Veröffentlicht am 12. Mai 2026
Siri Hustvedt: Dance Around The Self – Dokumentarfilm von Sabine Lidl
„Siri Hustvedt – Dance Around The Self“ von Sabine Lidl ist ein ausserordentlicher Dokumentarfilm über eine ausserordentliche Frau, Schriftstellerin, Intellektuelle – und während mehr als 40 Jahren Ehefrau des New-Yorker Kult-Autors Paul Auster. Ein Film über die Liebe zweier Menschen, die tagtäglich miteinander und aneinander wachsen, indem sie diskutieren und das Leben als eine gefühlsmässige und politisch untermalte Herausforderung sehen.
Die Regisseurin Sabine Lidl (übrigens die Frau des Basler Regisseurs Dani Levy) begleitet mit der Kamera mehrere Jahre lang Siri Hustvedt – noch lange vor Austers Erkrankung. Im ersten Teil des Films begegnen wir auch Paul Auster als Partner von Siri Hustvedt im Alltag. Wir treffen sie in ihrem New Yorker Haus, das voller Bücher ist, und werden Zeugen des späteren Aussortierens von Büchern, die nach Austers Tod aus der riesigen Hausbibliothek in ein Brockenhaus oder eine Bibliothek verfrachtet werden. Wir hören auch Paul Auster, der sich freut, wenn er Siri schreiben hört (beide benutzen noch je eine Schreibmaschine, deren Tastenanschläge durchs ganze Haus hallen). Paul sagt, er möchte nicht, dass seine Krankheit Siris Schreibmaschine zum Schweigen bringt. Und Siri schreibt in dieser Zeit den gemeinsamen Freundinnen und Freunden über Paul Austers Krankheitsverlauf. Aus einigen dieser Briefe wird aus dem Off vorgelesen. Nach Austers Tod geht es um die Trauer, um Siris Erinnerungen und die Zeugnisse der gemeinsamen Zeit. Paul Auster erwähnte mehrfach vor seinem Tod, er möchte als Geist wiederkehren, um am weiteren Leben seiner Liebsten teilzunehmen. Deshalb nennt Siri Hustvedt ihr gerade erschienenes Buch „Ghost Stories“ – in Anknüpfung an diesen Gedanken.
Siri Hustvedt als Frau

Als junge Studentin verlässt Siri Hustvedt (Jahrgang 1955) Minnesota, wo ihr Vater als Professor an der dortigen Universität lehrt, und stürzt sich ins New Yorker Leben. Nach dem Studium der Anglistik beschäftigt sie sich mit philosophischen und naturwissenschaftlichen Themen. „Dance Around The Self“ ist ein Film über die Heimat – und über die zweite Heimat, die Siri Hustvedt in der Beziehung zu Paul Auster findet. Sie nennt Auster „meinen Lebensmenschen“ (sogar mit dem deutschen Wort).
Wir lernen Siris Ursprungsfamilie teils aus Fotos und aus Gesprächen mit ihren drei Schwestern kennen. Nach der elften Klasse fährt Siri nach Norwegen, in die ursprüngliche Heimat ihrer Eltern, wo sie eine sehr glückliche Zeit verbringt und eine Freundschaft fürs Leben findet. Dieses Skandinavische haftet immer an der grossen, schönen, hageren Frau, die mehrere Romane (z.B. „Was ich liebte“) und wissenschaftliche Essays verfasste – darunter auch über ihre neurologische Erkrankung: „Die zitternde Frau: Eine Geschichte meiner Nerven“. Daneben hält sie Vorträge.
Hustvedt-Zeichnungen als Filmdokumente
Die Regisseurin Sabine Lidl verwendet für ihre Dokumentation auch Siri Hustvedts Zeichnungen, beispielsweise von der Dada-Baronesse Elsa von Freytag-Loringhoven, Margaret Cavendish, einer Naturphilosophin aus dem 17. Jahrhundert, und der Künstlerin Louise Bourgeois, deren Werken wir dann auch im hohen Norden Norwegens begegnen – in einer Installation zur Erinnerung an die Hexenverbrennungen, untergebracht in einem passenden Gebäude von Peter Zumthor. Dort trifft sich Siri Hustvedt nach Paul Austers Tod mit dem langjährig befreundeten Filmemacher Wim Wenders.
Beflügelte Frauen über der Stadt

Paul Auster erlebte noch die Geburt des von Tochter Sophie und Schwiegersohn Spencer Ostrander erwarteten Babys Miles, dem er kurz vor seinem Tod einige Briefe für später schrieb. Wir wohnen auch einigen berührenden Szenen der Trauerfeier bei, wo die Tochter ihrem Vater zum Abschied das Lied „Blue Team / Sky“ ergreifend singt. Die Regisseurin kombiniert dokumentierte Momente mit spannenden Ausflügen etwa in die Psychiatrie des 19. Jahrhunderts, als die sogenannte Hysterie bei Frauen häufig diagnostiziert wurde, anstatt den weiblichen Körper und die soziale und psychologische Wirklichkeit einzubeziehen. Diese gedanklichen Erörterungen werden gelegentlich ergänzt durch Siris humorvolle, animierte Zeichnungen von beflügelten Frauen, die über der Stadt jonglieren.
Die Rollen einer Hinterbliebenen
Siri Hustvedt als junge Frau in Minnesota, als Tochter und Schwester ihrer drei jüngeren Schwestern, als Ehefrau und als Witwe – aber auch als Freundin, wenn sie nach dem Tod ihres Mannes Freundinnen bei sich empfängt und wieder lachen kann.
Einzig die eingeschobenen, gespielten Szenen aus Siris früherem Leben – beschwingt und eigens wie auf alten Super-8-Filmen verblasst eingefangen, von einer anderen Frau gespielt – haben mich nicht überzeugt. Die Idee fand ich zwar gut, aber der Schauspielerin fehlen Siris Schönheit und Ausstrahlung. Natürlich ist das Geschmackssache, und es schmälert keineswegs diese vielschichtige, treffend nicht-linear zusammengesetzte Dokumentation über die grossartige, feinfühlige, humorvolle und vielseitig begabte Siri Hustvedt – der man als Publikum wirklich nahe kommt, ohne sich voyeuristisch vorzukommen. ♦
Sabine Lidl (Regie): Siri Hustvedt – Dance Around The Self – Dokumentarfilm, Februar 2026, 110 Min.
Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Dokumentarfilm auch: Die vergessene Heldin – Gertrud Woker
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