Das Musik-Weihnachtsrätsel 2019

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Der Kreuzworträtsel-Spass zu Weihnachten

von Walter Eigenmann

Musik-Kreuzworträtsel - Weihnachtsrätsel - Glarean Magazin (Walter Eigenmann) - Aufgaben
Musik-Kreuzworträtsel – Weihnachtsrätsel – Glarean Magazin (Walter Eigenmann) Dezember 2019

Sie können das Weihnachtsrätsel 2019 hier ausdrucken!

Knobeln Sie im GLAREAN MAGAZIN auch das
Weihnachts-Kreuzworträtsel vom Dezember 2015

… sowie das
Musik-Kreuzworträtsel vom März 2016

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Simone Frieling: Peter Handke (Scherenschnitt)

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Literatur-Nobelpreis 2019 an
Peter Handke

von Simone Frieling

Peter Handke

Dichter der Nähe,
der einen Stein aufhebt und ihn wie ein Kind
an sein Ohr hält, um der Stille zu lauschen,
der seinen Weg mit Muscheln säumt,
der einen Fuß vor den anderen setzt,
um die Welt zu erkunden und sich dabei
manchmal verirrt.

Simone Frieling - Peter Handke - Scherenschnitt - Karikaturen - Glarean Magazin
„Literatur ist nichts Künstliches, sie ist die Mitte der Welt.“ (Peter Handke)

Finden Sie im GLAREAN MAGAZIN weitere Scherenschnitte von
Simone Frieling: Der Kopf des Monats

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… und sehen Sie zum Thema Karikaturen von
Christian Born: Mensch und Computer (Cartoons)

Viola Sanden: Playground Chess (Schach-Roman)

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Schach auf amourösen Pfaden

von Ralf Binnewirtz

Der Debütroman der Wuppertaler Autorin Viola Sanden (alias Manuela Sanne) „Playground Chess“ ist dem noch jungen New Adult-Genre zuzurechnen: In diesem Fall ein Liebesroman, der die Altersgruppe der etwa 18- bis 30-Jährigen im Visier hat. Das Ungewöhnliche an dieser Lovestory ist zweifellos deren allmähliche virtuelle Anbahnung auf einem Schachserver, wo schnelle Partien zwischen gemeinhin anonymen Kontrahenten ausgetragen werden.
Das in zarter Rosatönung gehaltene Buchcover ist durch ein attraktives Design marketingwirksam gestaltet und legt dem Betrachter nahe, dass eine vornehmlich weibliche Leserschaft angesprochen werden soll. Werfen wir einen kurzen Blick auf den Verlauf seiner Story.

Online Chess mit Nickname Caissa

Playground Chess - Berührt Geführt - Liebesroman Viola Sanden - Piper Verlag - Glarean MagazinCatrin (Cati), 28, studierte Ökotrophologin (also Ernährungswissenschaftlerin) aus Düsseldorf, ist seit einiger Zeit solo, nachdem sie sich von Daniel getrennt hat – der ihr nichtsdestotrotz ein Freund und Helfer in allen Lebenslagen geblieben ist und im Buch eine substanzielle Nebenrolle spielt. Letzteres gilt auch für Catrins beste Freundin Anett, die ihr Privatleben – weniger zurückhaltend und besonnen als Cati – mit häufigen kurzlebigen Affären anreichert.
Catrin spielt in ihrer Freizeit vorzugsweise Schach auf der Onlineplattform „Playground Chess“ (unter ihrem Nickname „Caissa“ – die Nymphe/Göttin des Schachs) und trifft dort auf den ihr schachlich weit überlegenen „Magnus“ (wem kommt da nicht sofort der amtierende norwegische Schachweltmeister in den Sinn?), der mit bürgerlichem Namen Jon heißt und als Lehrer für Englisch und Mathematik in Bonn lebt. Beide sind offenbar direkt voneinander angetan, Neugier und Faszination wachsen sukzessive im Verlauf einiger Wochen, katalysiert durch einen zunehmenden E-Mail-Austausch und durch begleitende Online-Chats. Aber die derart voneinander erlangten Eindrücke und Kenntnisse bleiben naturgemäß unvollständig oder unsicher, woran auch ein von Jon initiiertes „Game“, ein auf Ehrlichkeit beruhendes Frage-und-Antwort-Spiel zwecks gegenseitigen besseren Kennenlernens, nichts grundlegend ändert.

Virtuality vs Reality

Schach Liebe Sex - Chess Love - Glarean Magazin
Liebesnacht via Online-Schach: Virtuality oder Reality?

In diesem ersten Teil des Buchs, überschrieben mit Virtuality, wird somit ein merklicher Spannungsbogen erzeugt: Die Frage und die sich steigernde Erwartung, ob, wann, wo und wie den Wort-Spielereien im ausschließlich virtuellen Raum letztlich ein Nachspiel in der realen Welt folgt, harrt der Auflösung. Diese wird in Teil 2 des Romans – Reality – gegeben. Anhänger des Problemschachs mögen in diesem Kontext eine Schachkomposition assoziieren, bei der das virtuelle Spiel (Verführungen, Probespiele) zum reellen Spiel (eigentliche Lösung) hinführt, aber diese formale Analogie soll hier nicht überstrapaziert werden. Im Buch verabreden sich Catrin und Jon zu einem unverbindlichen Date in einem Kölner Hotel, und es kommt, wie es kommen muss: Das Treffen kulminiert in einer leidenschaftlichen Liebesnacht.

Viola Sanden - Manuela Sanne - Schriftstellerin - Playground Chess - Glarean Magazin
Unterhaltsam schreibend und intelligent konzipierend: Debüt-Romancière Viola Sanden (©Wynn Photodesign)

Aber alsbald ziehen dunkle Wolken am Horizont auf, Jon versetzt Catrin bei einem anschließenden Date, und (mehr soll hier nicht verraten werden) letztlich bleibt es offen, ob die Beziehung langfristig Bestand haben kann. Wer ein Happy End à la Rosamunde Pilcher erwartet haben sollte, wird daher mehr oder weniger enttäuscht sein. Indes ist es aus Sicht des Rezensenten positiv zu werten, dass die Autorin keinen solch trivialen Schlusspunkt gesetzt hat. Zudem erhält sie sich die Option, in einem Folgeband die Geschichte von Catrin und Jon weiterzuspinnen, was sich natürlich anbietet, sofern sich dieser erste Band auch als kommerzieller Erfolg erweisen sollte.

Romanhandlung ohne Konflikte

FAZIT: „Playground Chess“ ist ein ungewöhnlicher Liebesroman, in dem sich das Online-Schach als Vehikel für eine Liebesaffäre entpuppt. Für die anfangs erwähnte Zielgruppe und diejenigen, die diese Art von Literatur mögen, verdient der unterhaltsame, gut geschriebene und intelligent konzipierte Roman sicherlich eine nachdrückliche Empfehlung. Und wer weiß, vielleicht wird die eine oder der andere durch die Lektüre angeregt, sich etwas näher mit dem königlichen Spiel zu befassen?

Die wesentlichen Figuren des Romans sind generell positiv gezeichnet und können als Sympathieträger gelten. Keinen Platz gibt es für den klassischen Bösewicht, der als Gegenspieler bedrohlich dazwischenfunkt und Unheil anrichten will. Ernste Konflikte sind in der Romanhandlung nicht vorgesehen. Die im Buch aufgebaute Spannung hält sich damit in gewissen Grenzen, wer atemberaubenden Thrill sucht, sollte zu anderen Büchern greifen.
Der Schreibstil der Autorin ist durchweg flüssig und leicht verständlich, der Satzbau übersichtlich, so dass das Lesepublikum ihren Gedankengängen mühelos folgen kann. Bei diversen Kapiteln wechselt die Erzählperspektive von der Ich-Erzählerin Catrin auf andere Protagonisten (Jon, Anett, Daniel), ein dramaturgisch geschickt eingesetztes Mittel, das uns die Sichtweise der anderen beteiligten Personen auf das Geschehen nahebringt. Da diese Kapitel jeweils durch den Namen des Erzählers in der Überschrift kenntlich gemacht sind, sollte dies keine Irritationen bei der Lektüre auslösen.

Schachwissen unnötig

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Ausgesprochen gefallen hat mir, dass die Autorin sämtlichen Kapiteln ein beziehungsreiches Zitat bzw. eine Weisheit von mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten vorangestellt hat, wofür sie offenbar nicht nur die Schachliteratur durchforsten musste. Als Auftakt zu ihrem Werk hat sie zudem ein Schachsonett von Christian Morgenstern reproduziert. Der insgesamt positive Eindruck wird noch durch den Befund gestützt, dass im Text bemerkenswert wenige Tippfehler verblieben sind. Erwähnt sei lediglich, dass der niederländische Schach-GM J. van der Wiel durch einen Buchstabendreher etwas unglücklich zu „van der Weil“ mutiert ist (S. 120 oben) – vielleicht eine Auswirkung der unseligen automatischen Rechtschreibkorrektur….

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Was die schachlichen Inhalte des Romans betrifft, so dürfen Schachfreunde nicht allzu viel Tiefgang erwarten. Dies ist offenbar der unausgesprochenen Forderung geschuldet, die Mehrheit einer schachunkundigen Leserschaft nicht durch übermäßiges Expertenwissen zu vergraulen. Playground Chess ist daher auch ohne spezifische Schachkenntnisse gut lesbar. Ansonsten scheint die Autorin in ihrem Schachwissen gefestigt, im Text sind ihr keine fundamentalen s(ch)achlichen Fehler unterlaufen. Dies ist erfreulich angesichts der bereits bestehenden schachbelletristischen Literatur, in der sich teils eklatante Fehler versammelt haben. ♦

Viola Sanden: Playground Chess – Berührt. Geführt, Roman, 212 Seiten, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-50264-1

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Literatur und Schach auch über Ariel Magnus: Die Schachspieler von Buenos Aires (Schachroman)

… sowie zum Thema Online-Dating in der Romanliteratur über Anke Behrend: Fake Off!

Gedicht des Tages von Georg Trakl: Im Winter

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Schilfrohr im Winteracker - Georg Trakl - Lyrik - Glarean Magazin

Im Winter

Der Acker leuchtet weiß und kalt.
Der Himmel ist einsam und ungeheuer.
Dohlen kreisen über dem Weiher
Und Jäger steigen nieder vom Wald.

Ein Schweigen in schwarzen Wipfeln wohnt.
Ein Feuerschein huscht aus den Hütten.
Bisweilen schellt sehr fern ein Schlitten
Und langsam steigt der graue Mond.

Ein Wild verblutet sanft am Rain
Und Raben plätschern in blutigen Gossen.
Das Rohr bebt gelb und aufgeschossen.
Frost, Rauch, ein Schritt im leeren Hain.


Georg Trakl - Glarean MagazinGeorg Trakl

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch das Gedicht des Tages von Wolfgang Reus: Liebesgedicht

… sowie das Gedicht des Tages von Walter Gross: Dezembermorgen

 

Kognitive Forschung: Musik als Universalsprache

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Musikalität vereint die Weltkulturen

von Walter Eigenmann

Musik ist die einzige Sprache, die jeder versteht“ – stimmt das wirklich, oder ist das einfach schöngeistiges Wunschdenken, übrigens seit Jahrhunderten postuliert, aber nie verifiziert? Was meint eigentlich die Wissenschaft zum vielfältig diskutierten Thema „Musik als Universalsprache“? (Über den Themen-Komplex „Musik als Sprache“ im engeren Sinne wurde und wird schon seit Jahrzehnten geschrieben und geforscht – ein besonders anregender Beitrag hierzu findet sich in dem Essay von Ernst Krenek: Musik und Sprache).

Musik-Kulturen - Glarean Magazin
„Das Medley der menschlichen Musikalität vereint alle Kulturen auf dem Planeten“

Zwei wissenschaftliche Forschungsbeiträge in der jüngsten Ausgabe des renommierten Science Magazine untermauern nun die Idee, dass Musik auf der ganzen Welt trotz vieler Unterschiede tragende Gemeinsamkeiten hat. Denn Wissenschaftler unter der Leitung des amerikanischen Kognitionsforschers Samuel Mehr (Harvard University) haben eine gross angelegte Analyse von Musik aus Kulturen auf der ganzen Welt durchgeführt, und die beiden Kognitionsbiologen Tecumseh Fitch und Tudor Popescu von der Universität Wien gehen davon aus, dass die menschliche Musikalität alle Kulturen auf der Welt vereint.

Gemeinsamkeiten heterogener Musikstile

Samuel Mehr - Kognitionsforscher und Musikwissenschaftler Harvard University - Glarean Magazin
Samuel Mehr, Kognitions-Forscher und Musik-Wissenschaftler an der Harvard University: „Es gibt eine Art grundlegende menschliche Musikalität“

Die vielen Musikstile der Welt sind so unterschiedlich – zumindest oberflächlich betrachtet -, dass Musikwissenschaftler oft skeptisch sind, ob sie tatsächlich wichtige gemeinsame Merkmale haben. „Universalität ist ein großes Wort – und ein gefährliches“, sagte schon der grosse Leonard Bernstein. In der Tat, in der Ethnomusikologie wurde „Universalität“ zu einem Dirty Word – eine inhaltslose Worthülse. Aber Mehr’s neue Forschungen stellen in Aussicht, dass die Suche nach tieferen universellen Aspekten der menschlichen Musikalität neu entfacht wird.

Tonalität als „menschliche Prädisposition“?

So stellte Samuel Mehr fest, dass alle untersuchten Kulturen Musik machen und dabei sehr ähnliche Arten von Musik in ähnlichen Kontexten verwenden, mit jeweils einheitlichen Eigenschaften. Zum Beispiel ist Tanzmusik schnell und rhythmisch, und Schlaflieder weich und langsam – überall auf der Welt.
Darüber hinaus zeigten gemäss Mehr alle Kulturen Tonalität: Sie bauten aus einer Basisnote eine kleine Teilmenge von Noten auf, genau wie in der westlichen diatonischen Skala. Heilende Lieder neigen dazu, weniger Noten und dichtere Abstände zu verwenden als Liebeslieder.
Diese und weitere Ergebnisse deuten darauf hin, dass es tatsächlich universelle Eigenschaften der Musik gibt, die wahrscheinlich tiefere Gemeinsamkeiten der menschlichen Wahrnehmung widerspiegeln – quasi eine grundlegende „menschliche Musikalität“.

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In einer wissenschaftlichen Perspektive in derselben Ausgabe kommentieren die Forscher an der Universität Wien Tecumseh Fitch und Tudor Popescu die Auswirkungen. „Die menschliche Musikalität ruht grundsätzlich auf einer kleinen Anzahl von festen Säulen: Fest kodierte Prädispositionen, die uns die früheste physiologische Infrastruktur unserer gemeinsamen Biologie bietet. Diese ‚musikalischen Säulen‘ werden dann mit den Besonderheiten jeder einzelnen Kultur ‚gewürzt‘, was zu dem schönen kaleidoskopischen Sortiment führt, das wir in der Weltmusik finden“, erklärt Tudor Popescu. Und Fitch fügt hinzu: „Diese neue Forschung belebt ein faszinierendes Studiengebiet wieder, das von Carl Stumpf zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Berlin entwickelt wurde, das aber von den Nazis in den 1930er Jahren tragisch beendet wurde“.

Das Musik-Medley aller Kulturen des Planeten

Musik-Konzert - Musiksoziologie - Musikpsychologie - Glarean Magazin
„Grundlegende Prädisposition musikalischer Inhalte in den menschlichen Weltkulturen“

Mit der Annäherung der Menschheit wachse gemäss Popescu und Fitch auch unser Wunsch zu verstehen, was wir alle gemeinsam haben – in allen Aspekten des Verhaltens und der Kultur. Die neue Forschung aus Harvard deute darauf hin, dass die menschliche Musikalität einer dieser gemeinsamen Aspekte der menschlichen Kognition ist. „So wie europäische Länder als ‚United In Diversity‘ bezeichnet werden, so vereint auch das Medley der menschlichen Musikalität alle Kulturen auf dem Planeten“, so Tudor Popescu abschließend. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Musikwissenschaft auch: Musik in der Gruppe: Neue Forschungsergebnisse

… sowie zum Thema Musik und Intelligenz über Lutz Jäncke: Macht Musik schlau?

Verwandte Thematik: Humanmedizin – Musik und Herzinfarkt (Musikforschung)

Ausserdem zum Thema „Musik in der Sprache“: In der Sprache liegt Musik (Max-Planck-Gesellschaft)

Bücher-Liste zum Themenkreis „Musik und Sprache“

Internationale Kompositionswettbewerbe 2020

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Contests für Kammermusik-Werke

Gesucht: Moderne Kammermusik („Please Yourself“)

Das englische Alvarez Chamber Orchestra schreibt erneut seinen jährlichen Internationalen Kompositionswettbewerb aus. Eingereicht werden können unveröffentlichte Originalwerke vom Solostück bis zum Kammerorchester.

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Weder stilistisch noch hinsichtlich des Alters oder der Nationalität der Komponistinnen und Komponisten bestehen Vorgaben. Auch die Dauer des Werkes ist freigestellt.

Einsende-Schluss ist am 30. September 2020, hier finden sich die weiteren Einzelheiten der Ausschreibung. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Kammermusik auch über die
CD-Neuheiten: The Edge of Time & The Last Island


Kammermusik für 1-15 Interpreten

Die Musik-Abteilung der Universität Illinois schreibt im Gedenken an an den Komponisten Salvatore Martirano einen internationalen Kompositionswettbewerb für kammermusikalische Werke aus.

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Teilnahmeberechtigt sind Partituren eines beliebigen Stils oder einer beliebigen ästhetischen Richtung für 1-15 Interpreten (einschließlich Sänger) sowie Werke für Elektronik und/oder Mischtechnik (einschließlich Video), mit oder ohne Instrumente und Stimmen.

Hinsichtlich Alter oder Nationalität der Komponistinnen und Komponisten bestehen keine Einschränkungen. Die Dauer der Werke sollte 20 Minuten nicht überschreiten. Einsende-Schluss ist am 13. April 2020, hier finden sich die weiteren Details der Ausschreibung. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Elektronische Musik auch über die
CD Electronic Chamber Music

… sowie zum Thema Kammermusik die Ausschreibung zum neuen Kompositionswettbewerb 2020 der Neuen Musik Frankfurt

Ausserdem im GLAREAN MAGAZIN: Die Ausschreibung zum internationalen Kompositionswettbewerb Ise-Shima 2021


English Translations

Two new international composition competitions

Wanted: Modern Chamber Music („Please Yourself“)

The English Alvarez Chamber Orchestra again announces its annual International Composition Competition. Unpublished original works from solo pieces to chamber orchestras can be submitted.

There are no stylistic, age or nationality requirements for the composers. The duration of the work is also optional.

Closing date for submissions is 30 September 2020, further details of the competition can be found here. (The links can be found above)

Chamber music for 1-15 performers

In memory of the composer Salvatore Martirano, the Music Department of the University of Illinois is organising an international composition competition for chamber music works.

Eligible are scores of any style or aesthetic direction for 1-15 performers (including singers) and works for electronics and/or mixed media (including video), with or without instruments and voices.

There are no restrictions on the age or nationality of composers. The duration of the works should not exceed 20 minutes. Closing date for entries is April 13, 2020. Further details can be found here. (The links can be found above)

Mathias Ninck: Mordslügen (Roman)

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Gutes Handwerk – mit Luft nach oben

von Bernd Giehl

„Medien“ können heutzutage fast alles. Sie können eine 16-jährige Schülerin, die freitags vor ihrer Schule saß und für das Klima „streikte“, zu einem Star machen, den jeder in Europa kennt, und deren Nachnamen nicht einmal genannt werden muss („Greta“). Und umgekehrt können sie mächtige Männer wie den Filmproduzenten Harvey Weinstein oder Regisseure wie Woody Allen ins Nichts oder gar ins Gefängnis schicken (#MeToo).

Mathias Ninck - Mordslügen - Roman-Krimi-Literatur - Cover - Glarean MagazinAber natürlich sind das nicht mehr dieselben Medien, die wir Älteren noch aus unseren frühen Zeiten kennen, also Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen; das Internet ist hinzugekommen – und mit ihm das, was wir heute „soziale Medien“ nennen. Alles ist mittlerweile miteinander „vernetzt“. Grenzen, die es früher einmal gab, existieren nicht mehr. Auch jene Menschen, die früher keinen Einfluss hatten, sondern sich allenfalls per Leserbrief äußern konnten, vermögen heutzutage eine Lawine loszutreten, können sich Gehör verschaffen und notfalls sogar eine Kanzlerin stürzen. Sie müssen nur laut genug brüllen und genug andere finden, die mitbrüllen.

„Das wahre Leben“

Man kann das gut finden. Man kann sagen, endlich kämen auch jene zu Wort, die früher nur ohnmächtig die Faust in der Tasche ballen konnten. Man kann aber auch argumentieren, die Medien, die eigentlich nur den Auftrag hatten, über das zu berichten, was gerade passiert, würden nun selbst aktiv eingreifen und das Geschehen mit beeinflussen. Was stimmt? Vermutlich beides.

Mathias Ninck - Schriftsteller - Glarean Magazin
Debüt-Romanautor Mathias Ninck

Der Roman-Krimi „Mordslügen“ von Mathias Ninck beschäftigt sich mit dieser Welt. Seine Hauptfigur Simon Busche steckt da mitten drin. Busche ist ein sympathischer Mensch, Reporter bei einem halbseidenen Internet-Magazin mit dem Titel „Das wahre Leben“, zuständig für die „weichen Themen“ – was bedeutet, über weltbewegende Geschichten zu schreiben wie z.B. über einen Lehrling, der beim Pinkeln aus dem Bus fällt. Hauptsache, die Story generiert Klicks.
Busche könnte sich ein anderes Leben vorstellen, aber er ist mittlerweile 42, davon 17 Jahre beim „Wahren Leben“. In einem Facebook-Eintrag eines pensionierten Kollegen hat er den Satz gelesen, ein Journalist brauche „eine Haltung“; den Facebook-Eintrag hat er mit „Gefällt mir“ bewertet. Aber er weiß auch, dass es bei seinem Arbeitgeber auf vieles ankommt, aber ganz bestimmt nicht auf Haltung. Diese muss man sich erst einmal leisten können. Schließlich muss jeder Miete zahlen, sich ein Essen kochen und abends einmal in die Kneipe gehen und ein Bier trinken können.

Drei Morde gestanden, aber nicht begangen?

Dies alles kann sich aber von einem Moment auf den anderen ändern, wie schon der alte Heraklit wusste. Busche wird von der Psychiaterin Olivia Pfeiffer kontaktiert, die behauptet, dass eine Frau namens Sandra Dubach seit 25 Jahren unschuldig im Gefängnis sitzt, weil sie drei Morde gestanden, aber nicht begangen habe. Die Psychiaterin glaubt den wahren Mörder zu kennen. Er sei einer ihrer Patienten, ein Manuel Schindler (genannt Manu), der gewalttätig sei, schon mehrere Male vor Gericht gestanden habe, dessen Freundin sich gerade von ihm getrennt habe, und der ihr nun von seinen Mordphantasien erzählte.
Zwei Tage später wird die Leiche einer Frau vor dem Haus gefunden, in dem Manus Ex-Freundin wohnt. Es handelt sich zwar nicht um die Ex-Freundin, aber dennoch ist die Psychiaterin davon überzeugt, dass ihr Patient den Mord begangen hat. Schließlich ist er schon einmal verdächtigt worden, seine Freundin getötet zu haben. Damals war er 14 Jahre alt gewesen und hatte mithilfe seines Vaters für lange Zeit nach Südamerika verschwinden können. 12 Jahre später taucht er mit neuem Namen wieder in der Stadt auf und begibt sich in Olivia Pfeiffers Behandlung.
Die Psychiaterin hat Zweifel, ob sie mit ihrem Verdacht zur Polizei gehen soll. Es gibt schließlich das Arztgeheimnis, und obendrein könnte sie das nächste Opfer des vermutlichen Mörders werden. Schließlich gibt sie der Polizei verdeckt einen Tipp, und Manu landet auf der Liste der Verdächtigen. Aber dann, als Sandra Dubach die drei Morde gesteht, verschwindet er wieder von dieser Liste…

Das Imperium schlägt zurück

Viele Jahre später stürzt Olivia Pfeiffer in einen Gully, hat Todesangst, wird gerettet; Simon Busche schreibt einen Bericht im „Wahren Leben“ über den Unfall, so dramatisch wie sonst nur die „Bildzeitung“ das kann – inklusive Ratten, die schon an ihr nagen -, und so kommt die Handlung in Schwung. Busche übernimmt (nach anfänglichen Zweifeln) die Recherche, besucht Sandra Dubach im Hochsicherheitstrakt, nimmt sich eine Auszeit vom „Wahren Leben“ und ist schließlich davon überzeugt, dass Dubachs Geständnis tatsächlich falsch ist.
Dubach ist Borderliner; sie fühlte sich in der Gesellschaft anderer nicht wohl; im Gefängnis, das sie schon von früheren Aufenthalten kannte, hatte sie ihre Ruhe. Sie hat einen Zerstörungstrieb in sich, mit dem sie nur schwer umgehen kann. Jedenfalls passt für Busche alles zusammen: Dubach hat die Morde nicht begangen, für die sie seit zwanzig Jahren sitzt.
Busche kann zwar seine Geschichte am Ende nicht im „Wahren Leben“ veröffentlichen, aber es gibt ja noch die Zeitungen auf Papier, in seinem Falle die „Neue Tageszeitung“. Diese veröffentlicht Busches Artikel, danach ist Busche für ein paar Tage berühmt – bis das Imperium zurückschlägt…

Handwerklich einwandfrei, aber…

Die Handlung ist gut erzählt. Matthias Ninck versteht sein Handwerk. Dennoch haben sich mir beim Lesen ein paar Zweifel im Kopf festgesetzt. Dass eine dreifache Mörderin im Hochsicherheitstrakt einsitzt, isoliert von allen anderen Gefangenen, leuchtet nicht ein. Vielleicht liegt es daran, dass ich als Deutscher beim Thema Hochsicherheitstrakt an Stuttgart-Stammheim denke und an die RAF-Mitglieder Baader, Raspe und Ensslin, die nach der Entführung und Befreiung der Lufthansa Maschine in Mogadischu 1977 in einer Nacht gemeinsam Selbstmord begingen, obwohl sie doch – zumindest offiziell – keinen Kontakt zueinander aufnehmen konnten. (Oder die vielleicht auch ermordet wurden, was aber bis heute nicht geklärt ist). Also, bei allem Respekt: das waren andere Kaliber.
Und dann wäre da auch noch der Titel: „Mordslügen“. Eine Headline, wie sie die „Bildzeitung“ nicht besser erfinden könnte. In Verbindung mit dem Thema Medien denkt man gleich an die AFD und ihre Pauschalbehauptung von der „Lügenpresse“, mit der all jene gemeint sind, die sich kritisch über die AFD und die Rechten äußern.

… am Grundthema vorbei

Weiter: Das Thema, wie wir alle von den Medien manipuliert werden, weil etwas künstlich aufgeblasen wird und alle Welt darüber in eine Riesenerregung verfällt, das wird im Buch nicht aufgenommen. Als Beispiel sei Friedrich Merz genannt, bis 2002 Vorsitzender der CDU-Fraktion im Bundestag, der damals von Angela Merkel abgesägt wurde und im letzten Jahr Parteivorsitzender der CDU werden wollte, aber gegen Annegret Kramp-Karrenbauer unterlag, und der neulich von den „Nebelbänken“ sprach, die die Kanzlerin erzeuge und von der „grottenschlechten“ Arbeit der Regierung. Und dann wird dieser völlig überzogene Kommentar eines Privatmanns, der selbst gern Kanzler werden würde, nicht etwa unter der Rubrik „Vermischtes“ vermeldet, sondern er wird in allen Talkshows der Republik diskutiert. Wundert es jemanden, dass hernach die Hälfte der Bevölkerung davon überzeugt ist, dass die Arbeit der Regierung „grottenschlecht“ ist?

Das ist der eigentliche Skandal. Zeitungen und Fernsehen eifern den „sozialen Medien“ nach, erzeugen Riesenwellen, und wenn die Aufregung immer größer wird, fragen sie, wer daran schuld sei.
Womöglich ist es ungerecht, von einem Autor zu erwarten, der doch nur einen Krimi aus dem Bereich des Internetjournalismus schreiben wollte, dass er das Thema in dieser Dimension bearbeite. Das ist, zugegeben, schon ziemlich anspruchsvoll. Aber wenn man die Welle reiten will und dann die Erwartungen, die man geweckt hat, nicht bedienen kann, muss man sich eine solche Kritik gefallen lassen. ♦

Mathias Ninck: Mordslügen – Roman, 232 Seiten, Edition 8 Verlag, ISBN 978-3859903814

Lesen Sie zum Thema Krimi auch über Jo Nesbø: Messer (Harry-Hole-Krimi Band 12)

… sowie über den neuen Thriller von Jean-Christophe Grangé: Die Fesseln des Bösen

Anton „ViscaBarca“ Rinas: Realtalk (Rezension)

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Psycho-Striptease eines Gaming-Influencers

von Heiner Brückner

Der YouTube-Fame als greller Schein. Ist das Kunst oder ehrgeizige Individualinszenierung? Nein, es ist für den einen oder anderen tragische Realität. Aber diese Offenbarung, die „ViscaBarca“ zum eigenen Whistleblower macht oder zum Seelenstripper, wie Anton Rinas selbst sagt, ist heilsam – für ihn selbst, und hoffentlich für viele Follower.
Sicherlich ist mit Kulturarbeit und Kunst kein Staat zu machen, aber es handelt sich dabei um konkretes Leben und nicht um eine virtuelle Scheinwelt, selbst wenn sie Visionäres und Fantastisches projiziert und prolongiert.

Viscabarca - Anton Rinas - Realtalk - Mein Leben als Influencer - Cover - Rezension Glarean MagazinAnton Rinas alias ViscaBarca konnte sich den Lebenstraum vieler junger Menschen erfüllen. „Als erfolgreicher YouTuber und Social Medias Performer begeistert er über eine Million Abonnenten, verdient mit 17 bereits fünfstellige Summen im Monat“, kündigt der Verlag das Werk über „Trug, Schein und Schulden“ eines Gamers an. Dann kam der Absturz des digitalen Modephänomens als Influencer. Ich lese die Bekennergeschichte mehr als diagonal, weil mich das Thema reizt, weil ich den Herkunftsort des Autors kenne, und weil ich auf die Verlockungen der Verlagsanpreisung hereingefallen bin. Bin ich der Influenz erlegen? Noch will ich mich erwehren durch das Lesen der veröffentlichten Fakten.

Wer füttert den Beeinflusser?

Fussball-Fans FC Barcelona - Glarean Magazin
„Es lebe Barca, die tolle spanische Fußballmannschaft“: Das Massen-Game als Social-Multiplikator

Wer füttert den Beeinflusser, von wem lässt er sich beeinflussen? Wen hat er im Visier, auf wen oder was zielt er ab? Das sind Hintergrundfragen, die entscheidend sind, weil sie den Schein hinter allem aufdecken. Freimütig zählt Rinas seine Fake-Accounts genauso auf wie seine millionenfachen Likes. Sein Aka-Name ViscaBarca ist Programm und eigentliche Lebenssehnsucht, die er sich wegen körperlichen Handicaps nicht mehr erfüllen kann: Es lebe Barca, die tolle spanische Fußballmannschaft.
Wessen entledigt er sich also bei seinem öffentlich gemachten Höllentrip durch eine Influencer-Biografie unter dem Titel „Realtalk“?

Down To Earth und Back To Life

GLAREAN MAGAZIN - Muster-Inserat - Banner 250x176Das erste Kapitel fasst zusammen, wie der Offenbarungseid in ein 15-minütiges Realtalk-Video als „Balsam für meine Seele“ gepackt werden sollte. Das letzte schilderte, wie er nach dem Absturz wieder „down to earth“ kommen konnte. Dazwischen wird die Chronologie seines Auf- und Abstiegs ausgebreitet: die chaotischen Zustände in Familie, Erfolg und Misserfolg in Gaming-WGs, und wie die geliebte Schwester und ihr Mann, sein Schwager, ihn finanziell bis in den Ruin auspumpen. Dreimal stellt er eine Liste der Ausgaben von 4000 bis auf 205’000 Euro Schulden auf. Nach dem Absturz findet er in München „mit Disziplin und Fleiß“ wieder „back to life“, wird wegen des „Schwester-Videos“ als „InzestBarca“ beschimpft und erleidet wirtschaftlich den nächsten Rückschlag wegen einer undurchsichtigen Steuerberaterin.

Den „ganzen Scheiss“ hinausgekotzt

Viscabarca - Anton Rinas - Ich durfte beim Barca-Spiel auf dem Rasen stehen - Glarean Magazin
„Ich durfte beim Barca-Spiel auf dem Rasen stehen“: FC-Barcelona-Fan Viscabarca alias Anton Rinas

Reden wir Klartext („Realtalk“) und nicht lange um die 271 Seiten herum, so wie es das Elaborat auch tut: verzweifelter Seelenstrip, Digga, literarisch bescheiden, moralisch als abschreckendes Exempel einsetzbar, aus der katastrophalen finanziellen Notlage geboren.
ViscaBarca lamentiert in seinem Schriftstück nicht gefühlsduselig, will auch nicht „rumheulen“, er kotzt den „ganzen Scheiß“ offensichtlich ungeschminkt heraus. Der seelische Auswurf ist ein notgedrungenes, eigentlich nicht druckreifes Drauflos-Quasseln in der lässigen YouTube-Sprechweise bzw. Social Medias Plattformen. Häufige Wiederholungen, teils Widersprüche, chaotisches Hin- und Her-Springen entlarven die ganze Summe der Entscheidungsflexibilität eines unschlüssigen jungen Mannes, der am Ende seiner eigenen Hilfswerk-Biografie zu einem allgemein hinreichend bekannten Fazit gelangt. Nämlich, dass sein süchtiger Spielkonsum nur eine Flucht vor der eigenen Leere gewesen sei.

Nie wieder Fake Shit

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Rinas ringt sich zum Einsichtsvorsatz durch: „… ich würde nie wieder fake shit machen, um etwas vorzuleben, das nichts mit mir und meinem Herzen zu tun hat.“ Und er hat Ratschläge parat: „Lass dich nicht von anderen abhalten, deine Träume zu verwirklichen. […] Das Leben wird noch hart genug, auch wenn wir nicht aufeinander rumhacken.“
Genusslesen war das nicht, weder inhaltlich noch sprachlich (z. B. „Ich kam nicht mehr auf mein Leben klar!“ – „Auf die Situation kam ich echt nicht klar.“) noch vom Erkenntnisgewinn her betrachtet. Abschreckend ist wohl der einzige positive Aspekt an diesem „Teil“ (Zitat Rinas), das ohne die mitschreibende Hilfe seines Bekannten Josip Radovic „niemals so cool“ geworden wäre.

An erster Stelle dankt er den Zuschauern und YouTube-Kollegen für ihre Treue. Nach Mitleid heischt er nicht, der Leser muss nicht in wehleidiges Mitklagen verfallen. Vielmehr darf er sich über die schnelle Vergesslichkeit der YouTube-Follower beim Neubeginn des Influencers wundern. Es ist frappierend, was da abging und worauf man leicht hereinfallen kann.
Kurzum: „Realtalk“ ist die öffentlich gemachte private Bekennerstory des Influencers Anton Rina aka ViscaBarca in 22 Kapiteln über einen ganz persönlichen Psychoterror als Gaming-Zocker mit Computerspielen in flapsigem YouTube-Speech. ♦

Anton Rinas „ViscaBarca“: Realtalk – Trug, Schein und Schulden / Mein Leben als Influencer, 272 Seiten, Community Editions, ISBN 978-3960961055

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Digitale Welt 2.0 auch das „Zitat der Woche“ von
Felix Stalder: Kultur der Digitalität

Ausserdem zum Thema Sprachzerfall den Essay von
Mario Andreotti: Wie Jugendliche heute schreiben.

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Gedichte-Wettbewerb 2020 des „Literaturpodiums“

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Neue Lyrik-Texte gesucht

Das deutsche Portal Literaturpodium schreibt zum wiederholten Male seinen internationalen Lyrikwettbewerb aus. Die Teilnahme ist weder vom Alter noch von der Nationalität abhängig, erwartet werden allerdings deutschsprachige Texte.

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Möglich sind zeitgenössische Lyrik-Formen ebenso wie gereimte Gedichte. „Auf literarische Qualität legen wir besonderen Wert“, schreibt das Literaturpodium.

Maximal können 20 eigene Lyrik-Texte eingereicht werden. Einsende-Schluss für diesen Gedichte-Wettbewerb ist am 27. August 2020, hier können die weiteren Einzelheiten der Ausschreibung nachgelesen werden. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Literaturwettbewerbe auch die Ausschreibung zu den Neuen Wettbewerben 2020 für Kurzprosa (Horror- und Frauen-Geschichten)

… sowie den Literaturwettbewerb 2020 für Kurzprosa mit dem Thema „Am Wasser“

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Ausstellungs-Katalog „Schach und Religion“ (Ebersberg)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 6 Minuten

Geistesgeschichtlicher Blick auf das Schachspiel

von Thomas Binder

An wenigen Tagen im August 2019 fand im Rathaus des oberbayrischen Ebersberg eine Ausstellung unter dem Titel „Schach und Religion“ statt. Trotz Erwähnung auf gemeinhin einflussreichen Homepages hat sie in der klassischen Schach-Öffentlichkeit nur wenig Widerhall gefunden. Nun hat die ausrichtende Schach- und Kulturstiftung ein Begleitbuch zu dieser Schau herausgebracht, das weit über einen Ausstellungskatalog hinaus geht.
Katalogcharakter im herkömmlichen Sinne haben nur die letzten knapp 40 Seiten, auf denen die ausgestellten Exponate (vorwiegend Gemälde und Figurensätze) abgebildet werden. Für diejenigen Werke, die im Textteil des Buches nicht näher besprochen werden, sind die Informationen in diesem Abschnitt leider etwas knapp.

Schach und Religion - Kulturstiftung GHS - Ausstellungs-Katalog - Cover - Glarean MagazinKommen wir also zum gut 100 Seiten langen Textteil. Hier werden wir nicht etwa auf theologische Abhandlungen stoßen, sondern erfahren unter dem Obertitel „Schach und Religion“ viel Interessantes aus der Geschichte unseres Spiels. Der religiöse Aspekt dient dabei mal mehr, mal weniger als Leitfaden, wird aber oft genug verlassen, und der Blick reicht deutlich weiter.
Wer sich fragt, was denn wohl Schach und Religion miteinander zu tun haben, dem sei aus der Einleitung zu einem Beitrag des früheren DSB-Präsidenten Herbert Bastian zitiert: Er bezeichnet Schach und Religion als „… zwei Kulturfaktoren mit weltumspannender Bedeutung […] Beide geben ihren Anhängern Halt und etwas Familiäres.“

Leseprobe

Schach und Religion - Kulturstiftung GHS - Ausstellungs-Katalog - Leseprobe - Glarean Magazin
„Schach und Religion“ der Kulturstiftung GHS: Leseprobe aus dem gleichnamigen Ausstellungs-Katalog (Ebersberg 2019)

Autoren mit wissenschaftlichem Anspruch

Den Leser erwarten insgesamt acht Artikel von unterschiedlichem Umfang, denen freilich gemein ist, dass sie von sachkundigen Autoren mit durchaus wissenschaftlichem Anspruch geschrieben wurden. Das mag es dem Leser, der in die Materie gerade erst eintauchen will, hier und da etwas schwer machen. Angesichts der thematischen Vielfalt wird aber wohl jeder historisch interessierte Schachfreund Erkenntnisse und Denkanstöße mitnehmen.

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Der Salzburger Kulturhistoriker Rainer Buland hat mit „Schach – Spiel – Religion“ den Leitartikel (oder neudeutsch: die Keynote) geschrieben. Er gliedert seine Arbeit in fünf Ebenen. Zunächst widmet er sich der Figur des Läufers, der ja in manchen Sprachen eigentlich ein Bischof ist. Dann verweist er darauf, dass viele Theologen dem Schachspiel zugetan waren, es dabei aber im größeren Zusammenhang als Allegorie verstanden und in ihre Lehre einbanden. Dann geht Buland darauf ein, dass das Spiel durchaus zeitweise als Laster angesehen und gegen solche Vorwürfe verteidigt werden musste. Einen großen Umfang nehmen die sehr interessanten Untersuchungen zu der Radierung „Die Schachspieler“ von Moritz Retzsch (1779 – 1857) ein. Schließlich stellt sich der Autor noch der Frage, ob man das Schachspiel selbst als Religion verstehen kann.

Profunde Artikel für Laien und Experten

Herbert Bastian - Schach-Funktionär Buchautor - Glarean Magazin
Verbandsfunktionär, Internationaler Meister, Schachhistoriker: Herbert Bastian

Im zweiten umfangreichen Beitrag beleuchtet Herbert Bastian das Verhältnis von Schach und Religion an Beispielen von den ersten Erwähnungen an bis zur Gegenwart. Bastian ist als profunder Kenner der Kulturgeschichte des Schachspiels nicht zuletzt durch eine umfangreiche Artikelserie in der Zeitschrift „Rochade Europa“ ausgewiesen. Daher an eine breite Leserschaft gewohnt, ist sein Text für den interessierten Laien sogar etwas einfacher nachzuvollziehen, als die doch sehr wissenschaftlichen Ausführungen bei Rainer Buland – gut, dass wir in diesem Katalog beide Herangehensweisen finden.
Den dritten, sehr umfangreichen Artikel verfasste der Altphilologe Wilfried Stroh. Er bietet eine Neuübersetzung (aus dem Lateinischen) sowie eine ausführliche Interpretation der „Schachode“ des Jesuiten und Dichters Jacob Balde (1604 – 1668). Wenn im Vorwort von einem „berühmten Gedicht“ gesprochen wird, verdeutlicht dies die angesprochene Zielgruppe. Als sehr wohl schachhistorisch belesener Interessent, waren mir diese Ode und ihr Autor – Asche auf mein Haupt – bislang völlig unbekannt und selbst der Wikipedia-Eintrag über Balde erwähnt die Schachode mit keinem Wort. Spätestens jetzt ahnt man also, dass die Neuübersetzung und Interpretation dem kritischen Blick der Fachwissenschaft Stand halten wird, ja wohl richtungsweisenden Charakter einer Neubewertung hat. Dementsprechend anspruchsvoll ist für literaturwissenschaftliche Laien allerdings auch die Lektüre des 20 Seiten umfassenden Artikels.

Schachmatt - Geistliche Würdenträger beim Schachspielen - Holzstich von Thure Cederström 1880 - Glarean Magazin
„Schachmatt“ nach einem Holzstich von Thure Cederström 1880: Geistliche Würdenträger beim Schachspielen

Luther und Augustinus beim Schachspielen

Eingebettet in diese drei „großen Brocken“ finden wir fünf kürzere und in all ihrer Unterschiedlichkeit anregende Texte.
Lokalkolorit zum Ort der Ausstellung steuert Georg Schweiger (Vorstand der ausrichtenden Stiftung) mit dem Artikel über die Schachfiguren der Falkensteiner Grafen bei. Bis ins 12. Jahrhundert lässt sich nachweisen, welche Bedeutung das Spiel in dieser Herrscherfamilie und darüber hinaus für Adel und – als Bezug zum Titel der Ausstellung – für den Klerus hatte. In seinem zweiten Beitrag erläutert Schweiger, warum die Heilige Teresa von Avila (1515 – 1582) die Patronin der Schachspieler ist. Auch hier ist Ihr Rezensent peinlich berührt von einer bisherigen Wissenslücke, hatte ich doch bisher nur Caissa gekannt.

GLAREAN MAGAZIN - Muster-Inserat - Banner 250x176Mit zwei kurzen Beiträgen ist der Historiker sowie engagierte Schachspieler und -organisator Konrad Reiss vertreten. Reiss dürfte einer größeren Öffentlichkeit vor allem als Leiter des Schachmuseums in Löberitz bekannt sein. Die beiden Artikel verbinden Schach und Religion in kongenialer Weise mit Reiss‘ mitteldeutscher Heimat. Er stellt uns die Schachallegorie im Dom zu Naumburg vor: Zwei schachspielende Affen an einem Pfeilersims laden zu jeder Art von Interpretation ein. Seinen zweiten Beitrag widmet Reiss der Legende über eine Schachpartie Martin Luthers gegen eine Gruppe von als Bergleute verkleideten Studenten.
Noch weiter zurück führt uns die Kuratorin der Ausstellung Natascha Niemeyer-Wasserer mit ihrem kurzen Exkurs über ein Gemälde von Nicolo di Pietro vom Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts, das den Heiligen Augustinus beim Schachspiel zeigt.

Vielfältiger Blick auf die Schachgeschichte

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Ich hoffe, diese kurze Inhaltsübersicht konnte die Neugier der Leser wecken, sich näher mit den Beiträgen dieses Begleitbuchs zur Ausstellung „Schach und Religion“ zu beschäftigen. Den nicht ganz geringen Preis rechtfertigen neben dem Inhalt der Arbeiten auch die zahlreichen Abbildungen und die insgesamt hochwertig anmutende Gestaltung.
Fazit: Weit über einen Ausstellungskatalog hinaus gehend, bietet das Buch vielfältige Blicke auf die europäische Schach-Frühgeschichte. Die Bezüge zur Religion sind dabei Richtschnur, schränken aber die Vielfalt der Betrachtungen nicht ein. Auch wer sich schon intensiver mit der Historie des königlichen Spiels beschäftigt hat, wird viele neue Erkenntnisse gewinnen, muss sich freilich an einigen Stellen auf das sprachliche Niveau einer wissenschaftlichen Arbeit einstellen. ♦

Schach und Religion – Katalog zur Ausstellung in Ebersberg, Schach- und Kulturstiftung G.H.S., 144 Seiten, ISBN 978-3-00-063173-3

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachgeschichte auch über
Gerhard Josten: Auf der Seidenstrasse zur Quelle des Schachs

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Musik-Kalender 2020 – „Beethoven und ich“

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

53 Bekenntnisse zu Beethoven

von Walter Eigenmann

Im kommenden Jahr 2020 begeht die Musikwelt einmal mehr ein Jubiläum der Superlative, nämlich das 250. Geburtsjahr von Ludwig van Beethoven. Die Musikforscher werden sich überschlagen mit neuen Analysen der Werke des „Titanen“, die Labels werden ihre alt-verstaubten Gesamtaufnahmen seiner Sonaten und Sinfonien aus ihren Vinyl-Gräbern schaufeln, die Mono- und Biographen zum x-sten Male die Entstehungsgeschichte von „Für Elise“ aufkochen, die Merchandise-Industrie ihre T-Shirts mit „Ode an die Freude“ oder „Eroica“ drauf in die Kleiderläden bugsieren, und es wunderte nicht, wenn auch die Film-Regisseure den einen oder anderen neuen Beethoven-Streifen ins Kino hievten.

Der Musik-Kalender 2020 - Beethoven und ich - Cover - Glarean MagazinKein Zweifel besteht jedenfalls darüber, dass die Konzertsäle bald weltweit überquellen werden vor lauter Beethoven. Denn für den Kult um solche ausholenden, extrem dominanten Jahrhundert-Genies wie Beethoven ist unsere 2.0-Welt wie geschaffen. Ob heutzutage derartige Jubiläen einer solch singulären Erscheinung wie Beethoven allerdings auch nur ansatzweise gerecht werden können, oder ob’s bei den üblichen pietätvollen Häppchen in den Social Medias bleibt, muss je am Einzelergebnis solcher „Erinnerungsarbeit“ festgemacht werden. Immerhin sind allenthalben regelrechte Monster-Zyklen angekündigt im Beethoven-Jahr 2020, wie beispielsweise bei der deutschen Beethoven-Jubiläums-GmbH (BTHVN 2020).

Zitaten-Schatz der Zeitgenossen

Eine Möglichkeit, zumindest skizzenhaft den Einfluss Beethovens seinerzeit und heute zu umreissen, ist jene, die der Verlag „Edition-Momente“ beschritt mit seinem neuen Musik-Kalender 2020 unter dem Titel „Beethoven und ich“, nämlich jene Leute zu Worte kommen zu lassen, die professionell und unvermittelt mit dem Menschen Beethoven und seinem Werk befasst waren oder sind: Seine (komponierenden oder interpretierenden) Zeitgenossen, seine heutigen Realisierenden in den Orchestern und Kammerensembles, kurzum jene Musik-Verständigen, die an ihm in den Konzertsälen, Plattenstudios und Bücherstuben unmöglich vorbeikamen und noch immer nicht vorbeikommen.

Hymnen und Erinnerungen im Wochentakt

Probeseite aus Musik-Kalender 2020 - Beethoven und ich - Edition Momente - Glarean Magazin
Probeseite aus dem „Musik-Kalender 2020“ mit einem Statement von Luigi Nono

Beginnend mit dem ersten Januar-Blatt und dem legendären Beethoven-Konzert, das der Pianist Arturo Benedetti Michelangeli 1942 in Rom gab, bis hin zur letzten Dezember-Woche bzw. zum Zitat des Cellisten Pablo Casals, das Beethovens 9. Sinfonie als „Wunder“ verherrlicht, bindet der Kalender auf 53 Wochenblättern einen eindrucksvollen Strauss von Erinnerungen, Gesprächen, Bekenntnissen, Zitaten, Bildern, Fotos, Zeichnungen, Notizen und Anekdoten von Claudio Arrau und Leonard Bernstein oder Johannes Brahms über Sergiu Celibidache oder Clara Haskil bis hin zu Gustav Mahler, Gioacchino Rossini oder Günter Wand.

Ob Komponisten oder Dirigenten oder Instrumentalisten – sie alle zollen einem ganz Grossen der menschlichen Kulturgeschichte ihren Respekt, und nicht immer ist endgültig klar, ob die Verehrung einem Künstler oder nicht doch eher einem Gott gilt… Womit wir wieder glücklich im Musik-Olymp und bei den Podesten gelandet sind, auf die solche Exemplarischen halt – erst recht aus so grosser Zeitdistanz – immer noch gerne gestellt werden.

Beeindruckendes Puzzle über einen Giganten

Ungeachtet aller Glorifizierung verdichtet diese facettenreiche Kalender-Sammlung aber durchaus zahlreiche Puzzle-Stücke zu einer eindrücklichen Gesamtschau, die sich dem Menschen Beethoven und seinem Werk unterhaltsam, reichhaltig, vielseitig, ja schillernd, und teilweise beeindruckend nähert.

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Der Kalender kommt layouterisch sehr ästhetisch daher, mit intelligent ausgewählten Bezügen, seien diese direkt-musikalischer oder „nur“ biographischer Natur, und mit sehr ansprechendem, teils unbekanntem Bild-Material. Ausserdem fällt verdienstvoll ins Auge: Die 60-blättrige Anthologie versammelt nicht nur männliche Beethoven-Adepten, sondern auch zahlreiche Frauen mit ihren bedeutungsvollsten Beiträgen, musikalischen Bezügen, und ja: menschlichen Beziehungen über und zu Beethoven. Namentlich seien nur Fanny Hensel (Komponistin), Jenny Lind (Sopranistin) oder Myra Hess (Pianistin) hervorgehoben.

Informativer und ästhetischer Tour d’Horizon

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Ein jeder der Kalender-Tage 2020 ist über den je ganzseitigen Fokus hinaus mit den entspr. Geburts- bzw. Todeszahlen von hunderten weiterer Musik-Berühmtheiten aus vergangener und jüngster Zeit garniert.
Alles in allem ein Musik-Kalender, der weniger als hübscher Memory-Wandschmuck taugen will denn als ästhetischer und informativer Tour d’Horizon über einen Komponisten, der Musikgeschichte geschrieben hat wie kein zweiter – und seit 250 Jahren ausstrahlt bis in unsere Tage hinein. ♦

Edition Momente: Der Musik-Kalender 2020 – Beethoven und ich, 60 Blätter, ISBN 978-3-0360-3020-3

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema auch über
Karl-Heinz Ott: Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien

… sowie als grafische Ehrerbietung den neuen künstlerischen Scherenschnitt von Simone Frieling: Ludwig van Beethoven

Weitere Beiträge über Beethoven im Internet:

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Lothar Becker: Das Erzgebirge, die Stasi und ich (Satire)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 7 Minuten

Das Erzgebirge, der Wald, die Stasi und ich

Lothar Becker

Ich war ein Idiot. Und was für einer! Im Oktober 89 habe ich angefangen, für die Stasi zu arbeiten. Im Oktober 89. Wie kann man nur so blöd sein, werdet ihr fragen. Im Oktober 89 ist doch mit der DDR schon alles vorbei gewesen. Ich weiß, ich weiß. Rückblickend bin ich ja derselben Ansicht.
Aber ich schwöre, damals habe ich nichts geahnt. Wirklich. Ich dachte, das geht immer so weiter mit der Zone und mit den Ostmächten und mit den Westmächten und mit dem Eisernen Vorhang und alledem. Die Betonköpfe sind nicht reformierbar, habe ich gedacht. Die kleben an ihrer Macht. An den Verhältnissen wird sich in den nächsten fünfhundert Jahren nichts ändern. Warum ich das gedacht habe, weiß ich bis heute nicht. Vielleicht habe ich mich etwas zu oft im Wald aufgehalten und deswegen das eine oder andere nicht mitbekommen.
Ich bin eben ein Erzgebirgler wie er im Buche steht. Naturverbunden, heimatliebend. Im Wald war die DDR noch stabil. Da war es wie immer. Im Wald gab es keine politischen Eruptionen. Im Wald gab es keinen Gorbatschow und kein Neues Forum. Manchmal kam einer vorbei, der sah aus wie Rainer Eppelmann. Aber er war es dann doch nicht. Ich muss sagen, im Wald habe ich mich nicht eingesperrt gefühlt.
Aber sonst immer. Eingesperrt und beobachtet. Und belauscht. Vor allem belauscht. Weil ich Musik gemacht habe, Songs geschrieben und so. Protestsongs. In erzgebirgischem Dialekt. Denn ich wollte Freiheit, die Umwälzung, den Kapitalismus. Natürlich, was denn sonst. Das wollten ja alle damals. Aber ich hatte keine Ahnung, dass im Oktober 89 politisch schon einiges im Gange gewesen ist. Die Perestroika hatte ich irgendwie verpasst. Im Wald sind die Verhältnisse wie all die Jahre davor gewesen, und ich habe mit meinen Liedern gegen diese Waldverhältnisse angekämpft. Auf erzgebirgisch. Ich war ein Mundart-Dissident.

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Aber warum bist du dann zum Stasi gegangen, werdet ihr fragen? Das ist kompliziert. So kompliziert wie alles damals. Ich will versuchen, es euch zu erklären. Damals musste man um die Ecke denken, wenn man die Machthaber austricksen wollte, man musste für etwas sein, wenn man gegen es sein wollte, und umgekehrt musste man gegen etwas sein, wenn man dafür sein wollte. Versteht ihr? Also wenn man so tat, als wäre man für die bestehenden Verhältnisse, konnte man leichter gegen sie sein, und genau das habe ich gemacht.
Im Klartext: Zur Stasi bin ich gegangen, weil ich in den Westen wollte. Natürlich nur zu Besuch. Mit einem Visum. Ich wollte auf jeden Fall wieder zurückkommen. Ohne mein Erzgebirge wäre ich ja zu Grunde gegangen. Trotzdem musste ich mal rüber. Aus künstlerischen Gründen. Ich hatte von Gundermann gehört, der aus demselben Grund mit der Stasi zusammengearbeitet hatte. Gerhard Gundermann, der singende Baggerfahrer. Gundermann wollte im Westen auftreten und berühmt werden. Das wollte ich auch. Im Westen konnte man Karriere machen. Wer es im Westen schaffte, war der Held. Und der wäre ich gern gewesen.
Also habe ich mich in Annaberg als IM bei der Stasi beworben. Mein Führungsoffizier hieß Ralf und trug zwei Parteiabzeichen, um seine unverbrüchliche Treue zum Arbeiter- und Bauernstaat zu zeigen. „Ich zahle auch zwei Mal die Mitgliedsbeiträge“, sagte er, „die Partei ist mein Ein und Alles.“ Ralfs Deckname war Rolf. Ich musste ihn Rolf nennen, damit seine Identität nicht aufflog.
„Warum willst du innoffizieller Informant werden?“, fragte Rolf.
„Wegen Dings, na hier Sieg des Sozialismus und so“, sagte ich.
„Dufte“, sagte Rolf, „und wie willst uns helfen?“
„Als Spitzel“, sagte ich, „indem ich den Klassenfeind denunziere!“
„Jemand bestimmtes?“, erkundigte sich Rolf.
„Nee, generell“, sagte ich.
„Namen“, sagte Rolf, „wir brauchen Namen.“
„Hm“, sagte ich und überlegte. Ich kannte nur Sven. Sven hatte zusammen mit Vojtech, einem Bekannten aus Teplice begonnen, T-Shirts aus sudanesischen Textilabfällen herzustellen. Weitere Stoffreste erhielten sie vom afghanischen Militär und einer albanischen Fabrik für protestantische Herrenunterwäsche. Sven und Vojtech schrieben „Schwerter zu Pflugscharen“ oder „Lieber tot als rot“ auf die Stoffe, und drei tschechische Näherinnen saßen Tag und Nacht an ihren Nähmaschinen, denn die Nachfrage nach T-Shirts war in Ostdeutschland überwältigend. Sven und Voijtech befanden sich auf dem besten Weg, mit ihren Produkten reich zu werden. Dass sie damit der Volkswirtschaft und dem Ansehen der Republik und allem schadeten, war ihnen egal.

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Zufälligerweise wusste ich, dass Sven am 28. Oktober eine neue Lieferung über den Grenzübergang Oberwiesenthal geplant hatte. Ich wusste es deswegen, weil ich mir bei ihm ein T-Shirt mit der Aufschrift „Stasi in den Tagebau“ bestellt hatte, und es noch am selben Abend in Crottendorf abholen wollte.
Rolf freute sich. „Dafür stellen wir einige Genossen ab!“, bestimmte er, „wenn die Sache funktioniert, dann können wir auch was für dich tun!“ Na, das lief doch prima!
Tatsächlich hatte sich Sven dann am 28. Oktober mit seinen drei Näherinnen, Olga, Larissa und Jana in einem bis unter die Decke mit T-Shirts vollgepackten Tatra von Teplice zum Grenzübergang Oberwiesenthal auf den Weg gemacht. Nun weiß ich nicht, wer von euch schon einen Tatra gesehen hat, aber allen, die das Fahrzeug nicht kennen, kann ich versichern, es war der schwerste PKW seiner Zeit. Ein russisches Produkt, das gemacht wurde, um sich durch den sibirischen Schnee zu fräsen, und nebenher alles von der Fahrbahn zu schleudern, was dort nicht hingehörte: kraftstrotzende Wildrinder, Elche oder Bären zum Beispiel, wirklich alles.
Dummerweise war Sven während des steilen Anstieges zum Zollgebäude der Sprit ausgegangen. Das mag am zusätzlichen Gewicht der viertausend, ins Wageninnere gepressten T-Shirts gelegen haben, aber auch an Olga, die nicht ganz so dürr wie Larissa und Jana gewesen ist. „Scheiße!“, hatte Sven gerufen, „Olga, Larissa, Jana! Aussteigen und schieben!“ Olga, Larissa und Jana stiegen aus und begannen, den Skoda die steil ansteigende Straße von Bozi Dar zum Grenzübergang nach oben zu schieben. Sven saß hinter dem Steuer und lenkte, und nur, wenn Larissa, Olga und Jana zu schnell waren, bremste er ein wenig.
Die Zollbeamten kriegten sich kaum ein vor Lachen, als Olga, Larissa und Jana das Auto vor ihnen abstellten, aber dann winkten sie Sven zur Seite, und nahmen den Wagen gründlich auseinander. „Zoll?“, fragte einer der tschechischen Beamten.
„Nix Zoll!“, erboste sich Sven, „Eigenbedarf. Das ziehe ich alles selber an!“
„Ha, ha!“, sagten die Zollbeamten und konfiszierten den gesamten Wageninhalt. Dann sperrten sie Sven, Larissa, Olga und Jana zwei Stunden lang ein, telefonierten mit ihren Vorgesetzten und ließen sie schließlich wieder gehen. Ohne die T-Shirts versteht sich. Da schüttelte Sven resigniert den Kopf, setzte sich hinters Steuer und ließ sich von Olga, Larissa und Jana zurück nach Teplice schieben.

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Unten in Crottendorf warteten ich und die anderen Genossen der Stasi bis zum Morgengrauen auf Sven und die T-Shirts, aber als abzusehen war, dass er nicht mehr auftauchen würde, blies Rolf den Einsatz ab. „Na, das war ja wohl nichts!“, konstatierte er, „ich hoffe, wir haben keinen Verräter in unseren Reihen!“ Damit war ich gemeint. Da habe ich „Ach, so ist das!“ gerufen, und bin gegangen. Wenn eine Tür da gewesen wäre, hätte ich sie zugeknallt. War aber nicht.
Ein paar Wochen später fiel die Mauer. Nach der Wende interessierte sich kein Mensch mehr für singende Mundart-Dissidenten. Weder im Osten noch im Westen. Fragt Gundermann! Wie so viele andere auch musste ich mich im Arbeitsamt in Annaberg melden. Und nun stellt euch einmal vor, wer mir da als Sachbearbeiter gegenübersaß: Es war Rolf!
„Mensch Rolf!“, rief ich, „das ist ja vielleicht eine Überraschung!“
„Tut mir leid, hier gibt es keinen Rolf!“, sagte Rolf, „ich heiße Ralf!“
„Alles klar, Ralf!“, sagte ich, „ich brauche einen Job, hörst du?“
„Schwierig, schwierig“, murmelte Rolf, „mit deiner Vergangenheit! Du warst doch bei der Stasi, oder?“
„Andere doch auch!“, sagte ich.
„So? Wer denn?“, ereiferte sich Rolf.
„Das weißt du doch ganz genau!“, sagte ich.
„Ich?“, brüllte Rolf, „Ich soll was wissen? Das ist doch wohl die Höhe! Mein ganzes Leben lang habe ich gegen das Regime gekämpft, niemand war aktiver im Untergrund als ich! Das fehlte noch, dass ich von einem Stasi-Spitzel als Stasi-Spitzel denunziert werde! Ausgerechnet ich, eine Säule des Widerstandes. Und ich soll dir einen Job versorgen? Das kannst du ein für alle Mal vergessen. Und jetzt raus hier, aber dalli!“
Da habe ich mich wortlos umgedreht, die Tür hinter mir zugeschlagen, und bin wieder in den Wald gegangen. Im Wald waren die Verhältnisse wie immer. Im Wald war es noch wie im Osten. Manchmal kam einer vorbei, der sah aus wie Ibrahim Böhme. Aber er war es dann doch nicht. ♦


Lothar Becker - Schriftsteller Publizist - Glarean MagazinLothar Becker

Geb. 1959 in Limbach-Oberfrohna/D, zahlreiche Lyrik- und Prosa-Publikationen in Büchern und Zeitschriften, Veröffentlichungen von Musical- und Theater-Stücken, lebt als Jugend-Sozialpädagoge, Musical-Komponist und Band-Musiker in Lembach/D

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema DDR-Mauerfall auch über den Roman von
Roswitha Quadflieg und Burkhart Veigel: Frei

Ausserdem zum Thema Politik und Gesellschaft eine weitere Satire von
Lothar Becker: Hitler in der U-Bahn

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Neue internationale Kompositionswettbewerbe 2020

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Gesucht: Zeitgenössische Werke für Orchester und für Männerchor

Orchester-Kompositionswettbewerb SEM 2020

Die italienische Associazione Ensemble Serenissima of Sacile (Pordenone) schreibt in Zusammenarbeit mit dem Pizzicato Verlag Helvetia Verlag zum fünften Mal ihren Internationalen Wettbewerb für Orchesterkompositionen SEM 2020 aus.

Orchester-Musik - Jugendorchester - Klassik - Glarean MagazinTeilnehmen können Komponistinnen und Komponisten aller Nationalitäten teilnehmen, eine Altersgrenze besteht nicht. Die eingereichten Kompositionen müssen für Orchester ohne Solisten geschrieben sein und sollten bisher weder publiziert noch sonstwie aufgeführt oder prämiert worden sein. Die Dauer des Stückes sollte zwischen vier bis sieben Minuten betragen, das Sieger-Werk wird im Pizzicato Verlag veröffentlicht.

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Der Gewinner-Preis ist mit 2’500 Euro dotiert. Einsende-Schluss ist am 30. April 2020, hier sind die weiteren Details der Ausschreibung nachzulesen. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MZAGAZIN zum Thema Orchestermusik auch über
Gustav Mahler: 1. Sinfonie („Der Titan“ – Alexander Joel)

… sowie über die CD-Aufnahme von
Leó Weiner & Franz Liszt: Orchester-Werke (CD)


Männerchor-Kompositionswettbewerb Cornwall 2020

Musik-Männer-Chor - Gesangsverein - Sängerbund - Singverband - Glarean MagazinZur Einreichung von zeitgenössischen Werken für Männerchor in der Besetzung TTBB (oder für einen Cambiata-Chor) lädt ein internationaler Cornwall-Kompositionswettbewerb 2020 ein. Der Contest steht jedem Komponisten ohne Altersbeschränkungen offen.

Die Dauer der Werke sollte je drei Minuten nicht überschreiten, die Stücke können a capella oder begleitet sein.

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Einsende-Schluss ist am 31. März 2020, hier finden sich alle weiteren Details der Ausschreibung.

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Musik auch über:
Leichte Orgel-Stücke des 19. Jahrhunderts

.. sowie zum Thema Werke für Männerchor über:
„Chorbibliothek“ für Männerchor (Breitkopf & Härtel Verlag)


Englisch Translations

Orchestra Composition Competition SEM 2020

The Italian Associazione Ensemble Serenissima of Sacile (Pordenone), in collaboration with the Pizzicato Verlag Helvetia, is announcing for the fifth time its International Competition for Orchestra Composition SEM 2020.
Composers of all nationalities can take part, there is no age limit. The submitted compositions must be written for orchestras without soloists and should not have been published, performed or awarded prizes in any other way. The duration of the piece should be between four and seven minutes, the winning work will be published by Pizzicato Verlag.
The winner’s prize is endowed with 2,500 euros. Closing date for entries is April 30, 2020. Further details of the competition can be found here (all links above)

Wanted: New works for Male Choir

An international Cornwall Composition Competition 2020 invites the submission of contemporary works for male choir TTBB (or for a Cambiata choir). The contest is open to any composer without age restrictions.
The duration of each work should not exceed three minutes, the pieces can be a capella or accompanied. Closing date for entries is 31 March 2020, all further details of the call for entries can be found here (links above)

Das Musik-Kreuzworträtsel im Oktober 2019

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 2 Minuten

Der neue Musik-Rätsel-Spass im Glarean Magazin

Das Musik-Kreuzworträtsel im Oktober 2019 aus dem Hause GLAREAN bietet den Crossword-Fans wieder eine breite Palette von Begriffen aus der Welt der Musik.

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Vom Volkslied und Schlager über das Rock- und Pop-Album bis zur Opernbühne ist alles dabei…
Übrigens, in den letzten Jahren hat das GLAREAN MAGAZIN zahlreiche Musikkreuzworträtsel publiziert – hier geht’s zu der ganzen Rätsel-Sammlung.

Wir wünschen viel Spass beim Knobeln!

Musik-Kreuzworträtsel - Oktober 2019 - Music Crossword Puzzle - Aufgaben -Glarean Magazin

Hier kannst Du das Musik-Kreuzworträtsel downloaden/ausdrucken (PDF)

Hier geht’s zur Auflösung des Rätsels —> „weiterlesen“

Knobeln Sie im GLAREAN MAGAZIN auch das
Musik-Kreuzworträtsel vom Mai 2017 und das
Musik-Kreuzworträtsel vom Juli 2013

Weiterlesen

Jo Nesbø: Messer (Harry-Hole-Krimi Band 12)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 6 Minuten

„Ein Leben, schlimmer als der Tod“

von Isabelle Klein

Es wird eng für Harry Hole, den berühmten Hauptkommisar des norwegischen Kult-Krimi-Autors Jo Nesbo, ganz eng – in seinem Fall Nummer 12: „Messer“.
Das Dutzend ist also voll, und es muss (so das Gesetz der Serie, vgl. unten) ein Paukenschlag her. Für den, der (wie ich) getrost den Klappentext hat Klappentext sein lassen und sich völlig blank ins Lese-Schmankerl gestürzt hat, bietet dieser 12. Band eine völlig unerwartete Entwicklung im Harry-Hole-Universum, die für künftige Bände einiges erahnen lässt.

Jo Nesbo - Messer - Ullstein Verlag Cover - Krimi-Literatur-RezensionenRakel ist tot. Ermordet, brutal erstochen. Diese Hiobsbotschaft ereilt Harry am absoluten Tiefpunkt seines wechselhaften Lebens: Job an der Hochschule weg, Frau weg (sie hatte ihm Monate vorher die Koffer vor die Tür gestellt).
Klar, was Harry macht – das, was er nach Serienmörder fangen am besten kann: Saufen (sorry, aber jedes andere Wort wäre unzutreffend).
Seinen Alkoholkonsum finanziert er mit einer einfachen Polizistentätigkeit, als Partner von Truls Berntsen; Selbst für Alkohol ist nicht genügend Geld da. Trost findet er bei der Forensikerin Alexandra und später auch bei der uns bekannten Kaja Solness, die hier mal wieder kurz in der Heimat weilt. Harry beschließt also, sich erst mal mit seinem Freund Alkohol zu betäuben, so dass Schmerz und Leere ausgeblendet werden – der Rausch als Hilfsmittel.

„Harry fucking Hole“

Erste Verdächtige zeigen sich am Horizont, Harry ermittelt! Haben Gesetz und Ordnung Harry schon jemals von etwas abgehalten? Zusammen mit Kaja, Alexandra und Bjorn nimmt er den Kampf gegen den Mörder der geliebten Frau auf. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

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Und getreu dem Motto ist „Harry fucking Hole, oder der ‚demolition man'“ (S. 49). In diesem 12. Harry-Hole-Fall bleibt nichts dem Zufall überlassen, alles ist perfekt inszeniert, manchmal vielleicht sogar ein klein wenig überkonstruiert. Harry durchlebt Leiden epischen Ausmaßes, die Auflösung kommt einer griechischen Tragödie gleich.
Uns bleibt aber auch nichts erspart, mag der eine denken, oder: JN zieht zwar weite Kreise, aber einmal mehr ist ihm ein geniales Werk des Harry-Hole-Zyklus gelungen, in dem er uns, wie eigentlich in jedem Werk seit „Koma“, atemlos im Ungewissen lässt. Zumindest ist diesmal eines sicher: Harry lebt…

Billy Wilder (Drehbuchautor für viele exzellente Screwballs der 30er und 40er Jahre) sagte einmal ungefähr, dass die Kunst darin bestehe, die Zuschauer glauben zu lassen, dass er einen Wissensvorsprung habe, was jedoch durch die Autoren intendiert ist und eben durch unvorhergesehene twists and turns wieder genommen wird. Selbiges betreibt Nesbø. Er nimmt Anlauf, obwohl er uns durch die durchzechte Nacht, Blackouts, blutige Kleidung und ein verstecktes Messer usw. Böses erahnen lässt, und zieht einen weiten Bogen, bis er zum allesklärenden Ausgangspunkt zurückkehrt.

Grausame Realität des Lebens

So stellt sich Harry, zumindest vorläufig, der grausamen Realität eines Lebens ohne Rakel. Wer anders könnte es sein als seine Nemesis, der der Autor in „Durst“ viel Raum gewidmet hat.
Svein Finne, der Rache an dem Tod seines Nachkommens nehmen will: Wie könnte er Harry besser treffen, als ihm das Wertvollste zu nehmen? Doch als der Serienvergewaltiger ein Alibi hat, wird es eng, und Harrys Augenmerk richtet sich auf den undurschaubaren Chef Rakels, Roar Bohr, ein posttraumatisch belastungsgestörter Kriegsveteran.

Jo Nesbo - Krimi-Autor von Harry Hole - Filmszene Der Leopard - Glarean Magazin.png
„Smarter killt keiner“ – Film-Szene aus „Der Leopard“ von Jo Nesbo

Hat er ein Motiv? Durch ihn und Kaja teilt Nesbø die Schrecken der Afghanistan-Einsätze. Und schließlich – es scheint, als wären auch hier aller guten Dinge drei – materialisiert sich ein weiterer Verdächtiger: Harrys Nachfolger als Kneipenbesitzer.

Die Themen sind breit gefächert, und wie so oft heissen sie Abhängigkeit, Gewalt, Krieg, Suff, Untreue. Gemeinhin die Fehler der Vergangenheit, die einen bzw. einen jeden in diesem Buch, der Schuld auf sich geladen hat, einholen.

Entwicklung in weiten Kreisen

Der Aufbau ist ausufernd, falsche Fährten und Nebenschauplätze nehmen viel Raum ein. Man mag bemängeln, dass dies alles im Endeffekt zu künstlich sei, dass der rote Faden fehle. Als (mittlerweile) großer Hole-Fan kann ich dies durchaus verstehen. Trotzdem: Genau das ist die nesbøsche Kunst und zeichnet das hohe Niveau der Serie auch nach 12 Teilen aus. Er versteht es, den Leser bei der Stange zu halten. Genau das beherrschen viele Autoren nicht…
Und letztlich fügt alles sich durchaus harmonisch zusammen – das fasziniert und macht betroffen zugleich. Nesbø ist einfach die Drama-Queen der aktuellen Thrillerwelt, er wirft die Angel aus, und schon wird eine Entwicklung in Gang gesetzt, die weite Kreise zieht, auch wenn sie mitunter übers Ziel hinausschießt. Das macht in sich Sinn und generiert den ganz besonderen Reiz des HH-Kosmos‘.

Zu gewaltverherrlichend, zu sexlastig?

Jo Nesbo - Schriftsteller - Krimi-Autor von Harry Hole - Glarean Magazin
Krimi-Bestseller-Autor und Harry Hole-Erfinder Jo Nesbo (geb. 1960)

Die Kritik liegt sicherlich im Detail: Zu gewaltverherrlichend, zu sexlastig. Wie kann Harry, gleich Inspektor Lynley, so kurz nach Rakels Tod bzw. der Trennung in fremde Betten hüpfen? Wie kann Harry sich gottgleich aufschwingen, dabei jedes Rechtsempfinden hinter sich lassen? Oder auch: zu ausschweifend (Schilderung der Gräuel der Blauhelmeinsätze) – usw. All das mag durchaus seine Berechtigung haben, und doch empfinde ich „Messer“ keineswegs als Reinfall, sondern als ausgemachtes Meisterwerk.
Betrachtet man allein die mögliche Entwicklung Harry Holes für die folgenden Fälle (die es dann doch hoffentlich geben wird), hat man ungeahnte Optionen. Denn Harry ist eine Schlange, die sich häutet. Er lässt sich nicht in Kategorien einteilen, er ist schillernd und unberechenbar und dadurch doch fast wieder berechenbar. Und sind wir mal ehrlich: Nordische Krimis waren schon immer „mehr von allem“: Mehr von detaillierter Gewalt, von häufigem und beiläufigem Sex, ausufernd in Länge und Motivationslagen – das wissen wir spätestens seit Stieg Larsson und Adler Olsen, um nur mal zwei zu nennen.

Regeneration einer ganzen Roman-Serie

FAZIT: Der neueste Krimi von Jo Nesbø: Messer ist ein grosser Wurf und dürfte die Geschicke des Nesbo-Protagonisten Harry Hole in ganz neue Gefilde lenken. In diesem 12. Band passiert die spannende Regeneration einer ganzen kultigen Roman-Serie. Empfehlung!

Meines Erachtens ist Rakels Tod ein Befreiungsschlag. Bereits vor vielen Jahren hat Patricia Cornwell ihrer Scarpetta etwas Ähnliches angetan (und Benton dann doch wieder auferstehen lassen). Elizabeth George war da konsequenter und fast noch tragischer, denn sie ließ die hochschwangere Gattin Lynleys vor dessen Augen Opfer eines sinnlosen Anschlags werden.
Serien müssen sich, zumindest nach einer gewissen Laufdauer, regenerieren. Was ist dazu einfacher, als das Leben des Helden von Grund auf zu erschüttern? Während die anderen den Fehler begangen haben, diese Chance nicht für ihre Figuren und Geschichten zu nutzen – beispielsweise sind die Autoren George und Cornwell für mich inzwischen leider unlesbar geworden -, bin ich mir recht sicher, dass Nesbø die Chance nutzen wird und wie Phoenix aus der Asche ersteht. Die Karten stehen gut, denn der Polizist, der Profiler, sie sind erst mal passé, der Vater und ..?. werden dem weiteren Verlauf mitunter eine völlig andere Wendung geben. Ein besserer, ein wie Phoenix der Asche entsteigender Harry Hole ist zu erwarten.

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Eines bleibt sicher: „Messer“ ist ein Buch, das polarisiert. Sollten Sie Neueinsteiger im HH-Universum sein, vielleicht gerade erst einen oder zwei der HH-Krimis gelesen haben, sollten Sie es sich gut überlegen. Aber für den, der offen ist für Entwicklungen und den nordischen Krimi mit Raum für Anderes zu schätzen weiß: Kaufen, lesen genießen. Nesbø ist so gut wie eh und je, für mein Empfinden sogar noch besser. Einfach eine Klasse für sich.

Eine Erkenntnis, die ich aus dieser äusserst anregenden Linie für mich persönlich mitnehme: Jeder, tatsächlich jeder kann plötzlich eine rote Linie überschreiten. Ein Thriller der Extraklasse, der die Harry-Hole-Reihe vollkommen neu justiert. Eine glatte 10 von 10. ♦

Jo Nesbø: Messer (Harry Hole Krimi Bd. 12), Rowohlt Verlag, 574 Seiten, ISBN 9783550081736

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