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Vergessene Bücher (05): "Der wiedergefundene Freund" von Fred Uhlman

Christian Busch · 29. Juli 2026

„He came into my life in February 1932 and never left it again. More than a quarter of a century has passed since then, more than nine-thousand days, desultory and tedious, hollow with the sense of effort or work without hope-days and years, many of them as dead as dry leaves on a dead tree.“ Mit diesen Worten beginnt das engl. Original von „Der wiedergefundene Freund“ des Exil-Autors Fred Uhlman — die Geschichte einer kurzen, aber magischen Freundschaft: Die Geschichte von Hans Schwarz, Sohn eines jüdischen Arztes, und Konradin von Hohenfels, Spross eines hohen deutschen Adelsgeschlechts; der zaghafte Beginn im Klassenzimmer des humanistischen Gymnasiums, die Zeit des Einverständnisses, Stuttgart, Tübingen und die romantische, schwäbische Neckar-Landschaft, das freigeistige Studium der klassischen deutschen Literatur, die Diskussionen über Gott und die Welt, doch dann die sich wandelnden gesellschaftlichen Verhältnisse, die Trennung und das tragische Ende, die „Reunion“.

Ein umfangreicher Stoff für mindestens 300 Seiten, wenn Thomas Mann ihn bearbeitet hätte, bei Fred Uhlman nur ein kleines Büchlein, gattungsmässig der Novelle nahe stehend, eine Art hymnische Elegie, 19 kurze Kapitel, gerade mal 90 Seiten, „Grosse Oper“ in Miniaturformat, das äusserst komprimiert und in dicht gedrängten Erzähleinheiten – wie sich im Verlauf erweist – so ganz nebenbei auch noch eines der folgenreichsten Kapitel deutscher Geschichte beschwört.

Wilde Rosen und klirrende Fahnen

Der wiedergefundene Freund - Fred Uhlman - Diogenes Verlag - Glarean Magazin

Doch davon ist zunächst keine Rede, es geht um Freundschaft, und zwar um eine besondere, die vom Ich-Erzähler Hans Schwarz folgendermassen charakterisiert wird: „Between the ages of sixteen and eighteen boys sometimes combine naïve, innocence, a radiant purity of body and mind, with a passionate urge to an absolute and selfless devotion. The phase usually only lasts a short time, but because of its intensity and uniqueness it remains one of life“s most precious experiences.“ Den Rahmen der Handlung bildet Stuttgart in Württemberg, das als Freistaat zum ehemals heilen Deutschland gehört. Ein Idyll, das in engem Zusammenhang zur Kamerad- und Freundschaft der beiden Protagonisten steht: „they could see, between trees and laurel bushes the forests stretching away for miles and the Neckar flowing along between cliffs, castles, poplar trees, vineyards and ancient towns towards Heidelberg, the Rhine and the North-Sea… thousand of lights, the air hot and fragrant with the smell of jasmine and lilac; and on all sides the voices, the singing and laughter of contented citizens, getting rather sleepy from too much food or amorous from too much drink.“ Dazu die traditionsreiche, legendäre Vergangenheit der Staufer, die klassischen Dichter und Denker (Schiller, Mörike, Uhland, immer wieder sind Hölderlinsche Verse in den Erzählduktus eingebaut), all das – auf engstem Raum – evoziert ein Deutschland, das wie ein versunkenes Paradies anmutet. Doch dann kommt die Politik ins Spiel; die Freundschaft zerbricht, weil Konradin an Hitler glaubt und Hans von seinen Eltern nach Amerika geschickt wird. Er wird Deutschland nicht wiedersehen, nie wieder deutsch reden, nie wieder ein Gedicht von Hölderlin lesen: „Weh mir, wo nehm ich, wenn / Es Winter ist, die Blumen, und wo / Den Sonnenschein / Und Schatten der Erde?“, so hiess es in Hölderlins „Hälfte des Lebens“, dem Lieblingsgedicht von Hans und Konradin.

Grosse Oper in Miniaturformat

Gleicht Uhlman dem alten Leiermann aus Schuberts Winterreise, dessen Lebensglück unwiderruflich zerbrochen ist, und der nur noch, vergangene Zeiten beschwörend, seine Leier dreht? Doch es kommt anders: Der Schluss von Reunion (engl.: Wiedersehen, Versöhnung) ist apokalyptisch, von subtiler Grausamkeit, aber gleichsam versöhnlich, als ob zwei innerlich zerrissene Menschen sich über einem Abgrund die Hände reichen. Uhlman sendet aus dem Exil der Neuen Welt mehr als ein deutsches Wintermärchen, statt einem „So kam ich unter die Deutschen“ ein „Nur zu Zeiten erträgt göttliche Fülle der Mensch / Traum von ihnen ist darauf das Leben. Aber das Irrsal Hilft wie Schlummer, und stark machet die Not und die Nacht“.

Thomas Mann und Heinrich Heine - Literatur-Exilanten - Glarean Magazin
„Leiden an Deutschland“: Exilanten Thomas Mann und Heinrich Heine

Der englische Text deutschen Geistes – unverkennbar deutsche Literatur – stammt (wen wundert’s noch) – von einem Autor, dessen Wurzeln zutiefst im Deutschen anzusiedeln sind, der gleichwohl aus Gram über seine Heimat, ihre Sprache und Kultur verworfen hat. Und es ist wieder die Sprache, deren deutsche Spuren noch im englischen Original zu erkennen sind, die einen Grossteil der Qualität des Büchleins ausmacht. Sie ist schlicht, unaufdringlich und unpathetisch, aber von grosser Kraft und verführerischer Musikalität; als ob Mozart die Götterdämmerung umgeformt hätte, wie Arthur Koestler in seiner Einführung zur englischen Erstveröffentlichung im Jahre 1977 vermerkt. Es bleibt ein Nachgeschmack wie der Duft eines Landweins in einer dunkelgetäfelten Schenke am Neckar oder am Rhein, so Koestler weiter. Und er hat recht. Was wir vor uns haben, ist keine nach Gerechtigkeit schreiende, in enzyklopädischer Manier die Grausamkeiten der arischen Rasse aufzählende, sich auf eine nach faulen Knochen stinkende Anklageschrift stützende Stimme, deren Zeigefinger sich vor dem geistigen Auge des Lesers erhebt – das Wort „Auschwitz“ fällt nicht – , sondern ein Autor, dessen Eltern zwar von den Nazis umgebracht wurden, der, heimatvertrieben, entwurzelt, gedemütigt, nun mittels des Englischen mit seiner „Liebeserklärung an Deutschland“ ringt- „…schwer verlässt / Was nahe dem Ursprung wohnet, den Ort“. Ein Schicksal eines Exilanten à la Heinrich Heine, Thomas Mann und anderer, zusammengefügt unter dem Schlagwort „Leiden an Deutschland“, das bewältigt sein will und dies nur in der Kunst vermag. Insofern fungiert die Figur des Konradin von Hohenfels wohl weniger – wie vermutet – als Anspielung auf eine fragliche Freundschaft des Autors mit Graf Claus Schenk von Stauffenberg, sondern vielmehr als Personifikation all dessen, was Deutschland ist. Uhlman stiftet in der Fiktion, was die Wirklichkeit ihm versagte.

Ein Träumer „dans la lune“

Fred Uhlman - Kurt Schwitters - Glarean Magazin
Fred Uhlman (Gemälde von Kurt Schwitters)

Beharrlich bewahrt er das Andenken an eine kurze, aber unvergessene und unauslöschliche Episode seiner Jugend; „was bleibet aber“, stiften die Dichter (Hölderlin). Paris, Tossa del Mar, London – „Denk ich an Deutschland in der Nacht…“. 1901 in Stuttgart geboren, charakterisiert sich Uhlman selbst in seinem autobiographischen Bericht „The Making of an English man“ selbst als Träumer, der „dans la lune“ lebt, worunter seine schulischen Leistungen leiden. Sein Wunsch, einmal Dichter zu werden, erfüllt sich zunächst nicht. Er studiert einige Wochen Zahnmedizin in Freiburg, dann stellt ihn sein Vater – dem Wunsch des Sohnes nach einem Studium der Kunstgeschichte entschieden entgegentretend – vor die Entscheidung, entweder in seinem kaufmännischen Betrieb als Lehrling anzufangen, oder Jura zu studieren.
So studiert Uhlman Jura, zunächst in München, dann in Tübingen, ohne jedoch die schönen Künste zu vernachlässigen. Der heiligste Ort in Tübingen bleibt für ihn, der in der Hölderlin-Renaissance lebt, der Hölderlin-Turm, in dem der grösste deutsche Dichter von 1806 bis zu seinem Tod 1843 gelebt hat. Zu seiner Überraschung besteht Uhlman sein Examen, um sich 1924 wieder in Stuttgart niederzulassen, zunächst als Referendar, dann als Anwalt. In den 1930er Jahren engagiert er sich auch politisch, arbeitet mit Kurt Schumacher zusammen. Nach der Machtergreifung durch die Nazis flüchtet Uhlman im März 1933 zunächst nach Paris, „la ville des arts“, die ihn zum Malen inspiriert. Da er vom Verkauf der Bilder nicht leben kann, lässt er sich von einem windigen Zoologen zu der Züchtung von Fischen überreden (Aquatropica), was sich als Reinfall erweist, und seiner kaufmännischen Karriere ein jähes Ende setzen wird.

Ermordet „unter den üblichen Umständen“

Aus finanziellen Schwierigkeiten heraus geht Uhlman im April 1936 nach Tossa del Mar, einem kleinen Fischerdorf an der spanischen Costa Brava. Als dort der Bürgerkrieg ausbricht, folgt er Diane Croft, Tochter eines britischen Parlamentsabgeordneten, nach London, in ein ihm völlig fremdes Land, von dessen Sprache er kein Wort versteht. Später heiratet er Diane. Wenige Wochen vor der Geburt seiner ersten Tochter wird Uhlman im Juni aus Sicherheitsgründen für sechs Monate in einem Gefangenenlager für deutsche Emigrierte in Ascot und der Isle of Man interniert. Seine Familie gerät dagegen in den unausweichlichen Strudel nationalsozialistischer Verfolgung und Vernichtung. Uhlmans Schwester wirft sich Ende 1944 mit ihrem Baby unter einen nach Auschwitz fahrenden Zug, seine Eltern sterben in Theresienstadt „unter den üblichen Umständen“.

Versöhnung und Frieden mit Deutschland

Doch dann kehrt Ruhe in das Leben Fred Uhlmans, er widmet sich der naiven Malerei und beginnt zu schreiben. Seine Biographie endet mit den Worten: „Dies ist die Geschichte eines mittelmässigen Menschen und seiner Zeit […], eines Mannes, der egoistischer Weise vielleicht, glaubte, dass es wichtiger sei, gute Bücher zu schreiben als in 24 Sekunden um die Welt zu reisen, dass es wichtiger sei, gute Bilder zu malen als ein Vermögen zu erwerben und dessen einziges Ziel – leider nicht zu verwirklichen – es war, sich den Sternen zu nähern, nicht mit Hilfe einer Rakete, sondern durch die Reinheit seiner Kunst.“ Am 11.4.1985 stirbt er in London.
In einem kurz vor seinem Tod der französischen Tageszeitung „Le monde“ gegebenen, am 22.2.1987 veröffentlichten Interview gesteht Uhlman den Deutschen: „Je suis Allemand, je suis né Allemand. Je ne passerai pas ma vie à vous haïr.“

Zur Rezeption

Fred Uhlman - Die Boote - Öl-Gemälde - Glarean Magazin
Fred Uhlman: „Die Boote“ – Ölgemälde

Lediglich zwei seiner Werke sind im deutschen Buchhandel überhaupt erhältlich: Seine hochinteressante Biographie „The Making of an English Man“ und eben „Reunion / No Coward Soul“ („Der wiedergefundene Freund /Mit neuem Namen“). Weitere Werke wie „And no resurrection, please“ und „Beneath the lightning and the moon“ sind nur in französischer Sprache erschienen. Die Editionsgeschichte von „Reunion“, um 1960 geschrieben, 1971 in den USA erstmalig erschienen, 1977 in England, 1978 in Frankreich (1985 meistverkauftes Taschenbuch!), Holland, Skandinavien, Spanien, Portugal und Israel und im Diogenes-Verlag auch in Deutschland veröffentlicht, spiegelt Uhlmans Verhältnis zu seiner Heimat wider.

Wer sich über Fred Uhlman informieren oder sich einen grösseren Einblick in sein literarisches Werk verschaffen will, muss dies vor allem in Frankreich tun, wo sein Buch unter dem Titel „L’ami retrouvé“ zum Schulbuch-Klassiker und Paradelehrstück über Deutschland wurde. Ein gleichnamiger, 1989 als französisch-deutsch-englische Koproduktion gedrehter Film von Harold Pinter und Jerry Schatzberg vermochte die Popularität Uhlmans in Deutschland ebenfalls nicht zu forcieren. Obwohl er geschickt Fiktion mit autobiographischen Elementen verknüpft, kann man den Film heute als DVD/Blu-Ray „L’ami retrouvé“ nur in Frankreich mit englischer und französischer Tonspur erwerben, obwohl der Film auch deutsch synchronisiert wurde.

„Hunderte dicker Bände sind über die Jahre geschrieben worden, in denen die Herrenrasse ihre Reinheit wahren wollte, indem sie aus Leichen Seifen machte, und doch wird dieses schmale Bändchen seinen dauerhaften Platz in den Bücherregalen finden. Ein Meisterwerk“, urteilte Arthur Koestler. Möge dieses kleine Büchlein seinen dauerhaften, ihm gebührenden Platz auch der deutschen Nachwelt finden, und sich und dem Autor damit das verschaffen, was diesem zu Lebzeiten versagt blieb: „Was ich besitze, seh‘ ich wie im Weiten, / Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten“. ♦

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