Gabriele Hofmann (Hrsg): Musik & Gewalt

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 3 Minu­ten

Musik im Fokus der Gewaltforschung

von Walter Eigenmann

Gewalt­as­so­zi­ierte Musik­gen­res und -for­men kon­su­mie­ren Jugend­li­che täg­lich. Die Musik­wis­sen­schaft­le­rin Gabriele Hof­mann und ihr Autoren-Team gehen in ihrem Sam­mel­band „Musik & Gewalt“ mul­ti­per­spek­ti­visch der Frage nach, wie die Rele­vanz von „Gewalt­tex­ten“ ein­zu­schät­zen ist. In sie­ben Ein­zel­re­fe­ra­ten wer­den die aggres­si­ven Ten­den­zen in musi­ka­li­schen Jugend­kul­tu­ren thematisiert.

In ihrem Ein­gangs­bei­trag umreißt Ste­fa­nie Rhein den Kon­text der Dis­kus­sion: „Affi­ni­tä­ten zu bestimm­ten Jugend­kul­tu­ren wie auch ent­spre­chende Distan­zie­run­gen die­nen der kul­tu­rel­len Selbst­po­si­tio­nie­rung und der Kon­struk­tion kul­tu­rel­ler Iden­ti­tät. Ent­schei­dun­gen im Hin­blick auf musik- und jugend­kul­tu­relle Zuge­hö­rig­kei­ten sind nicht not­wen­dig Ent­we­der-Oder-Ent­schei­dun­gen: Jugend­li­che zäh­len sich […] oft zu kei­ner Szene, son­dern pen­deln zwi­schend den ver­schie­de­nen Sze­nen im jugend­kul­tu­rel­len Raum hin und her, ohne sich dau­er­haft fest­zu­le­gen.“ Dar­über hin­aus gelte: „Wenn von gewalt­hal­ti­ger Musik […] die Rede ist, trifft dies in der Regel nicht die Musik an sich, son­dern in ers­ter Linie die Texte, die visu­elle Umset­zung (Musik­vi­deos) oder die Live-Insze­nie­rung (Kon­zerte)“.

Aktivierung neuronaler Netzwerke

Gabriele Hofmann - Musik & Gewalt - Aggressive Tendenzen in musikalischen JugendkulturenWäh­rend der Bei­trag „Ist das schon Gewalt?“ von Ben­ja­min Elser die Geschlech­ter-Ste­reo­ty­pen als Gewalt­dar­stel­lun­gen in Musik­vi­deos ana­ly­siert, rücken die Autoren M. Gut­scher, H. Schramm und W. Wirth den Ein­fluss audi­tiver Gewalt­dar­stel­lung auf das Aggres­si­ons­ni­veau in den Fokus. Ihre Stu­die geht der Frage nach, ob Musik mit gewalt­tä­ti­gen Tex­ten einen Ein­fluss auf das Aggres­si­ons­ni­veau von Rezi­pi­en­ten hat. Dabei schrei­ben sie der Akti­vie­rung von entspr. neu­ro­na­len Netz­wer­ken eine bedeu­tende Rolle zu: Aggres­sive Text­in­halte in Musik­stü­cken stei­gern das situa­tive Aggres­si­ons­ni­veau, die Inter­pre­ta­tion von Wort­be­deu­tun­gen wird durch sie beein­flusst und die Zugäng­lich­keit zu aggres­si­ven Begrif­fen erhöht.

Rebellen mit der Gitarre in der Hand“

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Am Anfang des Trak­ta­tes von Georg Brun­ner, der sich der Rezep­tion und Wir­kung von rechts­extre­mer Musik annimmt, wird fest­ge­hal­ten, dass der Musik ein gewis­ses Poten­tial an Macht bzw. Bei­ein­flus­sungs­po­ten­tial zuge­spro­chen wird. Eine Erkennt­nis, der sich nicht nur die deut­schen Nazi’s und deren Pro­pa­gan­dist Goeb­bels bedien­ten: „Musik als Kampf­mit­tel und Waffe im Rin­gen um die deut­sche Seele“ (Goeb­bels 1934). Nazi-Bands wie „Kraft­schlag“, „Sturm­wehr“ und „Foir­stoss“, oder aktu­el­ler „Blut­zeu­gen“, „Stahl­werk“, „Volks­nah“ u.va. bewirt­schaf­ten nicht nur „But und Boden“, son­dern ver­ste­hen sich als „Rebel­len mit mit der Gitarre in der Hand“ (Foir­stoss), die sich mit schril­ler Inbrunst und fet­zi­gem Bass ihrer Fein­bil­der (Aus­län­der, Linke, Juden, Far­bige u.a.) annehmen.
Brun­ner unter­sucht dabei ver­schie­dene Berei­che und Ver­hal­tens­mus­ter der Kon­su­men­ten von Nazi-Musik, die Aspekte Geschlecht, Per­sön­lich­keit, Eltern­haus, Aus­bil­dung, Sozia­ler Sta­tus und Selbst­so­zia­li­sa­tion wer­den näher aufgeführt.

Musikalische Gewalt der Metal-Bands

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Ein abschlie­ßen­des Refe­rat von Erika Funk-Hen­nigs nimmt sich der ein­fluss­rei­chen Heavy-Metal- und der rechts­extre­men Skin­head-Szene an, deren Text-Mani­fes­ta­tio­nen sich als eigent­li­cher kul­tu­rel­ler „Code des Bösen“ inter­pre­tie­ren las­sen, und deren The­men­spek­trum sich vom Sata­nis­mus, Schwar­zen Mes­sen und Tier­op­fern bis hin zu Fried­hofs­schän­dun­gen, Dro­gen, Ver­ge­wal­ti­gun­gen und ande­ren men­schen­ver­ach­ten­den Bot­schaf­ten erstreckt. Das Fazit der Autorin: „Der zeit­ge­nös­si­sche Rechts­extre­mis­mus prä­sen­tiert sich in einer Kom­bi­na­tion von Frei­zeit­wert, Lebens­ge­fühl und poli­ti­schen Bot­schaf­ten. Jugend­li­che kön­nen hier eine Erleb­nis­welt erfah­ren, in der rück­wärts­ge­wand­tes Den­ken vor­herrscht, das mit frem­den­feind­li­chem, ras­sis­ti­schem, natio­na­lis­ti­schem und anti­se­mi­ti­schem Gedan­ken­gut ver­knüpft ist. […] Musik hat in die­sem Kon­text keine eigen­stän­dige Funk­tion, sie dient viel­mehr als Kata­ly­sa­tor für rechts­extreme Aussagen“. ♦

Gabriele Hof­mann (Hrsg): Musik & Gewalt – Aggres­sive Ten­den­zen in musi­ka­li­schen Jugend­kul­tu­ren, Forum Musik­päd­ago­gik, 140 Sei­ten, Wiss­ner Ver­lag 2011/2021, ISBN 9783957862938

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Musik-Psy­cho­lo­gie auch über Lutz Jän­cke: Macht Musik schlau?

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