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Vom Lehrstück zum Klangkunstwerk

Bruno Heinen's The W: Mikrokosmos (Audio-CD)

Horst-Dieter Radke · 19. September 2026

Bruno Heinen ist kein Unbekannter in der Jazzszene. Der aus einer Musikerfamilie stammende Pianist lebt und arbeitet in London, u. a. als Professor für Jazzpiano und Komposition am Trinity Laban Conservatoire of Music and Dance. Er hat bereits mehrere Alben in unterschiedlichen Besetzungen veröffentlicht. Aktuell ist das Album „Mikrokosmos“, das sich nicht nur im Titel auf den ungarischen Komponisten Béla Bartók bezieht.

Dass Bartók eine Beziehung zum Jazz hatte, ist hinlänglich bekannt. Moderne Jazzpianisten (u. a. Chick Corea) geben Bartók auch gerne als prägenden Einfluss an. Béla Bartók schrieb die unter dem Titel „Mikrokosmos“ zusammengefassten Klavierstücke von 1926 bis 1937. Sie entstanden von Anfang an in pädagogischer Absicht – spätestens ab 1932 auch, um seinem Sohn Peter damit Klavierunterricht zu erteilen. Sie wurden nicht chronologisch komponiert, später aber progressiv in sechs Büchern geordnet, die aus insgesamt 153 Musikstücken bestehen. Aus dem sechsten Buch nahm Bruno Heinen Ideen für seine Kompositionen auf diesem Album auf.
Mit 30 Minuten ist das Album relativ kurz, doch steht der geringen Quantität eine hohe Qualität gegenüber. Das Album wirkt als Ganzes; kein Stück ragt ungehörig heraus oder lässt sich völlig isoliert bewerten. Die einzelnen Stücke sind dicht arrangiert.

Panorama aus Rhythmus und Stimme

Bruno Heinen - Bela Bartok - Mikrokosmos - Glarean Magazin

Mit „A Musical World for the Little Ones“ startet das Album elektronisch. Zunächst fragmentarisch legen sich die Instrumente über die elektronischen Klangflächen – zuletzt die Stimme von Heidi Vogel, zunächst eher sprechend als singend. Das stakkatoartige elektronische Muster wird schliesslich von den Instrumenten und der Stimme so stark überlagert, dass es kaum mehr wahrnehmbar ist. Das Stakkato übernimmt weitgehend der Bass, während das Drumset im letzten Drittel einen strikteren Rhythmus verfolgt. Ganz zum Schluss meldet sich die Elektronik noch einmal kurz zurück.

Das folgende „High Up in the Air“ führt der Bass ein. Die Stimme beginnt in einer Art Sprechgesang, bevor sie in Gesang übergeht, der dann weitgehend dominiert. Das Klavier erinnert ein wenig an Chick Corea, ohne ihn allerdings zu plagiieren.

Präludienartig beginnen die „Exercises“: Anfangs eher an Bach als an Bartók erinnernd, meint man später, die Motive seien dem Werk von Bartók direkt entnommen – obwohl sie dort so nicht zu finden sind. Die Elektronik gibt dem Stück eine neue Dimension. Die anderen drei Musiker (Vogel, Biase, Calderazzo) kommen in diesem Stück nicht vor.

Klavierarpeggien unterlegen die Stimme bei „To the Devil with Exercises“, zunächst wieder im Sprechgesang, bevor auch die anderen Musiker wieder mitmischen. Im weiteren Verlauf wirkt die Stimme Heidi Vogels wie ein vollwertiges Instrument.

Ein kurzes elektronisches „Interlude“ führt übergangslos zu „Flamingo“, das mit einer mystisch klingenden Bassfigur beginnt. Dunkel legt sich das Klavier darüber, die Perkussion betont die Zwischenräume, und die Stimme fügt sich wie gewohnt wie ein eigenständiges Instrument in das musikalische Geflecht ein.

Das perkussiv geprägte „Money“ ist – abgesehen vom „Interlude“ – mit nicht einmal drei Minuten der kürzeste Titel des Albums. Stimme und Elektronik ergänzen den Rhythmus, das Klavier setzt hier aus.

Elektronische Tiefe und freie Schwebung

Beginn von Bela Bartoks "Aus dem Tagebuch einer Fliege" (Mikrokosmos Nr. 142)
Beginn von Bela Bartoks „Aus dem Tagebuch einer Fliege“ (Mikrokosmos Nr. 142 – 6. Band)

Der letzte Titel „From the Diary of a Fly“ wird wieder von der Elektronik eingeführt, die das ganze Stück über deutlich präsent bleibt, das Klavier am Ende überlagert und das Album ausklingen lässt. Es ist Heinens Interpretation von Nr. 142 aus dem 6. Band von Bartóks Klavierzyklus, mit dem der Komponist das Summ- und Fluggeräusch einer Fliege rhythmisch und dissonant darzustellen versucht. Bei Heinen ist daraus eher das „Schweben“ beim Flug geworden.

Der Anteil, den die Elektronik-Künstlerin Maria Chiara Argirò beisteuert, ist hoch; man hätte sie durchaus als festes Mitglied mit aufführen können. Sie verleiht manchen Kompositionen spürbar mehr Tiefe. Elektronik leitet das Album ein und lässt es auch ausklingen.

Starkes Gesamtkunstwerk

Den Anteil „Bartók“ erkennt man nicht direkt in Zitaten. Wenn man sich vor dem erneuten Hören jedoch das 6. Buch von Bartóks Mikrokosmos anhört, bekommt man eine Ahnung davon, wie dessen Ideen in das Werk von Bruno Heinen eingeflossen sind.

Beeindruckend ist der Anteil von Heidi Vogel am Gesamtkunstwerk. Vom Sprechgesang bis hin zur instrumentalen Ausprägung ihrer Stimme fügt sie sich so in die Musik ein, dass diese niemals wie eine bloße Begleitung wirkt. Die (meist) gesprochenen Texte sollen aus Bartóks Notizen stammen, sind jedoch eher nebensächlich. Am beeindruckendsten sind die Stellen, an denen der Gesang in reine Wortlosigkeit übergeht.

Trotz seiner Kürze ist dieses Album von Bruno Heinen ein eigenständiges Werk: Aus der didaktischen Vorlage Béla Bartóks ist ein faszinierendes instrumentales Kunstwerk geworden, das sich definitiv mehr als nur einmal zu hören lohnt. ♦

Bruno Heinen’s The W: Mikrokosmos, Audio-CD, 30 Minuten, TYXart Records

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