Veröffentlicht am 14. Dezember 2022
"Jeder Tact mit Lust und Liebe geschrieben"
Im alten England des ausgehenden 19. Jahrhunderts hatte ich als junge Komponistin gegen viel männlichen Neid und abstruse Vorurteile zu kämpfen. Und dass ich erstens aus meiner Bisexualität keinen Hehl machte, ausserdem zweitens als kämpferische Aktivistin für die aufkeimende Emanzipation der Frauen tatkräftig auf den Strassen mitmischte, trug mir zusätzlich den heiligsten Zorn des bürgerlichen Establishments ein. (Dass ich einmal wegen einer feministischen Aktion – Steinewerfen gegen die Fenster eines reaktionären Kabinettsmitgliedes – sogar für acht Wochen in ein Frauengefängnis geworfen wurde, gemeinsam mit hunderten weiterer Aktivistinnen, will ich hier nicht weiter ausführen).
Pfiffe, Buhrufe, schlechte Kritiken
Trotz anfänglichen Pfiffen, Buhrufen und schlechten Kritiken während/nach Uraufführungen etlicher meiner Anfangs-Werke fühlte ich genau, dass mein (vorwiegend dramatisches) Musikschaffen die Bestimmung meines Lebens war, der ich unbeirrt und mit wachsender Öffentlichkeitsresonanz folgte. Und so kann ich mit den Worten meiner komponierenden Zeitgenossin Ingeborg von Bronsart ebenfalls überzeugt von mir behaupten, „dass ich jeden Tact mit Lust und Liebe geschrieben habe“.
Als schicksalshaft erwies sich meine Begegnung in Florenz mit dem verheirateten Literaten und Philosophen Henry Bennett Brewster, mit dem mich, als überzeugte Lesbe, eine leidenschaftliche Liaison verband. Mit ihm unternahm ich sogar eine lange Fahrrad-Tour durch die Abruzzen. Und er war es auch, der mir noch lange nach unserer Liebesbeziehung der engste Berater und der wichtigste Textdichter blieb, dem ich enorme Inspiration beim Komponieren meiner insgesamt sechs Opern verdankte.
Anerkennung durch die Musikprominenz
Mit jedem weiteren Bühnen- und Instrumentalwerk meines – zugegeben eher kleinen – Oeuvres wuchs die Beachtung und Anerkennung in der männerdominierten Opern- und Konzertwelt Europas. Massgebliche Förderung von „höchster Stelle“ in der Öffentlichkeit – ich nenne nur George Bernard Shaw, Peter Tschaikowsky, Thomas Beecham – zeitigten schliesslich vielbeachtete Aufführungen.
Auch meine schärfsten Kritiker begannen allmählich, von meiner „meisterlichen Kühnheit im Harmonischen“ zu sprechen. Und mein späterer lebenslanger Freund, der berühmte Dirigent Bruno Walter gestand in seiner Autobiographie, dass er nach unserer ersten Begegnung, bei der ich ihm meine neue Oper am Piano vorspielte, „völlig im Bann des Gehörten und der Person gestanden“ habe. Nicht wenigen berühmten Persönlichkeiten jener Tage fiel dabei das „Unfeminine“ meiner Tonsprache auf, das „kraftvoll Packende – und keine Spur von Sentimentalität oder Schwelgen in sanften Empfindungen“ (Richard Specht im Wiener „Merker“).
Zwischen Spätromantik und Moderne
Im Zentrum meines Werkes, das zwar grundsätzlich der Spätromantik verhaftet bleibt, aber in einigen Aspekten doch die Schwelle zur Moderne überschreitet, steht die Vokal- und Opernmusik, flankiert von einiger Kammermusik für Streicher, aber kaum grössere Sinfonik.
Der folgende Notenausschnitt entstammt einem Werk, das einen starken Bezug zu meinem Leben hat:
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