Isabelle Stamm: Schonzeit (Roman)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 3 Minu­ten

Die Welt begann sich langsamer zu drehen“

von Günter Nawe

Nein, es gibt keine „Schon­zeit“ für die Liebe und schon gar keine im Leben über­haupt. Bis Miruna Lupescu, Schwei­ze­rin mit rumä­ni­schen Vor­fah­ren, zu die­ser Erkennt­nis kommt, lebt sie ein­sam und zurück­ge­zo­gen, hat ledig­lich Kon­takt zu ihrer Schwes­ter. Ab und an schleicht sich ein Lieb­ha­ber nachts bei ihr ein. Dro­gen ver­set­zen sie zwi­schen­durch in eine lethar­gi­sche Unwirk­lich­keit. Ansons­ten geht das Leben an ihr vor­bei. So gibt es für die junge Frau fast keine Aus­sen­wahr­neh­mung – und nie­mand fin­det Zugang zu ihrem Inneren.

Die junge Schwei­zer Autorin Isa­belle Stamm hat 2008 mit dem Roman „Zwil­lings Wel­ten“ auf sich auf­merk­sam gemacht und bereits meh­rere Aus­zeich­nun­gen erhal­ten. Dass sie die ver­dient hat, beweist sie nun mit ihrem zwei­ten Roman „Schon­zeit“.

Das Leben in Form von Briefen

Isabelle Stamm: Schonzeit - Roman - Limmat VerlagDas „Leben“ oder was auch immer kommt zu Miruna in Form von Brie­fen, die sie aus dem Rumä­ni­schen über­set­zen soll. Briefe, die sie auf selt­same Weise anrüh­ren und beschäf­ti­gen, obwohl sie weder Brief­schrei­ber, Gabriel Alex­an­dru, noch Adres­sa­ten kennt. Haben sie doch etwas mit ihrer eige­nen Geschichte zu tun. Auch sie kam aus Rumä­nien, ihrer Eltern sind nach dem Tod ihres drit­ten Kin­des dahin zurück gekehrt.

So emp­fin­det sie das, was sie über­setzt, auch als ein Stück eige­ner Fami­li­en­ge­schichte. Die andere, die über­setzte Fami­li­en­ge­schichte macht es mög­lich. Beide sind bei­nahe spie­gel­bild­lich zu sehen. Auf jeden Fall möchte Miruna den Emp­fän­ger der Briefe ken­nen ler­nen. Mit Johann Tscha­nun, dem Enkel des Brief­schrei­bers, hat sie plötz­lich einen (Gesprächs-)Partner. Ihrer bei­der Lebens- und Fami­li­en­ge­schich­ten kor­re­spon­die­ren mit­ein­an­der. Und ihre Kennt­nis setzt bei bei­den Erin­ne­run­gen frei.
So konnte sich Johann bis­her nicht an seine Mut­ter erin­nern, die ihn im Alter von drei Jah­ren ver­las­sen hat. Ein trau­ma­ti­sches Erleb­nis. Und Miruna ist nun auch in der Lage, ihre eigene Geschichte zu akzep­tie­ren. „…die Welt begann sich lang­sa­mer zu dre­hen“, aber „ich konnte ihr folgen“.

Spannung durch häufige Perspektivwechsel

Span­nung erzeugt die Autorin durch häu­fige Per­spek­tiv­wech­sel. Mal lesen wir Briefe, mal Erzäh­lun­gen und Gesprä­che. Und dies alles in Zeit­sprün­gen – ein kunst­vol­les Erzähl­ge­flecht. Was für den Leser nach und nach offen­sicht­lich wird, ver­schwei­gen die Lie­ben­den – und das sind sie mitt­ler­weile – vor­ein­an­der: ihre tie­fen Wun­den und Ver­let­zun­gen. So Miruna, die eben­falls mit einem Trauma fer­tig wer­den muss: mit dem Tod ihres Bruders.

Isabelle Stamm erzählt in ihrem Roman
Isa­belle Stamm erzählt in ihrem Roman „Schon­zeit“ zwei Fami­li­en­ge­schich­ten, die mit­ein­an­der kor­re­spon­die­ren, und eine Bezie­hungs­ge­schichte, die sich dar­aus ergibt. Die Viel­schich­tig­keit des Plots, die Cha­rak­te­ris­tik der Prot­ago­nis­ten und das psy­cho­lo­gi­sche Ein­füh­lungs­ver­mö­gen der Autorin sowie sprach­li­ches Fein­ge­fühl machen „Schon­zeit“ zu einem bemer­kens­wer­ten Buch.

Mit viel psy­cho­lo­gi­schem Ein­füh­lungs­ver­mö­gen schil­dert Isa­belle Stamm die See­len­pro­bla­ma­tik, für die es keine Lösung zu geben scheint. Es sei denn, es müsse eine kata­stro­phale sein. Und so kommt es – nach dem Miruna ein wei­te­res und beson­ders furcht­ba­res Geheim­nis bei Johann ent­deckt. Was bis jetzt Schon­zeit war, ist auf­ge­ho­ben. Die Wirk­lich­keit for­dert anderes.Und so führt die scho­nungs­lose Kon­fron­ta­tion (vor­erst) zur Tren­nung. Miruna lebt wie­der in ihrer Iso­la­tion – in ihrem Turm von Ein­sam­keit und Gleich­gül­tig­keit. Wird sie sich dar­aus wie­der befreien kön­nen? Stärke wird gefragt sein; eine Stärke, die aus der Schwä­cher erwächst.
Äus­serst viel­schich­tig ist die­ser Roman. Die Cha­rak­tere der bei­den Prot­ago­nis­ten sind kom­plex. Die Geschichte selbst manch­mal etwas bemüht kon­stru­iert, aber in sich sehr schlüs­sig. Auf jeden Fall ist Isa­belle Stamm ein bemer­kens­wer­ter Roman gelun­gen. Leseempfehlung! ♦

Isa­belle Stamm, Schon­zeit, Roman, 220 Sei­ten, Lim­mat Ver­lag Zürich, ISBN 978-3-85791-598-7

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