Arno Camenisch: Goldene Jahre (Roman)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 19 Minu­ten

Was mit der Schweizer Literatur nicht stimmt

von Dominik Riedo

Lite­ra­tur setzt sich nur aus schein­ba­ren Klei­nig­kei­ten zusam­men. Schein­ba­ren – weil das kleinste Detail stets mitentscheidet.“
Karl­heinz Deschner

Ich ver­stehe es ein­fach nicht. So ein­fach ist es. Klar: Die Ver­kaufs­zah­len spre­chen für sich (und zwar tat­säch­lich, auch in mei­nem Sinne; siehe unten), und wer beim Lesen glück­lich ist, immer­hin, dem ist dies an sich Wer­tung genug. –
Trotz­dem ver­stehe ich es nicht. Denn ich habe im Stu­dium unter Pro­fes­sor von Matt an der Uni­ver­si­tät Zürich gelernt, dass man gute Lite­ra­tur durch­aus von schlech­ter unter­schei­den kann und dass aus­ge­bil­dete Ger­ma­nis­ten das durch­aus auch kön­nen soll­ten. Und drum wohl kann ich es nicht verstehen.
Worum es geht? „Gol­dene Jahre“, das neue Buch von Arno Camen­isch (*1978 in Tava­nasa), erschie­nen im Mai die­ses Jah­res 2020, stand – wie man der Web­seite des Schrift­stel­lers ent­neh­men kann – wochen­lang in den Best­sel­ler­lis­ten. Es muss sich gut ver­kauft haben. Vor allem aber war es, als ich es kaufte, für den Deut­schen Buch­preis 2020 nomi­niert, eines von zwan­zig Büchern im gesam­ten deut­schen Sprachraum.

Zweiter Frühling zweier Damen

Arno Camenisch - Goldene Jahre - Roman - Engeler VerlagWeil Juro­ren sol­cher Preise in der Regel durch­aus sach­ge­recht beur­tei­len kön­nen, dachte ich mir ganz ohne Hin­ter­ge­dan­ken, ich könnte mir da wie­der ein­mal ein Buch eines Mit­au­tors gön­nen, das ich gerne lese werde, wie etwa Daniel Kehl­manns Bücher, die sich ja eben­falls gut ver­kau­fen und deren Autor auch viele Preise bekom­men hat.
Doch was für eine Ent­täu­schung! Klar, das Buch hat einen grif­fi­gen Titel und kommt sogar, anders als man es auf den ers­ten, ver­ein­fach­ten Blick erwar­ten würde, nicht in einem gol­de­nen Kleid daher. Der eher leuch­tend gras­grüne Umschlag steht damit geschickt viel­mehr für den Früh­ling als für die spä­ten Jahre des Frau­en­duos, um das sich in „Gol­dene Jahre“ alles dreht. Erle­ben doch die bei­den Damen durch das Erzäh­len, so könnte man sich den­ken, eine Art zwei­ten Früh­ling, und ganz sicher spielt das Buch im Früh­ling. Nur nicht allzu offen­sicht­lich daher­kom­men, das unter­schei­det Lite­ra­tur manch­mal loh­nens­wer­ter Weise vom Jour­na­lis­mus. So denke ich mir zu Beginn auch nichts über die Situa­tion, in der die bei­den Frauen im Buch quasi berich­ten. Es wird sich dann schon noch klä­ren, denke ich, wel­che dia­lo­gi­sche oder erzäh­le­ri­sche Situa­tion hier vorliegt.

Gestelzt-unglaubwürdige Sprache

Arno Camenisch - Schriftsteller - Glarean Magazin
Arno Camen­isch (*1978)

Aber dazu gleich vor­ne­weg: Die Lese­rin oder der Leser wird sich bis zum Ende fra­gen müs­sen, wenn sie/er sich das fra­gen will, an wen die bei­den Frauen sich hier eigent­lich wen­den: Es ist kein auf ein Spei­cher­me­dium gespro­che­ner Brief, kein Bericht einer Radio- oder Fern­seh­an­stalt und sie fil­men sich auch nicht selbst zur Erin­ne­rung. Sie erzäh­len ein­fach für­ein­an­der (nur „ein­an­der“ kann ich nicht gut sagen, spricht doch etwa Mar­grit am Anfang ins Leere hin­aus, ohne dass Rosa-Maria schon direkt bei ihr wäre). Und da war es bei mir als Leser schon so weit, dass ich mehr als stutzte: Wenn man sich der­art lange kennt wie die bei­den Prot­ago­nis­tin­nen, und wenn man zusam­men seit 51 Jah­ren einen Kiosk führt, dann beginnt man doch nicht aus dem Nichts her­aus fol­gen­der­mas­sen zum Gegen­über zu reden: „Eine Freude ist das, wie schön sie leuch­tet, sie lächelt, da geht einem grad das Herz auf, wenn wir am Mor­gen die gelbe Leucht­re­klame ein­schal­ten, in aller Herr­gotts­frühe, wenn noch die letz­ten Sterne am Him­mel sind.“
Abge­se­hen davon, dass einem wohl nach 51 Jah­ren im sel­ben Job, so gerne man ihn tut, nicht mehr jeden Tag das Herz auf­geht über die­ser Tätig­keit, so falsch ist es, wenn der Autor hier die eine Figur zur ande­ren – obwohl die in dem Moment wie gesagt nicht mal dort steht – sagen lässt, dass die Leucht­re­klame gelb ist. Das wüsste die doch schon lange! Man sagt auf der Bau­stelle auch nicht: „Gib mir mal den gel­ben Meter“. Die Farbe ist hier­bei total unwich­tig (aus­ser es läge ein ande­rer roter dane­ben). Ebenso wüsste ihr Gegen­über im Buch wohl, dass sie dies jeweils sehr früh am Mor­gen tun und dass dann, zumin­dest in dem betref­fen­den Monat, die Sterne teil­weise noch am Him­mel ste­hen (und für das ganze Jahr gese­hen wäre dies zudem schlicht falsch). Oder noch anders gesagt: Keine alte Kol­le­gin spricht so gestelzt zu ihrer alten Kollegin.

Falsche Erzählsituationen

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Nun könnte man ein­wen­den, es sei nicht ganz sicher, ob bezie­hungs­weise was da alles gespro­chen werde, denn das „sie lächelt“ spricht sie kaum aus; sie könnte sich das also bloss bei sich den­ken. Doch da ver­tei­digt mich der nächste Satz: „Und bald wird es hell, sagt sie“. Sie spricht also wirk­lich; aber eben: Im gan­zen Text kann man nie her­aus­le­sen, dass sich die Frauen an einen Drit­ten wen­den wür­den. Da macht es auch kei­nen Sinn, dass sie wei­ter anfügt: „Seit 1969 gibt es uns, bereits, ja, ja, im 69 ist die Leucht­re­klame zum aller­ers­ten Mal ange­gan­gen, in ihrer gan­zen Pracht, das ganze Tal ist auf­ge­leuch­tet an die­sem Tag, sogar von Brigels run­ter konnte man die Leucht­re­klame sehen, wenn man oben auf der Kante stand, dort wo der steile Hang beginnt, und run­ter­schaute, sah man das Licht auf dem Dach vom Kiosk bren­nen wie das ewige Liech­tli in der Kir­che.“ Ers­tens ist der Ver­gleich mit dem ewi­gen Licht in der Kir­che nicht gut gewählt, denn dies brennt auch in der Nacht, aber das kann man immer­hin noch der Figur zuschrei­ben; zwei­tens aber: Wer braucht einer Geschäfts­part­ne­rin, die seit 51 Jah­ren am glei­chen Ort arbei­tet, die nähere Umge­bung noch zu beschrei­ben? Es ist ihr doch klar, wo genau die betref­fende Stelle in Brigels wäre, von dem man die Leucht­re­klame sehen kann. Völ­lig blöd wird es dann, wenn die Mar­grit gleich dar­auf dia­lo­gisch zu wie­der­käuen beginnt: „Ein Bijou von einer Leucht­re­klame ist das, sagt die Mar­grit, im August 1969 ist sie das erste Mal ange­gan­gen“. In wel­cher denk­ba­ren Szene, selbst wenn das Ganze für eine Dritte oder einen Drit­ten gespro­chen wäre, sollte sie das wie­der­ho­len? – Die Erzähl­si­tua­tion für das ganze Buch ist schlicht falsch.

Ein lieber feiner Kerli“

Surselva Tal - Kanton Graubünden Schweiz - Glarean Magazin
„Sogar von Brigels run­ter konnte man die Leucht­re­klame sehen“: Das Sur­selva Tal im Schwei­zer Kan­ton Graubünden

Doch war ich hier noch bereit, das ein­fach mal zu akzep­tie­ren; es könnte ja sein, dass Camen­isch wenigs­tens ein guter Beob­ach­ter der Men­schen in dem Bünd­ner Tal, der Sur­selva, wäre. Aber das musste ich mir ebenso gleich aus dem Kopf schla­gen, folgt doch Plat­ti­tüde auf Plat­ti­tüde. Dass sie bereits 51 Jahre an ihrem Kiosk arbei­ten, will die Rosa-Maria gar nicht recht glau­ben, es komme ihr vor, und hier also die Plat­ti­tüde, „als seien wir doch erst gerade gestar­tet“. Huch, man sieht regel­recht das erstaunte Gesicht über dem abge­leb­ten hal­ben Jahr­hun­dert. Hier stellte sich mir dann eben die Frage: Will der Autor eigent­lich ein­fa­che Men­schen dar­stel­len oder eher tief­sin­nige? Wären sie tief­sin­nig, wür­den sie sich bestimmt nicht der­art sim­pel und ohne wei­tere Gedan­ken über die Jahre wun­dern. Wären sie aber ein­fa­che Büezer, so reden sie nicht entsprechend.
Tat­säch­lich sind die Plat­ti­tü­den wohl auch eher die des Autors. Wird doch im Fol­gen­den dann fast jeder Mann, dem die bei­den in der Zeit als Kiosk-Frauen begeg­net sind, „ein fei­ner Bur­sche“, „ein lie­ber Kerl“ o. Ä. genannt, so oft, dass es auch nicht mehr ein bestimm­tes Wesens­merk­mal sein kann, vor allem, da beide Frauen das eine oder andere Mal diese Beschrei­bung wäh­len (was traut der Autor die­sen Frauen eigent­lich alles nicht zu?). Der Astro­naut Coll­ins: „der liebe Kerli“; der Rad­renn­fah­rer Eddy Merckx: „ein fei­ner Bur­sche“; Hugo Koblet (des­sen Ren­nen aber eigent­lich vor ihrer Zeit sich abspiel­ten): „ein Hüb­scher“; sogar der Glas­au­gen-Columbo aus der TV-Serie ist „char­mant“ (und aus­ge­rech­net bei dem sagt die Mar­grit: „Wenn der hier an unse­rem schö­nen Kiosk mit Zapf­säule mit sei­nem Cabrio­let ange­fah­ren gekom­men wäre, ich weiss nicht, was dann pas­siert wäre“; als wür­den sich Frauen nur die ‹Char­man­ten› aus­wäh­len, nicht etwa jene, die rich­tig sexy sind; ob da einer ein völ­lig fal­sches Frau­en­bild hat?); Roger Moore ist eben­falls „ein fei­ner Kerl“; und auch der Ludo­vic ist – na: was? – „ein fei­ner Kerl“.

Von dreirädrigen Autos

Isetta BMW - Glarean Magazin
Noch bis in die 1970er Jahre hin­ein auf Bünd­ner Stras­sen zu sehen: Die legen­däre 3-räd­rige Isetta BMW

Ähn­lich platt oder falsch die Ver­glei­che, wie schon beim ewi­gen Licht: „Das ist wie ein Auto mit drei Rädern“ – gerade die bei­den Geschäfts­part­ne­rin­nen am Kiosk mit Tank­stelle seit 1969 soll­ten wis­sen, dass es drei­räd­rige Autos gab und gibt – bis in die 1970er-Jahre hin­ein war zum Bei­spiel die BMW Isetta noch oft im Stras­sen­bild zu sehen. Die bei­den Frauen aber wol­len bloss wis­sen, dass es in Ita­lien sol­che Modelle gibt, ohne genauere Kennt­nis. Da spielt es im Sinne des Autors auch keine Rolle, dass eine Drei­er­be­zie­hung, von der die bei­den Frauen reden, als eine sol­che „über Kreuz“ bezeich­net wird. Eine Liebe ‹übers Kreuz› müsste wohl eher vier Par­teien haben, nicht drei.
So ver­passt Camen­isch auch zuver­läs­sig die Orte, an denen er punk­ten könnte, etwa seine bei­den weib­li­chen Haupt­per­so­nen betref­fend. Klar sagt Mar­grit ein­mal, sie wären Exo­ten gewe­sen, aber nicht etwa dafür, 1969 als Frau­enzwei­er­team ein Geschäft eröff­net zu haben, son­dern für eine Bana­li­tät: „Man stelle sich vor, ein Kiosk, sagt die Mar­grit, und gleich dazu noch eine Zapf­säule, und das im Jahr 1969, das war revo­lu­tio­när, Exo­ten waren wir“. Waren doch damals, als die Auto­ben­zin­tanks noch klei­ner waren und der Kilo­me­ter­ver­brauch grös­ser, die Zapf­säu­len an den Stras­sen in den Schwei­zer Alpen keine Sel­ten­heit. Und weil man als Besit­zer oder Ange­stell­ter nicht im Kal­ten oder im Regen war­ten konnte, baute man eben einen klei­nen Laden oder Kiosk dazu. Sie aber, die bei­den Frauen, die gerade sag­ten, sie seien Exo­ten gewe­sen, etwas, was es sel­ten gab, mei­nen dann noch, dass sie „eine Epo­che […] geprägt [hät­ten] mit unse­rem Kiosk mit Leucht­re­klame, das muss uns jemand zuerst mal nach­ma­chen.“ – Ja, genau: Das gezielte Nach­ma­chen ande­rer, also das Vor­bild-Sein wäre eben gerade die Defi­ni­tion davon, wie man eine Epo­che prägt! Hin­ge­gen wären sie dann wie­derum keine Exo­ten. Man kann es dre­hen und wen­den wie man will: Es ist schlicht falsch.

Schlechte Roman-Recherchen

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Aber um noch­mals auf das zurück­zu­kom­men, was Mar­grit und Rosa-Maria zuein­an­der nach 51 Jah­ren reden. Meint doch die Mar­grit zu ihrer Kol­le­gin, mit der sie über ein hal­bes Jahr­hun­dert dort gear­bei­tet hat: „Dafür ist der Ser­vice top, sagt die Maria, also wer hier tankt, bekommt für einen klei­nen Auf­preis auch gleich noch einen Kaf­fee, den haben wir immer parat“. Ach so, möchte man im Namen der Kol­le­gin sagen, ich weiss: Ich bin seit 51 Jah­ren mit dabei! Aber Rosa-Maria scheint die Demenz zu haben: „Aus­ser Kero­sin gibt es hier alles, und sobald die Pis­tole im Tank steckt und die gute Zapf­säule den Most hoch­pumpt, gehen die Zah­len auf der Anzeige durch und zäh­len dir auf den Rap­pen genau, wie viel jemand schon wie­der getankt hat.“ Nicht wahr? Ich weiss! Aber es endet kei­nes­wegs dort: „Den Kaf­fee gibt’s, wie bereits gesagt, oben­drauf, der ist gra­tuit“. Nicht wahr?! (Aus­ser dass er zuvor noch „einen klei­nen Auf­preis“ kostete!)

Wirklichkeit falsch wiedergegeben

Tour de Suisse - Radrennen im Bündnerland - Glarean Magazin
Rad­ren­nen im Gebirge: Mehr­mals auch durch die Bünd­ner Surselva

Je nun, wir aber sind wei­ter beim Autor Camen­isch, der sich offen­sicht­lich auch nicht gut infor­miert über The­men, die er nicht kennt. So meint er etwa, bei einer Tour de Suisse sollte an allen Orten, die befah­ren wür­den und hei­kel sind, die Stras­sen vor­her neu geteert wer­den; man wolle doch die Fah­rer nicht gefähr­den. Dabei ist das so nicht der Fall; im Gegen­teil: Oft wer­den Stre­cken aus­ge­wählt, auf denen der Belag im Rang etwas aus­ma­chen kann, bei dem also fah­re­ri­sches Geschick gefragt ist. Zudem soll bei Camen­isch die Tour de Suisse nur ein ein­zi­ges Mal in der Sur­selva vor­bei­ge­kom­men sein, wenn man doch leicht nach­schauen kann, dass dies seit 1969 mehr­mals der Fall war.
Dem Autor aber scheint so etwas egal zu sein; in einem Inter­view wun­dert er sich sogar, dass es das Frucht­bon­bon ‹Sana­gol›, das 2020 im Buch noch gelutscht wird, seit 2002 nicht mehr gibt. Da ist dann auch das Lob der NZZ ein lee­res, wenn sie schreibt, der Autor halte in sei­nen Büchern getreu fest, wel­che Wel­ten alles ver­schwän­den: Wer diese so total falsch dar­stellt, tut den ver­schwun­de­nen Wel­ten kei­nen Gefal­len, son­dern lässt sie eher noch mehr ver­schwin­den, weil man sich ihrer nach der Lek­türe ver­mut­lich falsch erin­nert (und es wäre ein Leich­tes gewe­sen, die Frucht­bon­bons nur bis ins Jahr 2002 zu erwähnen).

Leg dich nicht mit den Sternen an“

Stützte wissenschaftlich das heliozentrische Weltbild von Kopernikus: Galileo Galilei
Stützte wis­sen­schaft­lich das helio­zen­tri­sche Welt­bild von Koper­ni­kus: Gali­leo Galilei

Da erstaunt es dann schon nicht mehr, dass der Autor selbst inner­halb der Geschich­ten Unlo­gi­sches berich­tet: Einer­seits schauen die bei­den Damen immer in die Unter­hal­tungs­ma­ga­zine, die bei ihnen aus­lie­gen. Und zwar quer durchs Sor­ti­ment. Sie sind stolz drauf, vie­les anzu­bie­ten und selbst zu ken­nen. Und den­noch wis­sen sie nicht, was ein Elek­tro­velo ist, ja, dass es über­haupt exis­tiert, als das erste Mal eine ganze Gruppe älte­rer Damen damit an ihnen vor­bei­rauscht – also nicht etwa Exo­ten, son­dern zu einem Zeit­punkt, als das eBike schon gang und gäbe gewe­sen sein musste (eine Gruppe älte­rer Damen).
Da mag es den meis­ten Lese­rin­nen und Lesern schon gar nicht mehr auf­fal­len, dass sich der Autor an einer Stelle, Seite 69, eigent­lich end­gül­tig selbst erle­digt: „Schau dir den Gali­leo an, als der behaup­tete, die Welt sei eine Kugel und nicht eine Scheibe, hätte man ihm am liebs­ten die Zunge raus­ge­schnit­ten. Ja, mit den Ster­nen sollte man sich nicht anlegen.“ –
Hat der Mensch denn keine Bil­dung? Dass die Welt eine Kugel ist, wusste man seit der Antike. Gali­leo hat ledig­lich das Koper­ni­ka­ni­sche Welt­bild ver­tei­di­gen wol­len, dass die Erde sich um die Sonne drehe und nicht umge­kehrt. Da hätte dann der zweite Satz von den Ster­nen auch Sinn gemacht – nicht aber auf die Fla­cherde bezo­gen! Und noch­mals: Klar könnte das den Figu­ren absicht­lich in den Mund gelegt wor­den sein. Aber dann traut der Autor den bei­den Frauen wirk­lich nichts zu – und vor allem glaube ich das bei all den ande­ren Feh­lern ein­fach nicht.

Winter lang wie Autobahnen“

Winter lang wie Autobahnen - Arno Camenisch - Glarean Magazin
„Win­ter lang wie Auto­bah­nen“ (Arno Camenisch)

Ach, danach quälte ich mich durchs Buch. Mal sind „Win­ter lang wie Auto­bah­nen“ – also ein Zeit­mass wird durch ein Län­gen­mass aus­ge­drückt. Klar könnte das eben einer Figur geschul­det sein; aber es hiesse den bei­den Frauen als Erzäh­ler echt nicht viel zuzu­trauen, wenn man sie wirk­lich alle die Bana­li­tä­ten und fal­schen Ver­glei­che sagen liesse, durch die sie wie etwas dümm­li­che Men­schen her­über­kom­men. Oder sollte das sogar das Ziel sein?
Denn meine Frage nach der Erzähl­si­tua­tion wird in der Mitte des Buches defi­ni­tiv gelöst. Da kommt die Mar­grit „mit einer Blech­büchse in der Hand aus dem Kiosk, schau dir die­ses schöne Foto an“. Sie zeigt es dar­auf­hin Rosa – und nur Rosa. Also wird wirk­lich nicht nach aus­sen berich­tet, son­dern es spricht eine Frau zur ande­ren. Doch kann man an die­ser Stelle eine Demenz auch aus­schlies­sen: Zu gut erin­nern sich beide an die 51 Jahre. Warum aber dann das Foto zei­gen, als der Kiosk im Schnee ver­sank? Erin­nern sich doch beide unge­fragt daran: „Als hät­ten die Hei­li­gen uns den schö­nen Kiosk weg­ge­zau­bert, sagt die Rosa-Maria.“ Und: „Da haben wir schon noch gestaunt, sagt die Mar­grit, als wir am Mor­gen über die Brü­cke kamen“. Kann man sich die­sen Dia­log zwi­schen zwei Kol­le­gin­nen vor­stel­len, die seit 51 Jah­ren jeden Tag neben­ein­an­der arbei­ten und alles mit­ein­an­der erleben?
Ach, wie soll man danach zu Ende lesen… Ich habe noch Kli­schees raus­ge­sucht. Und man sage mir nicht, dass dies alles Wahr­hei­ten sein könn­ten; natür­lich kön­nen sie das; aber in die­ser Masse sind es eben wirk­lich nur noch Kli­schees: Da kauft der Pfar­rer Sex­hefte; da neh­men die bei­den Frauen keine Tau­sen­der­no­ten an; da lei­det der Kiosk an einer Umfah­rungs­strasse, wodurch die Kund­schaft weg­bleibt (aber ande­rer­seits seien sie die Zen­trale des Dor­fes!); der Foto­graf aus dem Städtli hat ein Glas­auge (haha); Rosa-Maria trägt eine Brille mit Gold­rand; seit den neun­zi­ger Jah­ren gibt es keine rich­ti­gen Win­ter mehr; und obwohl sie vor einer Kurve ein Schild auf­stel­len, pas­sie­ren regel­mäs­sig Unfälle (man sieht regel­recht die komik­hafte Situa­tion in einem Trick­film); und „wenn die Wet­ter­frö­sche in den Nach­rich­ten sagen, dass es am nächs­ten Tag schneie, dann schif­fet es meis­tens“; und selbst­ver­ständ­lich fin­den die bei­den Frauen, dass Autos ohne Ben­zin­mo­tor keine rich­ti­gen Autos seien.

Metaphorische Spagate voller Klischees

Roman-Klischee - Pfarrer kauft Sexheftchen am Kiosk - Glarean Magazin
Das Roman-Kli­schee vom Pfar­rer, der am Kiosk Sex­heft­chen kauft…

Aber auch das gebe ich auf und blät­tere durchs Buch nur noch für deut­li­che Feh­ler: Etwa, dass Camen­isch im Jahr 1989 eine Kanu-Welt­meis­ter­schaft in Tava­nasa statt­fin­den lässt. Nein! Es waren die Junio­ren da, und das fand 1990 statt. Klar, die bei­den Frauen könn­ten sich im Jahr getäuscht haben, aber der Autor lässt sie auch noch sich ver­ge­wis­sern: „Das weiss ich noch genau, wir hat­ten näm­lich in jenem Som­mer unser 20jähriges Jubi­läum. Stimmt, sagt die Mar­grit und nickt, zum 20Jährigen hat uns der Kos­mos das beste Jahr geschenkt“. –
Ach genau, eso­te­risch ver­an­lagt sind die Frauen auch noch. Warum? Weil das für Frauen typisch ist?! Aber Camen­isch lässt sie ja oben­drein noch glau­ben, dass wenn „einer mit dem Schlauch [im Auto] drin“ los­fahre, dann gäbe „das eine Explo­sion“. Und rech­nen kön­nen sie als von einem Mann geschaf­fene Figu­ren in einem Roman auch nicht: „Oh, wenn man mit zwan­zig anfängt, ist man ein­und­fünf­zig Jahre spä­ter knapp siebzig“!
Aber auch sprach­lich grei­fen sie, etwa bei Meta­phern, voll dane­ben. Also auch das mag ihnen der Autor nicht gön­nen oder er merkt es selbst kei­nes­wegs: „Da haben wir bereits ziem­li­che Spa­gate gese­hen vor unse­rem schö­nen Kiosk, wenn es darum ging, etwas am Preis zu schrau­ben.“ Wie bitte? Was soll da ein Spa­gat sein? Sie wol­len bloss etwas bil­li­ger. Nichts sonst. Bei einem meta­pho­ri­schen Spa­gat ver­sucht man eben mit viel Mühe, zwei gegen­sätz­li­che Posi­tio­nen zu über­brü­cken. Hier wol­len die Kun­den nur etwas bil­li­ger haben, basta. Da erstaunt die fasche Ver­wen­dung von „Jet-Set“ wahr­lich nicht mehr: „Jet-Set, sagt die Rosa-Maria, wenn eben jemand etwas über die Stränge schlägt und von einer Party zur nächs­ten schwebt.“ Denn: nein, mit Jet-Set ist eine bestimmte Gesell­schafts­schicht gemeint. Dass die sich mehr Par­tys leis­ten kön­nen ist klar, aber nicht auto­ma­tisch gemeint.

Der „Dichter des Dorfes“?

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Viel­leicht hätte Arno Camen­isch bes­ser daran getan, das Kiosk-Ster­ben als eigene per­sön­li­che Erin­ne­rung zu dekla­rie­ren, statt zwei Frau­en­fi­gu­ren ein­zu­füh­ren, deren sich Frauen eigent­lich schä­men müs­sen. Zudem wären dann die falsch erin­ner­ten Zeit­er­eig­nisse nicht so wich­tig. Und wie er sich im jetzt gedruck­ten Buch noch selbst ein­bringt, ist ein­fach nur pein­lich. Da kommt er auf den Sei­ten 44 bis 47 vor als „der Sohn vom Tini“, der „Poet“ (!) gewor­den ist, aber trotz­dem „ein lie­ber Kerl“ geblie­ben sei, der immer freund­lich grüsst. Auf Seite 46 ist er dann der Sohn von Ber­na­detta, „also die Mut­ter vom Dich­ter“ (!), die es, ach, „in der Tat nicht“ etwa „ein­fach“ gehabt hat. Jaja. Und Seite 71 zitiert Camen­isch sich dann gleich noch sel­ber, weil er ja „der Dich­ter“ des Dor­fes ist (obwohl er längst nicht mehr dort wohnt).

Welpenschutz bei der Literaturkritik

Jährlich erhalten 15 Nachwuchsschriftsteller die Möglichkeit zu einem 3-jährigen Studiengang "Literarisches Schreiben": Das Schweizerische Literaturinstitut in Biel
Jähr­lich erhal­ten 15 Nach­wuchs­schrift­stel­ler die Mög­lich­keit zu einem 3-jäh­ri­gen Stu­di­en­gang „Lite­ra­ri­sches Schrei­ben“: Das Schwei­ze­ri­sche Lite­ra­tur­in­sti­tut in Biel

Als ich mit die­ser Beur­tei­lung bis hier­hin gekom­men bin, erfahre ich, dass Arno Camen­isch nicht in die Short List des Deut­schen Buch­prei­ses auf­ge­nom­men wor­den ist. Ich atme etwas auf: Die Juro­ren sind also wie gedacht nicht völ­lig ver­blen­det (wenn ich auch die Auf­nahme in die Long List nach wie vor nicht ver­stehe – viel­leicht braucht es einen bestimm­ten Schweiz-Anteil bei den Kan­di­da­ten; wenn aber alle am Schwei­ze­ri­schen Lite­ra­tur­in­sti­tut in Biel Aus­ge­bil­de­ten so schrei­ben, ist es mit der Schwei­zer Schreib­kunst nicht weit her – und immer­hin wird Camen­isch von der Anstalt immer wie­der als Mus­ter­ab­gän­ger her­um­ge­reicht, was eini­ges über das Lite­ra­tur­in­sti­tut aus­sagt). Auch nicht durch die Auf­la­gen­zah­len ver­blen­det (die man dem Buch übri­gens – Autor und Ver­le­ger haben sich wahr­lich gefun­den – nicht ent­neh­men kann; der Klap­pen­text weist übri­gens bei der Inhalts­an­gabe eben­falls meh­rere Feh­ler auf; zudem über­sieht der Ver­le­ger, der in Per­so­nal­union Lek­tor des Buches ist, sol­che Feh­ler wie „der Prä­si­dent Baha­mas“ [recte: der Bahamas]).
Doch spricht der Instant-Erfolg (Ver­kaufs­zah­len, Bes­ten-Lis­ten; Long­list) und die bereits kurz danach abneh­mende Aner­ken­nung (nicht auf der Short­list; nicht mehr auf den Bes­ten-Lis­ten; ange­deu­tete Ver­risse im Ber­ner ‹Bund› [„da steht einer in der Lite­ra­tur­kri­tik unter Wel­pen­schutz, schreibt jedes Jahr den glei­chen Roman, und kei­ner sagt was?“; 19.09.2020)] ja auch für sich: Der Jahr­hun­der­t­ro­man „Ulys­ses“ ver­kaufte sich in den ers­ten Jah­ren kaum, wäh­rend Colin Ross einer der best­ver­kauf­ten Schrift­stel­ler in den 1920er-Jah­ren war. – Wer? Genau!

Unkritisches Lesen als Defekt im Leben

Bleibt für den zustim­men­den Leser und die zustim­mende Lese­rin noch das schein­bare Glück beim Lesen. Aber Ach­tung: Da die Spra­che das ent­schei­dende Kri­te­rium in einem Sprach­kunst­werk ist, das sogar alles andere mit­ent­hält, ist Kitsch, also sind Kli­schees und stän­dig sich wie­der­ho­lende Flos­keln nicht bloss eine ästhe­ti­sche Kate­go­rie, son­dern auch eine ethi­sche, eine geschichts­kri­ti­sche, eine lebens­kri­ti­sche Kate­go­rie. Gefühle, Bewusst­seins­zu­stände, das Den­ken und Han­deln, ja, ein gan­zes Men­schen­da­sein kann ver­kitscht sein.
Wer solch ein Buch wie „Gol­dene Jahre“ von Arno Camen­isch unkri­tisch liest und sich dar­über freut, dem sitzt der Defekt letzt­lich im Leben. Oder der aner­zieht sich einen sol­chen mit der Lek­türe. Und das ist eigent­lich ebenso schlimm wie die Ver­brei­tung von Fake News. Dafür schäme ich mich als Schwei­zer Kollege.

Eine Dorfwelt ohne Dorf

Die Tavanasa-Bahnstation bei Breil/Brigels in der Surselva
Die Tava­nasa-Bahn­sta­tion bei Breil/Brigels in der Surselva

Und des­we­gen greife ich hier auch zur meta­pho­ri­schen Feder: Wenn die Kri­ti­ker solch einen Roman loben, muss man doch mal auf­zei­gen, was unter ande­rem daran alles falsch ist. Heisst es doch unter ande­rem über die­ses Buch, der Kiosk sei in die­ser Geschichte wirk­lich die Zen­trale im Dorf. Das lässt sich aus dem Roman aber gerade nicht schlies­sen: In der gan­zen Erzähl­zeit kommt kein Kunde vor­bei (nur in Erin­ne­run­gen). Oder andere mei­nen, Camen­isch sei ein „sprach­ge­wal­ti­ger Schrift­stel­ler“. Sprach­ge­wal­tig? Wer auf einer hal­ben Seite die bei­den Frauen drei Mal als sich ‹schüt­telnd› beschreibt! Also so: „Es schüt­telt sie“; und zwei Zei­len wei­ter: „Die Mar­grit schüt­telt es vor Lachen“; zwei Zei­len wei­ter: „es schüt­telt sie“ – und nein, das lässt sich defi­ni­tiv nicht mehr auf die Figu­ren schieben.
Aber auch ein wei­te­res Lob stimmt da nicht: Camen­isch beschreibe die Dorf­welt eines Dor­fes der Sur­selva wie kaum einer: Dabei kommt das Dorf prak­tisch nicht vor; der Kiosk steht wie in einer lee­ren Welt. Aber selbst von der Kiosk-Welt, von der über­all gelobt wird, der Autor zeige ihr Ver­schwin­den auf, spürt und liest man kaum etwas: Es ist, als wären in die­sen 51 Jah­ren keine Ände­run­gen auf­ge­tre­ten. Man fin­det nichts davon, dass heute die Lot­te­rie-Aus­wer­tun­gen digi­tal ablau­fen, nichts davon, dass heut­zu­tage wirk­li­che Kiosk-Besit­zer oft kla­gen, dass sie für Paket­dienste die gan­zen Pakete zurück­neh­men müs­sen, obwohl an den meis­ten Orten dazu der Platz fehlt. So steht denn bei den über 70-Jäh­ri­gen Kiosk­be­sit­ze­rin­nen auch nichts und nie etwas von Krank­hei­ten, die sie hin­dern wür­den, die har­ten Schich­ten durchzustehen.

Was stimmt nicht mit der Schweizer Literatur?

Am Ende beschleicht einen echt das Gefühl: Da hat einer ein­fach noch kurz was auf­ge­schrie­ben, an was er sich beim Kiosk so erin­nert, also eine sehr spe­zi­fi­sche Erin­ne­rung einer ein­zel­nen Per­son, ver­brämt mit etwas Eigen­lob („Der Schnauz ist der Tiger vom Den­ker“, Seite 71) und mit eini­gen Geschich­ten, die wohl cool wir­ken sol­len aber so was von unau­then­tisch sind, dass man nicht ver­steht, wie so etwas je gerne gele­sen wer­den könnte.
Und man ver­steht also nicht, warum solch ein Buch sich gut ver­kau­fen kann und noch weni­ger, warum es die meis­ten Kri­ti­ker nicht ver­reis­sen. Irgend etwas stimmt hier ein­fach nicht. ♦

Arno Camen­isch: Gol­dene Jahre – Roman, 100 Sei­ten, Enge­ler Ver­lag, ISBN 978-3-906050-36-2


Dr. Domi­nik Riedo

Geb. 1974 in Luzern/CH, Aus­bil­dung zum Pri­mar­leh­rer, anschlies­send Stu­dium der Ger­ma­nis­tik und Phi­lo­so­phie, Pro­mo­tion und Gym­na­si­al­leh­rer­schaft in Stans und Immensee, 2007-2009 „Kul­tur­mi­nis­ter der Schweiz“ mit­tels Inter­net-Wahl aus 25 Kan­di­da­ten, diverse kul­tur­po­li­ti­sche Akti­vi­tä­ten, zahl­rei­che bel­le­tris­ti­sche Publi­ka­tio­nen in Büchern und Zei­tun­gen, lite­ra­ri­sche und kul­tu­relle Aus­zeich­nun­gen, lebt als freier Schrift­stel­ler in Ittigen/Bern

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Lite­ra­tur­be­trieb auch von Mario Andreotti: Kunst geht nach Brot

… sowie wei­tere Bei­träge von Schwei­zer Autorin­nen und Autoren


25 Kommentare

  1. An die­sem Punkte scheint die Dis­kus­sion erschöpft, der Argu­mente sind wohl genug ausgetauscht.
    Die Kom­men­tie­rung hier ist damit been­det. Vie­len Dank allen Kommentator(inn)en für den enga­gier­ten Diskurs!

  2. Ich muss Herrn Neu­mann (siehe unten) ein biss­chen recht geben: Man prü­gelt hier auf einen land­auf, landab sehr geschätz­ten und auch von der Kri­tik gelob­ten Schwei­zer Erzäh­ler ein – nur weil Herr Riedo meint, sich hier als Erb­sen­zäh­ler in Szene set­zen zu müs­sen. Aber mei­nes Erach­tens sieht er vor lau­ter Bäu­men den Wald nicht mehr. Ein­zel­hei­ten sind ja gut und recht, aber hier wird das Kind mit dem Bade aus­ge­schütt­tet. Wegen ein paar „kleins­ten Details“ (siehe Desch­ner-Zitat) gleich zu einem kom­plet­ten Rundum-Kahl­schlag aus­zu­ho­len sprengt jede lite­ra­tur­kri­ti­sche Ver­hält­nis­mäs­sig­keit. Ich für mei­nen Teil bleibe ein Camen­isch-Fan, und bis jetzt hätte ich auch nicht gemerkt, dass mein Leben einen „Defekt“ erhal­ten hätte wegen mei­ner Camen­isch-Lek­türe… Da misst man m.E. der Lite­ra­tur denn doch zu viel Bedeu­tung bei. Kurzum, Herr Riedo schiesst da m.E. weit übers Ziel hin­aus. Nur meine Mei­nung. Eva Steiner

  3. Aber wir wagen es auch zu sagen, dass dem ein­ge­schlif­fe­nen Camen­isch-Mus­ter die Über­ra­schungs­kraft abgeht. / Inklu­sive des Bünd­ner Dia­lekt­ein­schubs, der sich EBA (haha) schon noch (nicht mehr) gut macht. / All diese Men­schen wir­ken wie Vari­an­ten des immer Glei­chen. Die Spra­che ist ähn­lich, der Duk­tus ist ähn­lich, die Men­ta­li­tät und das Tem­pe­ra­ment sind es auch. (Was auch heisst, dass es eigent­lich immer quasi die­selbe Figur ist; die bei­den Frauen in „Gol­dene Jahre“ sind unter­ein­an­der aus­tausch­bar; und man sage nicht, das ’sei der Witz dran‘! Und das meint auch, dass wenn ein Buch schlecht ist, eigent­lich alle schlecht sind.) / Da heisst es dann von der Leh­re­rin Tante Tresa, sie sei PFIFFAGRAD (haha) gewe­sen, und schon auf der neun­ten Zeile ist von FARRUCT (hihi) guten Nach­rich­ten die Rede. / Nur: Eine Geschichte ist das nicht.“
    https://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/abwarten-was-der-abwart-macht/story/28589207

  4. Oh wow. End­lich sagt jemand mal, was schon länge gesagt wer­den sollte. Da schreibt Camen­isch einen glei­chen Roman nach dem ande­ren, und alle sind sie gleich schlecht. Bravo, Herr Riedo, dass Sie end­lich auch mal sagen, wie es mit den Jurys hier in der Schweiz und die Kri­ti­kern aus­sieht! Wenn man Ihre genaue Ana­lyse auf­merk­sam durch­liest, ist Arno Camen­isch als Schrift­stel­ler eigent­lich wirk­lich erledigt.

    • Also liebe Leute, die­ses Camen­isch-Bas­hing hier mutet schon kurios an. Will man den Schrift­stel­ler Arno Camen­isch tat­säch­lich „erle­digt“ sehen? Einen höchst pro­duk­ti­ven Erzäh­ler, der einen „Fan-Kreis“ hat, von dem ein Domi­nik Riedo wohl nur träu­men kann (sorry)…
      Kann denn ein Autor nicht auch mal quasi ein schlech­tes Buch haben, so wie wir alle zuwei­len einen schlech­ten Tag haben? Auf einem ein­zi­gen Buch her­um­zu­rei­ten, ohne das ganze Werk zu wür­di­gen, ist eher schlech­ter Stil, wirklich!

      • Sehr geehr­ter Herr Neumann
        A) Doch, man dürfte sehr wohl ’nur‘ ein ein­zi­ges Werk behan­deln. Müs­sen denn sonst alle Rezen­sen­ten eines neuen Buches immer zuerst alle bereits erschie­ne­nen durch­kauen, bevor sie zum neuen kom­men?; oder soll ein Schrift­stel­ler einen Lite­ra­tur­preis erhal­ten für ein neues Werk, weil seine alten alle recht gut waren? (Und Sie geben also zu, dass dies ein schlech­tes Buch ist: Danke!)
        B) Ich behandle an sich mehr als ‚eines‘: Dies Werk ist – wie ein Rezen­sent es for­mu­lie­ren wollte – Teil eines gros­sen Gesamt­werks des Bünd­ne­ri­schen, wie bei Bal­zac, drum dürfe Camen­isch auch immer gleich schrei­ben und vor­ge­hen; was aber auch heisst, dass wenn dies Werk eine Kata­stro­phe ist, halt auch die ande­ren zumin­dest schlecht sind. Oder anders gesagt: Das soll die Krö­nung sein von zehn geschrie­be­nen Roma­nen oder so (auf eines oder zwei drei mehr oder weni­ger kommt es offen­bar nicht an)?
        C) Ich hatte in mei­nem Blog (https://dominikriedo.blogspot.com) schon mal Camen­isch – ein ande­res Buch – kri­ti­siert, wo er den Satz schrieb: „Der Senn sitzt am Steuer sei­nes grauen Jus­tys am spä­ten Abend neben der Hütte mit dem Zwetsch­ge­n­was­ser in der Hand.“ und fragte: Wer bitte sitzt wo und vor allem wer bitte hat das Zwetsch­ge­n­was­ser in der Hand? Es zeigt auf jeden Fall, dass da jemand nicht schrei­ben kann. Ein Zei­chen dafür ist auch eine Aus­sage sei­nes Men­tors, der dazu­mal her­aus­ge­las­sen hat: „Arno ist ganz nah bei sei­nen Men­schen, die­sen Ber­gen. Nahe bei sei­nem Blut. Das spürt man sofort.“ Eine Aus­sage, die sämt­li­che Alarm­glo­cken schril­len las­sen sollte! So ein Lob – zumin­dest eines Men­tors – sagt auch etwas über den Schrift­stel­ler aus.
        D) Ein gros­ser Fan­kreis sagte noch nie viel. Auf Bei­spiele ver­zichte ich.
        E) Mit Neid zu argu­men­tie­ren ist immer bil­lig (mehr Leser etc.); Sie ver­wech­seln auch meine Rolle als Kri­ti­ker mit jener des Schriftstellers.
        F) Ich möchte sol­che Bücher erle­digt sehen, ohne Anfüh­rungs­zei­chen. Sie ver­gif­ten den Buch­markt. Oder möchte sie zumin­dest nicht so belobt und beprie­sen sehen. Ich möchte, dass andere Kri­ti­ker genauer hinsehen.

      • Jetzt ist mir der Lap­sus pas­siert, dass ich schrieb: „Teil eines gros­sen Gesamt­werks des Bünd­ne­ri­schen, wie bei Bal­zac“, wenn es doch heis­sen sollte: Teil eines gros­sen Gesamt­werks (wie bei Bal­zac) des Bünd­ne­ri­schen … – Aber sol­che Kom­men­tare sind eben nie so durch­sti­li­siert und kor­ri­giert wie Bücher sein soll­ten. – Und ab jetzt ver­zichte ich wirk­lich auf Kom­men­tare. Wer mag, darf mir pri­vat schrei­ben oder mich als Kri­ti­ker anstellen. 😉

      • Ich war an einer Lesung. Und ich habe mich sel­ten so gelang­weilt. Ich erin­nere mich nur, dass Herr Camen­ischs Text mir viel zu viele Sim­pli­zis­men, Plat­ti­tü­den und Hel­ve­tis­men ent­hielt, also weder inhalt­lich noch sprach­lich ein High­light war.
        Die Art des Vor­trags befrem­dete mich auch zuneh­mend, so ein Geraune, ein unheil­schwan­ge­res Dra­ma­ti­sie­ren, wo es über­haupt nicht hin­passte – im Gros­sen und Gan­zen so eine künst­li­che Atti­tüde, Mich mutete sein Vor­trag an, als würde er einem kind­li­chen Publi­kum ein Schau­er­mär­chen vor­le­sen, was aber weder zum Text noch zum Publi­kum passte.
        Ich konnte es nicht fas­sen, dass das Publi­kum anschei­nend sehr ange­tan war. Sel­ten erschien mir eine Stunde so lang und lang­wei­lig. Es war ein­fach nur peinlich.

      • Sie haben eine harte Kri­tik for­mu­liert, aber sie liest sich for­mi­da­bel und ist auf jeden Fall fun­diert. Der­lei spielt heute aber lei­der eine geringe Rolle, ist doch die Lite­ra­tur, wie auch der jüngste «Lite­ra­tur-Club» bewie­sen hat, zu einer ein­fa­chen Unter­hal­tung für noch ein­fa­chere Gemü­ter ver­kom­men. Der­lei lässt sich kurz­fris­tig nicht stop­pen, wohl aber wenigs­tens früh erken­nen. In die­sem Sinne danke ich Ihnen für Ihre echte Mühe, die den Glau­ben daran erhält, es gäbe noch Inseln, wo Fähig­keit und Erkennt­nis zusammenfallen.

      • Lie­ber Herr Riedo,
        Dass ist end­lich ein­mal ein Ver­riss, der sich gewa­schen hat! Kein Skal­pell, nicht mal das berühmte Schwei­zer Taschen­mes­ser – hier wurde mit der Keule (Schwei­zer Gra­nit? Alpen-Kalk­stein?) herz­haft zugeschlagen!
        Ich hatte jeden­falls einen Rie­sen-Lese­spaß! (Aber natür­lich auch die­ses Grum­meln in Hirn und Bauch, weil es so [zu] viele schlechte Bücher gibt, die hoch gelobt werden …)
        Also: vie­len, vie­len Dank! (Sie haben das Glück, so weit ent­fernt zu leben – sonst wären Sie von einer alten Frau herz­haft umarmt worden!)

  5. Auch wenn Arits­to­te­les den Begriff der „Wahr­schein­lich­keit“ in der Lite­ra­tur vor allem mit dem Begriff der Not­wen­dig­keit ver­quickt und von die­ser Prä­misse aus das Spiel von Fik­tion und Rea­li­tät nicht hin­ter­trei­ben will, so ist doch der Bezug zur Wirk­lich­keit ein wich­ti­ges Mit­tel ehr­li­cher Über­zeu­gungs­kraft auch in fik­tio­na­len Tex­ten. Grosse Schrift­stel­ler wie Proust oder Tho­mas Mann wuss­ten sehr wohl, warum sie auch den prak­tisch-fak­ti­schen Rea­li­täts­ge­halt ihrer Texte immer wie­der genau über­prüf­ten. Er ist gerade im Zeit­al­ter der Fake-News von unschätz­ba­rem Wert. Will sagen: Arno Camen­isch, der ja gut erzählt und auch sym­part­hisch auf­tritt, könnte viel Opti­mie­rungs­po­ten­zial gewin­nen, wenn er Domi­nik Rie­dos kluge Bemer­kun­gen sich zu Her­zen nähme. Es geht um die Spra­che unter dem Gesichts­punkt der Wirk­lich­keit­ab­bil­dung oder -spie­ge­lung. Das ist ja auch ihre Haupt­funk­tion; die Ortho­gra­fie ist von da her nur ihre gra­phi­sche Über­mitt­lungs­kon­ven­tion, nicht die Spra­che sel­ber. Ohne­hin: Wem pas­sie­ren nicht zuwei­len Tippfehler?!

    Daniel Annen, Schwyz

  6. Also eigent­lich gibt es da nicht mehr viel zu sagen. Arno Camen­isch müsste damit bei Jurys und Gre­mien voll­kom­men unten­durch sein. Viel­leicht nimmt er es als Chance, das nächste Mal einen bes­se­ren Roman zu schrei­ben. Gra­tu­liere, Herr Riedo, ein unglaub­lich guter Text und eine vor­bild­li­che Analyse.

  7. (…)dass sie für Paket­dienste die gan­zen Pakte zurück­neh­men müs­sen, obwohl an den meis­ten Orten dazu der Platz fehlt.”

    Was mei­nen Sie da, ver­mut­lich „die gan­zen Pak[e]te”?

    Wollte nur mal gefragt haben, da ich es mit der Spra­che genau nehme.
    Es geht ja so viel durch heute, vor allem im Netz, was über­haupt nicht mehr Kor­rek­tur gele­sen wird und jedem Sinn, Ver­stand oder Empa­thie­ver­mö­gen entbehrt.

    • Schön, liebe Frau, dass Sie lesen und rech­nen können.
      Aber eines win­zi­gen Tipp­feh­lers wegen würde ich sol­che gros­sen Worte wie „Sinn“, „Ver­stand“ oder „Empa­thie“ nicht in den Mund nehmen 😉
      Davon abge­se­hen hal­ten wir’s wie alle Medien: Wer einen Tipp­feh­ler fin­det, darf ihn behalten 🙂
      Der Kor­rek­tor

      PS: Trotz­dem danke für den Hin­weis – ist inzwi­schen korrigiert.

    • Wenn Sie es schon genau neh­men wol­len, so ver­langt „ent­beh­ren“ in die­ser Ver­wen­dung den Geni­tiv. Und das ist im Gegen­satz zu Herrn Rie­dos „Pak­ten“ kein blos­ser Vertipper.

    • Ich wollte eigent­lich nicht mehr ant­wor­ten (ich habe es mir zur Regel gemacht, nur einen Tag lang in sol­chen Foren zu ant­wor­ten, weil ich ja als frei­schaf­fen­der Mensch nicht die Zeit habe, noch nach Tagen immer wie­der mich mit den­sel­ben Sächel­chen zu beschäf­ti­gen. Aber a) ist das hier ja eine an sich wirk­lich wich­ti­gere Sache [eben: weil offen­bar die meis­ten Kri­ti­ker ent­we­der nicht lesen – oft haben sie die Zeit auch nicht mehr -; oder abschrei­ben, was der Kollege/die Kol­le­gin vor ihnen geschrie­ben hat. Nie­mand hat so eine genaue Ana­lyse gemacht wie ich, höchs­tens noch mein Kol­lege hier: https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=27213, der zeigt, dass Camen­ischs Mund­ar­t­ein­spreng­sel bei den Figu­ren nicht cha­rak­ter­for­mend ange­wen­det wer­den, son­dern nur mal so hier und da ein­ge­streut wer­den] und b) muss ich mal grund­sätz­lich etwas sagen, was logisch sein sollte, aber oft so vor­kommt:) Da fin­den Sie also EINEN TIPPFEHLER, und mei­nen dann, mich even­tu­ell wider­legt zu haben?! Wäh­rend Camen­isch nicht mal den Unter­schied zwi­schen Fla­cherden­wi­der­le­gern und den Ver­tei­di­gern des Helio­zen­tri­schen Welt­bil­des kennt bzw. sich wenigs­tens die Mühe macht, das nach­zu­schauen! Und er macht all die ande­ren Feh­ler – nota­bene in einem Buch, das mehr­mals Kor­rek­tur gele­sen wer­den sollte, was bei einer Web­site ein­fach kaum geleis­tet wer­den kann, von den Res­sour­cen her … Also dann: Na Prost Abend­land – das es so eigent­lich nie gege­ben hat (zumin­dest kein christliches)!!

  8. Lie­ber Herr Domi­nik Riedo

    Zustim­men muss man Ihnen darin, dass hin­sicht­lich Spra­che und Nar­ra­tion die­ser Roman offen­bar schon einen gewis­sen schrift­stel­le­ri­schen Dilet­tan­tis­mus sei­nes Autors nicht ver­heim­li­chen kann. Die zahl­rei­chen Buch-Zitate, die Sie in Ihrer Rezen­sion anfüh­ren, doku­men­tie­ren das ja schonungslos.

    Ande­rer­seits: Soll man wirk­lich die Bedeu­tung eines Buches allein an an sei­ner sprach­li­chen Qua­li­tät fest­ma­chen? Sind denn nicht die Wärme sei­ner Figu­ren, die Authen­zi­tät der Land­schaft­schil­de­run­gen, die Natür­lich­keit eines „live“ erfah­re­nen Regio­nal­ko­lo­rits, das „interne“ Bezugs­netz der Prot­ago­nis­ten, die nach­voll­zieh­bare Schil­de­rung his­to­ri­scher oder auch aktu­el­ler gesell­schaft­li­cher Ver­hält­nisse (oder auch Ver­häng­nisse) nicht auch ganz wesent­li­che Para­me­ter des „Lese­ver­gnü­gens“ – Para­me­ter, die von Ihren Bespre­chung kom­plett aus­ge­blen­det werden?

    Kurzum: Ist der Blick des Ger­ma­nis­ten wirk­lich der ein­zig wahre, oder hat der Blick des (mög­li­cher­weise unaka­de­mi­schen) Lesers nicht auch seine gleich­be­rech­tigte Bedeu­tung, wenn es gilt, die Qua­li­tät eines Roma­nes einzuordnen?

    Gruss aus Deutsch­land in die Schweiz: A. Gruber

    • Lie­ber Axel G.

      Ich kann Ihre Mei­nung schon nach­voll­zie­hen. Aber wie gesagt finde ich, dass wenn ein Buch der­art falsch ist, wie das hier Rezen­sierte, dass es eben im Desch­ner­schen Sinne eine Lese­rin und einen Leser verdirbt.
      Gerade der von Ihnen erwähnte Dilet­tan­tis­mus (und Schrift­stel­ler soll­ten doch Pro­fis sein, weil sonst wirk­lich alle schrei­ben könn­ten; aus­ser­dem hat Camen­isch ja eine Aus­bil­dung zum Schrift­stel­ler absol­viert) öff­net Tür und Tor zu einer Unfä­hig­keit, je beur­tei­len zu kön­nen, was gute oder schlechte Lite­ra­tur sei bzw. viel­leicht noch wich­ti­ger, was News und was Fake News (oder schlicht schlech­ter Jour­na­lis­mus; gerade bei der schlam­pi­gen Recher­che haben wir ja bei Camen­isch die Parallele).
      Des Wei­te­ren mache ich gar nicht alles am Sprach­li­chen fest: Die Figu­ren, die sich stän­dig wie­der­ho­len und wirk­lich quasi als Kari­ka­tu­ren von Frauen gezeich­net sind, kann man doch nicht als warm emp­fin­den. Und betref­fend Land­schafts­schil­de­run­gen: Wo denn in die­sem Buch fin­den Sie meh­rere gross­ar­tige Land­schafts­schil­de­run­gen, wo? Alles wie­der­holt sich in den­sel­ben Adjek­ti­ven und Bildern.
      Und zum Lokal­ko­lo­rit: Er wird gerade nicht für eine Pointe ein­ge­setzt, wofür es sich so gut eig­nen würde – man sehe etwa Fried­rich Glau­ser. Der zeich­net auch Figu­ren mit weni­gen Mund­art­be­grif­fen prä­zis, wäh­rend bei Camen­isch ein­fach immer wie­der ein „sep scho nid“ oder „sep denn scho“ zu hören/lesen bekommt.
      Und wenn His­to­ri­sches (Sana­gol; WM) falsch dar­ge­stellt wer­den, dann wird da doch ein völ­lig fal­sches Bezugs­netz gezeigt (im Sinne von „Die Nacht war dun­kel, der Mond schien helle.“) Dazu sagt Camen­isch eben prak­tisch nichts von der Kioskwelt von heute.
      Zum Lese­ver­gnü­gen und dem darin sit­zen­den Defekt habe ich mich geäussert.
      Zusam­men­ga­fasst habe ich also nicht bloss alles sprach­lich fest­ge­macht, son­dern eben als Ger­ma­nist geschrie­ben, der auch Schrift­stel­ler ist (obwohl hier die eine Rolle wich­ti­ger ist, lässt sich das Gefühl der ande­ren nicht ganz verleugnen).
      Wir müs­sen schon auf­pas­sen, dass wir nicht bloss eines Lokal­ko­lo­rits wegen jeden Text akzep­tie­ren, nur weil wir diese Loka­li­tät mögen.

    • Sie fra­gen: „Ist der Blick des Ger­ma­nis­ten wirk­lich der ein­zig wahre, oder hat der Blick des (mög­li­cher­weise unaka­de­mi­schen) Lesers nicht auch seine gleich­be­rech­tigte Bedeu­tung, wenn es gilt, die Qua­li­tät eines Roma­nes einzuordnen?“
      Nun, Ham­bur­gers von McDonald’s schme­cken auch vie­len Men­schen. Dage­gen ist zunächst mal nichts ein­zu­wen­den. Bei der Frage, ob das denn nun gute Küche sei, würde man aber auch nicht auf diese Per­so­nen hören, son­dern auf Leute, die von der Kuli­na­rik etwas ver­ste­hen. Das­selbe gilt eben auch in den Küns­ten. Sonst wären näm­lich auch Arzt­ro­mane gute Literatur.
      Es ist ein­fach so, dass man, um die Qua­li­tät eines Roma­nes ein­ord­nen zu kön­nen, viel mehr und unter­schied­li­che Lite­ra­tur gele­sen haben muss als der durch­schnitt­li­che, unbe­darfte Leser. Der kann höchs­tens sagen, dass es ihm gefällt oder nicht, aber er kann es in der Regel nicht genau ver­or­ten und einordnen.
      Dazu muss man nicht a priori Ger­ma­nist oder Aka­de­mi­ker sein. Es gibt auch sehr bele­sene Nicht-Aka­de­mi­ker (wie es auch unbe­le­sene Aka­de­mi­ker und sogar Ger­ma­nis­ten gibt). Aber selbst ein fleis­si­ger Gele­gen­heits­le­ser macht gegen­über dem Berufs­le­ser schlicht­weg den Zweiten.

  9. Brav und toll! Ich finde den Kri­ti­ker ganz rich­tig und genau.
    Ich möchte meine Mei­nung auf Eng­lisch sagen, denn das Schrei­ben auf Deutsch ist für mich nicht so ein­fach wie das Lesen. Ja, die deut­sche Grammatik!

    Hol­ding a Best­sel­ler title does not mean so much since lite­ra­ture has been com­mer­cia­li­zed by busi­ness­men who were none experts in lite­ra­ture and do not sim­ply under­stand the value and mis­sion of lite­ra­ture. It is actually very sad how wrong lite­ra­ture and wri­ters could mis­lead the world. Lite­ra­ture is food for people’s minds; And wrong food would cause food-poi­so­ning, no?! What I say is: Best­sel­lers are not always right and with wrong best­sel­lers we will have a sick society, indeed!

    M. Ghor­bani

  10. Ich finde, Herr Domi­nik Riedo schiesst übers Ziel hin­aus mit die­sem bru­ta­len Rundumschlag!!
    Sind denn alle diese Kri­ti­ker hier, die teils gera­dezu eupho­risch über Camen­isch‘ GOLDENE JAHRE schreiben…
    https://arnocamenisch.ch/presse/goldene-jahre/
    …alle­samt blind?? Oder hat kei­ner von ihnen das Buch gelesen??
    Man sollte sich nicht grös­ser machen, indem man die ande­ren klein macht, Herr Riedo…
    Meine Mei­nung. Grüsse: A. Caduff

    • Sehr geehrte/r Frau/Herr Caduff

      Sie ver­wech­seln meine Posi­tion als Schrift­stel­ler mit der als Kri­ti­ker & Ger­ma­nist. Wenn sich alle Kri­ti­ker grös­ser machen wür­den, wenn sie kri­ti­sie­ren (und das laut Ihnen ja nicht erlaubt ist), wäre Kri­tik in dem Sinne gar nicht mehr erlaubt. Da wären wir dann beim berüch­tig­ten Pres­se­ge­setz von 1937 im ‚Drit­ten Reich‘, wonach nur ›Bespre­chun­gen‹ oder ›Würdigungen‹ noch erlaubt sein soll­ten, keine ›Wer­tun­gen‹.

    • Und noch­mals ich: Camen­isch ver­linkt auf sei­ner Seite natür­lich nur lobende Rezen­sio­nen (was auch nicht jede Autorin/jeder Autor so macht). Eine andere habe ich zitiert. Oder sehen Sie sich diese hier an: https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=27213. Und sowieso: Haben Sie über Feh­ler wie bei der Ver­wechs­lung Flacherde/Heliozentrisches Welt­bild ein­fach hin­weg­ge­le­sen? Offen­bar hat das sonst wirk­lich nie­mand gemerkt. Was eben auch heisst: Ich könnte durch­aus rich­tig lie­gen, alle ande­ren falsch.

    • Mit gehyp­ter Lite­ra­tur (wahl­weise andere Kunst­form ein­set­zen) ver­hält es sich eben typi­scher­weise so wie mit des Kai­sers neuen Klei­dern. Hat irgend­eine ein­fluss­rei­che Per­son im Lite­ra­tur­be­trieb aus irgend­ei­nem Grund ein­mal einen Nar­ren daran gefres­sen, wagt es nie­mand mehr, sich dem entgegenzustellen.
      Inso­fern würde ich, wenn ein Kri­ti­ker das Werk mit kla­ren Argu­men­ten aus­ein­an­der­nimmt, schon mal genau prü­fen, ob nicht die grosse Masse der das Werk uni­sono Abfei­ern­den falsch liegt und der ein­same Rufer in der Wüste rich­tig. Viel­leicht sind die Eupho­ri­ker ja wirk­lich blind und wol­len nicht sehen, dass der Kai­ser nackt ist.

  11. Danke für diese harte, ja bru­tale, aber zutref­fende Bespre­chung! Auch mir scheint, dass der deutsch­spra­chige Lite­ra­tur­be­trieb inzwi­schen schlicht alles zum Hype empor­ju­belt, egal wel­che sprach­li­che Qua­li­tät das Zeug hat, das da zwi­schen zwei Buch­de­ckel gepresst wurde. Haupt­sa­che bekann­ter Name und ein paar pau­schale mediale Lob­hu­de­leien – fer­tig ist der „Ver­kaufs­schla­ger“. Und von da ist es dann kein wei­ter Weg mehr zur Nomi­nie­rung fürs Preisjassen…
    Zurecht wei­sen Sie auch dar­auf hin, Herr Riedo, dass die Lese- bzw. Selek­ti­ons­kom­pe­ten­zen brei­ter Buch­käu­fer-Kreise mehr und mehr ver­küm­mern – anders wären die rela­tiv hohen Ver­kaufs­zah­len sol­cher gehyp­ten Titel gar nicht möglich…
    Schön dass es noch Kri­ti­ker wie Sie gibt, die sich getrauen, sol­che unan­ge­neh­men Wahr­hei­ten öffent­lich zu machen…
    Sören G.

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