Jasha Gnirs: Dolor de Desiderio (Gedichte)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Heisse Lust oder heisse Luft?

von Bernd Giehl

Gedichte schrei­ben ist kein gros­ses Risiko. Nie­mand muss wis­sen, dass man so etwas tut. Man muss sie ja nie­man­dem zei­gen.  Das Unglück ist nur: Gedichte kom­men meist aus dem über­quel­len­den Her­zen. Sie wer­den nicht geschrie­ben, damit sie in der Schub­lade ver­gil­ben, son­dern damit jemand sie liest, der so ähn­lich fühlt. Also zeigt man sie den Men­schen, die man liebt: der Freun­din oder dem Freund, und jenen, von denen man annimmt, dass sie einen ver­ste­hen. Die wer­den schon nicht allzu kri­tisch mit ihnen umgehen.
Und irgend­wann kommt viel­leicht auch der Zeit­punkt, wo man beschliesst, die eige­nen Pro­dukte seien so gut, dass man sie einer grös­se­ren Öffent­lich­keit prä­sen­tie­ren will. Dann kann man nicht mehr unbe­dingt mit dem Wohl­wol­len der Leser rech­nen; dann wird es womög­lich auch Kri­tik geben.

Jasha Gnirs - Dolor de Desiderio - Gedichte - Buch-Cover - Literatur-RezensionenDie­ser Tat­sa­che ist sich der Autor des neuen Lyrik-Bänd­chens „Dolor de Desi­de­rio“ bewusst; Jasha Gnirs schreibt in sei­nem Vor­wort: „Es mag sein, dass die­ses künst­le­ri­sche Werk wenig Beach­tung fin­den und in irgend­ei­ner Schub­lade lan­den wird, ohne gele­sen und ohne gehört zu wer­den. So mag es sein, dass die­ses Werk der Schreib­tisch­schub­lade unnö­ti­ger­weise Platz wegnimmt.“
Kein schö­ner Gedanke, aber immer­hin ist Autor Gnirs der Iro­nie fähig. Aller­dings stellt er dann auch noch den Anspruch, seine Gedichte seien Kunst – und spä­tes­tens da wird es ernst.

Gesucht: Originalität

Nun will ich nicht gleich das ganz grosse Geschütz auf­fah­ren und behaup­ten, ein Kunst­werk müsse völ­lig neu und über­ra­schend sein und etwas aus­drü­cken, was so noch nie gedacht oder dar­ge­stellt wor­den ist. Gemes­sen an die­sem Anspruch gibt es wohl nicht viel Kunst, denn ver­mut­lich ist alles schon ein­mal gedacht wor­den, und die Mög­lich­kei­ten neu zu malen oder zu schrei­ben sind begrenzt. Den­noch: ein biss­chen Ori­gi­na­li­tät wird man schon for­dern dürfen…

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Aber die Gedichte von Jasha Gnirs sind nicht ori­gi­nell. Je mehr von ihnen man liest, desto weni­ger pas­sen sie in die­ses Jahr­hun­dert. Eher hat man das Gefühl, ein nicht beson­ders erfolg­rei­cher Dich­ter aus der Roman­tik des frü­hen 19. Jahr­hun­derts habe sich zu uns ver­irrt und biete nun seine Sachen aus dem Bauch­la­den dar.
Man erkennt ihn schon an sei­ner alt­mo­di­schen Klei­dung. Alle Gedichte sind gereimt. Das ist zwar neu­er­dings wie­der mög­lich, aber dann sollte der Inhalt umso über­ra­schen­der sein.
Und sie han­deln von einem Thema, über das schon unzäh­lige Dich­ter geschrie­ben haben. Viel­leicht wollte der Autor das ein wenig ver­schlei­ern, indem er den auf den ers­ten Blick etwas rät­sel­haf­ten Titel „Dolor de Desi­de­rio“ („Schmerz der Sehn­sucht“) wählte.

Herzblut ohne Distanz

Sicher: Es geht um die Wun­den, die das Leben uns zufügt. Dar­über kann man schrei­ben. Nur braucht es dafür nicht nur viel Herz­blut, son­dern auch eini­ges an Distanz, wenn man nicht allzu per­sön­lich wer­den will. Dafür fehlt Gnirs aber offen­sicht­lich der Mut. Er will geliebt wer­den. Und so ent­ste­hen Gedichte wie das fol­gende (Zitat):

Das zweite Blühen

Komm, du Leser und begib dich leise
Mit mir auf eine lange Reise
In die wei­ten Wei­ten des Himmelreichs.

Komm du nur und scheu dich nicht
Siehst du nicht das kleine Licht
Das am Ende die­ses Weges weilt?

Ich sehe es, ich fühle es.
Mir wird ganz warm um meine Brust!
Auf ein­mal spür ich heisse Lust!
Ich habe es schon lang gewusst,
Dass dies nicht das Ende ist.

Denn endet wo ein lan­ges Leben
Endet wo ein ewig‘ Streben
So beginnt nun hier das neue Fühlen.
Das liebe Lachen, das zweite Blühen.

Und so weiter.
Es mag Men­schen geben, die sich nicht an der alter­tü­meln­den Spra­che und den ver­brauch­ten Bil­dern („heisse Lust“, „ewig‘ Stre­ben“ etc.) stö­ren. Ich gehöre nicht dazu.
Ich glaube, ich weiss, wo das Büch­lein sei­nen Platz fin­den wird. ♦

Jasha Gnirs: Dolor de Desi­de­rio – Gedichte, 62 Sei­ten, Redi­roma Ver­lag, ISBN 978-3-96103-620-2

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Lyrik auch den Lite­ra­tur-Essay von Bernd Giehl: Nach­den­ken über Luxus – Eine Anmer­kun­gen zum Schrei­ben von Gedichten

… sowie die lite­ra­ri­sche Medi­ta­tion von Johann Voss: Warum noch Gedichte? – Die Pro­vo­ka­tion der moder­nen Poesie

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