» vorstellen. Ernst Strouhal doziert u.a. an der Universität für angewandte Kunst in der österreichischen Hauptstadt. Seine kulturwissenschaftlichen Studien haben vielfältige Bezüge zum Schachspiel.

Der Versuch, eine Zeitungskolumne in Buchform zu pressen, erscheint gewagt. Ehn und Strouhal haben einen ungewöhnlichen Ansatz gewählt, diese Vielfalt zu bewältigen. Ihrem Buch ist eine DVD beigegeben, die eine unveränderte Wiedergabe aller seit Juni 1990 erschienenen Beiträge – das sind mehr als 1’100 – enthält. Dabei gehen die Autoren betont puristisch vor: Die Artikel der Jahre 1990 bis 2008 werden als Scans im JPG-Format präsentiert, die der Jahre 2009 und 2010 (bis Juni) als PDF-Dokument. So hat man einen Weg gefunden, vergängliches Material aus Tageszeitungen vollständig für die Schachfreunde künftiger Generationen zu erhalten.

20 Jahre lang Schach-Feuilleton in Wien: Die Kult-Kolumne von «ruf & ehn» im «Standard»

Eine rückwirkende Rezension der Kolumnen aus heutiger Sicht verbietet sich von selbst. Um dem Leser einen kleinen Einblick zu gewähren, will ich willkürlich ein paar Monate aus dem riesigen Fundus herausgreifen und die Inhalte ganz kurz vorstellen. Die Auswahl wurde nach dem Zufallsprinzip getroffen, lässt aber den eigentlichen Reiz der Lektüre aufscheinen: Es ist höchst amüsant, frühere Beiträge aus heutiger Sicht noch einmal zu lesen, Parallelen zu ziehen, Wertungen zu hinterfragen.

April 1992: Am 5.4. kommentieren die Autoren die Querelen um die Brettbesetzung der österreichischen Olympiade-Mannschaft und teilen in Richtung Verbandsspitze aus. Aktuelle Parallelen kommen dem Rezensenten nicht ganz zufällig in den Sinn. Am 12.4. wird der Schachöffentlichkeit ein neues Wunderkind vorgestellt: Der 12jährige Peter Leko war damals gerade der jüngste IM der Schachwelt. Leko prophezeite übrigens seinerzeit Anand als künftigen Weltmeister – und sich selbst (für 2002) als dessen Nachfolger. Erwies sich Teil 1 der Vorhersage als Volltreffer, wird am zweiten Teil noch gearbeitet… Eine Woche später würdigen die Autoren Alex Wohl für den Gewinn der australischen Meisterschaft und zum Monatsende geht es in die «exzentrische Welt der Studien». Anlass ist das Erscheinen der Studien-Datenbank des Holländers Harold van der Heijden.

Juli 2002: Das Modewort hieß «Advanced Chess», wobei sich zwei menschliche Spieler mit Computer-Unterstützung duellieren. So berichtet die Kolumne vom 6.7.2002 über ein solches Match zwischen Anand und Kramnik – nicht ahnend, dass beide mehrere Jahre später ohne Rechner um die WM gegeneinander spielen werden. Wie es der Zufall will, wird eine Woche später ein weiterer WM-Kandidat ins Bild gesetzt: Ein Topalow-Porträt ziert den Beitrag über das Dortmunder Kandidatenturnier, am 20.07. werden dann Topalow und Leko als Finalisten von Dortmund präsentiert und zum Ende des Monats steht fest: «Es kann nur einen geben» – Leko ist der Herausforderer für Weltmeister Kramnik.

August 2008: In diesem Monat stehen zunächst drei Beiträge zu Geschichte und Gegenwart des Schachs auf der Karibik-Insel Kuba im Blickpunkt. Am 25. August wird dann mit weit ausholendem Blick auf den Ödipus-Komplex eine aktuelle Turnierpartie zwischen Vater und Sohn Carlsen kommentiert. Ohne «ruf & ehn» wäre sie längst in Vergessenheit geraten. –

Auf Buch und DVD namens «en passant» dokumentieren Ehn und Strouhal die 20-jährige Geschichte ihrer Schachkolumne im Wiener «Standard». Das großformatige Buch bietet als Orientierungshilfe die dazugehörigen Register. Wer sich auf die Arbeit mit den mehr als 1’000 Dateien einlässt, wird mit hochinteressanten Fundstücken zur jüngeren Schachgeschichte und darüber hinaus belohnt.

Die Kolumne wird meist mit einer aktuellen oder thematisch passenden und angemessen kommentierten Meisterpartie beschlossen. Hinzu kommen eine oder mehrere Schachaufgaben, seit Juli 2000 in den drei Kategorien «Ganz leicht», «Ganz schön» und «Ganz schön schwer» – Titel, die den spielerisch souveränen Umgang der Autoren mit dem königlichen Spiel ahnen lassen.

Das großformatige und aufwendig gestaltete Buch könnte man augenzwinkernd als «DVD-Booklet» bezeichnen. Es enthält die unentbehrlichen Orientierungshilfen zur DVD: eine kurze Chronologie der Beiträge; ein alphabetisches Namen- und Sachregister jeweils mit Verweis zum Datum des Beitrages; eine detailliert nach Eröffnungen sortierte Partieübersicht und chronologische Übersicht der Partiefragmente; eine Auswahl von ca. 270 der oben erwähnten Aufgaben mit Lösungen; und als Highlight: 20 Kolumnen als Faksimile-Abdruck.

Uns liegt also ein großartiges Zeitdokument vor, mit dem die verdienstvollen Autoren ihrer Schachspalte ein bleibendes Denkmal gesetzt haben. Wer es in voller Pracht genießen will, muss sich am Rechner durch das Gewirr von weit über 1’000 Dateien kämpfen – eine Geduldsarbeit, die wohl nur Enthusiasten (und Rezensenten) fertig bringen. Vielleicht ist ja dereinst das nächste Jubiläum (das Vierteljahrhundert?) Anlass für eine «echte» Buchausgabe ausgewählter Kolumnen mit rückblickendem Kommentar. Lesespaß und Entdeckerfreude wären garantiert. ■

Michael Ehn / Ernst Strouhal: «en passant», Mit DVD, Springer Verlag Wien / New York, 182 Seiten, ISBN 978-3-7091-0345-6

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Leseprobe (Buch-Scan)



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Michael Ehn / Hugo Kastner: «Alles über Schach»

Mythen und Kuriositäten rund ums Königliche Spiel

Thomas Binder

Der Humboldt-Verlag hat sich in letzter Zeit verstärkt des königlichen Spiels angenommen. Mittlerweile ist dort eine kleine Schachbibliothek entstanden, die alle wesentlichen Bereiche von der Eröffnung bis zum Endspiel abdeckt. Nach «Legendäre Schachpartien» liegt nun mit «Alles über Schach – Mythen, Kuriositäten, Superlative» das zweite auf mosaikartige Information ausgerichtete Buch vor. Als Autoren lassen der bekannte Schachhistoriker und -journalist Michael Ehn sowie der Spiele-Experte Hugo Kastner höchste Ansprüche erwarten.

Das Genre, dem sie sich verschrieben haben, ist nicht neu. Zu allen Zeiten wurden Bücher geschrieben, die in unterhaltsamer Weise möglichst vielseitige Fakten aus der Geschichte des Schachspiels sammeln und sie mit besonders spektakulären Zügen würzen. Ein Blick nur in den eigenen Bücherschrank des Rezensenten fördert u.a. Werke von Krabbé («Schach-Besonderheiten»), Damsky («Chess records»), Fox / James («The complete chess addict»), Linder («Faszinierendes Schach») oder die schachhistorischen Werke von Edward Winter zu Tage. Der letzte größere Beitrag auf diesem Gebiet, Christian Hesses «Expeditionen in die Schachwelt», setzte in mancher Hinsicht neue Maßstäbe und wird von Ehn/Kastner in einer Rangliste der wichtigsten Schachbücher zu Recht ganz weit vorn eingeordnet. Die vorgenannten Titel umreißen etwa das Spektrum, das wir auch hier zu erwarten haben, setzen aber Schwerpunkte auf jeweils eigenem Gebiet. So ist Hesse in seinen Analysen deutlich tiefgründiger, Krabbé konzentriert sich auf wenige Einzelthemen, Winter betreibt eigenständige schachhistorische Forschung.

Spiele-Experte und Schach-Autor: Hugo Kastner

Ehn und Kastner lösen mit Leichtigkeit die Aufgabe, sich in dieser Vielfalt zu behaupten und legen ein Buch vor, das sich – auch bei sehr günstigem Preis-Leistungsverhältnis – als unterhaltsame und lehrreiche Lektüre für jeden Schachfreund empfehlen kann. Seine Stärke ist die Vielfalt der angesprochenen Themenkomplexe bei ansprechender Gestaltung. Naturgemäß findet man vieles wieder, was man aus ähnlichen Sammlungen bereits kennt. Aber selbst der versierte Leser wird neue Fakten, Informationen und vor allem Partien entdecken. Gegenüber anderen Werken dieser Art hebt sich «Alles über Schach» zudem mit einer ansehnlichen Reihe von Fotoseiten ab.
Wo immer es geht, führen die Autoren eine Art Rangliste ein, folgen darin wohl dem Zeitgeist der Fernseh-Ranking-Shows. Mein Geschmack ist diese Pseudo-Objektivität nicht, aber es stört auch nicht wirklich. Vielleicht macht ja ein Internet-Portal daraus sogar eine tragfähige Idee für Abstimmungen nach den «Best-Of»s der Schachgeschichte.

«Informatives und vielseitiges Lese-Buch»: Uralt-Matt-Beispiel aus «Alles über Schach»

Blicken wir kurz auf den Inhalt – nur so kann man wohl den vielseitigen Charakter des Buches erfassen. Es gliedert sich in sechs große Abschnitte mit jeweils zwei Schlagworten als Titel:
«Geschichte & Mythos» (ca. 65 Seiten): Kurze Abrisse zur Schachgeschichte von der unvermeidlichen Weizenkornlegende über Mittelalter und 20. Jahrhundert bis zum Computer-Zeitalter.
«Meister & Amateur» (ca. 100 Seiten): Es beginnt mit Statistiken und Superlativen, wie man sie in vielen derartigen Büchern findet und Seitenblicken auf schachspielende Politiker, Sportler und Künstler. Dann folgt «endlich» die erste Rangliste: Die 10 wichtigsten Schachspielerinnen der Geschichte. Weitere Listen folgen für die Top-Spieler, die niemals Weltmeister wurden (Philidor vor Morphy und Keres) sowie die Titelträger (Waren wirklich Euwe und Spassky die «schwächsten» Weltmeister?).
«Partie & Turnier» (ca. 60 Seiten): Neben einigen Rekorden und Superlativen der Turniergeschichte und zu Partien (a la «Schnellstes Patt» und «langlebigste Vierfachbauern») stehen nun die Ranglisten ganz im Mittelpunkt. Ehn und Kastner servieren – nach ihrer Einschätzung, aber weitgehend plausibel – die schönsten Einzelzüge aus praktischen Partien: Marshalls «Goldener Zug» landet auf Platz 4, Sie dürfen also gespannt sein, wer sich vor ihm platziert. Es folgen die zehn besten Kurzpartien, wobei mir die Grenze bei maximal 22 Zügen etwas hoch gegriffen erscheint, sowie 2×10 «Partien für die Ewigkeit». In dieser letzten Kategorie helfen sich die Autoren mit dem Kunstgriff einer zeitlichen Zweiteilung. Zunächst werden uns die Klassiker präsentiert, dann die Partien der letzten 60 Jahre. Mit Blick auf das Gesamtwerk hätte ich mir diesen Abschnitt etwas umfangreicher gewünscht.

«Vielseitige Kuriositäten»: Marathon-Beispiele aus «Alles über Schach»

«Kunst & Literatur» (ca. 55 Seiten): Hier geht es vor allem um Schach in Literatur und Film sowie um Schachhistoriker und -sammler. Neben einigen episodischen Artikeln sind auch hier Ranglisten präsent. Bemerkenswerterweise belegt sowohl bei den Schachbüchern wie bei den Schachfilmen der gleiche Stoff den ersten Platz. Welcher es ist, soll hier nicht verraten werden.
«Problem & Studie» (ca. 90 Seiten): Für meinen Geschmack ist dieser Bereich, der den meisten Lesern weniger vertraut sein wird, etwas überrepräsentiert. Gleich 11 Ranglisten gibt es zu verschiedenen Bereichen des Kunstschachs von Retro- über Märchenschach bis zu Problemen und Studien und ihren jeweiligen Protagonisten. Da verliert man schnell die Übersicht, zumal gerade diese Bereiche oft mehr Erläuterung gebraucht hätten. Eine Lösung von «Dawson’s Weihnachtsbaum» auf wenigen Zeilen dürfte jedenfalls beim Retro-unerfahrenen Leser mehr Fragen als Antworten hinterlassen. Dessen ungeachtet, hält auch dieser Abschnitt eine Reihe netter Entdeckungen bereit, die dem Rezensenten bisher entgangen waren.
«Rösselsprünge & Rochaden» (ca. 50 Seiten): Das letzte Kapitel vereint in kurzen Splittern vielfältige Kuriositäten aus der Geschichte des Schachs. Vergessene Namen und Fakten werden ans Licht gezogen. Vieles davon liest man gern. Wussten Sie zum Beispiel, dass man sich früher bei manchen Turnieren Bedenkzeit regelrecht «einkaufen» konnte oder dass es einen einzigen Schach-Weltmeister gab, zu dessen Hobbies das Kanufahren gehörte? Auf die Nachricht über einen – mir bislang unbekannten – Schachmeister, der nach seinem Tode ausgestopft und zur Schau gestellt wurde, hätte ich hingegen gerne verzichtet. Ganz zum Schluss folgt auch in diesem Kapitel eine Rangliste: Unter «10 Schach-Varianten» führt Fischer-Random vor Tandem- und Räuberschach. Das ist dann eine Spitzengruppe, der auch der praktizierende Jugendtrainer aus eigener Erfahrung zustimmen kann.

Mit «Alles über Schach» komplettiert der Humboldt-Verlag seine Schachreihe mit einem informativen und vielseitigen Lese-Buch. Die Autoren Ehn und Kastner ergänzen das bereits gut versorgte Genre mit einem Werk, das interessante eigene Schwerpunkte setzt.

464 Seiten ungetrübter Lesefreude liegen hinter uns. Einige wenige handwerkliche Fehler sind dem Rezensenten aufgefallen; sie lassen sich bei einer Neuauflage sicher beheben.
So wird dem jungen deutschen Fußballstar Özil, der leidenschaftlich gern Schach spielt, ein falscher Vorname beigegeben.
Beim Kommentar zu Kortschnoi–Karpow (5. WM-Partie 1978) zitiert der Autor zwar widersprüchliche Einschätzungen von Rauser und Tal, verzichtet aber auf die heute mögliche Objektivierung durch Tablebases.
Die schachlichen Analysen sind notwendigerweise durchweg recht kurz. Dennoch sollten oberflächliche Formulierungen (wie «… und matt im nächsten Zug», wenn doch tatsächlich noch verzögernde Verteidigungen möglich sind, die u.U. sogar zu einem anderen Mattbild führen) noch ausgebessert werden.
Schließlich wünscht sich der Rezensent noch ein Namens- bzw. Partieverzeichnis im Anhang und würde dafür auch gerne auf die nach Sternzeichen sortierte Geburtstagsliste verzichten. ■

Michael Ehn/Hugo Kastner: Alles über Schach, Humboldt Verlag Hannover, 464 Seiten, ISBN 978-3-86910-171-2

Leseproben

Elmar Hennlein: «Die Schach-Weltmeisterschaften der Frauen»

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Umfassende Chronik des weltmeisterlichen Frauen-Schachs

Thomas Binder

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Gleich mehrfach betritt das Buch «Die Schach-Weltmeisterschaften der Frauen» von Elmar Hennlein Neuland. Der Autor hat als Literaturwissenschaftler und Theologe bisher auf anderen Gebieten gearbeitet, verfasst nun aber als passionierter Schachspieler erstmals eine Monographie zu dieser Thematik. Zugleich ist es das erste Schachbuch aus dem Wuppertaler Damen-Verlag. Somit liegt uns nun – und das ist die dritte und bedeutendste Neuerung – erstmals eine auf Vollständigkeit abzielende Darstellung zur Geschichte der Schachweltmeisterschaften der Damen vor.

Wer selbst im zeitgemäßen Medium Internet den Versuch macht, sich einen umfassenden Überblick über die nur gut 80jährige Geschichte dieser Wettkämpfe zu verschaffen, der kann verstehen, dass Hennlein von langjähriger Recherche spricht. Es ist dem Autor gelungen, die weit verstreuten Informationen zu einer chronologischen Gesamtdarstellung zu vereinen. In gedruckter Form sucht das Buch seinesgleichen und kann sich wohl als Standardwerk zur Thematik etablieren. Der Internet-Nutzer sei ergänzend auf die Webseite von Mark Weeks zur Geschichte der Schach-WM hingewiesen sowie auf die deutschsprachige Wikipedia, wo vor allem Gerhard Hund verdienst- und liebevolle Arbeit geleistet hat.

Die erste Schach-Weltmeisterin Vera Menchik im Simultan-Kampf gegen 20 Spielerinnen und Spieler (London 1931)

Elmar Hennlein widmet sich in einzelnen Kapiteln jeder der bisher 32 Weltmeisterschaften der Damen und den Titelträgerinnen von Vera Menchik bis Alexandra Kostenjuk. Zusätzlich geht er auf das Damenturnier 1897 in London ein, den legitimen Vorgänger der Weltmeisterschaften. Zu jedem Titelkampf bekommen wir die komplette Ergebnisübersicht mit Kreuztabellen oder Partielisten geboten, einschließlich der Kandidaten-Wettkämpfe (ab 1952) und Interzonenturniere (ab 1971). Bei Turnieren im Schweizer System ergänzt der Autor mit einer Kreuztabelle der oberen Turnierhälfte – ein ungewohnter und aufschlussreicher Blick auf den Turnierverlauf.

Schön, intelligent, sexy: Die amtierende Schach-Weltmeisterin Alexandra Kosteniuk

Zu den herausragenden Spielerinnen gibt es kurze biographische Details, die sich meist aber auf die Lebensdaten und die wichtigsten Turniererfolge beschränken. Etwas umfangreichere Darstellungen finden sich nur über Vera Menchik und ihre zeitweilige Rivalin Sonja Graf. Ist der Eindruck so falsch, dass die Weltmeisterinnen späterer Jahrzehnte – kommen sie aus Russland, Georgien oder China – im Vergleich zu diesen charismatischen Persönlichkeiten irgendwie austauschbar wirken?

Neben den nüchternen Ergebnissen steht jeweils eine knappe Schilderung des Wettkampfverlaufs, die allerdings kaum über das hinaus geht, was man aus den Zahlen ablesen kann. Außerdem werden zu fast jeder WM eine bis zwei entscheidende Partien in Notation und mit Diagramm dargestellt. Die Kommentare innerhalb der Partien sind knapp gehalten, können und wollen eine schachliche Analyse nicht ersetzen. Insgesamt zwölf Spielerinnen werden mit ganzseitigen, sehr gelungenen Porträt-Zeichnungen aus der Feder von Axel Hennlein «ins Bild gesetzt».
Im Anhang finden wir einige Statistiken sowie zusammengefasste biographische Daten zu knapp 100 Spielerinnen. Gewissenhaft sind an allen Stellen die verwendeten Quellen dokumentiert.


Antoaneta Stefanowa in einer Zeichnung von Axel Hennlein
Die bisherigen Frauen-Weltmeisterinnen
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Name                   Zeitraum      Land
Vera Menchik           1927–1944     Tschechoslowakei&GB
keine Weltmeisterin    1944–1950     –
Ljudmila Rudenko       1950–1953     Sowjetunion
Jelisaweta Bykowa      1953–1956     Sowjetunion
Olga Rubzowa           1956–1958     Sowjetunion
Jelisaweta Bykowa      1958–1962     Sowjetunion
Nona Gaprindaschwili   1962–1978     Sowjetunion
Maja Tschiburdanidse   1978–1991     Sowjetunion
Xie Jun                1991–1996     China
Zsuzsa Polgár          1996–1999     Ungarn
Xie Jun                1999–2001     China
Zhu Chen               2001–2004     China
Antoaneta Stefanowa    2004–2006     Bulgarien
Xu Yuhua               2006-2008     China
Alexandra Kostenjuk    seit 2008     Russland

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Wenn man das Buch als Lektüre begreift, wird man irgendwann an einer gewissen Einförmigkeit Anstoß nehmen, die das Thema in der hier gewählten Darstellungsform nun einmal mit sich bringt. Es ist daher nicht als Lesestoff zu verstehen, sondern als Nachschlagewerk – ein Anspruch, den es hervorragend erfüllt.

Der Autor legt ein Standardwerk zu einem bislang vernachlässigten Thema vor. Jede einzelne WM wird sachlich und mit Schwerpunkt auf die sportlichen und biographischen Fakten dargestellt. Wenige Wünsche – insbesondere nach Fotos – bleiben offen. Die hochwertige äußere Gestaltung hebt das Werk vom üblichen Schachbuchmarkt ab, bedingt allerdings auch einen ungünstig hohen Verkaufspreis.

Was bleibt für den Leser an Wünschen? Da ist zunächst der vollständige Verzicht auf Fotos zu bedauern. Für den historisch kurzen Zeitraum müsste sich eigentlich genug Bildmaterial finden lassen. Jedenfalls hätten Fotos die Chance geboten, noch mehr Zeitkolorit zu vermitteln. Gleiches ließe sich vielleicht auch durch verstärkten Einsatz zeitgenössischer Zitate (aus Zeitungen – gern auch im Faksimile) erreichen. Schließlich – und das lässt sich wohl am einfachsten beheben – fehlen in allen Tabellen die Angaben zum Herkunftsland der Spielerinnen.

Das vorliegende Buch hat mit 35 Euro einen stolzen Preis. Mir scheint, dieser ist vor allem der für Schachliteratur ungewöhnlich edlen Ausstattung geschuldet. Das Lektorat hat ganze Arbeit geleistet, der Rezensent keinen einzigen Druckfehler gefunden. Leinen-Einband und sehr hochwertiges Papier ist der geneigte Schachbuch-Leser heute nicht mehr gewohnt… – und er ist wohl leider auch nicht mehr bereit, dafür zu zahlen. Hier könnte der Damen-Verlag möglicherweise am hohen eigenen Anspruch scheitern. Vielleicht kann man das Buch mit einer Auflage in Taschenbuch-Qualität für einen deutlich größeren Leserkreis attraktiv machen; verdient hätte es dies. ■

Elmar Hennlein, Die Schach-Weltmeisterschaften der Frauen, Damen-Verlag Wuppertal, 232 Seiten, ISBN 978-3-942008-00-6

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Leseproben


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