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„Der Geist von Neger- und Indianer-Melodien“

Heute vor … Jahren: Sinfonie "Aus der Neuen Welt" von Antonín Dvořák

Walter Eigenmann · 16. Dezember 2007

Am 16. Dezember 1893 hört die Welt erstmals eine der berühmtesten Sinfonien der Musik-Geschichte: Unter der Leitung des deutschen Dirigenten Anton Seidl wird in der New Yorker Carnegie Hall vom Orchester der Philharmonischen Gesellschaft die 9. Sinfonie in e-Moll von Antonín Dvořák uraufgeführt.

Was an der (während Dvořáks dreijährigem Amerika-Aufenthalt entstandenen) Neunten wirklich „amerikanisch“ ist, hat der Komponist selber noch vor der Uraufführung klargestellt: „Es ist der Geist von Neger- und Indianer-Melodien, den ich in meiner neuen Symphonie zu reproduzieren bestrebt war. Ich habe keine einzige jener Melodien benützt. Ich habe einfach charakteristische Themen geschrieben, indem ich ihnen Eigenarten der indianischen Musik eingeprägt habe, und indem ich diese Themen als Gegenstand verwendete, entwickelte ich sie mit Hilfe aller Errungenschaften des modernen Rhythmus, der Harmonisierung, des Kontrapunktes und der orchestralen Farben.“ („New York Herald“ vom 12. Dezember 1893).

15’000 Dollar und eine Stelle in New York

Antonin Dvorak (1841-1904)
Antonin Dvorak (1841-1904)

Nach New York gelockt hatten Dvořák die 15’000 US-Dollar, die ihm die reiche Kaufmanns-Witwe und Kunstmäzenin Jeannette Thurber als Jahresgehalt versprach, wenn er als Direktor und Kompositionslehrer an dem von ihr gegründeten National Conservatory of Music wirke. Dvořák trat die Stelle im September 1892 an — in Begleitung seiner Familie — und blieb immerhin bis April 1895.

Neben seiner Lehrtätigkeit befasste sich Böhmens berühmtester Musik-Export auch mit der Folklore der damaligen europäischen Auswanderer, mit der synkopischen Rhythmik der Afroamerikaner und der pentatonischen Melodik indianischen Ursprungs — musikalische Elemente, die allesamt massgeblich und problemlos hörbar in die Neunte einflossen. Allerdings zitiert die formal durchaus traditionell strukturierte Sinfonie keine „indianischen Weisen“, wie das begeisterte Zeitgenossen herausgehört haben wollten, und das böhmisch-tschechische Volks-Kolorit aus des Komponisten Heimat ist in der Sinfonie mindestens ebenso präsent wie die typischen „Amerikanismen“.

Vier Sätze, ein zyklischer Bogen

Formal hält sich Dvořák an den klassischen sinfonischen Rahmen — vier Sätze, Sonatenform im Kopfsatz, ein lyrisches Largo als Herzstück, ein tänzerisches Scherzo und ein furioses Finale —, doch füllt er dieses Gehäuse mit einem für ihn typischen Kunstgriff: Leitmotivisch kehren Themen aus früheren Sätzen im Finale wieder, als würde die Sinfonie am Ende ihren eigenen Weg nochmals abschreiten.
Bereits der erste Satz etabliert, was die ganze Neunte durchzieht: ein Hauptthema der Hörner, das — in e-Moll, drängend, fast marschhaft — sofort im Ohr bleibt, und ein kantables Gegenmotiv der Flöte, das kaum „böhmischer“ klingen könnte. Dazwischen walten synkopische Verschiebungen und jene charakteristischen Hornquinten, die dem Satz etwas seltsam Weites, Unabgeschlossenes geben.

Dvorak-Autograph: Titelblatt der 9. Sinfonie
Dvorak-Autograph: Titelblatt der 9. Sinfonie

„Goin‘ Home“ im Englischhorn

Das berühmteste Thema des Werkes aber gehört dem zweiten Satz: jene schwebende Des-Dur-Melodie des Englischhorns — eines Instruments, das in der sinfonischen Literatur bis dahin kaum solistisch in Erscheinung getreten war —, die Dvořáks Schüler William Arms Fisher später mit dem Text „Goin‘ Home“ versah, und die seither als vermeintlich echtes Spiritual durch die Welt geistert, obwohl sie eine genuine Erfindung des Komponisten ist. Ihr Geheimnis — wie das so vieler Themen der Neunten — liegt in der Pentatonik: Die Fünftonleiter, ohne Halbtonschritte, offen und modal, ist das eigentliche Scharnier zwischen Dvořáks böhmischem Erbe und dem, was er als „Geist“ der amerikanischen Ureinwohner-Musik empfand. Denn pentatonische Strukturen durchziehen beide Volksmusik-Kulturen gleichermassen — was erklärt, warum die Neunte gleichzeitig so „amerikanisch“ klingt und so unverkennbar nach Dvořák.

Ein paar pentatonische Keimzellen

Der "New York Herald" vom 16.12.1893: "Dr. Dvorak's Great Symphony"
Der „New York Herald“ vom 16.12.1893: „Dr. Dvorak’s Great Symphony“

Das Scherzo des dritten Satzes — rhythmisch scharf, mit einem fast staccatohaften Hauptthema in den Streichern und einem Trio, das ins Tänzerisch-Volkstümliche ausschert — dürfte Dvořák im Sinn gehabt haben, als er von der „indianischen Melodik“ sprach: Es ist die Stelle der Sinfonie, an der der Puls am spürbarsten wechselt. Und das Finale schliesslich, ein Allegro con fuoco, das in c-Moll beginnt und nach stürmischer Entwicklung in E-Dur endet, zitiert und beschliesst alles Vorangegangene — eine in ihrer Ökonomie fast demonstrativ wirkende Geste, als hätte Dvořák zeigen wollen, wie viel sinfonische Welt sich aus ein paar pentatonischen Keimzellen gewinnen lässt.

Hype in der New Yorker Presse

Um die US-Uraufführung unter Seidl wurde in den dortigen Medien ein regelrechter Rummel entfacht. Die führenden Tageszeitungen präsentierten lange vor dem Konzert umfangreiche Artikel und Analysen inkl. Notenzitate. Kritiker wie Publikum feierten Werk und Komponist überschwänglich, und von Übersee aus trat schliesslich Dvořáks sinfonisches Glanzstück seine Reise in alle Konzertsäle der (europäischen) Welt an. Bis heute ist „Aus der Neuen Welt“ Dvořáks berühmtestes Orchester-Opus und zählt überhaupt zu den weltweit am häufigsten aufgeführten Werken der Kunst-Musik.  ♦

Lesen Sie zum Thema Klassische Orchestermusik auch über Claude Debussy: Prélude a l’après-midi d’un faune


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