Veröffentlicht am 13. Dezember 2007
Heute vor … Jahren: "Die letzten Tage der Menschheit" – Karl Kraus
Am 13. Dezember 1918 erschien in Wien der Epilog zu „Die letzten Tage der Menschheit“ als Sonderheft der „Fackel“ — noch bevor das Hauptwerk selbst gedruckt war. Kraus veröffentlichte das Ende zuerst. Der Krieg war verloren, die Monarchie implodiert, die Uniformen noch nicht ausgezogen — und Kraus setzte ans Ende einer noch unfertigen Weltkatastrophe sofort den Schlusspunkt. „Die letzte Nacht“ heisst der Epilog. Er endet mit der Stimme Gottes: „Ich habe es nicht gewollt.“ Die patriotischen Gewissheiten waren da bereits erstaunlich rasch entsorgt. Wien begann sich neu einzureden, eigentlich immer schon skeptisch gewesen zu sein. Karl Kraus glaubte davon kein Wort.
An den „Letzten Tagen der Menschheit“ arbeitete Kraus schon seit 1915. Der monumentale Haupttext sollte erst 1919 in der „Fackel“ erscheinen. Aber geistig ist dieses Monstrum bereits vollständig anwesend: Das Misstrauen gegen die Presse, gegen die Phrase, gegen die sentimentale Selbstveredelung des Bürgertums im Ausnahmezustand. Heute etikettiert man das Werk gern bequem als „Antikriegsdrama“. Aber Kraus interessierte sich weniger für den Krieg selbst als für dessen sprachliche Infrastruktur. Für jenes journalistische Dauerrauschen aus Leitartikeln, Durchhaltepathos, Bildungsgerede und patriotischer Euphorie, das die Katastrophe nicht bloss kommentierte, sondern geistig mitorganisierte. Der Krieg begann für Kraus nicht im Schützengraben. Sondern im Satzbau. Die berühmte Aussage im Vorwort ist deshalb keine literarische Schmuckgeste, sondern Programmatik mit Skalpell: „Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate.“
Zeitungsnotizen, Kaffeehausgerede, Feuilletonblasen, Strassenlarm

Und genau darin lag der eigentliche Schrecken: Kraus musste die Wirklichkeit gar nicht grotesk verfremden — sie hatte sich längst selber karikiert. Er montierte Zeitungsnotizen, Militärdepeschen, Kaffeehausgerede, Feuilletonblasen, patriotische Predigten, Anzeigenstilistik und Wiener Strassenlärm zu einem einzigen gigantischen Stimmengewirr, das sich mit bemerkenswerter Betriebsamkeit selbst in den Untergang hineinkommentiert. Manche Kriegsartikel jener Jahre lesen sich heute wie pathologische Befunde: Dieses fiebrige Vokabular; diese aufgedunsene Wichtigkeit; dieses rhetorische Dauergrinsen angesichts der Verwüstung! Das Feuilleton entdeckte damals endgültig, dass sich aus Leichen Auflage machen lässt — möglichst stilvoll formuliert natürlich.
Darum schoss Kraus gegen die Presse oft härter als gegen das Militär. Nicht weil er Generäle sympathisch gefunden hätte, sondern weil ihn die geistigen Zulieferer des Gemetzels mehr interessierten als dessen administrative Vollstrecker. Die Journalisten waren für ihn keine neutralen Beobachter, sondern patriotische Geräuschverstärker mit Druckerschwärze an den Händen.
Widerlegung durch Wirklichkeit

Allerdings war Kraus selbst alles andere als ein makelloser Ankläger. Seine Bindung an die Habsburger Monarchie hielt sich länger, als spätere Kraus-Hagiographen gern zugeben möchten. Aber gerade das macht seine spätere Radikalität glaubwürdiger. Wer von Anfang an vollkommen recht hatte, ist publizistisch oft anstrengend langweilig. Kraus dagegen musste sich erst von der Wirklichkeit widerlegen lassen.
Die „Fackel“, die er seit 1899 herausgab und ab 1911 zunehmend allein schrieb, war längst kein normales Kulturblatt mehr. Eher ein sprachliches Exekutionsorgan: Wer darin auftauchte, erschien selten als Gesprächspartner, meist bereits als Angeklagter. Kraus diskutierte nicht gern. Er formulierte Urteile — mit jener Mischung aus Präzision, Eitelkeit, Furor und vernichtender Komik, die grosse Polemiker fast automatisch schwer verdaulich macht. Elias Canetti hat später beschrieben, wie einschüchternd Kraus‘ öffentliche Lesungen wirkten. Das Publikum hörte dort keinen gemütlichen Intellektuellen beim Gedankenaustausch, sondern einen Sprachfanatiker – einen Mann, der offensichtlich überzeugt war, dass ein verdorbener Satz bereits ein moralischer Defekt sei.
Das Lied von der Presse
Im Anfang war die Presse
und dann erschien die Welt.
Im eigenen Interesse
hat sie sich uns gesellt.
Nach unserer Vorbereitung
sieht Gott, dass es gelingt,
und so die Welt zur Zeitung
er bringt […]
Sie lesen, was erschienen,
sie denken, was man meint.
Noch mehr lässt sich verdienen,
wenn etwas nicht erscheint.
(Karl Kraus)
Am Ende der „Letzten Tage der Menschheit“ bleibt weniger eine Botschaft zurück als ein Geräusch. Das nervöse, geschäftige, selbstzufriedene Sprechen einer Gesellschaft, die sogar ihren eigenen Untergang noch feuilletonistisch begleitet. – Kraus starb 1936. Die Letzten Tage der Menschheit hatten gerade Pause gemacht. ♦
Das Glarean Magazin auf Instagram
Wenn Sie die Arbeit des GLAREAN MAGAZINS unterstützen möchten, können Sie dies hier tun:
👉 Unterstützung via PayPal (Walter Eigenmann)
Vielen Dank.
Entdecke mehr von Glarean Magazin
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
