Franz Trachsel: Vom Sturmgeläut zur Totenglocke

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Klang-Wolken

Franz Trach­sel

Klin­gende anstelle der übli­chen stum­men, allen­falls don­ner­rol­len­den Wol­ken über unse­rem Kopf? Was soll’s bedeu­ten? Dem bibli­schen Him­mel abge­lauscht, oder sozu­sa­gen jener Wie­ner Ope­rette auf­ge­ses­sen, wo der Him­mel vol­ler Gei­gen hän­gen soll? Oh! Wäre sol­cher­lei in pri­vi­le­gier­ten Augen­bli­cken aber geeig­net, lau­ter Beha­gen aus­zu­lö­sen oder in auf­ge­schrie­be­ner Form stille Sonn­tag­nach­mit­tage oder lange Win­ter­abende zu beseelen!

Wolken über der Rengg-Landschaft im Entlebuch (Glarean Magazin)
Wol­ken über der Rengg-Land­schaft im Ent­le­buch (Glarean Magazin)

Nur, was soll’s bedeu­ten für den hand­fest geschäf­ti­gen All­tag? Für einen Bau­ern zum Bei­spiel, hier im Falle Lud­wig Rengg­lis auf der am vor­al­pi­nen nörd­li­chen Pilatus–Fuss gele­ge­nen Ent­le­bu­cher Rengg?
Wol­ken sind nun ein­mal da, oder aber es sind keine da. Seine Erfah­rung lehrt ihn jedoch, dass Wol­ken, auf der Rengg erlebt, höchst stim­mig sein kön­nen. Stim­mig, wenn sie ersehn­ten Regen ver­spre­chen, stim­mig für ihn vor allem aber dann, wenn er sie zum glück­li­chen Zeit­punkt als Klang­wol­ken mit Signal­wir­kung daher­kom­men hört.
„Wet­ter zum Heuen“ heisst die­ses auf der Rengg eines Früh­som­mer­mor­gens abge­lauschte Signal in der Spra­che Meis­ter Rengg­lis. So denn auch seine Bot­schaft an die bei Rösti und Milch­kaf­fee zum Früh­stück ver­sam­melte Fami­lie. Zurück von ers­ten früh­mor­gend­li­chen Ver­rich­tun­gen in Feld und Stall gibt er sich beru­higt über­zeugt davon, und die älte­ren unter sei­nen fünf Nach­kom­men har­ren auch schon sei­ner Erklä­rung: „Man hört Emmen läu­ten“. Wie­der mal ganz nach Wunsch ein­ge­stellt hatte sich anfangs Juni über Nacht der will­kom­mene Klang-Wol­ken-Ver­frach­ter, der Ostwind.
Ost­wind zum Juni – Beginn auf der Rengg: Die Gewähr, den Heuet einem Vor­schuss-Ern­te­se­gen gleich gesi­chert begin­nen zu kön­nen! Fürs Auge, von bis­wei­li­gen dün­nen Schlei­er­wol­ken abge­se­hen, der som­mer­lich sanft­blaue Him­mel; fürs Ohr, wenn Emmen Dorf zum Got­tes­dienst ruft, die Klang­wol­ken; und in der Nase den in weni­gen Tagen sich in Haus und Hof aus­brei­tende Duft fri­schen Heus.
Mag den Bau­ern drun­ten im Tal im Hin­blick auf den erfor­der­li­chen Betriebs­haupter­trag aus Wei­zen-, Obst-, Gemüse- oder Kar­tof­fel­ernte die vor­ran­gige Bedeu­tung zukom­men, hier oben ist‘ s der Lage gemäss der Milch­er­trag, der zählt, und dem­zu­folge für seine zwan­zig Kühe die Weide im Som­mer und das Heu im Win­ter. „Jedes Geschöpf lebt von der Frucht der Erde“, besingt ein bekann­tes Kir­chen­lied. Begreif­lich, dass den dank Ost­wind hier­her ver­frach­te­ten Klang­wol­ken ein wenig der Nim­bus eines Fami­li­en­schick­sals zukommt.

Katholische Pfarrkirche Emmen - Glarean Magazin
Katho­li­sche Pfarr­kir­che Emmen

Ahnungs­los zu sein dar­über, was das Geheim­nis derer aus­macht, wel­che die Klang­fülle aus dem Kirch­turm zu Emmen dem Ost­wind mit auf seine Reise geben, war nicht die Art der Fami­lie Renggli. Auf­fal­lend am an Klang­farbe und -fülle rei­chen Geläute nun ein­mal der stark her­aus­zu­hö­rende, füh­rende Unter­ton: Ein Akkord wie dazu bestimmt, auf der vom jewei­li­gen Ost­wind beflü­gel­ten 20-Kilo­me­ter-Schwin­gungs­reise zu 800 Metern Höhen­un­ter­schied vom Reus­s­tal zur Rengg empor, die Auf­gabe der akkus­ti­schen Trag­flä­che wahr­zu­neh­men. So eine der Beson­der­hei­ten eines in der Tra­di­tion Emmens ver­wur­zel­ten und gewach­se­nen Kir­chen­ge­läu­tes. Erst­mals ver­brieft fin­det man Emmen Dorf so gese­hen, noch vor der Grün­dung der Schwei­ze­ri­schen Eid­ge­nos­sen­schaft, näm­lich im Jahre 1257. Eine Tra­di­tion, wel­che 1828 frü­here Kir­chen­bau­ten durch die heu­tige Dorf­kir­che ersetzt hat, und die in ihrem Turm seit 1880 aus­ser drei frü­he­ren Glo­cken neu gleich noch vier wei­tere, seit­her also deren sie­ben beherbergt.
Begreif­lich im Hause Renggli, dass nicht gleich alle fünf Nach­kom­men Anspruch dar­auf erho­ben, die nächste Gene­ra­tion auf der Rengg zu stel­len. Willy zum Bei­spiel wandte sich nach gründ­li­cher Lebens- und Berufs­bil­dung in der Hei­mat­pfar­rei Ent­le­buch dem Sakristanen-Beruf zu. Das Apar­teste, was er dort wenige Jahre spä­ter erfah­ren konnte, war, Emmen Dorf bedürfe für sei­nen alters­hal­ber zurück­tre­ten­den Sakristan eines Nach­fol­gers. Dar­auf hin­ge­wie­sen zu wer­den war ihm eine ein­zige Ver­ge­gen­wär­ti­gung des­sen, auf wel­chem Weg ihm Emmen seit frü­her Jugend her­auf­ge­däm­mert war. Und das im Ver­trauen – falls, was er nicht aus­zu­schlies­sen gedachte, er der Bewer­bungs­fa­vo­rit sein sollte – dar­auf, etwas Gutes ins Auge gefasst zu haben.
Emmens neuer Sakristan war 1975 nie­mand anders als Willy Renggli. Er kam sich vor wie von einer rei­chen Ern­te­an­kün­di­gung begüns­tigt. Ein­mal im Leben die grosse Ernte ein­fah­ren, wer möchte das nicht!  Fast steht die Redens­art neben dem gezo­ge­nen gros­sen Los. Dem­nach müsste, wer von Beru­fes wegen hand­greif­lichst grosse Ern­ten ein­fährt, der Glück­lichste sein auf Erden. Dem wider­spricht, dass Bau­ern sel­ten auf Heu allein gebet­tet und die Abhän­gig­keit wie auch die Risi­ken viel­fäl­tig sind. Auf urei­gene, signal­haft ver­läss­li­che Klang­wol­ken am Him­mel müsste ihnen wie den Rengg­lis auf der Rengg Ver­lass sein.
Keine Frage, dass ihn sein ers­ter Besuch in Emmen die stei­len, engen Holz­trep­pen hin­auf in die Glo­cken­stube des Kirch­turms führte, denn die As-Glo­cke zu sie­ben Ton­nen Gewicht und je zwei Metern in Höhe und Durch­mes­ser unter den übri­gen sechs Gefähr­tin­nen musste er gese­hen haben. Man sagt, er sei fortan ein wenig in sie ver­liebt gewesen.
Mögen einige Jahr­hun­derte für eine Glo­cke auch im Turm zu Emmen kein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Alter dar­stel­len, sie bleibt sich, ob neu oder alt, treu und bezieht ihre Ton­qua­li­tät aus dem sorg­fäl­tig aus Kup­fer und Zinn legier­ten Bron­ze­guss, ihrer Dimen­sion und Wand­stärke, sowie aus den kunst­ge­recht auf eine ent­spre­chend gestimmte Ton­lage nach­ge­schlif­fe­nen Rippen.

Glocken von Stella Maria - Glarean Magazin
„Hörst Du die Glo­cken von Stella Maria?“

Es fehlt so gese­hen auch am Glo­cken­him­mel nicht an Ster­nen. Wie sonst wäre das sopra­nis­tisch hehr aus­ho­lende „Hörst Du die Glo­cken von Stella Maria?“ in sei­ner schier unver­gleich­li­chen Weite und Schön­heit, ja fast Erha­ben­heit zu erklä­ren, oder das von stimm­ge­wal­ti­gen Mos­kauer Män­ner­chö­ren gera­dezu ein­drück­lich wie­der­ge­ge­bene „Ein­same Kir­chen­glöck­chen in der Taiga“!
Ver­ein­zelte Glo­cken ver­mö­gen aber auch von sich aus welt­weit zu impo­nie­ren. So nicht zuletzt im ita­lie­ni­schen, ohne­hin melan­cho­li­schen Dorf­kir­chen­ge­läute, wo eine ein­zelne dar­aus jeweils die Toten­glo­cke zu mar­kie­ren hat. Und fernab moder­ner Glo­cken-Joche und -Lage­run­gen im Kirch­turm, elek­tro­ni­scher Zeit­schal­tun­gen und Steue­run­gen, nicht zuletzt auch diver­ser Antriebs­tech­ni­ken wirkt eine ein­same Glo­cke auf einer afri­ka­ni­schen Mis­si­ons­sta­tion gera­dezu archa­isch ein­fach; ein urtüm­lich behelfs­mäs­si­ger Stamm in die Ast­ga­beln je eines an Ort und Stelle gewach­se­nen und zurecht gestutz­ten Bau­mes gelegt, und die Glo­cke hängt, zwecks eines statt­li­chen Klangs mit einem Hand­seil dran, unter freiem Himmel.

Die
Die „Tsar-Kolo­kol“ Glo­cke in Moskau

Für sozu­sa­gen zum Schwei­gen abbe­ru­fen hält der Besu­cher im Kreml zu Mos­kau die dor­tige „Kolo­kol“, den mehr als 200-Ton­nen-Rie­sen unter den welt­gröss­ten. Und dann die von Sei­ten der Besu­cher sich gera­dezu auf­drän­gende Frage nach dem Glo­cken­turm, worin die­ser Gigant hänge – und wel­che bau­li­chen Vor­aus­set­zun­gen ihn schad­los schwin­gen las­sen und zum Klin­gen brin­gen. Nun, die Aus­stel­lung daselbst macht kein Geheim­nis dar­aus, dass der Glo­cke beim Gies­sen vor 275 Jah­ren ein gross­brand zum Ver­häng­nis gewor­den ist. Ihm zufolge drang Lösch­was­ser, so sagt man, in die noch nicht erkal­tete Form und sprengte ein Stück von 12 Ton­nen ab. Aus der Erde geho­ben und aus­ge­stellt hat man sie erst 1836, hun­dert Jahre spä­ter, ohne dass sie jemals einen Klöp­pel zum Schwin­gen und volu­mi­nö­sen Schla­gen gebracht hätte.
In einem preis­ge­krön­ten Süd­ti­ro­ler Lied grüs­sen die Glo­cken „die Glet­scher und das ewige Eis“ – ver­gleichs­weise beschei­den erfüllt der berühmte Big Ben im Lon­do­ner West­mins­ter-Uhr­turm die ihm zuge­dachte Auf­gabe ohne Anspruch dar­auf, dabei von aus­sen beob­ach­tet wer­den zu kön­nen. Der mäch­tige Stun­den­schlag sichert dem 13-Tön­ner die Publi­kums­gunst auf immer auch hin­ter sei­nen Turmlucken-Lamellen.
Glo­cken­ge­läute: Ihm ver­dankt eine Gemein­schaft, am klang­lich hoch­ko­lo­riert ratio­na­len, emo­tio­na­len oder reli­giö­sen Puls­schlag einer Gesell­schaft, ja einer Nation (hier­zu­lande vor­nehm­lich aus Anlass der Bun­des­feier), aber auch gemein­sa­mer christ­li­cher Fest- und Fei­er­tage zu ste­hen. Kanada zum Bei­spiel liess die Welt ihre 400-Jahre-Stadt und lan­des­weit grösste Pro­vinz Que­bec durch sei­nen vom Atlan­tik bis zum Pazi­fik ver­ein­ten Glo­cken­klang ver­neh­men, am 1. Juli 2008. Und das Cha­rak­ter­bild einer unver­kenn­bar Jahr­hun­derte alten Glo­cke mar­kierte im Früh­jahr 2008 das Titel­bild einer bekann­ten Jesui­ten-Zeit­schrift; geweiht ist sie, ihrer Inschrift gemäss, „in nomine Jesu“ dem hei­li­gen Petrus („San Pedro“). Sie steht für die im 17./18. Jahr­hun­dert wäh­rend 150 Jah­ren im Para­gua­ya­ni­schen Urwald geführte und inzwi­schen wie­der fort­ge­setzte India­ner-Gua­rani-Mis­sion. Unüber­seh­bar daran, dass sie die 250 Jahre Zwi­schen­zeit etwas mit­ge­nom­men haben, aber auch, dass sie all die lange Zeit dazu über­stan­den hat, die Mis­si­ons-Pio­nier­ar­beit heute erst recht wie­der zu beflü­geln. Ihr im Busch ver­brach­tes Vier­tel­jahr­tau­send kommt der zwei­ten Dimen­sion ihrer Bot­schaft gleich…

Die berühmte Bourdon Bell in der River-Side-Church Manhattan
Die berühmte Bour­don Bell in der River-Side-Church Manhattan

Eines mehr nord­ame­ri­ka­ni­schen Bekannt­heits­gra­des erfreut sich das Geläute im Turm der River-Side-Church im nörd­li­chen Man­hat­tan der Rie­sen­me­tro­pole New York. Das Beson­dere daran: ihr Glo­cken­spiel. Und wenn immer aus Anlass einer gros­sen Feier auf dem St. Peters­platz in Rom dank welt­wei­ter Fern­seh­über­tra­gung ein­drück­li­che Bil­der über den Bild­schirm gehen, dann zum jewei­li­gen Aus­klang aus der links­sei­ti­gen Dom­ni­schen-Höhe stets auch das impo­sante Erschei­nungs­bild und der voll­runde Klang der wuch­ti­gen As-Glocke.
Sterne am Glo­cken­him­mel: Eine Viel­zahl von Zeit­ge­nos­sen könnte sich viel­leicht vor­stel­len, ihre Lieb­lings­glo­cke, wo auch immer rund um die Welt, unterm zeit­ge­mäs­se­ren Star (=Lieb­ling) ange­führt zu erhal­ten. Eine rei­che Viel­falt des­sen, was der Inbe­griff einer „Lieb­lings­glo­cke“ sein kann, wäre ver­mut­lich die Folge. Vor allem aber sähen sich wahr­schein­lich, und das viel­leicht nicht zu Unrecht, in nur halb so berühm­ten Tür­men und Geläu­ten thro­nende Glo­cken oder Glo­cken­spiele, lokale nicht aus­ge­nom­men, zum Star erhoben.
Wenn hier­zu­lande ein Wahr­zei­chen archi­tek­to­nisch und klang­lich Luzerns stolze Tra­di­tion mit­ver­kör­pert, dann die Hof­kir­che. Noch bis vor 100 Jah­ren hat sich ihr klang­vol­les, von den bei­den Tür­men in die Stras­sen und Gas­sen hin­un­ter zum Got­tes­dienst rufen­des Geläute seit jeher mit dem Knar­ren der ver­keh­ren­den Pfer­de­fuhr­werke und dem Knat­tern der Kut­schen ver­mengt. Ob’s beim Ablauf ihrer je eige­nen Schall­wel­len län­ger (will sagen: erkleck­li­cher) ablief als ange­sichts des heu­ti­gen unauf­hör­li­chen Moto­ren­ge­dröhns sei, den Ton­meis­tern anheim gestellt. Es braucht sich sol­cher­lei aber gar nicht immer nur an his­to­risch-kul­tu­rell berühm­ter Stelle abzu­spie­len: Wer am spä­ten Sams­tag­nach­mit­tag die Emmen Cen­ter-Restau­rants ver­spä­tet ver­lässt, hört sich sozu­sa­gen im Sinne einer nächs­ten Ein­la­dung draus­sen vom die See­tal-Strasse säu­men­den Kirch­turm St.Maria herab auch schon zum Sonn­tag will­kom­men geheissen.
Sage zudem noch jemand, die Zeit der „Glo­cken der Hei­mat“ am Sams­tag­abend über Radio DRS sei nach all ihren Jahr­zehn­ten im Pro­gramm abge­lau­fen! Nach wie vor gehen sie, gewiss nicht ohne Zuhö­rer­schaft, regel­mäs­sig über den Aether.
Glö­ckel­ein von Munots Gna­den und sein Klin­gen, das, was Schaff­hau­sen und dar­über hin­aus seine Freunde lan­des­weit aus dem Her­zen singt: Zart in sei­nem klang­li­chen Auf­tritt und lie­be­voll im nicht weni­ger bekann­ten Lied besun­gen, dürfte es jedoch, weil im „Hohen Turm“, dem Höchs­ten sei­nes für seine Stadt his­to­risch wehr­haf­ten Munots zu Hause, gleich­zei­tig aber auch als Respekts­si­gnal ver­stan­den werden.

Pfarrkirche Malters (Kanton Luzern)
Pfarr­kir­che Mal­ters (Kan­ton Luzern)

Unter ande­ren Ster­nen am Glo­cken­him­mel wie das Ber­ner Müns­ter, die Kathe­drale Fri­bourg, wo eine 650-Jäh­rige treue Dienste erfüllt, kann die Glo­cken­stube zu Mal­ters für sich bean­spru­chen, ihre wohl­klin­gen­den Schütz­linge im höchs­ten katho­li­schen Turm unse­res Lan­des zu 98 Metern zu beherbergen.
Wie metal­lisch zart fili­gra­ni­ert kommt, wenns ebenso zart säu­seln­den Win­den gefällt, ein Geläute über einen dazwi­schen ste­hen­den Wald in Emmen­brü­cke daher! Ger­lis­wils Glo­cken­klang (Gemeinde Emmen) liess sich, 1924 ein­ge­weiht und in Betrieb genom­men, in der Ger­lis­wil­Strasse drun­ten noch sehr wohl mit dem Knar­ren von Pfer­de­fuhr­wer­ken ver­mengt ver­neh­men, wenn er zum Gebet oder Got­tes­dienst rief. Auch waren die von der Glo­cken­stube bis ins Turm­par­terre her­un­ter­hän­gen­den Hand­seile, wie damals not­wen­di­ger­weise noch nicht anders üblich, dazu da, von treuen, kräf­ti­gen Hel­fern, auf dass es kunst­ge­recht klinge, gezo­gen zu wer­den. Ein für man­chen heu­ti­gen Senior unver­gess­li­ches Erlebnis!

Etwas vom Gars­tigs­ten aller­dings, wel­ches der all­mäh­lich 100jährigen Pfarr­kir­che Ger­lis­wil (1915-2015) wider­fah­ren konnte, war die Aus­ge­burt des längs­ten Tages 2007 in Gestalt eines Gewit­ter­sturms fast ohne­glei­chen. Ein in der Fach­spra­che unter klas­si­scher Kalt­front ange­kün­dig­ter Wet­ter­um­sturz hatte es in sich, Schre­cken zu ver­brei­ten und den 21. Juni 2007 zu einem Schat­ten sei­ner selbst zu machen. Es bot sich das Bild eines wie­der zur Nacht gewor­de­nen Mor­gens. Eine bedroh­lich düs­tere, von Sturm­win­den, Regen­güs­sen, Hagel, Blitz und Don­ner gezeich­nete Wol­ken­wand wälzte sich unter Getöse ein­her, als hätte sie’s aus­ge­rech­net auf die nörd­li­chen Vor­orte Luzerns abge­se­hen. Da sass man ohne jede Ahnung davon, was ihre flä­chen­mäs­sige Aus­deh­nung und das Schick­sal der Nach­bar­schaft betref­fen mochte, mit­ten drin in einem hoch dar­über zum gera­dezu kochen­den Kumu­lus-Gebräu gezeug­ten nass­trie­fen­den Hexenkessel!

Gewitter über der Seebucht in Luzern (Glarean Magazin)
Gewit­ter über der See­bucht in Luzern (Glarean Magazin)

Unheim­lich daran vor allem die mit weiss­li­chen Hagel­böen ver­meng­ten, sturz­bach­ähn­li­chen Regen­wände her­nie­der­fe­gen zu sehen, bis nackt­tro­cke­ner Hagel den Hexen­kes­sel end­gül­tig zur Hölle machen könnte. Dazu unter bers­ten­den Don­ner­kra­chern das pau­sen­lose Jagen der Blitze! Und dies alles in so gros­ser Boden­nähe, dass einem, mög­li­cher Ein­schläge wegen – den ins dia­bo­li­sche Wol­ken­ge­bräu hin­ein­ra­gen­den Kirch­turm Ger­lis­wils nicht aus­ge­nom­men – fast bange wurde. Dann aber urplötz­lich das Uner­war­tete: Die sechs Glo­cken der Ger­lis­wi­ler Pfarr­kir­che setz­ten zum Sturm­läu­ten an! In ähn­li­chen Fäl­len seit jeher, in jün­ge­rer Zeit jedoch kaum mehr prak­ti­ziert, hatte es dabei diese Klage zum Him­mel in sich: Das beklem­mende Erleb­nis einer in die­ser Tem­pie­rung und Zusam­men­set­zung viel­leicht noch nie dage­we­se­nen Klang­wolke war voll­stän­dig. Blitz, Don­ner­bers­ten und -Kra­chen, Sturm­wind, sturz­bach­ähn­li­ches Regen­pras­seln und Hagel­ge­ha­cke ver­mengt nun mit die­sem kla­gen­den Geläute!

Nun, in einen ver­hee­ren­den Hagel­schlag gekippt, so wie anderswo, ist das wilde Fegen ent­fes­sel­ter Gewit­ter­sturm­kräfte nun doch nicht. Aber der Mann an der Ger­lis­wi­ler Glo­cken­steue­rung war wenig spä­ter der dar­auf Ange­spro­chene: „Wie fühlt man sich, wie­der ein­mal zum Sturm­läu­ten her­aus­ge­for­dert gewe­sen zu sein?“ – „Das war es gar nicht; der Zeit­punkt deckte sich nur genau mit einem Begräb­nis, wozu bekannt­lich die Toten­glo­cken in Aktion zu tre­ten haben“, lau­tete der knappe Bescheid. Also ein von solch infer­na­li­schen Pau­ken­schlä­gen ange­führ­ter Rie­sen­spek­ta­kel zum Abschied eines Mit­men­schen, als habe die­ser auf sein mensch­lich End­zeit­li­ches auf­merk­sam zu machen! Und zwar auf den in sei­nem 75. Alters­jahr zu Grabe getra­ge­nen Fritz Arnold, der offen­bar abseits eines gros­sen Bekann­ten­krei­ses kaum von sich reden gemacht und zu den Stil­len im Lande gezählt haben musste. Gelebte Beschei­den­heit offen­bar, die sich kaum je die Frei­heit genom­men hatte, zu irgend einer aty­pi­schen Jah­res­zeit ein wenig Fas­nacht zu spie­len, statt­des­sen die Jah­res­zei­ten mit ihren Beson­der­hei­ten annahm und sie lebte…

Gewitterszene aus Les grandes inventions anciennes et modernes dans les sciences, l'industrie et les arts (1870)
Gewit­ter­szene aus Les gran­des inven­ti­ons anci­en­nes et moder­nes dans les sci­en­ces, l’industrie et les arts (1870)

Fra­gen, wie sie sich beim Zusam­men­prall sei­nes Begräb­nis­ses mit solch einem Wit­te­rungs­eklat stel­len, und wie sie sich auch dem Ame­ri­ka­ner Bob Dylan in sei­nem ein­fühl­sa­men Lied „Blo­wing in the wind“ stel­len: „How many times must the man look up before he can see the sky?“ – „Wie viele Male muss der Mensch empor schauen, bis er den Him­mel zu sehen ver­mag?“ – „The ans­wer my fri­end“, fin­det der Sän­ger, „is blo­wing in the wind“. – „Die Ant­wort, mein Freund, die treibt im Winde“. – Im Wind, der im bibli­schen Pfingst­be­richt nie­mand ande­res ist als Got­tes Hei­li­ger Geist, daher­ge­fah­ren im himm­lisch gewal­ti­gen Sturmgebraus.
„How many roads must a man walk down…?“ – „Wie viele Wege muss ein Mensch gegan­gen sein, bevor Du ihn einen Men­schen nen­nen kannst?“ – „The ans­wer my fri­end is…“ – „Die Ant­wort auf die Frage nach sei­ner und jeder­manns Würde, mein Freund, treibt im Winde dahin“.
Im Wind, der, Stun­den nach dem Begräb­nis Fritz Arnolds und nach­dem die in Moll auf­spie­lende Orgel ver­stummt und der Segen über den Ver­stor­be­nen und die Gemeinde erteilt waren, wie­der im Abflauen begrif­fen war, auch die dämo­ni­sche Wol­ken­wand sich auf­löste und die Don­ner­schläge wie leer­ge­schos­sen, metal­lisch hohl in der öst­li­chen Ferne aus­klan­gen – „The ans­wer, my fri­end, is blo­wing in the wind“… ♦


Franz TrachselFranz Trach­sel
Geb. 1933, lang­jäh­ri­ger Lokal- und Kul­tur­jour­na­list bei ver­schie­de­nen Print­me­dien, Kurz­prosa in Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten, lebt in Emmenbrücke/CH

Lesen Sie im Glarean Maga­zin von Franz Trach­sel auch die Humo­reske Wie­nerli in kul­tu­rel­ler Schräglage

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