Georg Langenhorst: Altes Testament und moderne Literatur

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Voller Zauber und Kraft

von Jakob Krajewsky

Georg Langenhorst (*1962) ist Professor für katholische Religionspädagogik an der Universität Augsburg und veröffentlicht u.a. wissenschaftliche Monographien. In seinem Band „Altes Testament und moderne Literatur“ gibt er einen systematischen Überblick auf den intertextuellen und polyphonen Dialog zwischen Bibelnarrativen und moderner deutscher Literatur.

Prolog: Die morgenländische Gedankenwelt

Der Titel mutet ein bisschen wie aus dem letzten Jahrhundert an. Christliche Theologen bleiben gleichwohl darin verhaftet, von der Hebräischen Bibel nur als von dem A.T. zu sprechen. Von den Evangelien und Briefen etc. wird dann als vom N.T. gesprochen. Also: A.T. gleich Alter Hut und N.T. gleich neuer Hut? Das ist ein immer noch gängiges Konstrukt, doch ist es auch noch zeitgemäß?

Georg Langenhorst: Altes Testament und moderne Literatur - Motive, Stoffe, Figuren, FormenNatürlich stammen die drei abrahamitischen Religionen samt heiligen Texten ursächlich aus dem Morgenlande und haben sich schrittweise geistesgeschichtlich über das Abendland ergossen. Dies geschieht zunächst durch das frühe Christentum und das diasporische Judentum in ihrer jeweiligen Verbreitung über das Römische Reich. Ebenfalls vollzieht sich das durch den Islam über das spanisch-maurische Al-Andalus mit der Alhambra, schließlich im 20. Jahrhundert durch diverse Migrationsprozesse in (West-)Europa. Diese morgenländischen Gedankenwelten manifestieren sich selbstredend auch in der Kunst, Kultur und Literatur Europas bis hin zur (Post-)Moderne.
Auf letztere hebt der Augsburger Theologieprofessor Georg Langenhorst in seiner Darlegung ab. Er untersucht systematisch die literarische Moderne und analysiert Schreibende, die wortgewaltig Sujets und Themenkreise der implantierten hebräischen Gedankenwelt in deutschen Texten präsentieren.

Hinführung: Die Wirkung auf die Lebenswirklichkeit

In Langenhorsts Eingangskapitel „Hinführung“ beklagt er das abnehmende Bibelwissen und betont zugleich die Schrift(en) als Inspirationsquellen zeitgenössischer Literatur. So analysiert er „je ein Gedicht aus dem geistigen Hallraum von Katholizismus, Protestantismus, Islam, Judentum und Religionsfernen. Wie wird die Bibel in der Lyrik unserer Zeit aufgegriffen und dichterisch fruchtbar gemacht?“
Der Autor stellt fest, dass biblische Geschichten Leerstellen und Fragezeichen enthalten. Sie rufen auf zu „Aktualisierungen sowie Aus- und Umdeutungen“. Genau dieses hätten die Exponenten des Literaturbetriebes getan. Ansatzweise erwähnt er, dass rabbinische Literatur in ihrer Deutungsdialektik mit dem Midrasch dieses ebenfalls bewerkstelligt.

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Unerwähnt bleibt, dass Forscher wie Daniel Boyarin und David Flusser sich mit den intertextuellen Verbindungen von „heiligen“ Texten beschäftigten. Jedoch gilt das Interesse hier dem Kanon der allgemeinen deutschen Literatur. Der Fokus liegt in „Grundlegungen“ (2. Kapitel) auf der Interpretation von biblischen Texten und ihrer Wirkung auf die Lebenswirklichkeit der Schreibenden. So (ver-)dichteten z.B. SAID, Christian Lehnert und Ludwig Steinherr die Psalmen teilweise neu aus ihrer eigenen Perspektive.
Langenhorst zeigt fachgerecht auch die Intertextualität und Polyphonie des biblischen Textmaterials und den Dekonstruktivismus der schreibenden Rezipienten. Erwähnt wird der fast unbekannte Lyriker Matthias Hermann, der stellvertretend für (s)eine dritte Generation nach der Shoa eine „neue Jüdischkeit“ mit einer „neuen Präsenz von Judentum“ postulieren würde.
Das lässt nun an aktuelle „innerjüdische Konflikte“ denken, etwa die Kontroverse zwischen Maxim Biller und Max Czollek: Wer darf als jüdische intellektuelle Stimme öffentlich auftreten? Bestimmt das der Oberrabbi mit der Halacha oder doch eher das schriftstellende Selbst mit der (vagen) jüdischen Abkunft? Hermann wird geschildert als jemand, der sich auf eine „ererbte Erinnerung“ beruft.

Durs Grünbein - Glarean Magazin
„Wirkmächtigster deutschsprachiger Lyriker“: Durs Grünbein

Abschließend wird Durs Grünbein als „der wirkmächtigste deutschsprachige Lyriker seiner Generation“ benannt. Der säkulare Ostdeutsche beschreibt die Unbehaustheit des Individuums in der modernen Großstadt. Doch wendet er sich in seinem Gedicht „Paulus wechselt die Schiffe“ auch biblischen Motiven zu. Der Apostel wird zum Vorbild auf seiner letzten großen metaphorischen Schiffsreise vom Leben in den Tod, die uns irgendwie letztlich alle ereilen wird.

Wörter und Sätze voller Zauber und Kraft

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Dem Forscher Langenhorst geht es nicht allein um Inhalte, sondern auch um die Form, also die Sprache dieser biblisch inspirierten deutschen Literatur. Er untersucht im Folgekapitel „die kulturprägende Bedeutung der Literatur der Bibel“ an zeitgenössischen Schreibenden, u.a. an Texten von Ingo Schulze, Ulla Hahn, Arnold Stadler, Anna Katharina Hahn und Patrick Roth. Es echoten die „Juwelen des Prediger Kohelet und im Hiob-Buch, die Weihnachtserzählung, der Johannes-Prolog, die Bergpredigt, die Passionsgeschichte des Markus… als literarische Kernstücke und Teil jeder Literaturgeschichte der westlichen Zivilisation.“ Es sei schlicht unsere Bildungsgrundlage, unabhängig davon, ob der Offenbarungsanspruch der monotheistischen Religionen als gültig angesehen wird.
So gibt es monumentale Nacherzählungen biblischer Narrative durch den Vorarlberger Michael Köhlmeier auf 550 Seiten, auch der Israeli Meir Shalev und der polnische Autor Leszek Kolakowski finden Erwähnung. Zudem gäbe es eine „ganze Reihe historischer Romane mit biblischer Motivik.“ Nach einem Forschungsüberblick rekurriert Langenhorst (in III.) auf „Motive, Stoffe, Figuren, Formen“, u.a. 1. Noah und die Sintflut, 2. Babylon, 3. Sodom und Gomorra, 4. Israels Könige, 5. Esther, 6. Jeremia, 7. Hiob in literarischer Gestalt, 8. Kohelet (Prediger) im Spiegel moderner Literatur, 9. Sprechversuche „nach tonloser Zeit“ – also Nachdichtungen der Psalmen durch Literaten.

Ausblick: Die Hoffnung auf Inspiration

Georg Langenhorst - Glarean Magazin
Begeistert von der Bibel wie von der Moderne: Georg Langenhorst

Das alles wird spannend und wohlwollend in klarer Sprache erörtert. Dabei rekurriert Georg Langenhorst auf Sammelwerke wie Sol Liptzins „Biblical Themes in World Literature“, die „Paradeigmeta“ des Amerikanisten Franz Link und Schmidingers Werk sowie auf dessen Schülerin Magda Motté. Dann purzeln uns die wohlbekannten Namen Else Lasker-Schüler, Rose Ausländer, Hilde Domin im gleichen Atemzug mit Günter Grass, Heinrich Böll, Stefan Heym, Anna Seghers, Ingeborg Bachmann, Erich Fried, Grete Weil und Christine Lavant über die Seiten. Weiterhin wird mit Thomas Mann, Joseph Roth und Elie Wiesel, Barlach, Heine, Hesse, Brecht und Kafka Tacheles geredet sowie mit Zweig, Döblin, Dürrenmatt und Christa Wolf und Nelly Sachs u.v.a.
Der Autor selbst stellt bei den Schreibenden ungewohnte Sichtweisen heraus und bürstet die Texte gegen den Strich. Vielen erscheint die Bibel als Reservoir voller Sex&Crime Stories. Im Ausblick (4. Kapitel) wird die Hoffnung formuliert, dass das A.T., also die Hebräische Bibel, im 21. Jahrhundert „als Sprachschatz weiter Erzählungen anregt, Poesie ausformt, Dramaturgie inspiriert.“

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Wiewohl mit wissenschaftlichem Anspruch geschrieben, kommt das Buch nicht staubtrocken daher. Die Lesenden erkennen Langenhorsts Begeisterung an Texten der Bibel und der (post-)modernen Spiegelung durch die zeitgenössische Literatur. Schön zu lesen ist der gewählte Großdruck, und hilfreich ist die umfangreiche Bibliographie. Zur Illustration hätten Miniaturen oder Grafiken von biblischen Motiven gutgetan. Theologen hängen oft dem Bilderverbot an. Vielleicht ändert sich das demnächst, wer weiß. Ach weh, wir wissen heute, der Messias ist eine „jüdische Erfindung“ – Jesus, Sohn Davids, war gar kein Christ, sondern blieb sogar halachisch gesehen ein Jude… ♦

Georg Langenhorst: Altes Testament und moderne Literatur – Motive, Stoffe, Figuren, Formen, 268 Seiten, Katholische Verlagsanstalt Stuttgart, ISBN 978-3-460-08634-0


Jakob Krajewsky - Glarean MagazinJakob Krajewski (Pseudonym)

Geb. 1963 in Hamburg, Gelernter Kaufmann, Studium der Anglistik, Amerikanistik und Judaistik in Heidelberg, Berlin und Boston/USA, Autor und Referent, tätig für diverse Institute und Stiftungen in Berlin und Hamburg

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Religion & Literatur auch über den Roman von Amélie Nothomb: Die Passion

… sowie den Essay von Heiner Brückner: Vom Himmlischen

Amélie Nothomb: Die Passion (Roman)

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Stacheln im Fleisch des Christentums

von Bernd Giehl

Machen wir einmal ein Gedankenexperiment. Nehmen wir an, Amélie Nothomb, eine relativ bekannte belgische Schriftstellerin, würde ihren Roman „Die Passion“ in hundert Jahren, also 2120 schreiben und ihr Manuskript dem Diogenes Verlag anbieten. Dort hat sie schon 22 Bücher veröffentlicht. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde der Diogenes Verlag das Manuskript ablehnen. Zu riskant, würde es heißen. Wer will schon ein Buch über einen unbekannten Religionsstifter lesen? Innerhalb von zwei Wochen hätte sie ihr Manuskript wieder zurück.

Amélie Nothomb - Die Passion - Roman - Diogenes Verlag - Literatur-Rezension Glarean MagazinAber das Experiment geht noch weiter. Nehmen wir an, Amélie Nothomb hätte „Die Passion“ vor 400 Jahren geschrieben. Sie hätte einige Abschnitte ihrer besten Freundin vorgelesen. Die wäre einerseits begeistert gewesen, weil die Zweifel der Hauptfigur an ihrer bevorstehenden Hinrichtung mit den eigenen Zweifeln an der Religion korrespondiert hätten und andererseits erschrocken. Darf man so an der eigenen Religion zweifeln? Ist das nicht Ketzerei? Die beste Freundin hätte es ihrem Mann erzählt, und der wäre zur Obrigkeit gegangen. Man hätte Nothomb festnehmen lassen, sie wäre gefoltert worden und wenn sie große Glück gehabt hätte, hätte sie selbst ihr „Machwerk“ öffentlich verurteilen und ins Feuer werfen müssen. Falls sie weniger Glück gehabt hätte, nun ja … Was für ein Glück, dass die Zeit der Hexenverbrennungen endgültig vorbei ist.

Hexerei im Innern der Figuren

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Womit ich nicht sagen will, dass Amélie Nothomb keine Hexe ist. Sie ist eine. So wie jeder gute Autor und jede gute Autorin ein Hexenmeister oder eine Hexe ist. Weil sie im Inneren ihrer Figuren leben. Weil sie Besitz von ihnen ergreifen und sie wie einen Sukkubus lenken.
Aber Amélie Nothomb ist noch aus einem anderen Grund eine Hexe. Sie lässt Jesus von Nazareth im Augenblick seiner „Passion“ lebendig werden. „Ich wusste schon immer, dass sie mich zum Tode verurteilen werden“, so beginnt ihr neuer Roman.

Kombination von Gott und Mensch

Amelie Nothomb - Schriftstellerin - Literatur im Glarean Magazin
Amelie Nothomb alias Fabienne Claire Nothomb (geb. 1966)

Da spürt jeder aufrechte Christ einen ersten kleinen Stachel. Noch ist er winzig; immerhin heißt es ja schon in den „Leidensankündigungen“ der Evangelisten: „Der Menschensohn muss“ seinen Leidensweg gehen und am Ende gekreuzigt werden aber diese Leidensankündigungen stehen im zweiten Drittel der Evangelien. Nur das Johannesevangelium macht da eine Ausnahme.
Aber Christen sind großmütige Leute, und so werden sie der Autorin gern vergeben, denn der Jesus von Amélie Nothomb ist ein wahrhaft göttlicher Mensch. Nie hat mir die Kombination von Gott und Mensch so eingeleuchtet wie bei ihr.
Sie zweifelt nicht an den Wundern, wie das auch viele Theologen der letzten 200 Jahre getan haben. Das Wunder, Wasser in Wein zu verwandeln, gelingt ihm beinah nebenbei. Nur – und jetzt kommt wieder der Stachel – dass das Brautpaar, dessen Hochzeit Jesus mit seinem Wunder gerettet hat, unter den Hauptzeugen der Anklage vertreten sein werden. „Warum hat er es so spät getan?“ fragen sie. „Eine Stunde früher, und er hätte uns die Blamage erspart.“ Die anderen, an denen ein Wunder geschah, sind ähnlich unzufrieden. Nicht einmal der königliche Beamte, dessen Sohn vom Tode errettet wurde, ist Jesus dankbar, sondern klagt über die Verzögerung und die dadurch ausgestandene Angst.

Jesus – ein Sinnenmensch?

Unzufriedenheit ist überhaupt ein Stichwort. Auch Judas ist unzufrieden, mit der Welt im Allgemeinen und mit Jesus im Besonderen. Er stellt alles in Frage. An das Gute kann er nicht einmal glauben, wenn er es vor Augen hat. Judas ist der Protagonist der „Menge“ die Jesus schließlich verurteilt.
Jesus selbst ist das Gegenteil. Er kann sich an den kleinen Dingen des Lebens freuen: am Geschmack frischen Brotes, an einer Blüte am Wegrand, am aufdämmernden Tag, vor allem am Wasser. Wenn man Durst hat und man zögert das Trinken noch ein paar Augenblicke hinaus, schmeckt frisches Wasser umso köstlicher, behauptet er

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Jesus – ein Sinnenmensch? Jesus gar, der die Frauen liebt? Der für ihre Schönheit empfänglich ist? Der gar eine Beziehung mit Maria Magdalena eingeht? Und der deshalb auch nicht sterben will? Und dessen Verbindung zum Vater nun abreißt, obwohl er bis dahin eng mit ihm verbunden war?
Da möchte jeder gute Christ „Ketzerei“ schreien. Der Glaube oder das Dogma fordert, dass Jesus freiwillig den Willen seines Vaters auf sich genommen hat, um die Sünde der Welt zu tragen. Das unschuldige Opfer leidet für die Schuldigen. Wenn dann jemand kommt, die anscheinend mit dem Glauben sympathisiert und dann behauptet, Jesus habe das Leben zu sehr geliebt um freiwillig in den Tod zu gehen – da sitzt der Stachel ziemlich tief.

Der Masochismus des Christen

Freilich ist Nothomb nicht die erste, die den „Masochismus“ des christlichen Glaubens geißelt. Der erste war Friedrich Nietzsche, der meinte, die Christen müssten erlöster aussehen, bevor er an ihren Erlöser glauben könne. Oder der Theologe Thomas Müntzer, Anführer der Bauern im thüringischen Bauernkrieg 1525, der den „bitteren Christus“ predigte und dafür hingerichtet wurde.
So einfach ist der Autorin also nicht beizukommen. Es sei denn, dass man sie zur „Hexe“ erklärt.

Schöne Schilderungen und viel Reflexion

Wie gesagt, Nothombs Beobachtungen sind zwar meist unverhofft, leuchten aber ein. Dass Jesus dem Leben zugewandt war, kann man leicht an seinen Gleichnissen sehen. Ihre Sprache ist farbig. Die Beziehung zu Maria Magdalena ist zwar ein Klischee – jeder der ein bisschen ketzern wollte, hat sie erwähnt -, aber dafür wunderschön geschildert, so wie nur eine Frau sie beschreiben kann, die selbst Liebe erfahren hat.

Szene aus dem Skandal-Film The Passion Of The Christ von Mel Gibson (Glarean Magazin)
„Masochismus des christlichen Glaubens“? Szene aus dem Skandal-Film „Die Passion Christi“ von Mel Gibson (2004)

Mit 128 Seiten ist der Roman recht kurz; es gibt wenig Handlung – z.B. ist die Verhandlung vor dem Hohen Rat weggelassen (hat vermutlich auch nicht stattgefunden) -, aber dafür viel Reflexion. Manchmal wird Nothomb weitschweifig: Noch ein Satz über den Durst, und noch einer, der mit anderen Worten das Gleiche sagt (der Roman ist ursprünglich unter dem Titel „Soif“ – „Durst“ in Paris erschienen). Da hätte ein rigoroseres Lektorat sicher segensreich wirken können. Aber das ändert nichts daran, dass ich den Roman mit Genuss gelesen habe.
Allerdings warte ich noch auf das Buch, das meine Frage, warum Jesus sterben musste, und vor allem, warum Gott das wollte, hinreichend beantwortet. Es muss auch kein Roman sein. ♦

Amélie Nothomb: Die Passion (Roman), 128 Seiten, Diogenes Verlag, ISBN 978 3 257 07141 2

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Religion in der Literatur auch den Essay von Heiner Brückner: Vom Himmlischen

… sowie über den satirischen Roman von David Safier: Jesus liebt mich


Ausstellungs-Katalog „Schach und Religion“ (Ebersberg)

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Geistesgeschichtlicher Blick auf das Schachspiel

von Thomas Binder

An wenigen Tagen im August 2019 fand im Rathaus des oberbayrischen Ebersberg eine Ausstellung unter dem Titel „Schach und Religion“ statt. Trotz Erwähnung auf gemeinhin einflussreichen Homepages hat sie in der klassischen Schach-Öffentlichkeit nur wenig Widerhall gefunden. Nun hat die ausrichtende Schach- und Kulturstiftung ein Begleitbuch zu dieser Schau herausgebracht, das weit über einen Ausstellungskatalog hinaus geht.
Katalogcharakter im herkömmlichen Sinne haben nur die letzten knapp 40 Seiten, auf denen die ausgestellten Exponate (vorwiegend Gemälde und Figurensätze) abgebildet werden. Für diejenigen Werke, die im Textteil des Buches nicht näher besprochen werden, sind die Informationen in diesem Abschnitt leider etwas knapp.

Schach und Religion - Kulturstiftung GHS - Ausstellungs-Katalog - Cover - Glarean MagazinKommen wir also zum gut 100 Seiten langen Textteil. Hier werden wir nicht etwa auf theologische Abhandlungen stossen, sondern erfahren unter dem Obertitel „Schach und Religion“ viel Interessantes aus der Geschichte unseres Spiels. Der religiöse Aspekt dient dabei mal mehr, mal weniger als Leitfaden, wird aber oft genug verlassen, und der Blick reicht deutlich weiter.
Wer sich fragt, was denn wohl Schach und Religion miteinander zu tun haben, dem sei aus der Einleitung zu einem Beitrag des früheren DSB-Präsidenten Herbert Bastian zitiert: Er bezeichnet Schach und Religion als „… zwei Kulturfaktoren mit weltumspannender Bedeutung […] Beide geben ihren Anhängern Halt und etwas Familiäres.“

Leseprobe

Schach und Religion - Kulturstiftung GHS - Ausstellungs-Katalog - Leseprobe - Glarean Magazin
„Schach und Religion“ der Kulturstiftung GHS: Leseprobe aus dem gleichnamigen Ausstellungs-Katalog (Ebersberg 2019)

Autoren mit wissenschaftlichem Anspruch

Den Leser erwarten insgesamt acht Artikel von unterschiedlichem Umfang, denen freilich gemein ist, dass sie von sachkundigen Autoren mit durchaus wissenschaftlichem Anspruch geschrieben wurden. Das mag es dem Leser, der in die Materie gerade erst eintauchen will, hier und da etwas schwer machen. Angesichts der thematischen Vielfalt wird aber wohl jeder historisch interessierte Schachfreund Erkenntnisse und Denkanstösse mitnehmen.

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Der Salzburger Kulturhistoriker Rainer Buland hat mit „Schach – Spiel – Religion“ den Leitartikel (oder neudeutsch: die Keynote) geschrieben. Er gliedert seine Arbeit in fünf Ebenen. Zunächst widmet er sich der Figur des Läufers, der ja in manchen Sprachen eigentlich ein Bischof ist. Dann verweist er darauf, dass viele Theologen dem Schachspiel zugetan waren, es dabei aber im grösseren Zusammenhang als Allegorie verstanden und in ihre Lehre einbanden. Dann geht Buland darauf ein, dass das Spiel durchaus zeitweise als Laster angesehen und gegen solche Vorwürfe verteidigt werden musste. Einen grossen Umfang nehmen die sehr interessanten Untersuchungen zu der Radierung „Die Schachspieler“ von Moritz Retzsch (1779 – 1857) ein. Schliesslich stellt sich der Autor noch der Frage, ob man das Schachspiel selbst als Religion verstehen kann.

Profunde Artikel für Laien und Experten

Herbert Bastian - Schach-Funktionär Buchautor - Glarean Magazin
Verbandsfunktionär, Internationaler Meister, Schachhistoriker: Herbert Bastian

Im zweiten umfangreichen Beitrag beleuchtet Herbert Bastian das Verhältnis von Schach und Religion an Beispielen von den ersten Erwähnungen an bis zur Gegenwart. Bastian ist als profunder Kenner der Kulturgeschichte des Schachspiels nicht zuletzt durch eine umfangreiche Artikelserie in der Zeitschrift „Rochade Europa“ ausgewiesen. Daher an eine breite Leserschaft gewohnt, ist sein Text für den interessierten Laien sogar etwas einfacher nachzuvollziehen, als die doch sehr wissenschaftlichen Ausführungen bei Rainer Buland – gut, dass wir in diesem Katalog beide Herangehensweisen finden.
Den dritten, sehr umfangreichen Artikel verfasste der Altphilologe Wilfried Stroh. Er bietet eine Neuübersetzung (aus dem Lateinischen) sowie eine ausführliche Interpretation der „Schachode“ des Jesuiten und Dichters Jacob Balde (1604 – 1668). Wenn im Vorwort von einem „berühmten Gedicht“ gesprochen wird, verdeutlicht dies die angesprochene Zielgruppe. Als sehr wohl schachhistorisch belesener Interessent, waren mir diese Ode und ihr Autor – Asche auf mein Haupt – bislang völlig unbekannt und selbst der Wikipedia-Eintrag über Balde erwähnt die Schachode mit keinem Wort. Spätestens jetzt ahnt man also, dass die Neuübersetzung und Interpretation dem kritischen Blick der Fachwissenschaft Stand halten wird, ja wohl richtungsweisenden Charakter einer Neubewertung hat. Dementsprechend anspruchsvoll ist für literaturwissenschaftliche Laien allerdings auch die Lektüre des 20 Seiten umfassenden Artikels.

Schachmatt - Geistliche Würdenträger beim Schachspielen - Holzstich von Thure Cederström 1880 - Glarean Magazin
„Schachmatt“ nach einem Holzstich von Thure Cederström 1880: Geistliche Würdenträger beim Schachspielen

Luther und Augustinus beim Schachspielen

Eingebettet in diese drei „grossen Brocken“ finden wir fünf kürzere und in all ihrer Unterschiedlichkeit anregende Texte.
Lokalkolorit zum Ort der Ausstellung steuert Georg Schweiger (Vorstand der ausrichtenden Stiftung) mit dem Artikel über die Schachfiguren der Falkensteiner Grafen bei. Bis ins 12. Jahrhundert lässt sich nachweisen, welche Bedeutung das Spiel in dieser Herrscherfamilie und darüber hinaus für Adel und – als Bezug zum Titel der Ausstellung – für den Klerus hatte. In seinem zweiten Beitrag erläutert Schweiger, warum die Heilige Teresa von Avila (1515 – 1582) die Patronin der Schachspieler ist. Auch hier ist Ihr Rezensent peinlich berührt von einer bisherigen Wissenslücke, hatte ich doch bisher nur Caissa gekannt.

Glarean Magazin - Muster-Inserat - Banner 250x176Mit zwei kurzen Beiträgen ist der Historiker sowie engagierte Schachspieler und -organisator Konrad Reiss vertreten. Reiss dürfte einer grösseren Öffentlichkeit vor allem als Leiter des Schachmuseums in Löberitz bekannt sein. Die beiden Artikel verbinden Schach und Religion in kongenialer Weise mit Reiss‘ mitteldeutscher Heimat. Er stellt uns die Schachallegorie im Dom zu Naumburg vor: Zwei schachspielende Affen an einem Pfeilersims laden zu jeder Art von Interpretation ein. Seinen zweiten Beitrag widmet Reiss der Legende über eine Schachpartie Martin Luthers gegen eine Gruppe von als Bergleute verkleideten Studenten.
Noch weiter zurück führt uns die Kuratorin der Ausstellung Natascha Niemeyer-Wasserer mit ihrem kurzen Exkurs über ein Gemälde von Nicolo di Pietro vom Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts, das den Heiligen Augustinus beim Schachspiel zeigt.

Vielfältiger Blick auf die Schachgeschichte

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Ich hoffe, diese kurze Inhaltsübersicht konnte die Neugier der Leser wecken, sich näher mit den Beiträgen dieses Begleitbuchs zur Ausstellung „Schach und Religion“ zu beschäftigen. Den nicht ganz geringen Preis rechtfertigen neben dem Inhalt der Arbeiten auch die zahlreichen Abbildungen und die insgesamt hochwertig anmutende Gestaltung.
Fazit: Weit über einen Ausstellungskatalog hinaus gehend, bietet das Buch vielfältige Blicke auf die europäische Schach-Frühgeschichte. Die Bezüge zur Religion sind dabei Richtschnur, schränken aber die Vielfalt der Betrachtungen nicht ein. Auch wer sich schon intensiver mit der Historie des königlichen Spiels beschäftigt hat, wird viele neue Erkenntnisse gewinnen, muss sich freilich an einigen Stellen auf das sprachliche Niveau einer wissenschaftlichen Arbeit einstellen. ♦

Schach und Religion – Katalog zur Ausstellung in Ebersberg, Schach- und Kulturstiftung G.H.S., 144 Seiten, ISBN 978-3-00-063173-3

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schachgeschichte auch über Gerhard Josten: Auf der SeidenStrasse zur Quelle des Schachs

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Heiner Brückner: Vom Himmlischen (Literatur-Essay)

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Vom Himmlischen

Synoptische Betrachtung dreier motivähnlicher Lyrikpublikationen

von Heiner Brückner

I. Einführung, Motivation

Nachdem ich „Baustellen des Himmels“, den aktuellen Gedichtband von Harald Grill, entdeckt hatte, war mir die Assoziation zu Jan Wagners „Probebohrung“ sofort präsent. Zwei unterschiedliche Lyriker, was Alter, Sprache und Themen betrifft, zeichnen ein offensichtlich motivähnliches Bild. Der eine 2001 als Debütant, der andere 2017 nach über 60 Jahren, in denen er „einfach“ (in des Wortes doppelter Bedeutung) gelebt hat, indem er mit dem Rucksack ohne Hotelbuchungen auf beiden Beinen auf Landerkundung gegangen ist und in Rundfunkreportagen und Einzelveröffentlichungen seine Wegpoesie zum Ausdruck brachte: „einfach gehen“, „auf freier strecke“ und so weiter waren seine Titel. Ich wollte dahintersteigen, wie poetisch fühlende Autoren das Thema bearbeitet haben.

Harald Grill - Baustellen des Himmels - Gedichte - Pongratz - Glarean MagazinIch denke bei Himmel an: Glauben, Gottes Ort, Horizont, Erde und Himmel, Religion, Kirche. Bei Religion an Erklärungsexperimente für die Bindung des Menschen zu seinem Urheber, seinem Ursprung, seiner Herkunft, zu der er naturgemäss in einer Art genetischem Bezug stehen wird. An die Beziehung und das Verhältnis der Spannung zwischen dem Allmächtigen und den Sterblichen.
Baustellen sind für mich vorrangig etwas Vorhandenes, das repariert oder korrigiert wird. (Selbstverständlich sind Baustellen auch dort, wo ganz neu gebaut wird. Aber das geschieht in der Regel auf vorhandenem Grund.) Die Pläne werden von Individualisten gefertigt, die daran Anstoss nehmen, nicht vom ursprünglichen Verursacher oder Schöpfer. Lücken sind zu schliessen, Löcher zu füllen, abzudichten, Mauern, Halterungen neu zu errichten.

Jan Wagner - Probebohrung im Himmel - Gedichte - Berlin Verlag - Glarean MagazinUnter Dichtung verstehe ich vorrangig eine Beschreibung des Umfassenden im Alltäglichen, Kleinteiligen, das mich umgibt. So gesehen sind beide menschlichen Urbedürfnisse verschwistert.
Ich hoffe bei meinem Vergleich eine Erkenntnis über die Versuche zu finden, wie man sprachlich der transzendenten Dimension menschlichen Seins näher kommen könnte. Wie ist es bei den beiden genannten Schriftstellern der Fall?
Bei Harald Grill scheint der religiöse Hintergrund ohne Umschweife offen sichtlich in Wort und Bild durch.
Beim Lyrikdebüt Jan Wagners ging es dagegen in erster Linie um sprachliche Bilder als Impulsmetaphern zum Weiterdenken. Offenbar spricht er von sich selbst, doch seine Bilder des „Lyrischen Stilllebens“ (siehe „nature morte“: ein Fisch auf Zeitungspapier) zeigen auch für uns Wiedererkennbares. Das weckt Lust zum Vergleichen, regt an zum Mitdenken.
Ich beschränke mich bei dieser Betrachtung auf sein titelgebendes, drittes Kapitel des Bandes „Probebohrung im Himmel“.

100 Gedichte über den Himmel

Anton Leitner - Der Himmel von morgen - Gedichte - Reclam Verlag - Glarean MagazinZwischenzeitlich bin ich auf eine aktuelle Publikation mit dem Titel „Der Himmel von morgen“ gestossen. Sie ist in gewisser Weise die Summe zu meinem Motto. In der von Anton G. Leitner herausgegebenen Anthologie wird das Thema in circa 100 Gedichten behandelt. Sie gewährt einen Blick in die diesbezügliche zeitgemässe Lyrik.
Darin überwiegt profanes, laienhaftes, literarisches Sprechen. Der Mensch wird als wertoffenes, anthropologisch schöpferisches Wesen aufgefasst, das sowohl sein inneres wie sein äusseres Erleben und Erleiden darstellen und mitteilen möchte. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass auch das Wort „Schöpfung“ eher vermieden wird, um sich nicht womöglich als Kreationist abstempeln oder festlegen zu lassen.
Im christlichen Verständnis wäre Reden von und mit Gott ein Schritt mehr, nämlich die in Gedanken und Worten geäusserte Bejahung mit allen Fasern des personalen Existierens dem Transzendentalen anvertrauen zu können, weil es ihm zugewandt erfahren wird. Verstärkt würde dieses bekennende Gefühl durch die Teilhabe an der Gemeinschaft der Gläubigen und die Anerkennung der verheissenen Zuwendung des Schöpfers.
Ich stelle die drei Bücher einzeln vor und fasse dann zusammen.

II. Harald Grill: „baustellen des himmels“

Harald Grill - Lyrik-Schriftsteller - Glarean Magazin
Harald Grill

Der Titel „Baustellen des Himmels“ verheisst ein selten bedichtetes Thema. Die Gedichte selbst beinhalten diesen Titel kein einziges Mal expressis verbis, wie das ansonsten gegenwärtig gängige Praxis der Verlage zu sein scheint. Aber der Himmel wölbt sich über jedes Gedicht und spricht den Leser aus nahezu jedem an. Das nenne ich eine gekonnte Themengestaltung. Jedes einzelne beschränkt sich mehr oder weniger auf ein reales Bild, das Harald Grill gelungen metaphorisch nach vielen Seiten durchleuchtet und feinsinnig formuliert. Und zwar in einer prägnanten und präzisen Sprache, direkt und gefühlt immer aus dem Herzen des Menschen gesehen. Gedichte sind nach seiner Anschauung angelehnt an Träume. Das kennen wir von seinen Dialektgedichten, aber auch hier in der Hochsprache führt seine spartanische Knappheit, lenkt sein dezentes Andeuten, das sanfte Antippen zu neuen, tieferen Denktipps und Gefühlsschichten.
Aussagen, die thematisch nach meinem Verständnis am deutlichsten themenrelevant sind:
Bereits das erste „Besuch im Kloster“: Dreieinigkeit vermenschlicht: Die Göttlichkeit muss vor den Fussgängern am Zebrastreifen, den das Licht in den Kreuzgang des Klosters wirft, anhalten. Neben dieser frappierenden Metapher fällt die sinnige Folgerung auf: Gott Vater, Sohn und Geist sind offenbar in einer Limousine unterwegs, also auf den Strassen dieser Erde. Aber eben auch nicht barfuss in Sandalen.In „Schick mir ein Foto“ wird der Himmel als eine „andere Art von Hölle“ bezeichnet.

Respektvoll strahlender Glanz

Harald Grill wurde 1951 geboren, wuchs in Regensburg auf und lebt seit 1978 in Wald im Landkreis Cham in der Oberpfalz. Er war Pädagogischer Assistent und ist seit 1988 freier Schriftsteller und Mitglied des deutschen PEN-Zentrums. 2000/ 2001 unternahm er zwei Spaziergänge, einmal vom Nordkap her und danach von Syrakus zu Fuss nach Regensburg, für das Projekt „Zweimal heimgehen“. Von Juli bis November 2015 reiste er durch Rumänien und Bulgarien bis Odessa. Grill hat Prosa, Gedichte, Kinderbücher und Nachdichtungen publiziert und arbeitet fürs Theater, Radio und Fernsehen. Mit verschiedenen Kulturpreisen und Stipendien wurde er ausgezeichnet. Eine ausführliche Bibliographie ist u. a. auf Harald Grills Homepage zu finden.

Eine Botschaft ohne Biss vermittelten „Barockkirche(n)“, weil sie in Goldpapier eingewickelte Pralinen bleiben. Auch das lese ich als amüsante kritische Anmerkung zum halbherzigen Verhalten kirchlicher Gepflogenheiten und gleichzeitig als nostalgische Erinnerung süsserer Zeiten.
Schliesslich noch „Vor dem Einschlafen“: Es gibt am „Rand der Steilküste meiner Welt“ ein Spanntuch zwischen Himmel und Erde. Die Ähnlichkeit zum Springtuch, das Retter in höchster Not ausbreiten, ist vorhanden. Jedoch das Tuch bei Grill ist bereits gespannt, aufgehalten von unsichtbaren Händen.
Harald Grill verleiht seinen lyrischen Bildern einen respektvoll strahlenden Glanz, indem er Gott in die Welt der Menschen integriert und ihm dadurch Menschlichkeit attestiert. Das gibt den Gedichten langen Nachhall und intensive Nachhaltigkeit.

III. Jan Wagner: „Probebohrung im Himmel“

Jan Wagner - Lyrik-Schriftsteller - Glarean Magazin
Jan Wagner

Wagners Gedichte formulieren knapp, aber poetisch flüchtige Augenblicke in einer Melange aus wohlüberlegter Sachlichkeit und Erkenntnisfunken einer im Alltäglichen transzendent aufblitzenden emotionalen Magie. In dem betreffenden mit der ungenauen Ortsangabe titulierten Gedicht „Hamburg – Berlin“ kommt für mich dieses Dahinter-Sehen und darin Erkennen-Können am deutlichsten zutage. Er sieht zwei Windräder und sieht auch, dass sie „eine probebohrung im himmel vor“(-nehmen). Und: „gott hielt den atem an“ – und ich hielt ebenso inne, um zu staunen und nachzudenken. Probebohrungen werden gewöhnlich in den Boden gerichtet, um nach Wasser für Brunnen oder Öl- und Gasquellen zu erforschen. Auch Bohrungen zum Erdkern hin werden unternommen. Jedenfalls kann nur dort ein Loch erstellt werden, wo eine feste Grundlage zum Durchbohren vorhanden ist. (Das „tiefste (zugängliche) Loch“ auf der Erde wurde bei einem kontinentalen Tiefbohrprojekt [KTB] in Bayern bei Windischeschenbach nördlich von Weiden in der Oberpfalz als Kontaktzone zweier grosser Kontinentalschollen erbohrt).

Das nach oben, in die Luft, in unfesten Stoff gerichtete Bohren im Gedicht von Jan Wagner ist für den ersten Eindruck ein Stochern im Nebel – oder menschliches Bemühen, in die Nähe des „Himmels“ zu gelangen. Dabei ist es nicht entscheidend, ob das zu ökologischen Zwecken oder aus sonstigen Gründen geschieht. Beim zweiten Gedanken erschliesst sich eine völlig neue Dimension, die unsichtbare Bohrkerne zutage fördern könnte – wenn man sich auf sie einlässt.
Während einer Zugfahrt an der Strecke zwischen Hamburg und Berlin hat der Autor diese Beobachtung gemacht. Windräder als Zeichen für Besinnung auf natürliche Energiegewinnung, Reduktion der Ausbeutung, negativ: zu überdimensioniert, nicht landschaftsgemäss etc. Es muss gearbeitet werden, ökologisch. Das ist eine doppelte Baustelle.

Firmament und Himmel gehören zur Erde

Jan Wagner wurde geboren 1971 in Hamburg und lebt seit 1995 in Berlin. Er ist Lyriker, Übersetzer englischsprachiger Lyrik sowie Essayist. Mit dem Gedichtband „Probebohrung im Himmel“ debütierte er 2001. Für seine Gedichte, die für Auswahlbände, Zeitschriften und Anthologien in über dreissig Sprachen übersetzt wurden, erhielt er unter anderem den Preis der Leipziger Buchmesse (2015) und den Georg-Büchner-Preis (2017). Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, der Freien Akademie der Künste in Hamburg sowie des P.E.N.-Zentrums Deutschland.

Hier ist eine der beiden Stellen auf circa 70 Seiten, an der Jan Wagner das Wort „Gott“ gebraucht. Man kann die Windräder also durchaus religiös deuten. Weswegen auch immer der Schöpfer die Luft anhalten mag. Aus Furcht vor dem Eingreifen der Menschen ins All? Aus Staunen über den Einfallsreichtum menschlichen Geistes?
Spätestens beim darauf folgenden Gedicht „Quedlinburger Capriccios“ wird die Denkweise logisch legitimiert. Bei Starkregen in der Quedlinburger Gegend sieht er Tauben auf dem First  des Quedlinburger Doms, eine Verknüpfung zum Himmel erscheint im doppelten Grau. Firmament und Himmel gehören zur Erde und zum Menschen, sie bewegen einander und sollten zusammengehalten werden als „Nieten“ für „… schieferdach und himmel …“
Das gelingt meines Erachtens nur einem, der das Staunen über die allumfassende Dimension des Überirdischen im Weltlichen nicht verlernt, sondern neu beziehungsweise anders entdeckt hat. Indirekt, durch die Wörter, ist Wagners Dichtung eine Verneigung vor den Naturgewalten, die wissen, dass Menschen sie nie fassen werden. Diese Macht bleibt indifferent, sie wird keiner Ursache und keinem Verursacher zugeordnet. Doch jene scheint stärker als die der Kreatur.
Eine sanfte Kritik am Bestehenden kommt im Gedicht „Im Norden“ auf: Die Kirchen blicken dort „… trotzig in den himmel,/wartend darauf, dass gott als erster blinzelt“.

IV. Anton G. Leitner: „Der Himmel von morgen“

Anton Leitner - Lyrik-Schriftsteller - Glarean Magazin
Anton G. Leitner

Die Auswahl der 100 Gedichte in „Der Himmel von morgen“ und das Thema tragen unzweifelhaft die Handschrift des Herausgebers Anton. G. Leitner, der auch die Lyrikzeitschrift „Das Gedicht“ initiiert hat. Daraus hat er (vorwiegend aus dem Band 25 „Religion im Gedicht“) thematisch passende Gedichte gesammelt und gibt mit seinem eigenen Beitrag „Der Tod“ die Richtung vor. In seinen Lyriktexten schreibt er im Allgemeinen so, als seien Wörter Assoziationswogen und Denkwellen, die er in einem bewegenden Rhythmus schaukeln und überschwappen lässt. Formal finden sich nur drei gereimte und metrische Gedichte. Ansonsten herrschen lockerer Rhythmus und freie denkerische wie gestalterische Vielfalt vor.
Die Anthologie ist als Querschnitt zeitgemässer Lyrik zum Thema „Gott und die Welt“ anzusehen. Darin zeigt sich ein Aquarellbild hinter entfernendem Schleier, eine Generation des Übergangs in hoffender teils enttäuschter Erwartungshaltung. Sowohl die Hoffenden als auch der Erhoffte seien erschöpft. Immerhin sind das Aussagen und nicht allein Vermutungen oder Revolte gegen Bestehendes. Eine theologische Sammlung oder solche Ambitionen hegt die Sammlung nicht. Es geht um Bekenntnisse von 90 zeitgenössischen Lyriker/innen.
Auszug: Gerald Jetzek: ironisiert im „Ökonomischen Konzil“, dass er zu wissen glaube, warum „Glauben wichtiger ist als Denken“. Judith-Katja Raab ist mit dem „Ketzerischen Credo“ vertreten, Georg Langenhorst mit „Thomaszweifel“. Lutz Rathenow will mit dem „Schöpfer“ reden. Tanja Dückers wird sinnlich beim „Kuscheln mit Gott“.
Wenn so der „Himmel von morgen“ aussehen soll, dann ist nur ein Nebelvorhang zu sehen, wohingegen der barocke Himmel auf Erden fröhlich und strahlend gestaltet worden ist. Der Anthologie-Titel ist dem zweiten Vers des Gedichtes „Bauplan, blassorange“ von Sabine Minkwitz entlehnt. Auch hier taucht die „Baustelle Himmel“ auf.
Ich will aber nicht spekulieren, wie das gedeutet werden könnte. Einige Kernaussagen aus der Anthologie sollen für sich selbst sprechen.

Moderne Lyrik des Unbeschreiblichen

Anton G. Leitner wurde 1961 in München geboren. Der examinierte Jurist ediert seit 1993 die Jahresschrift „Das Gedicht“. Seit 1984 ausserdem mehr als 40 Anthologien vor allem für die Verlage dtv, Hanser, Goldmann, Reclam, Sankt Michaelsbund. Neben herausgeberischen Tätigkeiten veröffentlichte Anton G. Leitner bislang elf eigene Gedichtbände, drei Hörbücher, zahlreiche Essays, Kritiken, Kurzgeschichten, eine Erzählung und ein Kinderbuch. Er ist Mitglied der Münchner Turmschreiber und der Valentin-Karlstadt-Gesellschaft. Vielfach wurde er ausgezeichnet, neben anderen 2016 mit dem „Tassilo-Kulturpreis“ der Süddeutschen Zeitung.

„Der Himmel von morgen“ ist in vier Abschnitte untergliedert.

I. Über Gott schweigen eingedenk der Leiden und des Unlogischen:
logisch; Kopfgespinst; erschöpft vom Hoffen; Gott sei nicht zu ändern, also schweigen. Kutsch hegt „Einsicht“; ökonomisches Konzil; ketzerisches, kapitalistisches Credo; Thomas-Zweifel; Der Alpha-bete.

II. Die erinnerte Oma-Frömmigkeit mit den einzigen drei gereimten Gedichten entsprechend der vergehenden Generation:
ein Tauflied etwa (gereimt) und tierische Gebete, ebenso das Lob der Beichte (gereimt), Wasserläufer, tierisches Arche-Gebet, Karpfen-Weihnachtsgebet (gereimt) sowie Kommunionerinnerungen.

III. Glaubenseintopf mit Religions-Allerlei (allerdings ohne Rezept):
Als Gebet sei das Wort Gott allen gegönnt. Die Götter sind darauf bedacht, sich nicht zu nahe zu kommen. „Ein Fünfter“ [= theologische Botschaft:] Gott will Neues erfahren – „in mir“ (Grengel). Suche nach der Perle des Himmelreiches. Bekreuzigung der Fussballgötter. Erschöpft vom Erschaffen (teils gereimter Rap) und „Der Erlöser schweigt“.

IV. Am Ende wird alles gut:
Sinnieren; saumselig meditieren. „Wer Sterne zählt, verzweifelt“. „Selig, denn sie glauben nicht.“ Jonas Walfischbauch als Heimat (Jan Wagner). Finnisches Nordlicht scheint ins Gesicht. Nachklang des Kreuzes; Papiergeläut; Psalm über „luft gott luft“; die Gnade des Loslassens. Der Tod: sich mit dem „Nichts in blinder Erwartung“ anfreunden (A. G. Leitner). „Bauplan, blassorange“. Nach der Erschöpfung sei dem Herrn eine Pause gegönnt, um neu zupacken zu können.

Zusammengefasst: Die Mehrzahl dieser ausgewählten modernen Lyriker windet sich um das Unbeschreibliche, indem sie ihre religiöse Anamnese sprechen lassen. Eine direkte Ansprache Gottes, wie in der Form des Gebets, ist nicht zu finden, es sei denn in retrospektivem Blickwinkel. Man erwartet Gottes Handeln ohne eigenes Zutun. Das mag der gängigen Denkweise der gegenwärtigen Generation entsprechen.

V. Zusammenschau

Um dem Grundtenor auf die Schliche zu kommen, habe ich unter anderem zwei themenrelevante Begriffe konkordanzmässig in Augenschein genommen. Die ausgewählten Termini „Schöpfung, Schöpfer, Himmel“ sind keinesfalls repräsentativ zu verstehen und sie eignen sich nicht zuallererst als poetische Wortwahl. Ich benutze sie lediglich als Zufallsproben, als Testkriterien, zumal ohnehin keiner der betrachteten oder zitierten Lyriker den Anspruch der Christlichkeit reklamiert oder unter dem Aspekt veröffentlicht hat. Meine Recherchen erheben ebenso wenig wissenschaftlichen Anspruch. Sie sind die Sichtweisen durch die Linsen eines der Lyrik zugeneigten Lesers. Was findet sich bei der Suche nach relevanten Aussagen? Es sind drei Nennungen von „Schöpfung“ in der Anthologie von Leitner, bei Grill keine einzige, bei Wagner eine. Der Begriff „Schöpfer“ ist in der Anthologie zweimal erwähnt. Weiterhin ist folgende Häufigkeit festzustellen: In den etwa 40 Seiten von Harald Grills „baustellen des himmels“ kommt der Himmel sechs- und Gott viermal vor. Bei Jan Wagners „Probebohrung im Himmel“ taucht auf den circa 70 Seiten Gott dreimal auf, der Himmel 18-mal. In Leitners circa 110-seitiger Anthologie „Der Himmel von morgen“ ist der Himmel etwa 16-mal und Gott gut 30-mal zu zählen. Dabei ist zu beachten, dass in den wenigsten Fällen Himmel als das paradiesische Jenseits gemeint ist, sondern meistens als Firmament oder als Ausruf gebraucht wird. Im Ergebnis ist das ein eher sparsamer Umgang mit den Zielbegriffen.

Vererdlichung des Jenseits

Die Autoren verwenden die gängigen Wörter als geläufige Bilder und sind im Übrigen bemüht das Jenseits zu vererdlichen, wobei sie es nicht nach den Massstäben des Menschenauges ausmalen wollen, um es göttlich sein oder werden zu lassen, wie etwa die barocken Baumeister in ihren ausgeschmückten Gotteshäusern. Jene holten den Himmel wesentlich bildkräftiger in die Welt der Menschen hinein. Dadurch wird eine Vielfalt individueller Vorstellungen erreicht, die Toleranz und Demokratie suggerieren. Die einheitliche Linie zur orientierenden Auseinandersetzung fehlt. Allenfalls ein Trend zu lockeren Denkweisen und Gottes Einbeziehung als „Macher“ ist zu erkennen.
Gelegentlich ringen einige Autoren nach zeitgemässen Synonymen. Ihre Baustellen sind aber offensichtlich noch lange nicht so weit fortgeschritten, geschweige denn fertiggestellt, dass die Einweihung eines neuen verbindlichen Sprachgebäudes von Gott im Himmel verkündet werden könnte.
Lyrisches Reden von Gott und Himmel in den genannten zeitgemässen Gedichten ist mit der Metapher „Baustellenmodus“ lyrisch treffend beschrieben. (Die Bereiche Esoterik und Meditation etc. wurden hier bewusst nicht berücksichtigt). Der Tenor in den berücksichtigten Gedichten sind irdische Poems, nicht himmlische oder religiöse Psalmodien. ♦

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Johann Voss: Warum noch Gedichte?

Weitere Internet-Beiträge zum Thema Lyrik und Religion:

Ameneh Bahrami: Auge um Auge (Islamismus)

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Tragisches Schicksal als literarische Chimäre

von Karin Afshar

Der MVG-Verlag, in dem das Buch „Auge um Auge“ von Ameneh Bahrami erschienen ist, hat eine Philosophie: Man will Mut machen und kompetente Hilfe in allen Lebenslagen bieten. Die Bücher, die im Verlag erscheinen, sollen für ein unbeschwertes, glückliches und bewusstes Leben stehen. Der MVG-Verlag versteht sich als zukunftsorientierter Ratgeberverlag mit den thematischen Schwerpunkten Persönlichkeitsbildung und Motivation. Sein Programm umfasst rund 700 lieferbare Titel. Im Bereich Lifestyle erscheinen Hardcover und Taschenbücher zu verschiedenen Themen. Und so kündigt er das Buch, um das es hier geht, an: „Das Buch gibt allen Frauen Kraft, für ihr Leben und ihre Freiheit einzustehen. Es ist die Geschichte einer unglaublich starken Frau.“

Ameneh Bahrami: „Auge um Auge“ hat 256 Seiten und ist ein Hardcover-Band. Bevor ich auf den Inhalt eingehe, erlauben Sie mir einen Blick auf den Einband. Vorne direkt unter dem Titel steht: „Ein Verehrer schüttete mir Säure ins Gesicht. Jetzt liegt sein Schicksal in meiner Hand.“ Zwei Augen in einem ansonsten mit einem Schleier verborgenen Gesicht springen dem Leser – bzw. der Leserin, denn Frauen sind die Zielgruppe –  entgegen. Derlei Bucheinbände gibt es mittlerweile vielfach – ja, ist denn dem Verlag nichts Eigenes eingefallen?

„Auge um Auge“ als Bestandteil des Alten Testaments und der Scharia

Aber sehen wir uns den Titel näher an: „Auge um Auge“. Wer kennt das Zitat nicht? Soweit so gut: der Verlag setzt auf zwei bekannte und in vielen Menschen umhergeisternde Vorstellungen, um sein Buch zu vermarkten und neu im Unterbewusstsein zu verankern. Die Leute sollen kaufen! Das ist legitim, denn damit verdient ein Verlag sein Geld. Und er hat Recht: vermutlich geht für eine kurze Zeit – denn länger reicht das Gedächtnis und die Geduld der Leser nicht mehr – genau mit dieser Kombination die Rechnung auf. Daran verdient hoffentlich auch die Autorin.

Auge für Auge (hebräisch עין תÖחת עין ajin tachat ajin) ist Teil eines Rechtssatzes aus dem Sefer ha-Berit (hebr. Bundesbuch) in der Tora für das Volk Israel (Ex 21,23–25 EU). In der heutigen Umgangssprache wird Auge für Auge überwiegend unreflektiert als Ausdruck für gnadenlose Vergeltung verwendet. Übersetzt als Auge um Auge (und zusammen mit Zahn um Zahn) wird das Teilzitat zur Anweisung an das Opfer oder seine Vertreter, dem Täter Gleiches mit Gleichem „heimzuzahlen“ bzw. sein Vergehen zu sühnen. Dass es ursprünglich auch im Alten Testament (2. Moses 21, 24) darum ging, Rache abzuwehren und Gewalt zu begrenzen, ist nur wenigen präsent.
Im Iran, dem Heimatland der Erzählerin, ist aufgrund der rund 1300 Jahre alten Scharia-Gesetze, die bei vorsätzlicher Tötung und vorsätzlicher Körperverletzung das Vergeltungsprinzip („Qisas“) darstellen, sogar vorgesehen, dass der Täter das erleiden soll, was er seinem Opfer angetan hat.
Der Erzählerin wird nach einer Gerichtsverhandlung eben dieser Urteilsspruch zuteil, dergleichen vornehmen zu dürfen.  Zwar darf sie für zwei ihrer Augen zunächst nur ein Auge des Täters blenden, aber sie kann ja das zweite hinzukaufen. Eine Frau ist eben nur halb so viel wert wie ein Mann. Sie bekommt schliesslich doch seine beiden Augen…

Sich für ein Leben allein entschieden

Ameneh Bahrami - Islamismus-Säureopfer - Glarean Magazin
Einst jung und schön, heute entstellt und blind: Säureopfer Ameneh Bahrami

Ameneh ist eine junge Frau, die an der Freien Universität in Teheran Elektrotechnik studiert. Vom Tschador hält sie nicht viel: sie trägt lieber einen knielangen weissen Mantel und ein Kopftuch. Damit macht sie sich natürlich nicht nur Freunde, und setzt sich den Männerblicken und auch so mancher Anmache aus. Im Jahre 2003 ist eine Frau im Iran alles andere als hamsar und auf Augenhöhe eines Mannes, und scheint am besten in einer (wie auch immer arrangierten) Ehe aufgehoben. Die Nach-Khomeini-Zeit – aber nicht nur diese – hat seltsame männliche Exemplare und verquer-menschenverachtende Ansichten hervorgebracht. Nun ist es nicht ungewöhnlich und überraschend, dass in einer reglementierten Gesellschaft das Dunkle ungleich böser zum Ausbruch drängt.
Nicht alle sind „infiziert“, aber eben viel zu viele. Ameneh kann sich damit nicht abfinden und glaubt an die Möglichkeit eines selbstbestimmten Lebens. Sie hat für ihr Studium gekämpft und sich mehrfach beworben, dann hat sie Jobs angenommen, um sich dieses Studium zu finanzieren – etwas, das Frauen im Westen ebenfalls kennen, denn auch uns wird nichts geschenkt. Sie hat einen jungen Mann, in den sie wirklich verliebt war, nicht geheiratet, weil er sich als eifersüchtig und kontrollierend entpuppte und sie am liebsten gleich in die Küche verbannt hätte. Sie hat sich für ein Leben allein entschieden – für solange, bis der „Richtige“ käme. Da beginnt ein um drei Jahre jüngerer Mann, sie zu bedrängen – und das Ganze endet in der inzwischen weltweit bekannten Katastrophe: als sie ihn abweist, schüttet er ihr Säure ins Gesicht, sie erblindet.

Tragik medial ausgenützt

Was Ameneh Bahrami durchgemacht hat, ist erschütternd, da gibt es keine Diskussion. Was nur können Menschen Menschen antun! Und wieso lässt Gott das zu, warum lässt er zu, dass ein heranwachsendes Leben zerstört wird und ein Mensch tiefer und tiefer fällt, bis auf den Grund seiner Menschenwürde? Soll er daran zugrundegehen oder soll er wachsen? Ist das die Lektion des Lebens?
Ameneh bemerkt in ihrer Hilflosigkeit bald, wer Freund und wer Feind ist, sie lernt zu unterscheiden, wer sie versteht, und wer schadenfroh ist. Sie ist bewusst und sich ihrer eigenen Empfindungen gewahr. Der Gedanke an Rache kommt dann auf, wenn man seelisch überfordert ist und von der anderen Seite, die man selbst noch vor sich in Schutz zu nehmen beginnt, keinerlei Reue kommt.
Das hätte ein gutes, ein grossartiges Buch über grundsätzliche Fragen werden können. Nicht jedoch jetzt, zu diesem Zeitpunkt, sondern erst viel später. Amenehs Geschichte ist noch nicht zuende – die Medien haben sie ihr aber vorschnell aus der Hand gerissen. Dieses Buch ist eine Chimäre. Ein Verlag publiziert es mit der Herausstellung des Leidensweges einer Frau und liefert eine nur halbwegs durchgearbeitete Geschichte.
Es gibt durchaus Passagen, in denen Ameneh Bahrami anschaulich und erfrischend vom Alltagsleben in Hamadan oder Teheran erzählt. Ich bekomme ein Bild von diesem Mädchen, das sich seinen Platz in der Welt erobern möchte. Es ist ein menschliches Bild, das sich in jedem Land der Welt einstellen könnte. Überall suchen junge Menschen nach Selbstbestimmung und Eigenständigkeit, Anerkennung und Liebe ohne Bedingungen.

Emotionalität der Schilderungen kaum zu ertragen

Was Ameneh durchgemacht hat, ist erschütternd, da gibt es keine Diskussion. Doch dann sind da die gewollten Belehrungen und die ideologischen Knöpfe, die gedrückt werden. Die Emotionalität der Schilderungen ist vielfach kaum zu ertragen. Der Leser wird missbraucht und in eine Meinung gezwungen, anderes als hier geschrieben darf man nicht fühlen. Eine solch künstliche, amateurhafte Erzeugung von Spannung hätte die Geschichte nicht nötig gehabt...
Was Ameneh durchgemacht hat, ist erschütternd, da gibt es keine Diskussion. Doch dann sind da die gewollten Belehrungen und die ideologischen Knöpfe, die gedrückt werden. Die Emotionalität der Schilderungen ist vielfach kaum zu ertragen. Der Leser wird missbraucht und in eine Meinung gezwungen, anderes als hier geschrieben darf man nicht fühlen. Eine solch künstliche, amateurhafte Erzeugung von Spannung hätte die Geschichte nicht nötig gehabt…

Doch dann sind da die gewollten Belehrungen und die ideologischen Knöpfe, die gedrückt werden. Natürlich geht es um Literatur – und das ist hier trotz guter Ansätze eben Betroffenheitsliteratur. Das zeigt sich im Erzählmodus ganz bestimmter Zeitungen, die ein bestimmtes Klientel bedienen. Die Emotionalität der Schilderungen ist vielfach kaum zu ertragen. Der Leser wird missbraucht und in eine Meinung gezwungen, anderes als hier geschrieben darf man nicht fühlen. An der Verwendung des Wortes „plötzlich“ übrigens erkennt man die Anfänger, und dieses Wörtchen taucht mir zu häufig auf. Eine solch künstliche, amateurhafte Erzeugung von Spannung hat die Geschichte nicht nötig.

Ameneh Bahrami wünsche ich, dass sie die nahende Zeit, in der das Interesse der Medien nachlassen wird, für sich nutzen kann, um ihren Frieden zu finden. Ihren Grossvater habe ich übrigens ins Herz geschlossen. Ob sie auf ihn hört? – „Was dir die Zukunft bringt, das frage nicht / Und die vergangne Zeit beklage nicht. / Allein das Bargeld Gegenwart hat Wert, / Nach dem, was war und sein wird, frage nicht.“ (Omar Khayyam)

Ameneh Bahrami: Auge um Auge, MVG-Verlag, 256 Seiten, ISBN 978-3-86882-155-0

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Islamismus auch über Abdelwahab Meddeb: Die Krankheit des Islam

…sowie zum Thema Aufklärung über: Georg Cavallar: Gescheiterte Aufklärung?

David Safier: Jesus liebt mich (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Aberwitzige Fabulierlust

von Walter Eigenmann

David Safier, erfolgreicher Drehbuch-Autor von TV-Soaps wie „Berlin, Berlin“, „Nikola“ oder „Mein Leben&ich“, legt nach seinem schräg-schrillen Bestseller „Mieses Karma“ eine weitere Kostprobe seiner aberwitzigen Fabulierlust und -kunst vor. In „Jesus liebt mich“, einer modernen, mit teils urkomischen, teils durchaus auch platteren Gags angereicherten, mitnichten blasphemischen, schon gar nicht sektiererischen Komödie – für Puristen vielleicht gar Comedy -, handelt Safier die Geschichte einer ganz speziellen Liebe ab.

Marie, Anfang 30, eigentlich ziemlich unreligiös, hat gerade ihrem Freund Sven just vor dem Traualtar mit einem deutlich vernehmbaren „Nein!“ den Laufpass gegeben. Kurz darauf lernt sie einen Zimmermann kennen, der den väterlichen Dachstuhl reparieren soll: Joshua. Joshua ist, ganz im Gegensatz zu Maries früheren Typen, einfühlsam, sensibel, völlig selbstlos. Marie verliebt sich – und fällt buchstäblich aus allen Wolken, als ihr der fremde Zimmermann eröffnet, dass er – Jesus sei.

„…weil ich ein oller Kiffer bin“

David Safier: Jesus liebt mich - Rororo Verlag (Amazon)
David Safier: Jesus liebt mich

Originalton Safier: „‚Du glaubst mir nicht, dass ich Jesus bin‘, stellte er fest. Warum konnte er nicht einfach sagen: Du, die ganze Jesus-Nummer war ein ziemlich dummer Scherz. Den habe ich nur gemacht, weil ich ein ein oller Kiffer bin. Damit hätte ich sehr gut leben können. Darauf hätte man eine gemeinsame Zukunft aufbauen können. ‚Dir fehlt der Glaube‘, merkte Joshua sachlich an. Und dir eine Zwangsjacke, dachte ich…“

Attacke auf pseudospirituelle Rührseligkeit

David Safier
David Safier bei einem Interview

Man täte David Safier völlig unrecht, ordnete man seiner süffigen „Jesus“-Lovestory irgendwelches reinkarnatives, überhaupt besonders religiöses, womöglich gar Dostojewski-Gedankengut („Grossinquisitor“) zu. Auch wenn darin eine Menge missianische (Un-)Heilsverkündigung – Satan und Erzengel inklusive – zu finden ist. „Jesus liebt mich“ ist einfach ein flockig-lockerer, gekonnt formulierter, zuweilen arg kalauernder, aber nonstop origineller Unterhaltungsroman, gestreckt mit zahllosen verbalen – und übrigens 16 tatsächlichen – Comic-Attacken auf so manche gesellschaftsmoralische und pseudospirituelle Rührseligkeit unserer Zeit. Alles in allem 300 Seiten lang ein Lese-Spass erster Güte, und wer schon Safiers „Karma“ mochte, wird bei seinem „Jesus“ vollends vor heiterer Ehrfurcht in den Boden versinken. Für Christen und Atheisten. ♦

David Safier: Jesus liebt mich, Roman & s/w-Zeichnungen, Kindler Rowohlt rororo Verlag, 304 Seiten, ISBN 978-3463405520

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Humor in der Literatur“ auch über den Diogenes-Band Weihnachten mit Ringelnatz

sowie zum Thema Roman-Literatur über Charlotte Roth: Die Königin von Berlin