Walter Eigenmann: Über die Satire

Gegen die «Wahrheit»

von Wal­ter Ei­gen­mann

Es mag schon sein, dass un­se­rer ver-rück­ten, un-sin­ni­gen Welt al­leine noch – wie pro­fes­sio­nelle Zy­ni­ker be­haup­ten – ent­we­der mit Krie­gen oder dann mit Iro­nie bei­zu­kom­men ist. Auch sei dem Re­si­gnie­ren­den in Got­tes Na­men der un­pro­duk­tive Trost ge­las­sen, dass blo­ßes Ge­läch­ter über Dumm­heit manch­mal siegt. Und jene schließ­lich, die dem Ge­sche­hen um sich herum oh­ne­hin nur als Gaudi-Kon­su­men­ten bei­zu­woh­nen pfle­gen, mö­gen ru­hig da­bei blei­ben; das Welt­thea­ter kann auf sie als Claque nicht ver­zich­ten…
Je­den­falls aber steht ei­nes grund­sätz­lich fest, spä­tes­tens seit den Ta­gen des Rö­mers Ju­ve­nal: «Dif­fi­cile est sa­ti­ram non scri­bere».

Was ist Satire?

Der römische Satiriker Juvenal (1./2. Jh.): Difficile est saturam non scribere" („Es ist schwierig, keine Satire zu schreiben“)
Der rö­mi­sche Sa­ti­ri­ker Ju­ve­nal (1./2. Jh.): Dif­fi­cile est sa­turam non scri­bere“ („Es ist schwie­rig, keine Sa­tire zu schrei­ben“)

Da­bei ist so ein­deu­tig nicht, was eine Sa­tire denn sei. Die Li­te­ra­tur­theo­re­ti­ker zum Bei­spiel – wir müs­sen sie wohl ernst neh­men – schwei­gen sich (je nach­dem über viele hun­dert Sei­ten hin­weg) dar­über aus, wel­che un­ver­zicht­ba­ren Text-In­gre­di­en­zien ein Pro­sa­stück erst zur Sa­tire ma­che. Ge­wiss: Sa­ti­ren spot­ten fast im­mer, Sa­ti­ren ka­ri­kie­ren meis­tens, Sa­ti­ren kri­ti­sie­ren oft, Sa­ti­ren ver­höh­nen manch­mal, Sa­ti­ren wol­len hie und da auf­rüt­teln, ganz sel­ten be­leh­ren sie so­gar, und nie bil­den sie ein­fach nur ab. Aber die Sa­tire?
An­de­rer­seits: die Aus­strah­lungs­kraft (und da­mit auch Qua­li­tät) ei­nes sa­ti­ri­schen Tex­tes hängt auch, aber nicht vor al­lem von sei­nen for­ma­l­äs­the­ti­schen oder in­halts­theo­re­ti­schen Kom­po­nen­ten ab. Das ver­zwei­felte Be­mü­hen um eine gat­tungs­spe­zi­fi­sche Ka­ta­lo­gi­sie­rung li­te­ra­tur­his­to­risch greif­ba­rer Sa­ti­ren gäbe sei­ner­seits idea­len Sa­tire-Stoff her.
Könnte denn wo­mög­lich sein, dass die Sa­tire recht ei­gent­lich erst beim Le­sen, beim Le­ser ent­steht, dass sie we­sent­lich auf die in­tel­lek­tu­elle Be­find­lich­keit, Emp­fäng­lich­keit, vor al­lem aber Emp­find­lich­keit ab­stellt? Wie alle gute Li­te­ra­tur also? Nur mit dem Un­ter­schied, dass vom Pu­bli­kum noch ein Quänt­chen mehr an Auf­ge­klärt­heit und In­tel­li­genz, Re­fle­xion und Abs­trak­ti­ons­ver­mö­gen, doch auch an Ver­letz­bar­keit und Wut auf­ge­bo­ten wer­den muss, als dies bei an­de­ren li­te­ra­ri­schen Aus­prä­gun­gen der Fall sein mag?

Sakrilegien – mit sprachlicher Raffinesse

Un­un­ter­bro­chen be­ge­hen Sa­ti­ri­ker Sa­kri­le­gien, und gute Sa­ti­ri­ker tun das mit sprach­li­cher Raf­fi­nesse: Ge­gen «Gott und die Welt», ge­gen «Haus und Hof», ge­gen «Ge­dan­ken und Ta­ten», ge­gen «Kö­nig und Va­ter­land», ge­gen «Kon­ven­tio­nen und In­sti­tu­tio­nen», ge­gen…
Zum Ar­se­nal die­ses Ge­gen-Kamp­fes (den Le­ser her­aus­fin­den zu las­sen, wo­für der Sa­ti­ri­ker kämpft, ist üb­ri­gens ein wei­te­res Merk­mal der Sa­tire, ihr mo­ra­li­scher Stand­punkt ist vom Le­ser zu eru­ie­ren) ge­hö­ren die (manch­mal sanfte, meist hä­mi­sche) Iro­nie, die Über­trei­bung, die Ver­zer­rung, der Spott in all sei­nen ver­nich­ten­den Schat­tie­run­gen. Aber auch das hoff­nungs­voll-re­si­gnierte Über­zeich­nen je­ner krea­tür­li­chen Ei­gen­schaf­ten, die das in der Na­tur ein­zig­ar­tig de­fi­zi­täre Man­gel­we­sen Mensch kon­sti­tu­ie­ren.
Die vor­der­grün­dige De­struk­ti­vi­tät der Sa­tire er­wächst also aus der Ein­sicht (und des­halb Not­wen­dig­keit), dort ent­lar­ven zu müs­sen, wo Kon­sens mit com­mon sense ver­wech­selt wird. Gute Sa­ti­ren sind also per de­fi­ni­tio­nem im­mens po­li­tisch – auch dort, wo sie in­di­vi­du­el­les Ver­sa­gen als das Pro­dukt kol­lek­ti­ven Funk­tio­nie­rens fo­kus­sie­ren. Der Sa­ti­ri­ker schreibt ge­gen die «Wahr­heit» an. ■

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