Interview mit der Komponistin Dorothee Eberhardt-Lutz

Überzeugen durch Qualität

Dorothee Eberhardt-Lutz befragt von Jakob Leiner

Die 1952 ge­bo­re­ne Münch­ner Kom­po­nis­tin Do­ro­thee Eber­hardt-Lutz ist Ge­win­ne­rin meh­re­rer Kom­po­si­ti­ons­wett­be­wer­be, vie­le ih­rer Wer­ke sind ver­legt und auf CD ein­ge­spielt. Ihr Werk um­fasst über 80 Wer­ke für die ver­schie­dens­ten Be­set­zun­gen, vom Solo-In­stru­ment bis zum gro­ßen Orchester.

Glarean Ma­ga­zin: Frau Eber­hardt, was macht Ih­ren be­vor­zug­ten Ar­beits­platz aus?

Keine "avantgardistische Provokateurin": Die Münchner Komponistin Dorothee Eberhardt-Lutz
Kei­ne “avant­gar­dis­ti­sche Pro­vo­ka­teu­rin”: Die Münch­ner Kom­po­nis­tin Do­ro­thee Eberhardt-Lutz

Do­ro­thee Eber­hardt-Lutz: Mei­nen be­vor­zug­ten Ar­beits­platz macht aus, dass er ab­so­lut schall­dicht ist und ich von au­ßen nichts höre. Ich ar­bei­te da­her in ei­nem Gar­ten­haus mit schall­dich­ter Box. In die­ser sind ein Schreib­tisch, ein Kla­vier, No­ten, Bü­cher, CDs und CD-Spie­ler und je nach­dem, für wel­che In­stru­men­te ich kom­po­nie­re, Gei­ge, Cel­lo, Kla­ri­net­te, Flö­te, Per­kus­si­ons­in­stru­men­te usw., ein­mal so­gar ein Kon­tra­bass, den ich aus­ge­lie­hen hat­te. Was es in mei­ner Box nicht gibt, sind Te­le­fon und Com­pu­ter, d.h. es gibt, au­ßer ei­nen schö­nen Blick in den Gar­ten und den Him­mel, kei­nen Kon­takt zur Außenwelt.

Was ist Ihre frü­hes­te mu­si­ka­li­sche Erinnerung?

Schlaf­lie­der, die mei­ne Mut­ter mei­nen bei­den Ge­schwis­tern und mir vor­sang. Ich fand ihre Stim­me wun­der­bar und en­gels­gleich, ob­wohl sie spä­ter mein­te, dass sie gar nicht gut ge­sun­gen hätte.

Sie durch­lie­fen eine brei­te aka­de­mi­sche Aus­bil­dung, stu­dier­ten zu­erst in Tü­bin­gen Ori­en­ta­lis­tik, Phi­lo­so­phie und Grie­chisch bis zu Ih­rer Pro­mo­ti­on, spä­ter dann Mu­sik­wis­sen­schaft, Kom­po­si­ti­on und Kla­ri­net­te in Lon­don, wo sie auch län­ge­re Zeit ih­ren Le­bens­mit­tel­punkt hat­ten. Wie ste­hen Sie zur Li­nea­ri­tät von Lebensläufen?

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Wenn es dar­auf hin­aus­läuft, dass ich mich im Le­ben ei­ner Sa­che, ei­ner Auf­ga­be wid­me, dann ist ein li­nea­rer Le­bens­lauf si­cher­lich von Vor­teil, da ich mich schon von An­fang an auf die­se Sa­che kon­zen­trie­ren kann. In der Mu­sik den­ke ich da z.B. an Bach, Mo­zart oder auch an Anne-So­phie Mut­ter. Aber da­für muss man von An­fang an wis­sen, wel­che Auf­ga­be für ei­nen die rich­ti­ge ist. Wenn ich die für mich rich­ti­ge Auf­ga­be, den für mich rich­ti­gen Platz im Le­ben aber erst fin­den muss, wird mein Le­bens­lauf nicht li­ne­ar ver­lau­fen. Er wird Ab­schlüs­se und Neu­an­fän­ge auf­wei­sen, die Zeit, En­er­gie und Kraft kos­ten, aber auch be­son­de­re Er­fah­run­gen ver­mit­teln können.

Zitat aus der Komposition "Magma" für Bläserquintett von Dorothee Eberhardt-Lutz
Zi­tat aus der Kom­po­si­ti­on “Mag­ma” für Blä­ser­quin­tett von Do­ro­thee Eberhardt-Lutz

Sie ar­bei­te­ten eben­so als Mu­sik­päd­ago­gin und ken­nen die Be­dürf­nis­se jun­ger Mu­si­zie­ren­der. Wann und wie ge­lingt Lernen?

Ler­nen ge­lingt, wenn der Leh­rer (im­mer mit­ge­meint: die Leh­re­rin) weiß, wie hoch die An­sprü­che sein kön­nen, die er an den Schü­ler (im­mer mit­ge­meint: die Schü­le­rin) stel­len kann. Für den Schü­ler mö­gen die An­sprü­che zu­nächst un­er­füll­bar er­schei­nen – das schaf­fe ich nie -, aber der Leh­rer kann dem Schü­ler dann das für die­sen An­spruch Nö­ti­ge ver­mit­teln. We­sent­lich für ei­nen gu­ten Leh­rer ist auch, dass er die De­fi­zi­te im Spiel des Schü­lers sieht und kon­kre­te Hin­wei­se ge­ben kann, wie die­se be­ho­ben wer­den können.

Ihr Werk­ver­zeich­nis ist äu­ßerst breit­ge­fä­chert, na­he­zu alle Gat­tun­gen sind dar­in ver­tre­ten. Gibt es den­noch so et­was wie eine Lieblingsbesetzung?

Genius Loci - Komponierhäuschen von Dorothee Lutz-Eberhardt - Glarean Magazin
“Gar­ten­haus mit schall­dich­ter Box”: Ge­ni­us Loci der Kom­po­nis­tin Do­ro­thee Eberhardt-Lutz

Es gibt ei­ni­ge In­stru­men­te, für die ich mich nicht kom­pe­tent hal­te, z.B. Or­gel und Gi­tar­re, an­sons­ten ist jede Be­set­zung, auch die mit Stim­me, reiz­voll, stellt an­de­re kom­po­si­to­ri­sche An­for­de­run­gen und ist da­her in­ter­es­sant und spannend.

Vie­le Ih­rer Wer­ke sind ver­legt und/oder auf CD er­schie­nen. Ha­ben Sie eine Mei­nung be­züg­lich des ubi­qui­tä­ren Mu­sik­strea­mings – Spo­ti­fy und Kon­sor­ten – und des­sen Ein­fluss auf den Kon­sum von Musik?

Ich weiß, dass die Ju­gend Mu­sik nur noch über Strea­ming­diens­te wie Spo­ti­fy etc. hört und nicht mehr über das Ra­dio oder auf CDs. Da­her freue ich mich, dass mei­ne Mu­sik auch über die Strea­ming­diens­te ge­hört wer­den kann, ob­wohl ich per­sön­lich sie nicht nutze.

Sie sag­ten ein­mal, dass Sie sich nicht als avant­gar­dis­ti­sche Pro­vo­ka­teu­rin sä­hen. Was ist ge­gen das Un­ru­he­stif­ten einzuwenden?

Da­ge­gen ist gar nichts ein­zu­wen­den, und ich weiß auch nicht mehr, wann ich das ge­sagt habe. Mir geht es ein­fach dar­um, eine mu­si­ka­lisch so gut wie mög­li­che Mu­sik zu schrei­ben. Wie sie dann bei den Hö­rern und Hö­re­rin­nen an­kommt, hängt auch von de­ren Hör­ge­wohn­hei­ten ab. Viel­leicht ge­fällt ih­nen mei­ne Mu­sik, viel­leicht pro­vo­ziert sie? Am Ende muss die Mu­sik durch ihre Qua­li­tät überzeugen.

Ei­ni­ge Ih­rer jüngs­ten Wer­ke neh­men Be­zug auf Ne­za­hual­cóyotl, ei­nen prä­ko­lum­bi­schen Herr­scher des Az­te­ken­reichs. Wo­her neh­men Sie In­spi­ra­tio­nen wie diese?

Do­ro­thee Eber­hardt, 1952 in Mem­min­gen ge­bo­ren, er­hielt be­reits als Kind Ak­kor­de­on- und Kla­vier­un­ter­richt, spä­ter ka­men Sa­xo­phon, Kla­ri­net­te und Vio­li­ne hin­zu. Nach dem Ab­itur stu­dier­te sie in Würz­burg und Tü­bin­gen Ori­en­ta­lis­tik, Phi­lo­so­phie und Grie­chisch, und schloss ihr Stu­di­um 1979 mit der Pro­mo­ti­on ab.
In­spi­riert von der eng­li­schen Sa­xo­pho­nis­tin Bar­ba­ra Thomp­son ging sie 1980 nach Lon­don, um dort ihre mu­si­ka­li­sche Aus­bil­dung zu er­hal­ten: sie stu­dier­te Kom­po­si­ti­on und Mu­sik­wis­sen­schaft am Golds­mit­hs Col­lege der Uni­ver­si­tät Lon­don und Kla­ri­net­te am Tri­ni­ty Col­lege of Mu­sic. Nach Ab­schluss der Stu­di­en ar­bei­te­te sie in Lon­don als Kom­po­nis­tin und Mu­sik­päd­ago­gin. 1992 kehr­te sie nach Deutsch­land zu­rück und lebt nun in der Nähe von München.

Mein In­ter­es­se an den Ge­dich­ten des alt­me­xi­ka­ni­schen Kö­nigs Ne­za­hual­cóyotl (1402-1472) da­tiert von mei­ner Zeit in Lon­don, d.h. den 1980-er Jah­ren. Da­mals las ich ei­ni­ge sei­ner Ge­dich­te in ei­ner Zei­tung und war so­fort fas­zi­niert. In sei­nen Ge­dich­ten be­singt der Kö­nig die Schön­heit der Welt und nennt als Bei­spie­le Blu­men, Mu­sik, Jade, Gold und die Fe­dern des Quetz­al, des grün und schar­lach­rot ge­färb­ten Vo­gels, den die Tol­te­ken und spä­ter die Az­te­ken in Me­xi­ko als Gott­heit verehrten.

Ne­za­hual­cóyotl ist sich aber be­wußt, dass all dies und mit ihm wir Le­ben­den ver­gäng­lich ist und nur ei­nen kur­zen Au­gen­blick auf der Erde ver­wei­len darf. Für ihn ist die­ser Ge­dan­ke An­lass zu gro­ßer Trau­er. Wenn er könn­te, gin­ge er in ein Land, in dem es kei­ne Ver­gäng­lich­keit und kei­nen Tod gibt. Die­se Ge­dan­ken­welt Ne­za­hual­cóyotls be­rührt mich tief.

Was sind Ihre der­zei­ti­gen Pro­jek­te bzw. Arbeitsschwerpunkte?

Mei­ne der­zei­ti­gen Pro­jek­te bzw. Ar­beits­schwer­punk­te sind Wer­ke im Be­reich der Kam­mer­mu­sik. Ge­ra­de habe ich das Stück Vio­li­ne pur für Vio­li­ne solo be­en­det, das im Fe­bru­ar nächs­ten Jah­res ur­auf­ge­führt wer­den wird. Es ist das zwei­te Werk ei­ner Rei­he für In­stru­men­te solo, die ich nach und nach fort­set­zen möch­te. Das ers­te Werk, Har­fe pur, ent­stand 2022. Es wird im Ok­to­ber in Mün­chen wie­der­auf­ge­führt wer­den. Das nächs­te Pro­jekt ist ein neu­es Stück für Kla­ri­net­te und Kla­vier für den eng­li­schen Kla­ri­net­tis­ten und gu­ten Be­kann­ten Phil Ed­wards. Er hat vie­le mei­ner Stü­cke auf­ge­führt und die­ses neue Stück möch­te ich ihm wid­men. Er wird es mit sei­nem Be­glei­ter am 14. De­zem­ber 2024 in Gil­ching uraufführen.
Ein wei­te­res Pro­jekt ist die Auf­nah­me mei­nes neu­en Stücks für Streich­or­ches­ter Strei­cher pur auf CD An­fang nächs­ten Jah­res. Dar­auf freue ich mich schon sehr.

Ihre Mu­sik wird in­ter­na­tio­nal auf­ge­führt und ge­sen­det. Wo be­ginnt und en­det Hei­mat für Sie?

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Hei­mat ist für mich eine Emo­ti­on. Eine von meh­re­ren mei­ner emo­tio­na­len Hei­ma­ten ist si­cher Eng­land, wo ich zwölf Jah­re lang ge­lebt habe. Ich kam da­mals mit der Fäh­re von Ca­lais in Do­ver an, und als ich die wei­ßen Krei­de­fel­sen sah und spä­ter den gelb blü­hen­den Gins­ter im Mit­tel­strei­fen der Au­to­bahn, fühl­te ich mich so­fort zu­hau­se. Und die­ses Ge­fühl habe ich heu­te noch.

Wie emp­fin­den Sie die Ent­wick­lun­gen zum The­ma Gleich­be­rech­ti­gung im Mu­sik­be­trieb aus heu­ti­ger Sicht?

Es wur­de schon sehr viel er­reicht be­züg­lich Gleich­be­rech­ti­gung im Mu­sik­be­trieb, und ich bin den vie­len Mu­si­ke­rin­nen, Jour­na­lis­tin­nen, Mu­sik­wis­sen­schaft­le­rin­nen und an­de­ren sehr dank­bar, die so hart und un­be­irr­bar da­für ge­ar­bei­tet ha­ben und arbeiten.

Frau Eber­hardt, wie klingt ei­gent­lich die Mu­sik der Zukunft?

Sehr viel­fäl­tig, und ich stim­me hier mit John Cage über­ein, der sag­te: “When I think of a good fu­ture it cer­tain­ly has mu­sic in it, but it doesn’t have one kind of mu­sic. It has all kinds of mu­sic”. Die­ses Zi­tat hängt an ei­nem Re­gal in mei­nem Arbeitszimmer. ♦

Le­sen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum The­ma Schwei­zer Kom­po­nis­tin­nen und -Kom­po­nis­ten auch das In­ter­view mit Da­ni­el Schnyder


Ein Kommentar

  1. In­ter­es­san­te Per­sön­lich­keit, de­ren Oeu­vre ich bis an­hin noch gar nicht kann­te. Dank an Herrn Lei­ner für die Fra­gen. Gruss aus Ams­ter­dam: R. Weber

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