Walter Eigenmann: Das h6-Syndrom (Schach-Satire)

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Das h6-Syndrom

von Walter Eigenmann

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Wie lautet noch gleich eines der 10 Gebote, das wir unseren Schach-lernenden Zöglingen in Schulen und Vereinen stets mit grösstmöglich erhobenem Zeigefinger auf den Turnier-Lebensweg mitgeben?
Richtig: „Du sollst nicht unnötig bewegen deiner Rochade Bauern!“
Immer und immer wieder predigen wir’s ihnen – doch was machen die Kids?! Sie gehen nach Hause, werfen ihre Computer mit den grossen Datenbanken an, scrollen neu- und wissbe-gierig durch die Grossmeister-Partien – und werden dabei mit einem Massen-Phänomen konfrontiert, das alle pädagogischen Bemühungen zunichte zu machen droht. Dieses Phänomen manifestiert sich beispielsweise in Stellungen wie der folgenden:

h6-Syndrom Nr.1
Griesmann-Nicot 1953

Das h6-Syndrom Nr. 1: Griesmann-Nicot 1953 - r2q1rk1/ppn3bp/2pp1np1/6B1/2PP2B1/2N4R/PP1Q1P2/2KR4 b - - 0 18
Das h6-Syndrom Nr. 1: Griesmann-Nicot 1953 – r2q1rk1/ppn3bp/2pp1np1/6B1/2PP2B1/2N4R/PP1Q1P2/2KR4 b – – 0 18

Wir haben es hier mit einem extrem verbreiteten, nicht kontrollier-, aber meist voraussehbaren, reflexartigen Fingerzucken zu tun, das jede und jeden, ob Anfänger oder Grossmeister, ob dick oder dünn, ob Mensch oder Maschine, ob blöd oder genial befallen kann. Nämlich das unwillkürliche, sofort-ruckartige, kognitiv nicht mehr gesteuerte Aufziehen des schwarzen h7-Bauern um einen Schritt, sobald auf g5 ein weiβer Läufer aufgetaucht ist. (Wobei dieser Reflex natürlich nicht auf die Führer der schwarzen Steine beschränkt ist, sondern mit umgekehrten Vorzeichen genauso häufig die Weissen mit ihrem geliebten h2-h3 befällt…) Jedenfalls hat diese h7-h6-Zuckung enormes Suchtpotential – bei häufigem Befall führt es unweigerlich in den totalen Elo-Ruin.
Die Rede ist vom sogenannten h6-Syndrom.

Was gemeint ist, sieht man sogleich, wenn man in obiger Stellung (immerhin gespielt in Frankreichs Fernschach-Meisterschaft 1953) so beobachtet, was nun die Herren Meisterspieler – Vorbilder unseres Nachwuchses! – weiter treiben:

18…h6? 19.Lxh6 Sxg4 [19…Tf7 20.Lxg7 Txg7 21.Tg1+-] 20.Lxg7 Kxg7 [20…Txf2 21.Th8+-] 21.Tdh1 Se8 [21…Sf6 22.Dh6 Kf7 23.Se4 Se6 (23…Sxe4 24.Tf3 Ke6 25.Dxg6+-) 24.Tg1+-; 21…Se6 22.Th7 Kg8 (22…Kf6 23.Se4 Kf5 24.f3+-) 23.f3+-] 22.Th7+- und die Droge h7-h6 hat ein neues Opfer gefordert. – –

Die zwei Krankheitsbilder des h6-Syndroms

Das ganze Syndrom lässt sich psychologisch in zwei spezifische Krankheitsbilder unterteilen. Da wäre als das eine Motiv:

1. Die Ablenkung

Vorstehendes Diagramm illustrierte deutlich den entspr. Krankheitsverlauf – hier ein weiteres Beispiel:

h6-Syndrom Nr.2
Miles-Fedorowicz 1981

Das h6-Syndrom Nr. 2: Miles-Fedorowicz 1981 - r2qrbk1/1p3p1p/p1bp1np1/n1p3B1/4P3/1PN3PP/P1PQNPBK/3R1R2 b - - 0 16
Das h6-Syndrom Nr. 2: Miles-Fedorowicz 1981 – r2qrbk1/1p3p1p/p1bp1np1/n1p3B1/4P3/1PN3PP/P1PQNPBK/3R1R2 b – – 0 16

Eben ist auf g5 der weisse Läufer erschienen, und sofort verfällt der Patient der wahnhaften Vorstellung, er müsse mittels h7-h6 den Eindringling ablenken, um so den Punkt f6 zu entlasten, wonach man sich vielleicht an einem gegnerischen Bauern schadlos halten könne. Ein folgenschwerer Irrtum, der fast zwangsläufig zum Kollaps des gesamten schwarzen Beziehungsnetzes führt – ein kleiner Schritt für den Bauern, aber ein grosses Problem für den König:

16…h6? 17.Lxh6 Lxh6 [17…Lxe4 18.Lxf8 Lxg2 (18…Kxf8 19.Dh6 Kg8 (19…Ke7 20.De3 +-) 20.Sxe4+-; 19.Kxg2 Kxf8 (19…Txf8 20.Dxd6+-) 20.Dh6 Kg8 21.f4+-] 18.Dxh6 Sxe4 19.Sxe4 Lxe4 20.Sf4+-

Das andere, noch weit häufigere Sucht-Motiv, welches dem h6-Syndrom zugrunde liegt, ist

2. Die Vertreibung

Die Vertreibung hat ebenfalls eine krankhafte Vorspiegelung falscher Tatsachen zur Grundlage, nämlich den begreiflichen Wunsch, dass sich der Gegner zurückziehen möge. Was dieser natürlich nicht tut – im Gegenteil: Der Syndrom-Bauer wird als gefundenes Fressen interpretiert, gewaltsam aus dem feindlichen Bauernkörper extrahiert – wodurch unweigerlich die gesamte Rochade-Bauernphalanx mit in den Abgrund gerissen wird.
Hierzu erneut ein paar instruktive Fall-Beispiele, um zu zeigen, welch tragisches Ende dieses zwanghafte Fingerzucken nehmen kann. Denn die Folgeschäden sind in den meisten Fällen irreparabel. Dabei bedürfen die medizinischen Indikationen der untenstehenden Patienten-Schicksale eigentlich keiner weiteren Kommentierung. Man beachte jeweils die Schnelligkeit, mit welcher das Opfer Zug um Zug der Agonie anheimfällt. Denn die Krankheit verläuft immer in den gleichen drei Stadien: 1.Bauernzug – 2.Läufer-Befall – 3.Exitus.

h6-Syndrom Nr.3
Kotkov-Razinkin 1960

Das h6-Syndrom Nr. 3: Kotkov-Razinkin 1960 - 2r2rk1/1bq1bppp/p4n2/np1P2B1/3p4/5N1P/PP3PP1/RB1QRNK1 b - - 0 17
Das h6-Syndrom Nr. 3: Kotkov-Razinkin 1960 – 2r2rk1/1bq1bppp/p4n2/np1P2B1/3p4/5N1P/PP3PP1/RB1QRNK1 b – – 0 17

17…h6? 18.Lxh6 Sxd5 [18…gxh6 19.Dd2 Tfd8 (19…d3 20.Dxh6 mit Angriff) 20.Dxh6 Txd5 21.Sg3 Lf8 (21…Sc4 22.Sf5 +-; 21…d3 22.Lxd3 Txd3 23.Sf5 Lf8 24.Dg5+-) 22.Dxf6 mit Angriff; 18…Lxd5 19.Lg5 Sc6 (19…Tfe8 20.Sxd4 mit Angriff; 19…Lxf3 20.Dxf3 mit Angriff) 20.Sxd4 mit Angriff] 19.Lxg7 Kxg7 [19…Tfe8 20.Dd3 Sf6 21.Df5+-; 19…Tfd8 20.Sxd4 +-; 19…Sf6 20.Sxd4+-; 19…Lb4 20.Le5+-] 20.Dxd4+-

h6-Syndrom Nr.04
Vasiukov-Vasilchuk 1961

Das h6-Syndrom Nr. 4: Vasiukov-Vasilchuk 1961 - 2r1r1k1/1bq1bppp/p2p1n2/1p2pNB1/1n1PP3/3B1N1P/PP3PP1/R2QR1K1 b - - 0 18
Das h6-Syndrom Nr. 4: Vasiukov-Vasilchuk 1961 – 2r1r1k1/1bq1bppp/p2p1n2/1p2pNB1/1n1PP3/3B1N1P/PP3PP1/R2QR1K1 b – – 0 18

18…h6? 19.Lxh6 Lf8 [19…Sxd3 20.Dxd3 gxh6 21.Sxh6 Kf8 (21…Kh7 22.Sxf7 Kg7 (22…Kg6 23.S3g5 mit Angriff) 23.S3g5 mit starkem Angriff) 22.Sf5 mit starkem Angriff; 19…gxh6 20.Dd2 Sxd3 (20…Lf8 21.Dxb4+-) 21.Dxh6 mit starkem Angriff] 20.Lg5 Sxd3 [20…Sh7 21.Tc1 Dd7 (21…Db8 22.Lb1+-) 22.Lb1 mit starkem Angriff] 21.Dxd3 mit starkem Angriff.

h6-Syndrom Nr.5
Levy-Bonner 1967

Das h6-Syndrom Nr.5: Levy-Bonner 1967 - r3r1k1/p3bppp/2q1pn2/1pn3B1/7Q/2P3N1/PPB2PPP/3R1RK1 b - - 0 18
Das h6-Syndrom Nr.5: Levy-Bonner 1967 – r3r1k1/p3bppp/2q1pn2/1pn3B1/7Q/2P3N1/PPB2PPP/3R1RK1 b – – 0 18

18…h6? 19.Lxh6 Sd5 [19…gxh6 20.Dxh6 Sfe4 21.Sxe4 Sxe4 22.Td4 +-] 20.Dg4 +-

h6-Syndrom Nr.6
Diemer-Markus 1974

Das h6-Syndrom Nr. 6: Diemer-Markus 1974 - r2q1rk1/pp1n1ppp/2pbpn2/6B1/3P3Q/2NB3P/PPP3P1/R4RK1 b - - 0 12
Das h6-Syndrom Nr. 6: Diemer-Markus 1974 – r2q1rk1/pp1n1ppp/2pbpn2/6B1/3P3Q/2NB3P/PPP3P1/R4RK1 b – – 0 12

12…h6? 13.Lxh6 gxh6 (Var): 14.Se4 Le7 15.Dxh6 Sxe4 16.Lxe4 f5 17.Dxe6 Kg7 18.Lxf5 (mit starkem Angriff)

Auch du, Maschine?

Soweit zum h6-Syndrom im Zusammenhang mit menschlichen Opfern, wobei sich hinter diesen wenigen Beispielen natürlich eine riesige Dunkelziffer verbirgt. Der geneigte Leser sei auf die groβen aktuellen Schach-Datenbanken verwiesen, in denen abertausende solcher h6-Opfer ihr elendes Dasein fristen.
Maschinen wenigstens, so hört man zuweilen hoffen, seien doch aber gegen den h6-Virus immun, da sie mit ihrem eher emotionslosen Naturell für eine kognitive Bewältigung lebensbedrohlicher Situationen besser gerüstet seien als Menschen?
Weit gefehlt! Auch Silikanten reagieren wie Humanoide auf Extremstress (beispielsweise Gegner-Läufer) mit dem totalen Verlust jeglicher Rationalität. Als Beweis in realiter lege man experimentell die obigen Fall-Studien einer kleinen Runde von Engine-Software zur „Begutachtung“ vor – quasi als Rorschach-Test. Man wird verblüfft sein, wie schnell auch bei Programmen der fatale h6-Reflex spielt: Ein gegnerischer Läufer hat die Mittellinie überschritten; die Pawlov’sche Lampe im Programmierer leuchtet auf; der h-Bauer fährt blitzschnell nach vorne – und der Teufelskreis ist perfekt!

Zwei abschliessende, instruktive Illustrationen des h6-Syndroms bei Schachprogrammen beleuchte nochmals die ganze Tragweite dieser Volkskrankheit:

h6-Syndrom Nr.7
Amateur 2.82 – Abrok 5 (Internet 2005)

Das h6-Syndrom Nr. 7: Amateur 2.82 - Abrok 5 (Internet 2005) - r2r2k1/p4pbp/n1pp1np1/4p1B1/Pq2P3/1P3B1P/2PQ1PP1/1N1R1RK1 b - - 0 17
Das h6-Syndrom Nr. 7: Amateur 2.82 – Abrok 5 (Internet 2005) – r2r2k1/p4pbp/n1pp1np1/4p1B1/Pq2P3/1P3B1P/2PQ1PP1/1N1R1RK1 b – – 0 17

17…h6? 18.Lxh6 Lxh6 19.Dxh6 Sxe4 [ 19…Sc5 20.Tfe1 mit Angriff] (Var.): 20.Tfe1 Sac5 21.Lxe4 Sxe4 22.Dh4 mit Angriff

h6-Syndrom Nr.8
ProDeo 1 – ElChinito 3.4c (Internet 2005)

Das h6-Syndrom Nr. 8: ProDeo 1 - ElChinito 3.4c (Internet 2005) - r2q1rk1/1p1bbppp/p1n1pn2/6B1/P1BP3Q/2N2N2/1P3PPP/R2R2K1 b - - 0 14
Das h6-Syndrom Nr. 8: ProDeo 1 – ElChinito 3.4c (Internet 2005) – r2q1rk1/1p1bbppp/p1n1pn2/6B1/P1BP3Q/2N2N2/1P3PPP/R2R2K1 b – – 0 14

14…h6? 15.Lxh6 gxh6 [ 15…Sa5 16.Ld3+-] 16.Dxh6 Dc7 [ 16…Te8 17.d5+-; 16…Sb4 17.Sg5+-; 16…Da5 17.Se5+-; 16…Sg4 17.Df4 f5 18.h3+-; 16…Sd5 17.Td3 Lf6 18.Sg5 Lxg5 19.Tg3+-] 17.Ld3 Sb4 [ 17…Tac8 18.Te1+-; 17…Tad8 18.d5 Se5 19.Dg5+ Sg6 20.Lxg6 fxg6 21.Dxg6++-] 18.Se5+-

Wie man sieht, bedarf es noch Jahre des geduldigen Suchens und Forschens, bis man die Programmierer endgültig heilen kann. Für normale Menschen hingegen, befürchte ich, kommt alle Hilfe zu spät.
Denn ein medizinhistorischer Rückblick auf 500 Jahre Schachgeschichte belehrt jeden Optimisten eines besseren: Gegen solch zwanghafte Verführungen wie h7-h6 (oder h2-h3) erwies sich der Mensch seit je her als nicht-resistent. „Kein Gegner-Läufer auf g5/g4!“ scheint Ausdruck eines Ur-Instinktes zu sein, ja scheint auf atavistische, der Spezies gleichsam genetisch verwurzelte Schichten des Daseins zu verweisen.

Kurzum: das h6-Syndrom ist weder ein schachliches noch ein medizinisches, es ist ein metaphysisches, ja existentielles Problem. Dieses können wir nicht lösen. Wir müssen mit ihm leben.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Prof. Dr.Dr.schach.med.hist. W. Eigenmann

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Schach und Humor“ auch die Anekdoten aus der Welt des Schachs
… sowie zum Thema Schach-Satiren auch von Lars Bremer: Die 32-Steiner

Anekdoten aus der Welt des Schachs

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1.d4 d5 2.Dd3 Dd6 3.Dh3 Dh6 4.Dc8 matt!

Schach-Anekdoten

von Walter Eigenmann

Richard Reti

Der tschechische Grossmeister Richard Reti gab im Jahr 1925 eine Rekordvorstellung im Blindsimultanspiel. Er kämpfte gleichzeitig an 29 Brettern. Als Reti nach Beendigung der Partien wegging, liess er seine Aktentasche liegen. „Danke!“, rief der Grossmeister, als man ihm die Tasche zurückgab. „Was habe ich doch für ein schlechtes Gedächtnis!“

Efim Bogoljubow

Als Reti 1920 in Göteborg ein stark besetztes Turnier gewonnen hatte, klopfte ihm Bogoljubow kameradschaftlich auf die Schulter und meinte: „Trotzdem wirst du nie Weltmeister, du bist dafür viel zu dick!“
Der erstaunte Reti: „Aber du bist doch viel dicker als ich!“
„Ja, aber ich bin Bogoljubow!“ kam es bescheiden zurück…

Robert Hübner

Bei der Schach-WM 1993 kam es zwischen dem deutschen GM Robert Hübner und seinem Gegner zu folgendem Dialog:
Gegner: „Remis?“
Hübner: „Zu früh!“
Ein paar Züge später:
Gegner: „Jetzt Remis?“
Hübner: „Zu spät!“

Ratmir Kholmov

Eine von Kholmov selbst überlieferte Anekdote ist, dass er sich als den „eigentlichen Weltmeister“ 1954 betrachtete, denn vor Beginn des WM-Kampfes zwischen Michail Botwinnik und Wassili Smyslow hatten die beiden WM-Kämpfer jeweils geheime Trainingswettkämpfe mit Kholmov gespielt – und Kholmov gewann beide…

Bobby Fischer

Legendäres Enfant terrible der Schach-Geschichte: Robert Bobby Fischer
Legendäres Enfant terrible der Schach-Geschichte: Robert Bobby Fischer

Monaco organisierte 1967 ein gewaltiges Meisterturnier, bei dem die Veranstalter alles daran setzten, nur die besten Spieler zu bekommen. Sie telegraphierten folgendes an den USA-Verband: „Laden zwei Grossmeister ein – einer davon Fischer!“
Was während des Turniers tatsächlich geschah, wurde der Öffentlichkeit verschwiegen.
Im Jahr darauf bekam der USA-Verband erneut ein Telegramm – diesmal lautete es: „Laden zwei Grossmeister ein – keiner davon Fischer!“

Wilhelm Steinitz

Während eines Wettkampfes wurde Steinitz einmal gefragt, wie er denn seine Chance sehe, dieses Turnier zu gewinnen.
Gesagt haben soll er: „Ich habe die besten Aussichten, den ersten Preis zu gewinnen – denn jeder muss gegen Steinitz spielen, nur ich nicht!“

Samuel Loyd - Glarean Magazin
Einer der kreativsten Problem-Komponisten der Schachgesichte: Samuel Loyd

Samuel Loyd

Ein Kiebitz wettete einmal mit dem amerikanischen Problemkomponisten Samuel Loyd, dass nichts leichter sei, als remis gegen den Problemmeister zu machen, er brauche ja nur die Züge Loyds nachzuahmen.
Loyd gewann die Wette schon nach vier Zügen: 1.d4 d5 2.Dd3 Dd6 3.Dh3 Dh6 4.Dc8 matt!

Der Kiebitz

Ein bekannter Meisterspieler geriet in seiner Turnierpartie in immer grössere Bedrängnis, und die Zuschauer ringsherum begannen aufgeregt zu tuscheln und zu flüstern.
Der Meister wurde immer ärgerlicher und wandte sich schliesslich erbost an einen der Kiebitze neben ihm: „Wer spielt den eigentlich die Partie? Sie oder ich?“
Daraufhin der Kiebitz: „Gott sei Dank: Sie!“

Paul Krüger

Der Hamburger Meister Paul Krüger (1871-1939) nahm in den zwanziger Jahren gerne an kleinen Lokalturnieren teil.
Einmal wurde er während eines solchen Turniers von einem Reporter des Kreisblattes interviewt.
Nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass der Schreiber des Blattes keine Ahnung vom Schach hatte – diese Gelegenheit liess Krüger sich nicht entgehen, ihn kräftig zu veräppeln.
Am nächsten Tag lasen die erstaunten Kreisblatt-Abonnenten: „Die spannendste Partie der gestrigen Runde wurde zwischen dem Hamburger Meister Krüger und unserem Spitzenspieler M. ausgetragen. M. eröffnete als Anziehender diesmal mit den schwarzen Steinen. Der Gast parierte mit der gefürchteten Königstigervariante des Damenspiels und es gelang ihm, den König frühzeitig ins Spiel zu bringen. In einer Serie kraftvoller Züge griff der weisse König die schwarze Dame an, jagte sie über das Schachbrett und lockte sie schliesslich in eine tödliche Falle!“

Der geniale Schach-Magier Michael Tal
Der geniale Schach-Magier Michael Tal

Michael Tal

Bei der 24. UdSSR-Meisterschaft wollte Grossmeister A. Gipslis den für sein phänomenales Gedächtnis bekannten Ex-Weltmeister Michael Tal auf die Probe stellen und fragte:
„Mischa, kannst Du Dich zufällig erinnern, welche Variante Keres als Weisser in einem Damengambit gegen Boleslawski in der 3. Runde der 20. UdSSR-Meisterschaft gespielt hat?“
„Du willst mich wohl zum Narren halten!“ antwortete Tal. „Die Partie Boleslawski-Keres war nicht in der 3., sondern in der 19. Runde; Keres spielte nicht mit den weissen, sondern mit den schwarzen Steinen; und ausserdem war es kein Damengambit, sondern eine Spanische Partie!“

James Sherwin

Bei der US-Meisterschaft 1958 gewann James Sherwin in den ersten Runden alle Partien. Samuel Reshewsky, der es ihm gleich tat, sagte zu ihm: „Nun muss ich Sie wohl stoppen.“
„Vielleicht stoppe ich Sie ja“, bekam er zur Antwort.
Reshewsky: „Nicht in einer Million Jahren!“
Sherwin gewann die Partie – und murmelte beiläufig:
„Wie doch die Zeit vergeht…“

Simon Winawer

In Kaffeehaus-Partien gegen schwächere Spieler praktizierte der polnische Meister Simon Winawer eine besondere Art von Vorgabe. Er liess seine „Opfer“ von der Grundstellung aus fünf Minuten lang beliebige Züge machen und stellte nur die Bedingung, dass kein Stein die Bretthälfte überschritt.
Eines Tages trat ein junger Mann gegen ihn an und zog folgendermassen:
1.a4 — 2.Sa3 — 3.h4 — 4.Sf3 — 5.d4 — 6.Sd2 — 7.Th3 — 8.Sac4 — 9.Taa3 — 10.Se4 — 11.Dd2 — 12.Thf3 — 13.g3 — 14.Lh3 — 15.Df4 — 16.Tae3 – den Rest der fünf Minuten füllte er mit Königszügen aus.
Winawers Gesicht wurde immer länger. Als ihn der Gegner aufforderte, nun doch zu ziehen, erhob sich der Meister indigniert. „Was wollen Sie denn?“, sagte er, „ich bin doch in zwei Zügen matt!“

Fritz Sämisch

Schachmeister und Langzeit-Denker Fritz Sämisch
Schachmeister und Langzeit-Denker Fritz Sämisch

Bei einem Turnier spielte Tröger gegen Sämisch, Sämisch überschritt die Zeit, merkte es nicht und brütete weiter über der Stellung. Tröger bat den Schiedsrichter „aus journalistischem Interesse“, Sämisch nicht zu stören. Er wollte herausfinden, wie lange es dauern würde, bis er seine Zeitüberschreitung bemerkte. Es dauerte. Endlich, nach nicht weniger als 40 Minuten blickte Sämisch hoch, schaute auf die Uhr und reichte die Hand zur Gratulation…

Stefano Tatai

Der italienische Meister Stefano Tatai brachte gewöhnlich zu seinen Turnierpartien einen Hund mit, an dem er sehr hing, und der sich während der ganzen Partie zu Füssen seines Herrn niederzulegen pflegte.
Am Ende einer Runde in einem römischen Café war Tatai am Tisch sitzengeblieben, um eine Stellung zu analysieren, und sein Hund hatte sich auf dem Stuhl vor ihm niedergelassen.
Ein Gast näherte sich und erlaubte sich die geistreiche Bemerkung: „Sie wollen doch nicht behaupten, dass Ihr Hund schachspielen kann?“
Darauf Tatai gleichmütig: „Nein, nicht wirklich, die letzten drei Partien hat er verloren!“

Savielly Tartakower

Nach einer Simultanvorstellung fragte Tartakower einen seiner Gegner, warum er nur immer Bauern gezogen und nicht ein einziges Mal einen Offizier bemüht habe. Die Antwort war: „Ja wissen Sie, ich bewundere Sie sehr und wollte unbedingt mal gegen Sie spielen. Aber eigentlich kann ich kein Schach, und so habe ich mir von einem Freund wenigstens mal erklären lassen, wie die Bauern ziehen…“

Simultanschach

Bogoljubow („Bogo“) spielte einmal in einem kleinen Schweizer Ort simultan, und wie bei solchen Anlässen üblich wurde der Photograph des Ortes geholt, um eine schöne Aufnahme zu machen. Vorn der Meister – und dann in langer Reihe die Simultanisten.
Wie erstaunt waren aber unsere Schachfreunde, als sie das Photo zur Erinnerung an den denkwürdigen Klubabend ausgehändigt bekamen: Von Bogoljubow war nichts zu sehen! Der Photograph, zur Rede gestellt, verteidigte sich: „Och, den Dicken da vorn, den habe ich wegretuschiert, der hatte ja damit gar nichts zu tun!“

Francois Philidor

Das französische Opern- und Schach-Genie Francois-Andre Philidor
Das französische Opern- und Schach-Genie Francois-Andre Philidor

Philidor, der grösste Schachmeister des 18. Jahrhunderts, gab König Ludwig XVI. Schach-Unterricht. Nach einigen Monaten wollte der königliche Schüler wissen, wie er denn nun bereits spiele. Philidor gab diplomatisch zur Antwort: „Sire, es gibt drei Klassen von Schachspielern: Solche, die gar nicht, solche, die schlecht, und solche, die gut spielen. Ew. Majestät haben sich bereits zur zweiten Klasse emporgeschwungen.“

Reuben Fine

Fine geriet eines Tages in eine spiritistische Sitzung und wurde gefragt, ob er mit irgend einem Geist Verbindung aufnehmen möchte. Fine bat darum, den Geist von Morphy erscheinen zu lassen. Und tatsächlich, nach kurzer Zeit wurde gemeldet, der Geist von Morphy sei sprechbereit. Fine wurde also aufgefordert, durch das Medium eine Frage an ihn zu richten. Darauf Fine: „Bitte fragen Sie ihn, ob im Evans-Gambit Schwarz im 6. Zuge LxBauer oder lieber Lb6 spielen soll!“ –
Dem Vernehmen nach soll Fine froh gewesen sein, ohne grössere Verletzungen den Raum verlassen zu dürfen…

Gösta Stoltz

Der schwedische Turnierspieler Stoltz war den geistigen Getränken recht zugetan. Nun, er war nie Weltmeister, aber er wurde durch eine Glanzpartie, die er 1952 in Stockholm spielte, dennoch ziemlich berühmt. Als ihm dabei der Unterlegene die Hand zur Gratulation reichte, griff seine Hand freilich ins Leere. Trotz erheblicher Anstrengung gelang es Stoltz nicht, die Rechte in die gewünschte Richtung zu bringen. Die Zuschauer mögen es für Siegestaumel gehalten haben…

Siegbert Tarrasch

Mit einem polemischen Artikel in einer Hamburger Tageszeitung gegen die Nominierung des Engländers F.D. Yates für das internationale Turnier in Hamburg 1910 hatte der berühmte „Praecaeptor Germaniae“ Siegbert Tarrasch nicht ganz unrecht. Yates erwies sich in der Tat als zu schwach für das Turnier. Er wurde Letzter und gewann von den 16 Partien nur eine einzige – die aber ausgerechnet gegen Tarrasch!

Alexander Aljechin

Beim traditionellen Turnier in Hastings gewann der junge Engländer Parker durch eine Reihe brillanter Kombinationen und gewagter Figurenopfer eine Partie, die man allgemein bereits verloren geglaubt hatte.
Nach seinem Sieg wurde Parker von allen Seiten beglückwünscht. Nur Weltmeister Aljechin runzelte missbilligend die Stirn. „Eines muss ich Ihnen sagen, mein junger Freund“, meinte er in vorwurfsvollem Ton, „wenn Sie richtig gespielt hätten, dann hätten Sie diese Partie niemals gewonnen!“

Tigran Petrosjan

Nachdem Tigran Petrosjan seinen WM-Titel 1966 gegen Spasski verteidigt hatte, trank er bei der Siegesfeier einen Cognac.
Als man ihm das leere Glas nachfüllen wollte, winkte er ab und liess sich einen Obstsaft bringen.
„Ich muss einen klaren Kopf behalten…“ erklärte er, „…für den nächsten Titelkampf.“
Dieser fand 1969 statt…

Miguel Najdorf

Argentiniens berühmtestes einstiges Wunderkind Miguel Najdorf
Argentiniens berühmtester Spieler Miguel Najdorf

Argentiniens Altmeister Miguel Najdorf erhob sich bei der Schach-Olympiade 1974 in Nizza vom Brett, um eine Tasse Tee zu holen. Bei seiner Rückkehr setzte er sich gedankenverloren an einen falschen Tisch. Als er sich einem ihm unbekannten Spieler gegenübersah, meinte er in väterlichem Ton: „Ich glaube, Sie haben sich in Ihrem Platz geirrt!“

Der Schachfreund

– „Meine Frau hat gesagt, sie lässt sich scheiden, wenn ich nicht endgültig das Schachspielen aufgebe!“
– „Das ist ja schrecklich!“
– „Ja, freilich, ich werde sie sehr vermissen!“

Schach-Gedicht

Ein Mensch sitzt da, ein schläfrig trüber,
ein andrer döst ihm gegenüber.

Sie reden nichts, sie stieren stumm.
Mein Gott – denkst Du – sind die zwei dumm!

Der eine brummt, wie nebenbei,
ganz langsam: Turm c6 – c2.

Der andre wird allmählich wach
und knurrt: Dame a3 – g3 Schach!

Der erste, weiter nicht erregt,
starrt vor sich hin und überlegt.

Dann plötzlich, vor Erstaunen platt,
seufzt er ein einzig Wörtlein: Matt!

Und die Du hieltst für niedre Geister,
erkennst Du jetzt als hohe Meister!
Eugen Roth

„Man hat vom Schach gesagt, dass das Leben
nicht lang genug dazu ist – aber das ist ein Fehler
des Lebens, nicht des Schachs!“
Christian Morgenstern

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