Veröffentlicht am 26. April 2026
Gustav Mahlers 9 Sinfonien mit Semyon Bychkov & Tschechische Philharmonie
Als Semyon Bychkov im Herbst 2018 das Pult der Tschechischen Philharmonie übernahm, hätte er es sich bequem machen können: Ein wenig Dvořák mit Heimvorteil zum Einstand, Beethoven als obligate Beruhigungstablette, dazu das übliche Repertoire-Mobiliar für ein Publikum, das vor allem heimgehen möchte mit dem Gefühl, nichts versäumt zu haben. Stattdessen begann Bychkov mit Gustav Mahlers Zweiter, der „Auferstehungssymphonie“ – kein höflicher Amtsantritt also…
Sieben Jahre später liegt das Ergebnis vor: Alle neun vollendeten Symphonien, elf CDs, eine Box, das erste vollständige Mahler-Zeugnis der Tschechischen seit Václav Neumann – also seit einer Zeit, in der Telefone Kabel hatten, Aufnahmen noch sehr anders klangen und „Streaming“ eher nach Hustenanfall als nach Geschäftsmodell klang. Seither hat sich fast alles verändert: Technik, Markt, Hörgewohnheiten, das Orchester selbst. Nur Mahler blieb anstrengend anspruchsvoll – zum Glück.
Die ersten fünf Symphonien erschienen einzeln bei Pentatone und wurden mit dem üblichen Ordenregen dekoriert: Empfehlung, Choice, Pflichtkauf, Auszeichnung. Die Symphonien 6 bis 9 folgen nun gesammelt, verpackt in einem Clamshell-Format.
Orchester sind keine Toaster
Mahler wurde 1860 in Kaliště geboren, einem Dorf in Böhmen, das viele nicht finden würden, obwohl dort Weltgeschichte stattfand. Der Komponist wuchs in Iglau auf, studierte in Wien, und 1908 spielte die Tschechische Philharmonie in Prag die Uraufführung der Siebten unter seiner Leitung. Das ist keine Booklet-Zierde für Menschen mit Hang zur Fussnote, das gehört zur Sache. Denn dieses tschechische Orchester klingt nicht austauschbar. Die Holzbläser besitzen jene helle, leicht herbe Körnung, die sofort sagt: Nicht Wien, nicht Berlin, nicht global glattgebügelt. Die Streicher können singen, ohne zu sabbern, und zupacken, ohne zu prügeln. Das Blech hat Wärme statt Angeberei – im heutigen Klassikbetrieb beinahe schon eine Provokation.

Man fragt sich unweigerlich, warum Mahler so oft von internationalen Spitzenapparaten verwaltet wird, wenn man ihn auch von einem Orchester spielen lassen kann, das diese Mischung aus Tanzboden, Dorfkapelle, Trauermarsch und metaphysischem Fieber offenbar im Blut hat. Die Ländler der Dritten und Neunten, die derben Märsche der Ersten, die „Wunderhorn„-Nähe so vieler Mittelsätze: Nichts wirkt hier ausgestellt, koloriert oder mit dem Folkloremarker nachgezogen. Diese Musik klingt nicht aufgeführt. Sie klingt heimisch. Das gilt explizit auch für die vielen „sentimental-rührseligen Melodien im Volkston“, wie das Vera Baur in ihrem Essay „Mahler und die Volksmusik“ (in R. Ulm/Hrsg: Gustav Mahlers Sinfonien, Bärenreiter) nannte.
Nicht emphatisch, sondern nachgebaut

Was Bychkov von manchem berühmten Vorgänger der Mahler-Exegese unterscheidet, erkennt man am schnellsten an dem, was er verweigert. Bernstein machte Mahler zum existenziellen Monolog: Tod, Eros, Selbstbefragung, Weltende – alles unter Strom, immer kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Manchmal kaum zu ertragen, oft gross, nie gleichgültig. Tennstedt wieder dirigierte, als könne jederzeit etwas einstürzen: Das Orchester, die Form, womöglich der Maestro selbst. Und Solti – um nur drei der Referenz-Dirigenten für Mahler zu nennen – peitschte Präzision und Adrenalin durch die Partitur, als fahre er mit einem Porsche durch sein Chicago auf nasser Strasse bei Tempo 180. Vielleicht sollte noch ein vierter Ansatz erwähnt werden: Abbado fand jene seltene Mischung aus Klarheit und Entrückung, bei der sogar Atheisten plötzlich das Wort Spiritualität verwendeten.
Bychkov sucht etwas anderes: Er baut Spannungen, statt sie plakativ auszurufen, er formt grosse Bögen geduldig über ganze Sätze hinweg, statt alle drei Minuten mit dem Textmarker über einen Höhepunkt zu fahren. Er vertraut der Partitur mehr als dem eigenen Sendungsbewusstsein – eine rührend seltene Tugend in einem Beruf, der Eitelkeit zuverlässig prämiert.
Hinzu kommt eine motivische Durchhörbarkeit, die von der exzellenten Aufnahmetechnik glänzend unterstützt wird. Bei vielem Älteren wirken nicht die Interpretationen alt, sondern die Mikrofone – durchaus ein wichtiger Unterschied für das Hörerlebnis.

Balance statt Risiko
Steigerungen hält Bychkov oft in Balance, wo andere das Risiko suchen – das kann beim ersten Hören kühl erscheinen. Beim dritten merkt man: Es ist nicht kühl, sondern beherrscht. Und Beherrschung ist nicht das Gegenteil von Leidenschaft, sondern bisweilen ihre erwachsene Form. Am schönsten gelingt das in der Vierten, dem geschlossensten Wurf dieses Zyklus. Das Scherzo mit der verstimmten Geige wird zur echten Geisterstunde: Grotesk, unheimlich, komisch – ohne in den Klamauk zu kippen, der sich im Konzertsaal gern als Originalität ausgibt. Der langsame Satz fliesst mit einer Ruhe, die nichts Betäubendes hat. Und im Finale entsteht jener seltene Zustand, in dem Musik nicht illustriert, sondern wahr wird. Dann verstummt selbst die Analyse.

Akkuratesse gegen Expressivität
Nun, nicht alles gelingt hier. Die Dritte braucht Stellen, an denen Mahlers Weltentwurf gefährlich wird – Momente, in denen man spürt, dass dieses Gebäude auch zusammenstürzen könnte. Bychkov hält alles mit bewundernswerter Sorgfalt zusammen. Man vermisst bisweilen das Risiko des Scheiterns. Gerade dort, wo Mahler schwankt, bleibt Bychkov erstaunlich standfest. Catriona Morison singt das Nietzsche-Lied mit Würde und kluger Innerlichkeit. Sehr schön, vielleicht zu schön für Mahlers Brüchigkeit. Wer Janet Baker oder Gerhild Romberger kennt, weiss, dass diese Musik auch klingen kann, als käme jemand verändert aus einem dunklen Raum zurück.
Auch in der Fünften gibt es Momente, in denen expressive Leuchtkraft der Akkuratesse geopfert scheint. Nun, kein Verbrechen, aber bei Mahler wird man misstrauisch, sobald etwas allzu geschniegelt daherkommt. Diese Musik darf glänzen, geschniegelt werden darf sie nicht.
CD-Label als vierter Solist

Die Klangtechnik verdient eine eigene Erwähnung, denn Pentatones Aufnahmetechnik wird schier Teil der Interpretation: Im Prager Rudolfinum entsteht eine räumliche Staffelung, die man nicht nur hört, sondern beinahe betritt. Die Fernorchester-Effekte in der Ersten sind Ereignisse statt Dekoration, die Schlagzeuglandschaften der Sechsten besitzen körperliche Tiefe. Und die Achte – jenes Monument, an dem schon Generationen von Interpreten organisatorisch wie akustisch gescheitert sind – bleibt erstaunlich transparent. Stimmen, Chöre, Orchestergruppen: Alles gross, nichts breiig, nichts fettet. Wer deutlich frühere Aufnahmen der Achten kennt, weiss dass das keine Selbstverständlichkeit ist, sondern dirigentischer, v.a. aber technischer Fortschritt.
Böhmisch grundiert ohne Dirigenten-Narzissmus
Die Mahler-Referenzliste ist bekanntlich lang und hochprominent: Bernstein, Haitink, Kubelík, Abbado, Tennstedt, Rattle, Gielen, Chailly und andere – jede dieser Editionen ist eine Welt für sich; niemand hat auf einen weiteren Mahler-Zyklus gewartet, der Markt schon gar nicht. Dieser wartet selten auf Kunst; er wartet auf Verwertbarkeit.
Und doch rechtfertigt sich dieser Zyklus erstaunlich schnell. Nicht als Revolution, und durchaus nicht als jene Neuaufnahme, die vor allem beweisen will, dass früher alle geirrt haben. Sondern als ernsthafte Antwort auf eine einfache Frage: Was steht da eigentlich im Notentext – und was geschieht, wenn man es ernst nimmt?

Die Antwort ist böhmisch grundiert, strukturell diszipliniert, klangsinnlich ohne Zuckerüberzug und erfreulich resistent gegen Dirigenten-Narzissmus. Niemand stellt sich zwischen Werk und Hörer, um dort noch schnell die eigene Seele auszustellen.
Wer Mahler als Nervenzusammenbruch mit Orchester sucht, bleibe bei Bernstein oder Tennstedt. Aber wer Architektur hören will, Herkunftsspuren, instrumentale Charaktere, langfristig gedachte Dramaturgie und eine atemberaubende Klangtechnik, der greift zu diesem ganz speziell geführten Orchester aus Böhmen. Ja, Bychkov ist selten spektakulär. Das wird man ihm vorwerfen – Spektakel verkauft sich besser als Reife. Aber Reife hält länger… Diese Einspielung mit Bychkov und der Tschechischen ist nicht für jeden der erste Griff. Doch sie ist eine Mahler-Sammlung, die dem Komponisten zuhört: Sehr geduldig, sehr präzise, ohne Angst vor der Stille, und ohne jeden hysterischen Bedeutungsalarm. Vor allem aber mit einem Orchester, dem man seinen kulturellen Herkunftsraum und „seinen“ Komponisten direkt anhört. Alles in allem ein trotzig unmodisches Gegenwort zu den grossen, subjektiven Mahler-Deutungen des 20. Jahrhunderts. ♦
Gustav Mahler: Symphonien Nr. 1–9, Tschechische Philharmonie, Semyon Bychkov, Pentatone PTC 5187490, 11 CDs
Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Mahler auch über das Lied von der Erde mit zwei Klavieren
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