Deutsche Gesellschaft: Brauchen wir eine Leitkultur?

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Die deutsche Leitkultur als Streit über dieselbe

von Jan Neidhardt

Oli­ver Weber, Stu­dent der Poli­tik­wis­sen­schaft und Volks­wirt­schaft an der Uni­ver­si­tät Mann­heim, hat die­sen pro­gram­ma­tisch wir­ken­den Aus­spruch des Sozio­lo­gen Armin Nas­sehi in sei­nen Auf­satz „Machia­velli in Deutsch­land – Die Ber­li­ner Repu­blik und ihre Bür­ger“ auf­ge­nom­men, und er eig­net sich sehr gut dazu, den Tenor die­ses Buches zur Leit­kul­tur-Debatte in Deutsch­land auf­zu­zei­gen. In „Brau­chen wir eine Leit­kul­tur?“ sind 23 unter­schied­li­che Essays ver­sam­melt, die im Rah­men eines Wett­be­werbs der Deut­schen Gesell­schaft e.V. in Zusam­men­ar­beit mit der Deut­schen Natio­nal­stif­tung 2017 ver­fasst wurden.

Die unsinnige Idee einer „homogenen“ Gesellschaft

Brauchen wir eine Leitkultur - Mitteldeutscher Verlag - Deutsche Gesellschaft - Rezension im Glarean MagazinDas Thema einer wie auch immer gear­te­ten Leit­kul­tur – im Buch gerne mal pole­misch als „Leid­kul­tur“ bezeich­net – ist natür­lich kon­tro­vers und muss von ver­schie­de­nen Stand­punk­ten aus beleuch­tet wer­den. Einig sind sich alle Autoren letzt­lich dar­über, dass es wich­tig ist, selbst erst mal einen Kul­tur­be­griff zu defi­nie­ren – und dass die heu­ti­gen Deut­schen keine in sich homo­gene Gesell­schaft darstellen.

Die poli­ti­sche Situa­tion, unter der die Essays ent­stan­den sind, wird in ihnen deut­lich gespie­gelt. Diese wird natür­lich medial in die Öffent­lich­keit getra­gen, und die Debat­ten dar­über wer­den z.B. in Fern­seh­sen­dun­gen, seit Jah­ren zuneh­mend aber auch in den Kom­men­tar­spal­ten sozia­ler Netz­werke geführt. Eine „Deut­sche Leit­kul­tur“ wurde u.a. von Fried­rich Merz, der in den Auf­sät­zen oft auf- und ange­grif­fen wird, ziem­lich genau defi­niert, mit allen Pro­ble­men, die das natür­lich auf­wirft – Leit­kul­tur, die aus­schliesst (sehr gut beschrie­ben bei Lukas Peh), die bedroh­lich wirkt oder „den Deut­schen“ letzt­lich als Kari­ka­tur sei­ner selbst zurück­lässt, der in Bade­lat­schen und hoch­ge­zo­ge­nen Socken, würst­les­send den gan­zen Tag Blas­mu­sik hört und jedem, dem er irgendwo begeg­net, erst mal die Hand schüt­teln muss… Der Schre­cken vor einer sol­chen Leit­kul­tur­auf­fas­sung steht allen, die die­ses Thema in ihren Auf­sät­zen auf­grei­fen deut­lich ins Gesicht geschrieben. –

Leitkultur als dynamisches Geschehen

Das kann es also nicht sein. Oft geht es eher um als bil­dungs­bür­ger­lich zu erken­nende Ideale, wie der Frei­heit der Gedan­ken, Öffent­lich­keit und Zugang zu Bil­dung. Ein viel­dis­ku­tier­tes und ande­rer­seits auch -kri­ti­sier­tes Ideal ist die auf einem „Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus“ – anstelle einer auf Äus­ser­lich­kei­ten oder auf nicht von allen geteil­ten Wer­ten – basie­rende Leit­kul­tur. Einig­keit besteht jeden­falls letzt­lich dar­über, dass es eine „in Stein gehauene“ (Önder Gedik) Leit­kul­tur weder gibt noch über­haupt geben kann, dass der Begriff der Kul­tur viel­mehr immer ein dyna­mi­sches Gesche­hen umreisst. Ein nor­ma­ti­ver Leit­kul­tur-Begriff, der genaue Ver­hal­tens­mass­re­geln auf­zeigt, im Sinne einer „ver­ord­ne­ten Ethik“ (Simon Gro­the) wird abge­lehnt. Daniel Göttl plä­diert in die­sem Zusam­men­hang für prak­ti­sches Tun und bringt das ganze auf den Punkt: „Beste Leit­kul­tur – Bring dich ein, dann gehörst du dazu.“ (S.45)

FAZIT: Das Büch­lein „Brau­chen wir eine Leit­kul­tur?“ ist für den poli­tisch und am Zeit­ge­sche­hen Inter­es­sier­ten zwei­fel­los eine Berei­che­rung. Viele der stu­den­ti­schen Bei­trags­schrei­ber ver­fü­gen über die Fähig­keit, ihre Gedan­ken kon­zise und ein­leuch­tend dar­zu­le­gen. Wie man sich den­ken kann, sind hier neben ori­gi­nel­len und weni­ger ori­gi­nelle Bei­träge ver­sam­melt. Ins­ge­samt aber stellt diese Essay-Samm­lung eine inter­es­sante Aus­le­ge­ord­nung der aktu­el­len gesell­schafts­po­li­ti­schen Dis­kus­sion dar.

Gut lesbares und anregendes Buch-Konzept

Das Büch­lein ist für den poli­tisch und am Zeit­ge­sche­hen Inter­es­sier­ten zwei­fel­los eine Berei­che­rung. Viele der stu­den­ti­schen Bei­trags­schrei­ber ver­fü­gen über die Fähig­keit, ihre Gedan­ken kon­zise und ein­leuch­tend dar­zu­le­gen. Wie man sich den­ken kann, sind hier neben ori­gi­nel­len und weni­ger ori­gi­nelle Bei­träge ver­sam­melt. Vie­les wie­der­holt sich, wie z.B. der (wenn­gleich wich­tige) Hin­weis auf den Schöp­fer des aktu­el­len Leit­kul­tur­be­griffs Bassam Tibi. Sehr gut finde ich, dass die Sei­ten­zahl für die Auf­sätze beschränkt ist, denn hier wer­den Gedan­ken gestrafft prä­sen­tiert, die sonst natur­ge­mäss dazu nei­gen, sehr in die Breite zu gehen. Der Les­bar­keit und der Anre­gung kommt die­ses Kon­zept jeden­falls wohl­tu­end entgegen. ♦

Deut­sche Gesell­schaft & Deut­sche Natio­nal­stif­tung: Brau­chen wir eine Leit­kul­tur? – Essays, Mit­tel­deut­scher Ver­lag, 144 Sei­ten, ISBN 978-3-96311-033-7

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema auch den Essay von
Peter Fahr: Zum Ras­sis­mus in der Schweiz

… sowie zum Thema Isla­mis­mus in der Rubrik „Heute vor … Jahren“:
Fatwa gegen Sal­man Rushdie

aus­ser­dem zum Thema Fremde Kul­tu­ren über B. Zizek: For­men der Aneig­nung des Fremden

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