Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip (Roman)

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Ein feministisches Erweckungserlebnis

von Günter Nawe

Wer glaubt, nach der Lektüre dieses Buches zu wissen, was das „weibliche Prinzip“ sei: Fehlanzeige. Vielleicht gilt das aber nur für Männer, die den neuen Roman von Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip gelesen haben. Frauen wissen darüber sicher mehr.

Meg Wolitzer - Das weibliche Prinzip - Roman - Rezension im Glarean MagazinMeg Wolitzer weiß darüber auf jeden Fall eine ganze Menge. Als die berühmte amerikanische Autorin – sie hat unter anderem den großartigen Roman Die Interessanten geschrieben, für den sie als „one of America’s most ingenious and important writers“ bezeichnet wurde – einmal gefragt wurde, worüber sie schreibe, lautete die Antwort: „von Ehe, Familien, Sex, Begehren, Eltern und Kindern“. Und über den Feminismus. Er ist die Blaupause für die Geschichte, besser: die Geschichten, die Meg Wolitzer in Das weibliche Prinzip erzählt.
Wolitzer erzählt also die Geschichte des Feminismus – allerdings in Form einer Rückblende, was darauf schließen lässt, dass trotz augenblicklicher #MeToo-Debatten und des Trump’schen Machismo der Feminismus – der Roman endet im Jahre 2019 – erst einmal Geschichte zu sein scheint. Wie Feminismus allerdings geht, besser: wie er ging – Meg Wolitzer versucht es in ihrem dickleibigen Roman ausführlich zu beschreiben.

Klassische weibliche Entwicklungsgeschichte

Es ist ein fast klassische Entwicklungsgeschichte, die die junge Greer Kadetzky durchmacht. Als blausträhnige Studentin wird Greer von einem Kommilitonen blöd angemacht, indem er sie unerwartet an die Brust fast und sie auch noch, als sie sich dagegen wehrt, beschimpft: „Hier fickt dich keiner außer mir, Blausträhnchen. Und wenn, nur aus Mitleid.“ Ein feministisches Erweckungserlebnis, das ihren weiteren Lebensweg maßgeblich bestimmen wird.
Greer wird zur Feministin, zur Aktivistin unter Anleitung der älteren Faith Frank, einer Ikone des Feminismus, deren Buch Das weibliche Prinzip als eine Art Manifest gilt. Sie bringt sich in eine von Faith Frank gegründete Organisation ein, die sich ganz der Sache der Frauen widmet – in Form von Events, Vorträgen und Diskussionsrunden und von Fall zu Fall auch direkter Hilfe. Schnell wird Greer sozusagen zur rechten Hand der großen Faith.

Meg Wolitzer (geb. 1959 in Long Island /NY) - Glarean Magazin
Meg Wolitzer (geb. 1959 in Long Island /NY)

Zu diesem engagierten Leben, das sich als eine Art Selbsterfahrungsprozess darstellt, zu diesem „Kampf“ für die Rechte der Frauen gehört auch das Leben mit ihrem Freund, mit dem sie partnerschaftlich-befriedigenden Sex hat; eine gute Freundin, die ihre Freundin trotz einer großen Enttäuschung bleiben wird; zu diesem Leben gehört die Mutter, mit der sich irgendwann aussöhnen wird. Und natürlich ihre Mentorin, der sie treu ergeben ist. Soweit, so gut!
Faith Frank ist auf dem Höhepunkt ihrer feministischen Karriere. Ihr Buch hat Furore gemacht. Mit einer groß angelegten Stiftung will sie ihrer Arbeit die Krone aufsetzen. Dass sie sich dazu des Einflusses und des Geldes eines schwerreichen Mannes, mit dem sie einst einen One-Night-Stand hatte, bedient, macht sie allerdings angreifbar und korrumpierbar.

Wie Feminismus (nicht) geht

FAZIT: Die renommierte amerikanische Autorin Meg Wolitzer schwimmt mit ihrem Roman Das weibliche Prinzip etwas auf der Welle von #Me Too – und erzählt in einem groß angelegten Gesellschaftsplot die Geschichte des Feminismus. Mit den beiden Protagonistinnen Greer und Faith hat sie zwei eindringlichen Figuren geschaffen, die doch sehr unterschiedliche Facetten des Feminismus vertreten. Am Ende bleibt allerdings offen, was das weibliche Prinzip ist. Vor allem, wenn sich herausstellt dass Feminismus wie Machotum nach den gleichen Spielregeln geschieht – auf der Suche nach Macht und Erfolg. Männer und Frauen werden den Roman aus unterschiedlicher Perspektive lesen. Und das ist es, was diesen Roman so spannend und interessant macht.

Meg Wolitzer erzählt die beiden sehr unterschiedlichen Lebensentwürfe in einer Art und Weise, die wir es aus vielen amerikanischen Romanen großer Autoren kennen, sozusagen als Great America Novel. Und sie macht es brillant, auch wenn sie oft weitschweifig wird, Umwege geht. Es gibt Szenen, die sich nur schwer in das Gesamtgefüge des Narrativen einordnen lassen, und Figuren, die plötzlich verschwinden, ohne dass ihre Bedeutung für die Geschichte erkennbar wird.
Schaut man hinter die Kulisse des zugegebenermaßen süffig zu lesenden Romans, stellt man fest: Das weibliche Prinzip ist – wie jedes männliche Prinzip – Macht. Die Art und Weisen, wie zur Macht zu kommen, sind sich mehr als ähnlich. Dabei ist es absolut irrelevant, ob Frauen auf andere Weise Macht zu erreichen versuchen als Männer. Das gilt auch für die Sucht nach Erfolg. Feminismus bedeutet also, dass Frauen „ein faires und gutes Leben“ (Meg Wolitzer) wollen – wie immer es letztlich auch aussehen mag.
Und weil dem so ist, können wir herauslesen, dass Feminismus eigentlich nicht geht. Vielleicht ist das nur der männliche Blick, und Frauen mögen das anders sehen. Aber genau das ist das Schöne an diesem Roman. – diese verschiedenen Sichtweisen, die er zulässt. Und vielleicht ist das Ende des hier beschriebenen Feminismus der Beginn einer neuen Welle. ♦

Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip – Roman, 495 Seiten, DuMont Verlag, ISBN 978-3-8321-9898-5

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… sowie über die Novelle von Peter Reutterer: Siesta mit Magdalena

Konstantin Sacher: Und erlöse mich (Roman)

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Belanglose Oberflächen-Bespiegelung

von Christian Busch

„Ein Roman über die faustische Sehnsucht des Menschen, zu erkennen was die Welt im Innersten zusammen hält“; Anknüpfung an die Tradition der Bekenntnisliteratur eines Augustinus oder Rousseau mit einer gegen Gott hadernde (Hiob) und nach Erlösung strebende Hauptfigur – so wurde der Debütroman „Und erlöse mich“ von Konstantin Sacher von der Presse angekündigt, als ein „mitreißender Roman über das Dickicht eigener wie fremder moralischer Ansprüche.“
Um es gleich vorweg zu sagen: Erlöst wird am Ende höchstens der Leser – von der Lektüre eines nur oberflächliche Belanglosigkeiten auf sprachlicher Schmalspurkost servierenden, viel versprechenden, aber wenig haltenden Roman.

Snobistische Existenz

Konstantin Sacher - Und erlöse mich - CoverKeine Frage, der Romanheld führt (gemäss Verlagswerbung) eine „snobistische Oberflächenexistenz“ („Was ist das Leben denn mehr als eine Abfolge von Gedanken?“), die dem Leser ungebrochen aus der Ich-Perspektive aufgezwungen wird. Wie reagiert man, wenn man von einem Fremden gefragt wird, ob man ihn für ein „egoistisches Arschloch“ halte? Ganz einfach: Man geht weiter seines Weges, denn das über jemanden herauszufinden ist wahrlich keine Anstrengung wert. Und damit stolpert der Leser über die erste Hürde und bleibt an ihr hängen. Wen juckt’s? Dem Autor gelingt so genau das nämlich nicht, was seine ungleich berühmteren Vorgänger auszeichnet: Seine Figur für den Leser einzunehmen.

Exhibitionistische Verzweiflung

Und so reiht sich in der Folge Episode an Episode, mühsam zusammengehalten durch den völlig künstlich anmutenden roten Faden der mehr exhibitionistisch als bekenntnisbedürftig anmutenden inneren Verzweiflung. Der Leser erträgt dann die meistens in sexuelle Eskapaden mündenden Abschnitte mit wachsender Teilnahmslosigkeit und innerer Distanzierung. Keine moralische Verurteilung, kein Voyeurismus, auch keine peinliche Berührtheit empfindet man, so banal und tiefenentspannt wirkt das alles. Allenfalls ein Kopfschütteln über das kopf-, ziel- und ergebnislose Eintauchen einer belanglosen Schmalspurexistenz in die Hippie-Kommune auf einer zum Glück nicht namentlich genannten und in Verruf gebrachten spanischen Insel kann dies beim Leser hervorrufen. Dass der Held Theologie studiert, wird durch die dann doch immerhin peinliche Frage gestützt, ob sich Gott in der weiblichen Muschi offenbare. Kostprobe gefällig: „Und Gott ist wie die Muschi einer Frau das Versprechen des nicht endenden Lebens“.

Zahnloses Orakeln

Auch an den weiblichen Vertreterinnen im Roman, heißen sie nun Sarah oder Christina, hat man keine Freude, sind sie doch mit einer gegen Null gehenden Tiefenschärfe gezeichnet, wenn sie ihrem Helden immer wieder bereitwillig zu Diensten sind.
Das dicke Ende bleibt nicht aus, wobei man darüber streiten kann, ob es im äußerst hemdsärmeligen und abrupten Romanschluss besteht oder in dem zahnlosen Orakeln des Helden über die Begriffe Glaube, Liebe und Hoffnung.

FAZIT

Konstantin Sachers Roman „Und erlöse mich“ enttäuscht auf ganzer Linie, da sein Plot nur auf künstlich-oberflächlichen Säulen aufgebaut ist und auch sprachlich keinerlei Tiefgang besitzt. So taugt er allenfalls als Drei-Groschen-Roman.

Konstantin Sachers Roman enttäuscht auf ganzer Linie, da sein Plot nur auf künstlich-oberflächlichen Säulen aufgebaut ist und auch sprachlich keinerlei Tiefgang besitzt. So taugt er allenfalls als Drei-Groschen-Roman, nicht jedoch als anspruchsvolle Literatur oder Belletristik für 20 Euro. Sein seelenloser Monolog wühlt nicht auf, weil der unglaubwürdige Charakter des Helden nur eine unechte, inszenierte Plastikpuppe ist, die von allen verwendeten Begriffen wie Liebe, Seele, Schuld oder Tod nichts versteht. ♦

Konstantin Sacher: Und erlöse mich, Roman, 240 Seiten, Hoffmann und Campe Verlag, ISBN 978-3-455-00175-4

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den
Roman von Roland Heer: Fucking Friends

Ann Wiesental: Antisexistische Awareness (Handbuch)

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Hilfreiche Lektüre für UnterstützerInnen

von Sigrid Grün

Als Beraterin für Opfer rassistischer Gewalt hat der Band „Antisexistische Awareness – Ein Handbuch“ von Ann Wiesental sofort mein Interesse geweckt. In einer Zeit, in der ein Konzept wie „Political Correctness“ von vielen BürgerInnen als eine Art um sich greifende Seuche betrachtet wird, ist Awareness im Sinne von Bewusstsein sehr wichtig.

Ann Wiesental: Antisexistische Awareness (Handbuch) - Cover - Glarean MagazinUnsere Sprache enthält viele diskriminierende Elemente, dessen sollten wir uns auf alle Fälle zumindest bewusst sein. In Ann Wiesentals Handbuch wird das sehr treffend zum Ausdruck gebracht: „Herrschaftsverhältnisse sind in unserer Gesellschaft vielfach verschränkt. Menschen werden in unterschiedlicher Weise privilegiert oder ausgegrenzt und abgewertet. Unterdrückung und Ausbeutung findet auf verschiedenen Ebenen und im Bezug auf verschiedenste Aspekte statt: Wer hat Zugang zu Ressourcen, zu Geld, Wohnraum, Mobilität, guter Ausbildung, Jobs, Karrieremöglichkeiten, wer kann eine Familie ernähren und Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen?“ (S.32 ff.) Diese Privilegierung bzw. Diskriminierung sollte möglichst vielen Menschen bewusst gemacht werden.

Arbeit von Awareness-Gruppen im Mittelpunkt

In diesem Handbuch geht es aber nicht so sehr darum, bei einem breiten Publikum ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was Sexismus überhaupt ist und wo er zu finden ist, sondern vor allem darum, wie Unterstützungsarbeit aussehen könnte. Die Arbeit von Awareness-Gruppen, die auf Partys, Festivals und politischen Kongressen von sexistischer Gewalt und Diskriminierung Betroffene unterstützen, steht dabei im Mittelpunkt. Mir persönlich ist das alles etwas zu szenebezogen. Sollte es nicht um mehr Bewusstsein im Alltag – also auch in Schule, Uni, Arbeit und persönlichem Umfeld usw. – gehen?
Der Band richtet sich also eher an ein Fachpublikum, namentlich „Unterstützer*innen, Awareness-Gruppen und Interessierte“. Wenngleich der Klappentext auch „Betroffene von sexualisierter Gewalt“ als Zielgruppe angibt, sollte klargestellt werden, dass es sich an Betroffene richtet, die selbst tiefer in die Materie einsteigen und sich ausführlich damit beschäftigen wollen. Es ist kein Ratgeber im klassischen Sinne, sondern eben ein Handbuch, das vor allem UnterstützerInnen Anregungen und Tipps an die Hand gibt.

Tipps zur Schulung von UnterstützerInnen

Sehr gelungen finde ich dabei die umfangreiche Einleitung sowie den historischen Hintergrund. Hier wird erklärt, worum es geht und wie sich die Frauenbewegung entwickelt hat. Im Praxisteil sind zahlreiche Tipps zu finden, wie Betroffenen geholfen werden kann. Als Opferberaterin frage ich mich natürlich, inwiefern UnterstützerInnen geschult werden. Die Lektüre dieses Handbuches ist sicher nicht hinreichend, wobei hier viele Tipps zu finden sind, wie eine Schulung erfolgen kann (z.B. mit Rollenspielen etc.). Allerdings sollten UnterstützerInnen stets professionell angeleitet werden, da sonst schnell eine Überforderung eintreten kann, was auch für die Betroffenen ganz und gar nicht hilfreich ist.

Überblick auf potenzielle Probleme

Alles in allem ist Ann Wiesentals Handbuch "Antisexistische Awareness" eine hilfreiche Lektüre für UnterstützerInnen, kann aber natürlich eine Ausbildung nicht ersetzen. Das Buch liefert auch zahlreiche Denkanstöße – hier hätte man sich allerdings einen etwas breiteren Publikumsbezug gewünscht. Jedenfalls bietet der Band viele Tipps zur Schulung von UnterstützerInnen und einen guten Überblick auf potenzielle Probleme.
Alles in allem ist Ann Wiesentals Handbuch „Antisexistische Awareness“ eine hilfreiche Lektüre für UnterstützerInnen, kann aber natürlich eine Ausbildung nicht ersetzen. Das Buch liefert auch zahlreiche Denkanstöße – hier hätte man sich allerdings einen etwas breiteren Publikumsbezug gewünscht. Jedenfalls bietet der Band viele Tipps zur Schulung von UnterstützerInnen und einen guten Überblick auf potenzielle Probleme.

Neben der konkreten Arbeit mit Betroffenen wird auch die „transformative Arbeit mit gewaltausübenden“ Personen thematisiert, weiterhin Intersektionalität, Definitionsmacht und Parteilichkeit und konsensuale Sexualität, bei der es um das gegenseitige Einverständnis geht. Natürlich wird auch das Thema „Trauma“ nicht ausgespart. Sehr gelungen und wichtig für UnterstützerInnen finde ich schließlich den Abschnitt „Knackpunkte und Stolpersteine“, denn hier wird ein Überblick über potenziell auftretende Probleme gegeben und somit der Überforderung vorgebeugt.
Alles in allem ist Ann Wiesentals Handbuch eine hilfreiche Lektüre für UnterstützerInnen, kann aber natürlich eine Ausbildung nicht ersetzen. Das Buch liefert auch zahlreiche Denkanstöße – hier hätte ich mir allerdings einen etwas breiteren Publikumsbezug gewünscht.

Ann Wiesental: Antisexistische Awareness – Ein Handbuch, 160 Seiten, Unrast Verlag, ISBN 978-3-89771-310-9

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über
A. Nduka-Agwu: Rassismus auf gut Deutsch

… sowie zum Thema Diskriminierung über den Roman von
Tracy Chevalier: Der Neue

Dominik Riedo: Nur das Leben war dann anders

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Von der Suche nach dem Sinn des Leidens

von Dr. Karin Afshar

Dominik Riedo hat ein Buch geschrieben.  Schriftsteller tun bisweilen und mit Vorliebe ebensolches – sie schreiben über fiktive Figuren, die sich Gedanken machen, die etwas erleben, etwas zu verarbeiten, die etwas verbrochen und gut zu machen haben. Schriftsteller schreiben auch Biographien und Autobiografien, und manchmal brechen sie mit ihren Geschichten ein Schweigen und ein Tabu. In seinem Buch „Nur das Leben war dann anders“ schreibt Dominik Riedo über seinen Vater und dessen Geheimnis, dessen Anders-Sein. Er schreibt darüber, was es mit einem Sohn macht, wenn er auf den Spuren eines Verzweifelten wandelt, um zu verstehen, was da geschehen ist. Diesen Punkt greife ich gleich noch einmal auf.

Dominik Riedo - Nur das Leben war dann anders - Nekrolog auf meinen pädophilen Vater - Offizin Verlag - CoverGemeinschaften – schutzbietende, denn dazu sind es Gemeinschaften – dulden und sichern ein gewisses Maß an Anderssein in ihrer Mitte. Wird jedoch dieses Maß nur um einen winzigen Schritt überschritten, kippt die Duldung, und der Einzelne, der für diesen Übertritt als zuständig ausgeschaut wird, wird als Gefahr bezeichnet. Es gilt ihn auszuschalten. Dieser Einzelne – eben noch ermutigt, seine Besonderheit, sein Anderssein zu leben – findet sich ausgeschlossen wieder.  Und versteht die Welt nicht mehr. Gemeinschaft ist Gemeinschaft eben auch dadurch, dass sie geschlossen ist und mithin statisch. Offene Gemeinschaften sind dagegen instabil, sie müssen immer wieder für diese Offenheit und gegen ihre Feinde kämpfen. Das ist unbequem. Freiheit ist unbequem. Im Kleinen ist das nicht anders als im Großen: Karl Popper wäre in diesem Jahr 114 Jahre alt geworden – und hat verstanden, warum Menschen bis zur Unmenschlichkeit gegen die offene Gesellschaft kämpfen.

Transgenerationelle Übertragungen in der Literatur

Familien sind die Elementarzelle unserer Gemeinschaft – in ihnen gelten Gesetze und Regeln, jede Familie hat ihre geschriebenen und ungeschriebenen Glaubenssätze und Haltungen, die sie von anderen Familien unterscheidet.  Und in nicht wenigen Familien scheint es etwas wie einen Fluch zu geben. Über Familien und ihre Geschichten gibt es reichlich Literatur. Transgenerationelle Übertragungen, lese ich, spielen in der Literatur traditionell eine ganz große Rolle. Man könnte sogar sagen, dass die Literatur fast auf dieses Phänomen spezialisiert ist. Seit der Antike werden Geschlechterfolgen, Generationen, Familienflüche, Weitergabe von Schicksal, von Verbrechen durch die Generationen hindurch in der Literatur thematisiert, und das in ganz unterschiedlicher Form.
Die Verschwiegenheit gehört zu diesem Komplex  – es darf nicht darüber geredet werden, denn es könnte die ganze Familie in Verruf geraten. Das, worüber nicht gesprochen wird, wirkt jedoch im Leben dieser (zunächst kindlichen) Nachkömmlinge weiter und kann für seine Erfahrungen und seine Wahrnehmungen bestimmend werden.
Heinrich Böll schrieb 1959 mit „Billard um halb zehn“ einen Generationen-umspannenden Roman, der die NS-Zeit reflektierte. Spätere Familienromane griffen die mangelhafte Kommunikation über die Naziherrschaft und die eigene Verstrickung auf. In vielen deutschen Familien geistern noch immer Geheimnisse, über die die heimkehrenden Männer nie sprachen. Inzwischen sind die Enkel ins Leben entlassen und haben Fragen über Fragen, weil irgendetwas immer nicht zu gelingen scheint… An diesem Punkt beginnen viele, in der Vergangenheit zu suchen – und neben der Suche nach dem Ursprung wird die Frage nach Umwelt und Anlage laut.

Sucht hat mit Suchen zu tun

Die vom Vater wieder und wieder gestellte Frage („Warum müssen Menschen eine Veranlagung haben, die nicht akzeptiert wird?“)  nach Anlage oder Umwelt bleibt offen bzw. führt, wie im Falle auch von Dominik Riedos Vater dazu, dass er sich überall nach Orientierung umschaut: Bei Astrologen, in der Esoterik, bei Kartenlegern, in buddhistischen Weisheiten, bei Mystikern und noch vielem anderen.
Ein Schlüsselerlebnis  – und dies im wahrsten Sinne des Wortes – fällt dem Sohn ein, während er sich mit Prozessakten, Presseartikeln und Tagebucheinträgen in Fragmenten auseinandersetzt: Ein Blick durchs Schlüsselloch auf seinen Vater, der im Schmerz über sich selbst und der Sucht ausgeliefert, in seinem Zimmer wütet und Gegenstände zerstört. Wer es nicht kennt, kann nicht annähernd nachempfinden, was da aus einem Menschen heraus will, wie es heraus bricht als kaum noch menschlicher Ton. Verstörend, einen Menschen in einem solchen Zustand zu sehen – als Sohn noch mehr, denn den Menschen, der einem doch Schutz bieten soll, dem man ausgeliefert ist, so derart hilflos zu sehen – macht Angst. Sucht hat immer (auch wenn es trivial und weit her geholt als Wortspiel daherkommt) mit Suchen zu tun. Egal welche Sucht es ist: ihr nicht zu entkommen, sie nicht in den Griff zu bekommen, sie jeden Tag wieder in sich hochsteigen zu spüren – erodiert und treibt schwächere Menschen nicht selten in den Wahnsinn und in den Selbstmord. Und was machen stärkere Menschen?
Ob es eine Anlage ist, bzw. was „es“ ist, wenn es keine Veranlagung ist, bleibt zunächst unbeantwortet – ist aber eben das Thema schlechthin in diesem Buch. Doch worum geht es nun genau? Was ist dieses ES, das den Sohn dazu bringt, einen Nekrolog auf seinen Vater zu schreiben? Die Bezeichnung, die die Gesellschaft seiner Veranlagung gibt, ist Pädophilie.

Die zentralen Warum-Fragen

In unseren offenen Gesellschaften, die gleichgeschlechtliche Liebe inzwischen legalisiert (ob inzwischen auch in der Schweiz entzieht sich gerade meiner Kenntnis) und damit von den Rändern in die Mitte der Gesellschaft geholt haben, gilt die erotische Liebe zu Kindern, der Sex mit Jungen bis kurz vor der Pubertät, als Verbrechen. So wurde denn der Vater behandelt und angesehen: als Verbrecher, der einer Strafe zugeführt werden muss. Dass diese dann doch vergleichsweise mild ausfiel, half dem Vater wenig. Nachdem er in Thailand einem Partner, der ihn nach Strich und Faden ausnahm und ihn um sein Altersgeld brachte, aufgesessen war, empfand er vielmehr dies als „seine gerechte Strafe“.  – An dieser und an anderen Stellen fragt er sich: „…warum fast alles, was ich gut gemeint tue, aufbaue und zu vollenden versuche, mir meistens Unheil bringt.“ Die Warum-Fragen sind die zentralen Fragen in diesem Zusammenhang.
Zu einem Monster macht keiner sich selbst – die Gesellschaft macht ihn dazu, indem sie mit dem Finger auf ihn zeigt. Dass etwas nicht „in Ordnung“ ist, hat der Träger des entsprechenden Stigmas längst selbst bemerkt. In John Steinbecks „East of Eden“ sind die Verwerfungslinien zwischen dem Guten und dem Bösen, dem nicht nur Bösen und dem nicht nur Guten eindrucksvoll beschrieben. In „Jenseits von Eden“ wird Cathy Ames, Antagonistin zu Adam Trask, als dämonisches Monster beschrieben – als ein „psychic monster“ with a „malformed soul“. Physisch eher zierlich, blond, hübsch, sind ihre Augen kalt und ohne Emotionen. Charismatisch ist  sie – von klein an hat sie Wirkung auf Menschen, die, wenn sie naiv genug sind, sich auf sie einlassen. Dass sie Prostituierte wird und schließlich die Leiterin eines Etablissements, ist wenig überraschend. Kate ist der Satan in Person.
Aber sie ist auch eine Pandora: Wohin immer sie geht, und was immer sie tut – sie tut nicht, was ihr gesagt wird, sondern öffnet die Büchse, sie setzt das Böse in die Welt, das Unheil. Nun ist Kate alias Cathy seelisch grausam gegen die, die sich auf sie einlassen – womit ich jetzt eintrete in eine Art Psychogramm. Sarah Aguiar schreibt in „No Sanctuary“, Kates Verhalten sei einer Perversion menschlicher Werte zuzuschreiben, sie sei kindlich-egozentrisch, sehr bedürftig und wolle sich selbst auf Kosten anderer schützen – ja, sie rächt sich für den Mangel an Liebe und Aufmerksamkeit in ihrem Leben, um nicht zu sagen: in ihrer Kindheit.

Psychogramm eines pädophilen Menschen

Dominik Riedo - Glarean Magazin 2017
Dominik Riedo

Warum diese ausführliche Herleitung? In Dominik Riedos Nachruf auf den Vater geht es eben auch um das Psychogramm eines (pädophilen) Menschen. Nicht der Sohn stellt es, sondern er nimmt uns mit in die Gutachten, die seinem Vater zu drei verschiedenen Lebenszeiten gestellt wurden. In den drei „Sexgutachten“ im Buch mag der Leser nachlesen, was in unterschiedlichen Zeitepochen beobachtet und gewichtet wurde. Zum Beispiel: „…der Pädophilie liegt eine ausgeprägte neurotische Fehlentwicklung mit starker Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls zugrunde…“, „…der Explorand bleibt in seiner narzissistisch selbstbezogenen Welt gefangen und vermag als Erwachsener keine reifen partnerschaftlichen Beziehungen einzugehen“, „…Er weicht auf Knaben aus, denen er körperlich wie intellektuell überlegen ist…“, „…ist nicht in der Lage, aggressive Gefühle zu reifer Verarbeitung zu führen.“
Würde ich gefragt, ich würde sofort antworten: derlei „Gutachten“ sind Beschreibungen von etwas, das ja offensichtlich ist – wir sehen es doch bereits, und die schriftliche Fixierung derselben ist alles andere als eine Therapie. Eine Therapie – als Verhaltensänderung (denn das sind Therapien immer) – ist aber nicht möglich. Ein hoffnungsloser Fall? Zumindest haben wir einen Menschen vor uns, der schon bei seiner Geburt ein Gezeichneter ist. – Auch das schildert der Sohn: den Weg, den sein Vater über das Waisenhaus zu den vielen verschiedenen Interessen und Berufsentwürfen nahm, ein begabter junger Mann, fleißig, beflissen, mit guten Manieren und nicht unangenehmem Auftreten – wo viel Licht ist, ist viel Schatten?! Nun ist hier einer mit vielen Begabungen – aber sie alle wiegen offensichtlich nicht den einen Schatten auf, den er zu tragen hat. Daran konnte auch Sylvia Tanner (Gründerin der Schweizer Beratungsstelle für Pädophile ITP-Arcados mit Internet-Präsenz, im Oktober 2010 verstorben) nicht wirklich helfen. Von ihr stammt u.a. der Satz: „Der junge Pädophile muss verstehen lernen, dass das Kind ihn lieben kann – es sich aber in der Regel nicht verliebt und kein erwachsenenähnliches Begehren zum Tragen kommt.“

Sinnsuche als Rückkehr zum Punkt Null

Die Kindheit ist enorm wichtig. Jede Sinnsuche – bei Schwierigkeiten im eigenen Leben – fängt damit an, dass man an den Punkt Null – und wenn es gar sehr ernst wird – sogar vor den Punkt Null zurückgeht. Ich kenne das von mir selbst – ich kenne es von etlichen anderen. Die Phänomene sind alle unterschiedlich, die Fragen meistens dieselben: Wer bin ich? Und: Bin ich das, was meine Eltern sind? Auf dem Weg zu sich selbst liegt die totale Verweigerung wie eben auch die schrittweise Annäherung an die Eltern. Wohl dem, der Eltern hat, die dabei helfen, indem sie als Zeugen von einer von uns als Kind unbewusst erlebten Zeit berichten. Natürlich sucht Dominik Riedo als jüngerer wie auch als älter werdender Mann stellvertretend für seinen Vater und in eigener Sache den Faden zum Ursprung. Im Kapitel „Ordnungen und Störungen“ durchforstet er das Familienleben auf Hinweise – hat die Suche seines Vaters auch auf ihn einen Einfluss? Die Mutter kommt nicht davon – ja, auch eine Mutter ist im Leben eines heranwachsenden Jungen wichtig.
Sobald klar wird – und im Laufe des Lebens und zwangsläufig in der Auseinandersetzung mit einer unheilbaren Krankheit, die einen selbst erwischt, wird es klar -, dass man nicht das Schicksal eines der beiden oder sogar beider Elternteile nachleben muss, sondern dass das eigene Schicksal darin besteht, sein eigenes Leben zu leben. Die geschlagenen Wunden sind nicht von den Eltern geschlagen – und es ist eben auch nicht so, dass wir in der falschen Zeit oder in der falschen Kultur leben.

Unerfülltes Bedürfnis nach Klärung

Bevor ich das letzte Kapitel lese und hier reflektiere, etwas zum Stil, zum Erzählstil des Buches. Der Leser muss sich an ihn gewöhnen (andererseits nicht, denn es ist ein typischer „Riedo“), fügt sich doch hier Ebene an Ebene, Schicht an Schicht, kenntlich gemacht in Kursiv- und Normalschrift. Mal spricht der Vater, dann der Sohn, da führt der Sohn Selbstgespräche oder richtet sich an den Leser. Mir geht bei etwa Seite 178 ein wenig die Geduld aus – noch einmal eine Runde gehen, noch einmal eine Betrachtung. Mir will scheinen, das Bedürfnis der Klärung ist für den Autor noch nicht erfüllt, während ich mir einbilde, schon ein Bild zu haben – aus je eigener Erfahrung im Durchschreiten von Unterwelten und Höllen. Ich will die nochmalige Tour nicht mitgehen. Manche Wunden heilen nicht, weil sie immer wieder aufgekratzt werden. Aber so ist das, wenn man Antworten sucht – aus Sucht. Das Thema ist eben kein geschmeidiges, das schon mal überhaupt nicht. Wenn man sich einlässt, dann führt uns Dominik Riedo hier in Abgründe, deren es im Menschen eben viele gibt. „Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ (Friedrich Nietzsche)

Keine Abrechnung mit dem pädophilen Vater

Und was meint Dominik Riedo abschließend? Wofür dieses Buch? Denk er, es könnte eine Heilung geben? Unter anderem nennt er diesen Punkt: „Es könnte bei einigen Fällen tatsächlich so sein, dass man die Pädophilie ‚heilen‘ kann.“ Und wenn nicht? Sollte man eventuell die emotionale Unreife und/oder die narzisstisch bedingte, zu selbstbezogene Persönlichkeitsstruktur verändern? Sollte man das Schutzalter senken, oder das anerzogene Objekt der Lust ändern, d.h. eine Objektverschiebung vornehmen? Kastration? Sollte man die Gesellschaftsordnung ändern? – „So oder so müsste sich die Gesellschaft einmal ernsthaft und ganz bewusst durch den Kopf gehen lassen, dass die Stärke eines Tabus oft dem unbewussten Bedürfnis der Verbietenden entspricht, der damit Triebregungen abwehrt.“
Nein, dieses Buch ist keine Abrechnung mit dem Vater, es schildert uns einen Menschen mit Schattenseiten. Auch den guten Seiten ist Raum eingeräumt – allerdings unter dem drückenden Fanal der Tragik. Das Ziehen von Bilanzen beginnt zu verschiedenen Zeiten im Leben, nicht erst wenn jemand gestorben ist.
Auch ich bin ein Kind von Eltern – bin jetzt in einem Alter, in dem ich mich mit ihren Verfehlungen auseinandersetze. Ich wiederum bin Mutter, und ich werde Fehler gemacht haben, die mir die Kinder früher oder später vorwerfen werden. An beidem werde ich milde: Keiner ist ganz schlecht, niemand ist 100 % gut. Das lese ich auch aus Riedos Zeilen heraus.
Der Sohn fragt sich gegen Ende seines Gewaltmarschs: „Wie wäre ich, wenn mein Vater nicht mein Vater gewesen wäre? Es folgt der Blick in den Spiegel – den Kinder tun – wenn sie sich abgrenzen wollen und doch auch eine durchgängige Linie von sich zu ihren Vorvorderen suchen. Und? „Was bleibt?“
Unsere Gesellschaften sind frei, solange wir konform sind, aber schon bei der kleinsten „Andersartigkeit“ (die in ihrer guten Ausführung auf Esoterikforen und auf Affirmationskärtchen der selbsternannten aquarianischen Weltretter als unbedingt nötig beschworen wird) umschlägt.
Was bleibt, wenn Familien einen Schandfleck aufweisen – ein Naziverbrechen, eine Vergewaltigung, einen Mord, um nur einige zu nennen – und sie schweigen müssen? Was bleibt, wenn das Geheimnis gelüftet wird, und man sich als Kind, das man immer ist und bleibt, ausliefert? Das Buch von Dominik Riedo ist keine Rechtfertigung der Pädophilie – es ist eine mutige Konfrontation eines Sohnes mit dem So-Sein seines Vaters, und wenn man so will: seiner Herkunft. Die Auseinandersetzung mit dem, wo man her kommt, ist wichtig. Nur dann hat man Perspektiven für den Weg nach vorne. ♦

Dominik Riedo: Nur das Leben war dann anders – Nekrolog über meinen pädophilen Vater, Offizin Verlag, 272 Seiten, ISBN 978-3-906276-10-6

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Regine Schricker: Ohnmachtsrausch und Liebeswahn

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Von der weiblichen Lust am Liebesleid

von Sigrid Grün

Schon bevor der deutsche Psychiater und Rechtsmediziner Richard von Krafft-Ebing den Begriff des Masochismus, der sich auf den österreichischen Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch bezieht, in den wissenschaftlichen Diskurs einführte, beschrieben zahlreiche Autoren Frauen, die eine gewisse Lust an der Unterwerfung und am Leiden in der Liebe empfanden. Sowohl Goethe, als auch die Geschwister Bronte oder Nathaniel Hawthorne beschrieben solche Figuren.
Besonders populär wurde die Darstellung der in Leid umgeschlagenen Leidenschaft im 20. und 21. Jahrhundert. Dies hat nicht zuletzt mit der „pornographication of the mainstream“ zu tun, die Brian McNair und Susan Sontag Mitte der 1990er Jahre postulierten. In einer Zeit, in der Sexualität nicht „glücklich, sondern allenfalls süchtig“ macht (Georg Seeßlen) und die mediale Darstellung nackter Körper nicht mehr ungewöhnlich, sondern ganz alltäglich ist, erscheint der Sadomasochismus als interessantes „Lusterlebnis“.

Kulturelle Besetzung der weiblichen Unterwerfung

Regine U. Schricker: Ohnmachtsrausch und Liebeswahn - Weiblicher Masochismus in Literatur und Film des 20. und 21. JahrhundertsDie Autorin Regine U. Schricker nähert sich in ihrer Dissertation „Ohnmachtsrausch und Liebeswahn“ dem Thema „Weiblichkeit und Masochismus“ an, wobei sie der Frage nachspürt, wie „weibliche Unterwerfung kulturell besetzt ist“, und wie die mediale Inszenierung vonstatten geht. Dabei analysiert sie fiktionale literarische und filmische Texte des 20. und 21. Jahrhunderts (aus den Jahren 1954-2004). Vor allem nordamerikanische, französische und deutschsprachige Texte werden herangezogen. Den Textanalysen stellt die Autorin einen einleitenden Teil voran, in dem sie zunächst ein Theoriegebäude entwirft, in dem psychoanalytische, literarische, feministische und rezeptionstheoretisch ausgerichtete Diskurse berücksichtigt werden. Ausgehend von Ricahrd von Krafft-Ebings, Sigmund Freuds und Theodor Reiks psychonalytischen Arbeiten zeigt die Autorin auf, wie Masochismus und Weiblichkeit in Relation zueinander gestellt werden können.

„Venus im Pelz“: Sado-masochistische Illustration von Franz von Bayros

Sehr interessant ist auch die Analyse von „Venus im Pelz“, Leopold von Sacher-Masochs Novelle, in der ein männlicher Masochist im Zentrum der Darstellung steht. Schließlich geht Regine Schricker der Frage nach, ob der Masochismus eine spezifisch weibliche Angelegenheit sei, wie es etwa die Konzepte der Psychoanalytikerinnen Helene Deutsch, Marie Bonaparte und Jeanne Lampl-de Groot nahe legen. Welche Positionen sind im feministischen Diskurs vorherrschend? Und welche Rolle spielt der weibliche Masochismus in der feministischen Film- und Literaturtheorie?

Der weibliche Masochismus im Feminismus

Im Hauptteil der Arbeit widmet sich die Autorin dann ausführlich elf literarischen und filmischen Texten, die sie nach unterschiedlichen Kriterien zusammenfasst. Luis Bunuels Film „Belle de jour“ aus dem Jahre 1967 und Rainer Werner Fassbinders Fernsehfilm „Martha“ aus dem Jahr 1974 etwa setzen sich intensiv mit dem Bürgertum und seinen Abgründen auseinander. Der voyeuristische weibliche Blick wird anhand von David Lynchs Film „Blue Velvet“ (1986) und Elfriede Jelineks Roman „Die Klavierspielerin“ (1983) thematisiert.

Erotik und Literatur - Weiblicher Masochismus - Geschichte der O - Histoire d'O - Glarean Magazin
„Geschichte der O“: Inszenierung der Zerstörung weiblicher Körper

In den Analysen von Elizabeth McNeills Erzählung „Nine and a Half Weeks“ von 1978 (später sehr erfolgreich von Adrian Lynes mit Kim Basinger in der Hauptrolle verfilmt) und von Ingeborg Bachmanns 1971 erschienenem Roman „Malina“ wird schließlich der Zusammenhang von Sprachlosigkeit und Begehren in den Mittelpunkt gestellt. Wie weibliche (zerstörte) Körper inszeniert werden, kann man gut anhand von Pauline Reages Roman „Geschichte der O“ (1954) und Marina de Vans Film „In My Skin“ (2002) nachvollziehen. Religiöse Opfer stehen in Lars von Triers „Breaking the Waves“ (1996) und in M. Night Shyamalans „The Village“ (2004) im Mittelpunkt. Zuletzt geht es um den Coming-out-Film einer Masochistin, Steven Shainbergs „Secretary“ von 2002.

Gut gegliederte Untersuchung

Regine Schricker: Ohnmachtsrausch und Liebeswahn
Die neue Studie „Ohnmachtsrausch und Liebenswahn“ von Regine Schricker bietet fundierte Analysen zahlreicher literarischer und filmischer Texte, die man nach der Lektüre dieses Buches neu lesen kann. Mit ihrer Arbeit sensibilisiert sie für ein Thema, das in den Medien eine immer wichtigere Rolle spielt. Sprachlich klar und inhaltlich gehaltvoll bietet die Autorin dem Leser eine sehr gute Möglichkeit, sich ausführlich mit einem spannenden Thema auseinander zu setzen.

Regine U. Schricker geht dem Phänomen des weiblichen Masochismus in der Literatur und im Film sehr eingehend nach und zeigt fundiert die verschiedenen Ansätze auf, die hinter der Deutung des Zusammenhanges von Weiblichkeit und Masochismus stecken. Welche Rolle spielt eine labile Persönlichkeitsstruktur? Was bedeutet die Darstellung des weiblichen Masochismus für die weibliche Identität? Regine Schrickers Buch ist sehr gut gegliedert, und ihren wissenschaftlichen Ausführungen lässt sich hervorragend folgen. ■

Regine U. Schricker, Ohnmachtsrausch und Liebeswahn – Weiblicher Masochismus in Literatur und Film des 20. und 21. Jahrhunderts, 236 Seiten, Königshausen&Neumann Verlag, ISBN 9783826045165

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Frauen in der Literatur“ auch über:
Liebesbriefe berühmter Frauen (Anthologie)
… sowie zum Thema Psychische Abhängigkeit über den Sekten-Report von
Ursula Caberta: Schwarzbuch Scientology

Roland Heer: Fucking Friends (Roman)

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Gescheitert auf der ganzen Linie

von Günter Nawe.

Manches macht viel Mühe – und ist ihrer letztlich doch nicht wert. Das gilt hier und jetzt für das Buch des Bergsteigers und Deutschlehrers Roland Heer, der mit „Fucking Friends“ seinen Debütroman abgeliefert hat – und damit auf der ganzen Linie gescheitert ist.

Roland Heer - Fucking Friends - Roman - Bilger VerlagDer Anfang dieses Romans ist noch einigermaßen nachvollziehbar. Während der Extrembergsteiger Greg wieder einmal und gegen den Willen seiner jungen Familie auf dem Wege zum Gipfel eines Siebentausenders ist, kommen seine Frau und sein kleine Tochter bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Dies bedeutet für Greg den Absturz in eine tiefe Depression. Soweit, so gut! Und vielleicht hätte daraus eine richtig gute Geschichte werden können.

Peinliche exzessive Sex-Schilderungen

Doch bei Roland Heer bekommt die Sache einen ganz anderen Drive. Zwar wird am Anfang noch ein wenig Psychologie bemüht. Doch Greg, Anfang 40 und Comic-Zeichner, versucht, seinem Schmerz beizukommen, indem er sich bald in ein exzessives Sexualleben stürzt. Und hier wird der Roman in höchstem Maße peinlich, unappetitlich und damit die Lektüre zum Ärgernis.
Greg, wie ein Spätpubertierender, verlegt sich auf Kopulationsakrobatik jeglicher Art. Frauen (von Liebe, selbst von Zuneigung kann keine Rede sein) sind nur noch Objekte seiner sexullen Begierde. Und für diese Begierde findet er seine „Objekte“ in der digitalen Welt der Kontaktmöglichkeiten. Greg unterliegt ohne auch einen Hauch von Widerstand den Verheißungen der Cyberwelt. Auf Porno-Sites, in Online-Single-Börsen und in Darkrooms findet er willfährige Partner(innen), seine fucking friends, die es ihm erlauben, seine sexuellen Obessionen auszuleben. Um den ultimativen Kick geht es – und auf den muss immer noch einer draufgesetzt werden. Und so weiter. Virtuell – bei Online Datings – und ganz real in irgendwelchen Betten wird gefickt und gevögelt, gekifft und gesoffen. Zitate, die dies in allen Einzelheiten belegen könnten, verbieten sich ob der Obszönität, sie mögen deshalb dem Leser erspart bleiben. Irgendwann landet Greg dann bei einer Heike, die genau so abgefuckt ist wie er selbst. Und am Ende ist er HIV-infiziert – und der Leser von alledem völlig abgestoßen.

Porno unter dem Mäntelchen der Selbstfindung

„Fucking Friends“ von Roland Heer aus dem BilgerVerlag ist ein miserables Buch, das viel verspricht und nichts hält. Simpler Porno, und zwar von der schmuddeligsten Sorte, aber immer schön unterm Mäntelchen der Selbstfindung. Vergessen!

Hier verfängt auch die Verlagswerbung für dieses Buch nicht, die einen „schonungslos offenen Blick“ auf die entsprechenden Internet-Formate ansagt und damit einen sozial-kritischen Ansatz suggeriert. Nichts davon; dieses Buch ist schlichter und simpler Porno – und zwar miserabler – , der unter dem Mäntelchen der Selbstfindung, der Trauerarbeit und einer bescheidenen Gesellschaftsrelevanz daherkommt. Keine Literatur, sondern auch sprachlich unterste Schublade – eine Ansammlung von schmuddeligen, unappetitlichen Sexgeschichten übelster Art.
Und so hat es Mühe gemacht, diesen Roman überhaupt zu Ende zu lesen. Eine Mühe, die sich in keiner Weise gelohnt hat. „Fucking Friends“ ist ein miserables Buch, das viel verspricht und nichts hält. Da hilft auch der Zitatenverweis, der viele große Namen der Weltliteratur enthält, nichts. Diese Autoren dürften sich in diesem Zusammenhang absolut unwohl fühlen.

So bleibt nur, vor der Lektüre des Romans „Fucking Friends“ zu warnen – weniger der Moral wegen, allein schon aus Gründen der Ästhetik. ■

Roland Heer, Fucking Friends, Roman, 376 Seiten, BilgerVerlag Zürich, ISBN978-3-03762-011-3

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Online-Single“ auch über den
Roman von Anke Behrend: Fake Off!

Peter Reutterer: Siesta mit Magdalena (Novelle)

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In Wirklichkeit ist alles nur ein Traum

von Alexander Peer

„Magdalenas Mann verabschiedet sich in den Nebenraum“, heißt es im ersten Satz von Peter Reutterers als Novelle gekennzeichnetem Text „Siesta mit Magdalena“. Nicht nur in den Nebenraum scheint dieser Mann zu verschwinden, sondern gleichsam aus dem Text und damit aus der Perspektive des Erzählers Beno, der hier in einer Art lyrischem Monolog die Beziehung zu Magdalena besingt, beklagt, bekundet.
Schon die Titelgebung folgt einem programmatischen Ansatz. Die Siesta als Zeit der Muße, des Zuruhekommens und als Zäsur des Tages steht metaphorisch für einen Erzählduktus, der zwischen Wiedergabe von Ereignissen und imaginierten Begegnungen steht. Gewissermaßen schafft die Erzählhaltung ein Bewusstsein, das als semipermeabel erscheint, als halbdurchlässig. Glaubt man in einem Absatz noch einem Bericht zu folgen, steigert sich im nächsten in oft elegisch gehaltenem Ton der Erzähler in einen Rausch.

Eine unbändige Beziehung

Peter Reutterer: Siesta mit Magdalena - Novelle - Arove-VerlagEs fällt schwer, nicht Maria Magdalena zu assoziieren. Nicht allein um des Namens willen, sondern weil diese Beziehung, die sich bloß in einzelnen Brennpunkten zu manifestieren scheint und gewissermaßen als geheim vermittelt wird, etwas Unbeständiges ist. An einer Stelle ist der Bezug zur evangelischen Magdalena jedoch evident, wenn es heißt „Magdalena sei die Heiligste in der Gefolgschaft des Gottessohnes und gleichzeitig die Leibfrohste, Telefonsex würde dem lauteren Wesen Magdalenas widerstreben.“ Bevor dem Text allerdings ein Etikett verabreicht wird, das ihm nicht gerecht wird, gilt es die Erzählanordnung zu loben.

Hier wird keine Kritik der christlichen Religion im rationalen Sinn unternommen, vielmehr entsteht aus der Notwendigkeit die Sehnsucht nach etwas über die weltliche Existenz Hinausweisenden jenseits abgegriffener Dogmatik artikuliert. Diese Notwendigkeit heißt Tod. „Kompromisslos still bleiben die Toten, auch wenn sie uns anwesen“, heißt es einmal.

Pendelnder Zustand von Erinnerungsmomenten

Peter Reutterer
Peter Reutterer

Bis zur Seite zwölf des Bandes sterben der Erzählung ihre praktisch noch gar nicht zu Gestalt gekommenen Protagonisten weg. Karlchen, Melisse, Onkel Ernst, dem „eben noch aus dem Mantel geholfen wird“ und auf welchen schon das Leichentuch wartet, und schließlich vor allem der Bruder Karl, der Suizid begeht. Dieser Freitod schwebt über dem Geschehen, weil er einen Konflikt zwischen Erzähler und dem Vater festmacht. Ein Konflikt der nicht chronologisch aufgeschlüsselt wird, ja gar nicht aufgeschlüsselt werden darf, will das Motiv der Siesta, diesem pendelnden Zustand von Erinnerungsmomenten, akuten Befindlichkeiten und Verweisen auf Künftiges, konsequent umgesetzt werden. Es genügt, wenn der Erzähler den Vater skizziert, ihn als einen in der Zeit der Nationalsozialisten gesellschaftsfähig gemachten Mannes darstellt, dessen persönliche Wirklichkeit für alle zu gelten hat und der dem Sohn, dem Musiker und Tagträumer, „der sich im Bett gerne in Phantasmen verliegt“, nur als fremd erscheinen kann, vor allem jedoch als unnahbar. Fast erleichternd ist eine ab und an auftretende Nüchternheit, wenn Beno bekennt: „Was wir auf Erden tun können: miteinander schlafen gehen.“
Ebenfalls konkret, jedoch meist abwesend ist die Beziehung des Erzählers zu seiner Frau Kathrin und seinen Söhnen. Sie gehören einem Alltag an, den der Erzähler eher absolviert als lebt, sich lassen und sich loslassen scheint ihm nur mit Magdalena möglich, eine Jugendliebe, die bis ins Seniorenheim zu währen hofft.

Das Pathos etwas dick aufgetragen

Maria Magdalena als Sünderin und Büsserin bei Tizian
Maria Magdalena als Sünderin und Büsserin bei Tizian

An manchen Stellen, muss gerechterweise festgehalten werden, ist der Pathos etwas dick aufgetragen, und manche rhetorischen Kniffe sind zu gesucht, vor allem eine Formulierung wie „ich lasse mich von einer Rolltreppe abtreiben“ halte ich für missglückt. Das soll aber die Leseempfehlung nicht schmälern: Peter Reutterer erzeugt eine stimmige Collage von verpassten Momenten, Vereinigungen und fast schon beklemmender Lust. Der Erzähler reichert seine Ausführungen mit einigen zitablen Befunden an, etwa wenn es wiederum programmatisch heißt, „wenn wir das Leben nicht wahrnehmen, nehmen wir uns das Leben“. Während an anderer Stelle die Vernichtung des Lebens durch den Alltag kommentiert wird: „Später werde ich zwischen Leuten sitzen, die ihr eingerichtetes Haus als ihr Leben ansehen.“ Weise fast eine Erkenntnis, dass eine Scheidung nach 25jähriger Ehe fast nur dazu führen könne, „die Lebenslage nur noch behandeln und nicht mehr gestalten zu können“.

Die Allmacht der Sexualität über den Tod hinaus

Tod und Liebe bestimmen die Brennpunkte von Peter Reutterers Novelle „Siesta mit Magdalena“. Wo die körperliche Vereinigung über die Egozentrik der Bedürfnis-Befriedigung hinausweist, scheint sie in einem höheren Sinn zu gelingen. Diese Bezugnahme auf eine befreiende Sexualität ist angenehm einfach und provoziert gleichzeitig.

Gerade diese ernsten, jedem Menschen mit gravierendem Beziehungsverlust nachvollziehbaren Erfahrungen erzeugen in Kombination mit den Passagen von Klage und Erfüllung ein stimmiges Ganzes. Eine Erwartung jedoch muss der Rezensent enttäuschen: Dieses Buch liefert keine Wichsvorlage. Peter Reutterer ist es zu ernst mit der Allmacht der Sexualität, die über den Tod hinauszuweisen scheint. Er degradiert seine komplexen Protagonisten nicht zu hechelnden Statisten.
Denn Tod und Liebe bestimmen die Brennpunkte von Peter Reutterers Novelle. Wo die körperliche Vereinigung über die Egozentrik der Bedürfnisbefriedigung hinausweist, scheint sie in einem höheren Sinn zu gelingen. Diese Bezugnahme auf eine befreiende Sexualität ist angenehm einfach – und provoziert gleichzeitig. ■

Peter Reutterer, Siesta mit Magdalena, Novelle, Arovell Verlag, Seiten, ISBN 9783902547149


Alexander Peer

Geb. 1971 in Salzburg/A, Studien der Germanistik, Philosophie und Publizistik, lebt als freier Autor und Journalist in Wien

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Novelle auch den Kurzprosa-Text von
Andreas Wieland: Famulus

… sowie zum Thema „Literatur und Sexualität“ über
Regine Schricker: Ohnmachtsrausch und Liebeswahn

Daniel Mylow: Fliegen (Kurzprosa)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Fliegen

Daniel Mylow

Wieder zu spät. In schrägen Schnitten fällt Licht auf den Weg. Die Tür öffnet sich. Es ist nicht viel zu besprechen. Dann reden wir doch noch. Die Zeit vergeht. Ich sitze mit dem Rücken zum Wohnzimmer. Es ist so still. Er deutet mit dem Kopf in eine dunkle Ecke des Zimmers. Ob ich Nathalie mit in die Stadt nehmen könne. Der letzte Zug nach Frankfurt. Warum nicht.
Die Häuser des Dorfes bleiben zurück. Wir schweigen. Über den Feldern steigt der Mond. Wunderschön. Am Horizont gefriert Licht. Nathalie ist begeistert. Ein schmaler Feldweg windet sich über die Hügel. Gräser wachsen ins Licht. Auf der Hügelkuppe stelle ich den Wagen ab. Und der Zug, frage ich. Sie lacht. Wir steigen aus. Es ist eine warme Sommernacht. Wiesen im Mondlicht. Ist das kitschig, sagt sie. Plötzlich läuft sie fort. Am Feldrand bleibt sie stehen und zieht sich aus. Sie nimmt mich an den Händen. Unsere Schatten werden lang und länger. Über einen Heuballen fallen wir ins Gras. Es schimmert. Seine fahlen Spitzen brechen ohne Laut. Ich spüre das Gewicht ihres nackten Körpers, wie er auf mir atmet. Danach ist es ganz still. Der Mond steht schon über den Hügeln. Ein rötlicher Dunst schwebt über der Erde. Verdammt. Nur keine Fragen. Oder doch: Wer bist du. Was hast du bei ihm gemacht. Sie schweigt. Einmal noch werde ich sie fragen.
Er hat mir Geld gegeben. Viel Geld. Ich tue es nur manchmal.
Aufstehen und gehen. Mondlicht und den ganzen Romantikscheiss einpacken und gehen. Meine Finger tasten über das Gras. Da ist die Erinnerung an ihre Haut.
Idiot, sagt sie. Trotzig: wirklich nur manchmal. Mir geht es gut. Papa sorgt schon für uns.
Ich schaue sie an. Wie schön sie ist. Also, sage ich. Sie zieht die Knie an ihren Körper. Die Haare fallen ihr ins Gesicht. Ihre Stimme wird hart, als sie erzählt.
Neunzehn Jahre Crivitz, ein kleiner Ort in Mecklenburg. Dann Frankfurt. Der Arbeit wegen. Ihre Schwester ist mit achtzehn fort, niemand weiß wohin. Der Bruder trinkt. Sie holt das Abitur nach. Es wäre besser, zu arbeiten, meint Mama. Die geht selber putzen. Dabei ist Papa doch Ingenieur. Sie erzählt mit leuchtenden Augen. Wie er noch zur See gefahren ist. Geschichten abends am Bett. Seine tiefe Stimme. Seine Geduld. Später ist er zum Militär. Und jetzt? Sie schweigt Dann lächelt sie. Wäre Papa nicht… Sie erzählt und erzählt.
Warum tust du das dann, sage ich. Denke: mein Chef ist ein Schwein. Sie antwortet nicht. Die Scheinwerfer der Autos tasten über die Felder.
Schau mal, sagt sie, und deutet mit dem Finger nach oben. Über den zurückgelegten Köpfen schimmert es dunkel und kalt. Nachtlichter. Ein Flugzeug gleitet langsam durch das Gehäuf blasser Sterne. Noch etwas zu trinken, bitte? Die Kopfhörer befinden sich vor Ihnen in der Ablage. Die Toiletten finden Sie jeweils am Ende der Gänge. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Flug. Südamerika? Australien?
Die Erde schrumpft. Fliegen, nur fliegen. Sie schaut dem Flugzeug nach. Es verschwindet über der Stadt auf dem Berg. Jetzt sehen wir auf die Lichter der Stadt. Der Mond steht hoch über den Feldern. Mit den Fingern vor den Augen umfasse ich seinen Rand. Soviel Zeit ist vergangen. Sie schaut noch immer dem Flugzeug nach. Der Zug ist fort. Der nächste geht am frühen Morgen. Noch fünf Stunden Mondanstarren. Oh weh. Und dann. Bleibe ich im Wagen sitzen oder komme ich mit? Warten auf den Zug. Ein Kuss vielleicht zum Abschied. Mehr bestimmt nicht. Warum auch.
Die Stadt, sagt sie. Eine solche Stadt war es. Auch auf einem Berg. Und es ist Sommer. Ihre Familie hat da oft Urlaub gemacht. Sie haben ein schönes Haus auf der anderen Seite des Berges. Manchmal gehen sie alle abends in der Stadt essen. Das war schön, sagt sie. Ab und zu darf sie auch schon allein nach Hause laufen.
Das ist ein Weg! Der führt rund um den Berg, und von überall sieht man ganz weit auf die Ebenen. Vielleicht ist es eine Nacht wie diese. Sie bleibt oft stehen und sieht hinab auf die Wiesen und Felder, die vertrauten Lichter, den schwachen Abglanz des Mondes über dem nachtblauen Himmel.
Da merkt sie irgendwann einmal, dass ihr jemand folgt. Leise, aber beharrlich. Sie läuft schneller. Sie dreht sich um, aber sie sieht niemanden. Sie weiß, es ist noch weit. Vor ihr liegt nur der Wald, auf der anderen Seite der Abhang. Dann bleibt sie einfach stehen. Vor Erschöpfung ist ihr ganz schwindlig.
Ein schmaler, dunkelhaariger Junge tritt auf sie zu. Er grinst. Hast ganz schön Puste, keucht er. Er hat sie in der Stadt gesehen. Will einfach nur mit ihr reden. Sagt er. Jetzt, im Sommer, fliegt er Drachen auf den Hügeln unterhalb ihres Hauses. Ja, sie hat die Drachenflieger oft beobachtet. Auch ihr Vater ist einer von ihnen. Ob sie nicht mitkommen wolle.
Jetzt, in der Nacht? Ja, jetzt gleich. Nachts ist es, obwohl verboten, am schönsten. Gemeinsam laufen sie den Weg zum Ferienhaus. Nun hat sie keine Angst mehr. Der Hügel ist ein runder, glänzender Kegel. Das Drachensegel knattert im Wind. Die Silhouetten der Drachen leuchten unwirklich gegen die Nacht. Startvorbereitungen. Gut verschnürt und verzurrt laufen sie auf den Abhang zu… Und dann?
Sie schüttelt den Kopf. Es ist nicht wahr, sagt sie. Es ist alles ganz anders. Sie ist ruhig, als sie weitererzählt.
Der Weg wird schmaler und schmaler. Der Junge schielt nach allen Seiten. Dabei glotzt er ihr auf die Beine, dass sie wieder Angst bekommt. Sie geht langsamer. Sagt, dass sie müde sei. Der Junge nickt. Er erzählt von den Drachen. Sie dreht sich um. Der Weg ist dunkel und leer. Sie bindet sich die Schuhe zu. Sie bleibt stehen, fragt nach Flughöhe, Fallwinden, Unwettern. Der Junge wird ungeduldig. Komm, sagt er. Sie laufen weiter. Plötzlich fällt er sie an, zieht sie ein Stück weit in den Wald. Sie kratzt ihn blutig, er ist stärker. Er reißt ihr das Kleid entzwei. Mit einem Messer ritzt er ihr die Haut quer über dem Bauch. Sie sieht das Blut. Jetzt liegt sie ganz still. Der Junge wirft sich auf sie.
Da stürzt ein Schatten zwischen den Bäumen hervor. Noch ehe der Junge reagiert, liegt er wimmernd im Gras. Ruhig und gezielt prasseln die Schläge und Tritte auf seinen Körper. Es dauert nicht lange. Ihr Vater nimmt sie auf die Arme und trägt sie nach Hause. Wie im Film, lacht sie. Und keinen Moment später. Hier. Sie zeigt auf einen dünnen Strich vernarbter Haut über dem Nabel. Ich lege meine Hand darauf. Das ist schlimm, sage ich.
Vielleicht.
Meine Finger tasten über ihre Haut. Ich rede Unsinn dabei. Aber das ist ihr egal. Sie legt sich zurück ins Gras und schließt die Augen.
Ein fremdes, unerwartetes Erwachen. Es ist kühl. Wir wissen nicht, was wir miteinander sollen. Ich halte die Hand wieder vor Augen. Zwischen meinen Fingern klebt der Mond. Eine Stunde ist vergangen. Sie steht auf und zieht sich an. Ich sehe sie auf das Auto zugehen. Also. Ich werde noch warten, bis sie im Bahnhof verschwunden ist. Vielleicht reden wir noch. Ganz sicher werden wir uns küssen. Das wäre schön. Nicht nur wegen der Erinnerung. Ich ziehe mich an und laufe zu ihr. Dann stelle ich mich neben sie und nehme ihre Hand. Die halte ich vor den Mond. Wir steigen jetzt in unser Mondauto, fahren zur Station und fliegen mit einem Drachen zur Erde. Sag doch was. Nathalie dreht sich um. Sie weint.
Papa ist tot, sagt sie leise. ♦


Daniel Mylow - Schriftsteller - Glarean MagazinDaniel Mylow

Geb. 1964 in Stuttgart, Studium der Neueren Deutschen Literatur, Psychologie und Philosophie, Lehrerausbildung in Kassel, nach Tätigkeiten als freier Verlagslektor von 2004 bis 2009 Oberstufenlehrer an der Freien Waldorfschule Hof, Poesie-Pädagoge für Kreatives Schreiben, verschiedene Kurzprosa-Publikationen in Büchern und Zeitschriften, lebt in Hof/D

Lesen Sie im Glarean Magazin auch weitere
Kurzprosa von Daniel Mylow: Giraffe & Passagen

… sowie zum Thema Kurzprosa von
Otto Taufkirch: Sechs „Brachys“ (Mikro-Texte)

Heute vor … Jahren: Die Zofen (Jean Genet)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 6 Minuten

Ungeheure Träume träumender Ungeheuer

Über „Die Zofen“ von Jean Genet

von Walter Eigenmann.

Am 17. April 1947 hat das Pariser Théatre de l’Athéne auf seinem Spielplan die Uraufführung eines Stückes, dessen Autor im Säuglingsalter von seiner Mutter, einer Prostituierten, der Fürsorge übergeben wird, und der schon in seiner Jugendzeit als Strichjunge, vagabundierender Dieb, Schwulen-Zuhälter und schließlich als mehrjähriger Sträfling jenes Verworfenen-Leben lebt, das später zur zentralen Staffage, ja zur zelebrierten Unter- und Gegen-Welt des totalen Werte-Negierens in fast allen seinen Romanen und Stücken erhoben wird. Die Rede ist von dem französischen Schriftsteller, Dramatiker und Poeten Jean Genet (1910-1986) – und von seinem absurd-grotesken Prosa-Einakter „Die Zofen“ (Les Bonnes).

Jean Genet (1910-1986) - Glarean Magazin
Jean Genet (1910-1986)

Die Zofen, das sind die Schwestern Claire und Solange, welche dienend gleichsam zum lebenden Mobiliar in der reichen Salon-Welt einer „gnädigen Frau“ erniedrigt sind, die aber, ist die Herrschaft aus dem Haus, zu eigenem Spiel und Traum umsiedeln, um dort ihren Herrschafts-Trieben, ihren Vergeltungs-Sehnsüchten, ihrer gegenseitigen Hass-Liebe und ihrem Vernichtungsrausch zu frönen.

Mord als Katharsis

Plakat der "Zofen"-Verfilmung mit Glenda jackson und Susanna York
Plakat der „Zofen“-Verfilmung mit Glenda Jackson und Susanna York

Ihr Mord-Plan, die Herrin zu vergiften, nachdem sie deren Geliebten bereits anonym denunziert und (wie sie meinen) für immer ins Gefängnis gebracht haben, ist der erste Schritt zur eigenen Erlösung, die das soziale Gefüge neutralisieren und die beiden Zofen selber im phantastmagorischen Rollen-Spiel als Dienerin und als Herrin installieren soll. Claire (als neue Herrin) und Solange verstricken sich qualvoll leidend und lüstern genießend zugleich in ihre grausam-lustvolle Traum-Flucht hin zur selbstgewählten Knechtschaft, die sie befreien soll. Der Zofen genüsslich-morbide Spiel-Lust an der Unterwerfung wie der Unterdrückung macht sie zu „Ungeheuern – wie wir selber, wenn wir dieses oder jenes träumen“ (Genet). Als die psychologisch konsequent vorangetriebene Apotheose dieser Liebe-Hass- und Herrschaft-Unterwerfung-Ambivalenz naht, kippt die erst gespielt-virtuelle Identitäts-Flucht der beiden Zofen in die tragische Realität: Herrin ist nun Claire, und diese trinkt das für die „Gnädige“ bestimmt Gift, „während Solange unbeweglich mit dem Gesicht zum Publikum steht, die Hände überkreuzt, als ob sie Handschellen trüge“.
Der „Komödiant und Märtyrer Saint Genet“, wie Sartre in seinem gleichnamigen umfangreichen Essay diesen sowohl biographisch wie literarisch solitären Skandal-Autoren nennt, interpretiert selber „Die Zofen“ weder als Sozialkritiker noch als Psychologe oder gar Moralist, sondern als Poet: „Ich versuchte, eine Distanzierung zu erreichen, die gleichzeitig einen deklamatorischen Ton zulassen und es ermöglichen sollte, das Theatralische ins Theater zu bringen. Ich hoffte, dadurch die Charaktere abzuschaffen… und sie durch Symbole ersetzen zu können, die so weit wie möglich von dem entfernt sein sollten, was sie eigentlich verkörperten, und doch wieder eng damit verknüpft, um als einziges Bindemittel zwischen Autor und Publikum dienen zu können. Kurz, ich wollte erreichen, dass die Figuren auf der Bühne nur noch Metaphern dessen waren, was sie darstellen sollten.“ Die selbstimaginierte Hass- und Ekel-Eskalation der Zofen wird so zur Zelebrierung eines Rituals, welches das Verbrechen als reinigende Kult-Handlung zentriert: Der Mord als Katharsis.

Krankhaft überhöhte Leidensfähigkeit

Die zwei Schwestern
Die Inspiration für seinen „Zofen“-Handlungsrahmen holte sich Genet bei einem wahren Mordfall im französischen Städtchen Mans, wo die beiden Geschwister Christine (28) und Léa Papin (21) schon lange in einem bürgerlichen, äußert streng geführten Haushalt in der Provinzstadt Mans als Dienst-Mädchen angestellt waren. Wie sich die Tragödie abspielte, schildert Edmund White in seinem Buch „Jean Genet“ (München 1993): „Eines Tages versagte die Elektrizität im Haus. Da die Familie nicht da war, trugen die Dienstmädchen die Verantwortung. Als Mutter und Tochter nach Hause kamen, beschimpften sie die Schwestern, die in einem Wutanfall Mutter und Tochter die Augen auskratzten und sie töteten. Dann verstümmelten sie die Leichen und badeten die eine im Blut der anderen. Nach getaner Arbeit wuschen sie ihre Werkzeuge, nahmen ein Bad und legten sich im Bett zur Ruhe mit den Worten: ‚Da haben wir uns aber was geleistet!‘ Die Schwestern waren immer unzertrennlich gewesen, selbst in ihren Ferien. Bei ihrem Prozess waren sie außerstande, ein Motiv für ihr Verbrechen zu nennen. Ihr einziges Interesse war, die Schande gemeinsam zu tragen. Nach fünf Monaten im Gefängnis, während derer sie von ihrer jüngeren Schwester getrennt war, brach Christine zusammen und versuchte, diesmal sich selbst die Augen auszukratzen. Als sie in eine Zwangsjacke gesteckt wurde, machte sie obszöne Verrenkungen, dann fiel sie in Schwermut. Nachdem die beiden Mädchen zur Guillotine geführt wurden, sank Christine auf die Knie.“
Walter Eigenmann

Auf die (im biographischen Kontext durchaus naheliegende) Frage, warum er nie einen Mord verübt habe, entgegnete einmal der homosexuelle Kriminelle und ewige Flüchtling Genet entwaffnend: „Wahrscheinlich, weil ich meine Bücher geschrieben habe“. Und die Kompromisslosigkeit, mit welcher dieser Autor – dessen Leben sich vor einem bürgerlichen Blick wie ein einziger tragischer Witz ausbreitet – die überhöhende wie krankhaft überhöhte Leidensfähigkeit seiner Protagonisten bis zur bitteren Neige auskostet, wird nur noch übertroffen durch die absurden, schier irrealen Trivialitäten, welche all diese Düsternis und dieses Scheitern in Genets teils perversen, teils ins Religiös-Heilige gesteigerten Welt(en) auszulösen vermögen. Dass sich der Existenzialist Sartre und der frühe Cocteau sowie in der Folge solche namhaften Underground- und Beat-Schriftsteller wie Allen Ginsberg, William Burroughs, Jack Kerouac oder Gregory Corso bis zu Charles Bukowski auf Jean Genet als einen ihrer literarischen Animateure berufen, ist also keineswegs zufällig.

Omnipräsente Spur der Moralität

Von „NotreDame-des-fleurs“ (1944) und seiner ständigen Konfrontation mit der Problematik des Tötens über „Le balcon“ (1957) mit der zentralen Intention „Die Welt ist ein Bordell“ bis hin zu der gigantomanen, theatralisch nicht mehr zu bewältigenden Totentanz-Opulenz der „Paravents“ (1961) – Genet nannte diese seine „Wände“ maßlos verniedlichend ein „Märchenspiel“, ein „Fest, gewidmet den Lebenden wie den Toten“ – durchzieht dabei das gesamte umfangreiche Genet-Oeuvre eine omnipräsente Spur der gewaltsamsten Obszönität und der obsessivsten Missachtung aller gesellschaftlich determinierten Moralität. Anders als etwa Henry Miller, dessen übersteigerte „literarische Sexualität“ (zumindest anfänglich) banalste monetäre Ursachen hatte, ist Genet der wahrhaft Besessene, der Bilder-Junkie, der Apotheotiker auch der phallischen (präziser: homo-erotischen) Virilität, dem aller Unterleib zu Kopf steigt. Jean Genet, das ist ein einziger permanenter Tabu-Bruch, und das an Leib und Seele.
Zurecht ist in der Genet-Forschung auf die nicht nur thematische, sondern auch stilistische Parallelität Genets zur ebenfalls barock-opulenten Monströsität eines seiner „Vorgänger“, nämlich des Marquis de Sade hingewiesen worden. Gleich wie bei jenem – und wieder anders als bei Miller – kommt die Prosa, kommen auch die Dramen Genets, bei all ihrer pervers-kriminellen Narration, seltsam reflektorisch daher, Dialoge und Schilderungen sind seitenweise versetzt mit quasi-philosophischen Exkursen – irritierende Reflexionen, welche die Symbolik einzelner Handlungsstränge selten erklären, meist vielmehr vorantreiben. In zwanghafter Fatalität breitet so fast jedes Genet-Werk je eine eigene wahrliche Ästhetik des Bösen aus – Der „Querelle“-Verfilmer Rainer Werner Fassbinder nennt das 1982 den „Pakt mit dem Teufel“ -, die desillusionierende Analyse menschlichen Zusammenlebens wird zur buchstäblichen Sprach-Gewalt. In einem Geschwister-Dialog der „Zofen“ wird das exemplarisch im Hinblick auf menschliche Bindungen formuliert: „Ich möchte dir helfen. Ich möchte dich trösten, aber ich weiß, ich ekle dich an. Ich stoße dich ab. Ich weiß es, weil du mich anekelst. Liebe in Knechtschaft ist keine Liebe.“

Unentrinnbarer Identitäts-Zwiespalt

Die Genet-Freunde Picasso und Cocteau (1955 bei einer Corrida)
Die Genet-Freunde Picasso und Cocteau (1955 bei einer Corrida)

Zwar sind die „Zofen“ in ihrer psychopathischen Individualsphäre ein Drei-Personen-Binnenstück, aber deren unentrinnbar verstrickender Identitäts-Zwiespalt, eines der großen Leit-Motive Genets, hat Genet selber hochtransponiert in seine eigene, post-literarische Lebens-Phase, da er sich vornehmlich als politischer Aktivist betätigte: Als Vietnamkrieg-Gegner, aber auch als RAF-Sympathisant; als Arafat-Freund im palästinenischen Freiheitskampf, aber auch – weltweit kritisiert – als „einfühlsamer“ Versteher des „Dichters“ Hitler, über den er (nur ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg!) schreibt: „Dichter, der er war, verstand er, sich des Bösen zu bedienen. Er zerstörte um der Zerstörung willen, er tötete, um zu töten.“ Und: „Der Führer schickte seine schönsten Männer in den Tod. Das war die einzige Möglichkeit, die er hatte, um sie alle zu besitzen.“

Entindividualisierung bis zur existenziellen Nackheit

Hier wird noch beim späten Genet ein zweites lebenslanges literarisches Motiv dieses Allegorien-Hymnikers verstärkt auf den Punkt gebracht: Die Entindividualisierung der Protagonisten, die am Ende ihres Umwandlungsprozesses nur noch als existenzielle Nacktheiten vorhanden sind – als „Inszenierung ihrer äußerlichen Form“, wie es die Genet-Analytikerin Michaela Wünsch einmal formulierte.

Wie fast alle seine Stücke wurde „Die Zofen“ – der Dramen-Erstling Genets – vom schockierten zeitgenössischen Theater-Publikum nicht verstanden, sondern boykottiert, die Erstaufführung geriet zum Desaster, auch für den Regisseur Louis Jouvet. Noch war die Zeit 1947 nicht reif für einen Jean Genet – nicht für den Heiligen, und nicht für den Sünder. ■

Lesen Sie im Glarean Magazin in der Rubrik „Heute vor…“ auch über das
Drama von Henrik Ibsen: Peer Gynt