Lutz Jäncke: Macht Musik schlau? (Hirnforschung)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 13 Minu­ten

Das Gehirn und die Musik

von Walter Eigenmann

Im Anfang war Mozart. Genauer: Der sog. „Mozart-Effekt“. Denn im Jahre 1993 sorgte ein Arti­kel in der renom­mier­ten wis­sen­schaft­li­chen Zeit­schrift „Nature“ für welt­weite Furore, wonach durch das pas­sive Hören klas­si­scher Musik, ins­be­son­dere der Werke des berühm­ten Salz­bur­ger Genies, sich das räum­li­che Vor­stel­lungs­ver­mö­gen signi­fi­kant ver­bes­sern soll. Aus­gangs­punkt der ent­spre­chen­den Stu­dien war ein Expe­ri­ment des US-ame­ri­ka­ni­schen Phy­si­kers Gor­don Shaw und der Psy­cho­lo­gin Fran­ces Rauscher, wel­ches mit 36 Pro­ban­den durch­ge­führt wurde, die nach dem Anhö­ren ver­schie­de­ner Musik­stü­cke Auf­ga­ben aus IQ-Tests lösen muss­ten. Dabei erzielte die Gruppe, die Mozarts Kla­vier­so­nate in D-Dur / KV 448 gehört hatte, ein signi­fi­kant bes­se­res Ergeb­nis. In der Folge erhitzte sich die Pro-Kon­tra-Dis­kus­sion ob die­sem berühmt-berüch­tig­ten „Mozart-Effekt“ weit über die Natur- und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten hin­aus bis tief in die Schul­päd­ago­gik, ja gar Bil­dungs­po­li­tik hin­ein  – ein Mythos war geboren.

Doch was ist wirk­lich dran an der (wohl­fei­len, eigent­lich doch wie­der revo­lu­tio­nä­ren) Hoff­nung, Musik ver­helfe dem Men­schen zu mehr intel­lek­tu­el­ler Kom­pe­tenz? Wel­che Aus­wir­kun­gen  haben über­haupt Musik­ma­chen und Musik­hö­ren auf den Men­schen, seine Kogni­tion, seine Psy­che? Und: Lernt man schneller/besser mit Musik-Unter­stüt­zung? Oder: Wie wir­ken Töne the­ra­peu­tisch auf Demenz­er­krankte? Grund­sätz­lich: Wie geht das mensch­li­che Gehirn mit dem kom­ple­xen Phä­no­men „Musik“ eigent­lich um?

Neuester Stand der neuropsychologischen Musikforschung

Lutz Jäncke: Macht Musik schlau? - Neue Erkenntnisse aus den Neurowissenschaftn und der kognitiven Psychologie - Huber VerlagDie­sen und einer Reihe wei­te­rer Fra­gen geht nun umfang­reich die jüngste Publi­ka­tion eines der renom­mier­tes­ten deutsch­spra­chi­gen Neu­ro­phy­sio­lo­gen nach, des Zür­cher Gehirn­for­schers Prof. Dr. Lutz Jän­cke. In sei­nem Buch „Macht Musik schlau? – Neue Erkennt­nisse aus den Neu­ro­wis­sen­schaf­ten und der kogni­ti­ven Psy­cho­lo­gie“ brei­tet er in 13 Kapi­teln den aktu­el­len Stand der neu­ro­psy­cho­lo­gi­schen und -phy­sio­lo­gi­schen Dis­kus­sion aus. Dabei för­dert der gebür­tige Bochu­mer Ordi­na­rius an der Uni­ver­si­tät Zürich eine ganze Reihe von inter­es­san­ten, ja spek­ta­ku­lä­ren Befun­den und Erkennt­nis­sen aus sei­nem Fach zutage – auf­se­hen­er­re­gend kei­nes­wegs nur für den Laien: Jän­ckes For­schungs­er­geb­nisse gerade auf dem Gebiete der Musik-Neu­ro­wis­sen­schaf­ten stos­sen mitt­ler­weile in den ange­se­hends­ten Peer-Reviewed-Zeit­schrif­ten auf gros­ses Inter­esse und beein­flus­sen damit prä­gend die aktu­elle Diskussion.

Komplexe Forschungsinhalte unkompliziert aufbereitet

Lutz Jäncke - Glarean Magazin
Einer der füh­ren­den Neuro-Wis­sen­schaft­ler: Lutz Jäncke

Hierzu trägt sicher nicht nur die wis­sen­schaft­li­che bzw. metho­di­sche Kom­pe­tenz des Autors bei, son­dern auch seine Fähig­keit, kom­plexe For­schungs­in­halte mit gera­dezu „leich­ter“ Sprach­sti­lis­tik, zuwei­len gar mit unver­hoh­len-humor­vol­ler Fabu­lier­lust zu ser­vie­ren. Sein „Macht Musik schlau?“ liest sich, wie­wohl mit natur­wis­sen­schaft­li­chen, sta­tis­ti­schen, metho­di­schen und ana­ly­ti­schen Details gera­dezu voll­ge­stopft, über­ra­schend unkom­pli­ziert, ja erfri­schend span­nend – Popu­lär­wis­sen­schaft im aller­bes­ten Sinne. Sein Vor­wort-Ver­fas­ser, der Han­no­ve­ra­ner Berufs­kol­lege Eck­art Alten­mül­ler attes­tiert ihm denn auch zurecht, er erziehe „den Leser zur kri­ti­schen Ana­lyse der Fak­ten, ohne als Ober­leh­rer aufzutreten“.

Nach­fol­gend seien die wesent­lichs­ten wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nisse von „Macht Musik schlau?“ repli­ziert – teils zitie­rend, teils zusam­men­fas­send, Jän­ckes eige­nem Auf­bau der Buch-Abschnitte fol­gend. Selbst­ver­ständ­lich kann es sich dabei allen­falls um eine sträf­li­che Ver­knap­pung der umfang­rei­chen und viel­fäl­ti­gen Inhalte han­deln, um einen gro­ben Über­blick auf eine Ver­öf­fent­li­chung, wel­che mit Sicher­heit den wis­sen­schaft­li­chen Dis­kurs auf die­sem Gebiet für eine län­gere nächste Zeit wesent­lich mit­be­stim­men dürfte. (Copy­right aller wis­sen­schaft­li­chen Abbildungen&Tabellen: L.Jäncke & Huber-Ver­lag Bern).

1. Der Mozart-Effekt

Zwar schliesst Jän­cke nicht aus, dass sich bei Ver­suchs­per­so­nen nach dem Hören von Mozart-Musik „ein Hirn­ak­ti­vie­rungs­mus­ter ein­stellt“, wel­ches eine „opti­male Grund­lage für die spä­ter zu bear­bei­ten­den räum­li­chen Auf­ga­ben bie­tet“. Ein spe­zi­fi­scher Effekt des kurz­zei­ti­gen Hörens von Mozart-Musik auf räum­li­che Fer­tig­kei­ten könne hin­ge­gen „nicht zwei­fels­frei nach­ge­wie­sen“ wer­den: „Sofern Effekte vor­lie­gen, tre­ten sie immer in Bezug zu Ruhe- und Ent­span­nungs­be­din­gun­gen auf“.

2. Einfluss des Musikunterrichts auf schulische Leistungen

Wunderkind Mozart:
Wun­der­kind Mozart: „War Mozart ein Genie? Wie sind seine musi­ka­li­schen Leis­tun­gen wirk­lich ent­stan­den? Gibt es über­haupt Genies?“ (Lutz Jäncke)

Jän­cke hat zahl­rei­che sog. „Längs­schnitt-Unter­su­chun­gen“ inter­na­tio­na­ler For­scher­grup­pen her­an­ge­zo­gen und ana­ly­siert bzw. kri­tisch gewür­digt – beson­ders popu­lär hier­zu­lande: die deutsch­spra­chige „Bas­tian-Stu­die“, die laut Jän­cke aller­dings aus metho­di­schen Grün­den „unbrauch­bar“ sei -, wobei grund­sätz­lich alle diese For­schun­gen the­ma­ti­sier­ten, „dass zusätz­li­cher Musik­un­ter­richt einen güns­ti­gen Ein­fluss auf schu­li­sche Leis­tun­gen, ver­schie­dene kogni­tive Funk­tio­nen (ins­be­son­dere das sprach­li­che Gedächt­nis) oder auf ver­schie­dene Intel­li­genz­masse“ haben könne.
Trotz­dem bleibt der Buch-Autor skep­tisch: Die meis­ten die­ser Stu­dien wie­sen „metho­di­sche Män­gel auf, die es nicht erlau­ben, die spe­zi­fi­sche Wir­kung des Musik­un­ter­richts zu bele­gen“. Gleich­zei­tig blen­det aber Jän­cke nicht aus, dass chi­ne­si­sche Unter­su­chun­gen über­zeu­gend zeig­ten: Kin­der mit Musik­un­ter­richt erbrin­gen bereits nach einem Jahr „bes­sere ver­bale Gedächt­nis­leis­tun­gen“. Jän­ckes Theo­rie hierzu: „Der Grund ist, dass die chi­ne­si­sche Spra­che als tonale Spra­che im Hin­blick auf die audi­to­ri­schen Ver­ar­bei­tungs­grund­la­gen viele Ähn­lich­kei­ten mit der audi­to­ri­schen Ver­ar­bei­tung der Musik aufweist.“
Ins­ge­samt bedau­ert der Autor, dass „kaum eine Stu­die der­zeit die Dau­er­haf­tig­keit mög­li­cher güns­ti­ger Effekte des Musik­un­ter­richts“ the­ma­ti­siere. Und kri­tisch fragt er schliess­lich, wel­chen Zweck Musik­trai­ning oder Musik­erzie­hung eigent­lich haben sol­len: „Ist es eher zur Stei­ge­rung der kogni­ti­ven Leis­tungs­fä­hig­keit geeig­net, oder ist es viel­mehr eine wun­der­schöne Kul­tur­tä­tig­keit, die Freude und Befrie­di­gung unab­hän­gig von schu­li­schen Leis­tungs­aspek­ten schen­ken kann?“

3. Musiker kontra Nicht-Musiker

Auf­grund „gut kon­trol­lier­ter Quer­schnitt-Unter­su­chun­gen“ zei­gen sich gemäss Autor „kon­sis­tent bes­sere ver­bale Gedächt­nis­leis­tun­gen bei Musi­kern“ gegen­über Nicht-Musi­kern. Aus­ser­dem gebe es Hin­weise, dass bei Musi­kern auch das visu­elle Gedächt­nis bes­ser sei.

Statistisch signifikante Unterschiede der Gedächntisleistungen von Musikern und Nicht-Musikern
Sta­tis­tisch signi­fi­kante Unter­schiede der Gedächn­tis­leis­tun­gen von Musi­kern und Nicht-Musikern

Belegt sei wei­ters, dass Musi­ker bzw. Per­so­nen mit Musik­erfah­rung bes­sere Leis­tun­gen in visu­ell-räum­li­chen Tests auf­wei­sen. Dies hänge wahr­schein­lich damit zusam­men, dass „ver­schie­dene Aspekte der Musik in unse­rem Gehirn räum­lich reprä­sen­tiert sind. Durch das Musi­zie­ren wer­den diese visu­ell-räum­li­chen Funk­tio­nen offen­bar häu­fig tra­ni­ert.“ Inso­fern sei es durch­aus plau­si­bel, dass diese Funk­tio­nen auch für andere, nicht­mu­si­ka­li­sche Leis­tun­gen genutzt wer­den können.
Da das Rech­nen, der Umgang mit Zah­len stark von die­sen ange­spro­che­nen „visu­ell-räum­li­chen Fer­tig­kei­ten abhängt, bestehe aus­ser­dem ein deut­li­cher Zusam­men­hang zwi­schen dem Musi­zie­ren und ver­schie­de­nen Rechen­leis­tun­gen. Jän­cke: „Einige Unter­su­chun­gen unter­stüt­zen die Hypo­these, dass Musi­zie­ren und Musik­be­ga­bung die Rechen­leis­tung fördern“.

4. Musikhören und Lernen

Die Frage, ob (und wenn ja: wel­che) Musik beim Ler­nen hilf­reich sei, wurde und wird stets umstrit­ten dis­ku­tiert. Dies­be­züg­lich ana­ly­siert Jän­cke einige mehr oder weni­ger aner­kannte The­sen bzw. Ver­fah­ren wie z.B. die Sug­gesto­pä­die und ver­wandte Rich­tun­gen, wel­che eine posi­tive Wir­kung des pas­si­ven Hin­ter­grund­mu­sik-Hörens pro­pa­gie­ren. Wie­derum schliesst For­scher Jän­cke eine „Evo­zie­rung bestimm­ter Hirn­ak­ti­vie­rungs­mus­ter“, die für das Ler­nen beson­ders güns­tig sind, auch hier nicht aus. Die arbeits­psy­cho­lo­gi­schen Unter­su­chun­gen bzw. Expe­ri­mente haben indes sowohl „posi­tive wie nega­tive Ein­flüsse von HIn­ter­grund­mu­sik auf ver­schie­dene Leis­tungs­masse“ belegt, so dass auf die­sem Gebiet wei­tere For­schun­gen not­wen­dig seien.

5. Musik und Emotionen

Die Erfah­rung ist all­täg­lich: Wenn man ange­nehme Musik hört, wird die psy­chi­sche Leis­tungs­fä­hig­keit gestei­gert. Mehr noch: „Wir ler­nen, bestimmte Musik­stü­cke zu mögen oder nicht zu mögen. Inso­fern sind auch an der Ent­wick­lung von Musik­prä­fe­ren­zen Lern­pro­zesse betei­ligt“ (Jän­cke). Der Autor geht hier Pro­blem­fel­dern nach wie: Was sind die Ursa­chen dafür, dass wir bestimmte Musik zu mögen schei­nen und andere Musik ableh­nen? Gibt es so etwas wie eine uni­ver­sell bevor­zugte Musik? Wann hören wir wel­che Musik? Wie hören wir diese Musik, und vor allem: Wer hört wel­che Musik?

Stärkere Durchblutung der Hirngebiete beim Hören "sehr angenehmer Musik"
Stär­kere Durch­blu­tung der Hirn­ge­biete beim Hören „sehr ange­neh­mer Musik“

Bei sol­chen Fra­ge­stel­lun­gen wer­den die Befunde Jän­ckes beson­ders inter­es­sant, rei­chen sie doch womög­lich an das musik­kul­tu­relle Selbst­ver­ständ­nis gan­zer Gesell­schaf­ten heran, bzw. müs­sen musik­so­zio­lo­gi­sche und musik­äs­the­ti­sche Revi­sio­nen vor­ge­nom­men wer­den im Zusam­men­hang mit der hör­psy­cho­lo­gi­schen Kon­so­nanz-Dis­so­nanz-Pro­ble­ma­tik. So hin­ter­fragt Neu­ro­phy­sio­loge Jän­cke einer­seits, ob die „Kon­so­nanz-Dis­so­nanz-Unter­schei­dung wirk­lich mit ange­bo­re­nen emo­tio­na­len Prä­fe­ren­zen ver­bun­den“ ist, oder ob nicht jene Musik­wis­sen­schaft­ler recht haben, wel­che argu­men­tie­ren, dass „die Prä­fe­renz für kon­so­nante Musik, Klänge und Inter­valle eher durch häu­fi­ges Hören die­ser Art von Musik und Klän­gen bestimmt wird.“
Fest steht gemäss ver­schie­de­nen Stu­dien, dass schon bei vier Monate alten Babys Prä­fe­ren­zen für kon­so­nante Klänge und Inter­valle vor­lie­gen – gemäss Lutz Jän­cke aber nicht das schla­gende Argu­ment dafür, dass dabei „aus­schliess­lich gene­tisch bestimmte Mecha­nis­men“ zum Tra­gen kom­men: „Es besteht durch­aus die Mög­lich­keit, dass die Babys schon häu­fig kon­so­nante Musik gehört und bereits unbe­wusst eine Vor­liebe für diese Art der Musik ent­wi­ckelt haben“. Denn grund­sätz­lich, so die Erkennt­nis des Neu­ro­phy­sio­lo­gen: „Wir mögen, was wir häu­fig hören“. Und wei­ter: „Obwohl ins­be­son­dere in der west­li­chen Kul­tur kon­so­nante Musik­ele­mente eher ange­nehme Reak­tio­nen her­vor­ru­fen, darf nicht aus­ser Acht gelas­sen wer­den, dass gerade die mensch­li­che Lern­fä­hig­keit es ermög­licht, auch Dis­so­nanz als ange­nehm zu erle­ben.“ Schliess­lich: „Emo­tio­nale Musik sti­mu­liert das lim­bi­sche Sys­tem. Ange­nehme Musik kann ein ‚Gäsen­haut­ge­fühl‘ her­vor­ru­fen, dem ein Akti­vie­rungs­mus­ter des Gehirns zugrunde liegt, das auch bei Ver­stär­kun­gen, bei der Befrie­di­gung von Süch­ten und beim Ler­nen zu mes­sen ist. […] Ins­be­son­dere die Ent­wick­lung von musi­ka­li­schen Vor­lie­ben wird wahr­schein­lich über das Beloh­nungs­sys­tem vermittelt.“

6. Wie verarbeitet das Gehirn Musik?

Wich­tige Erkennt­nisse gewann Jän­cke durch die rasante appa­ra­te­tech­ni­sche bzw. com­pu­ter­ge­steu­erte Ent­wick­lung z.B. auf den Gebie­ten der Elek­tro- und der Magne­ten­ze­pha­logra­phie, wel­che neu­ro­psy­cho­lo­gisch eine „prä­zise zeit­li­che Cha­rak­te­ri­sie­rung“ auch der mensch­li­chen Ton- bzw. Musik­wahr­neh­mung erlaubt. Hier ver­weist der Wis­sen­schaft­ler zusam­men­fas­send auf den wich­ti­gen Befund, dass wäh­rend des Musik­hö­rens „weite Teile des Gehirns im Sinne eines Netz­wer­kes akti­viert wer­den. Es besteht also die Mög­lich­keit, dass man mit musi­ka­li­schen Rei­zen eine räum­lich aus­ge­dehnte Hirn­ak­ti­vie­rung errei­chen kann.“ Inso­fern ist im Gehirn – ganz im Gegen­satz zu Spe­ku­la­tio­nen in frü­he­ren Jahr­hun­der­ten – kein typi­sches „Musik­wahr­neh­mungs­areal“ zu iden­ti­fi­zie­ren – ein­fach des­we­gen, weil bei Musik schlicht beson­ders zahl­rei­che Hirn­re­gio­nen invol­viert sind, wor­aus diverse posi­tive „Trans­fer-Effekte“ resultieren.

7. Die Musik und die zwei Hirnhemisphären

Das menschliche Gehirn - Schnitt durch die beiden Hemissphären
Das mensch­li­che Gehirn – Schnitt durch die bei­den Hemissphären

Jän­cke: „Bei Musi­kern kann häu­fig fest­ge­stellt wer­den, dass sie Musik auch in jenen Hirn­ge­bie­ten ver­ar­bei­ten, die eigent­lich mit der Sprach­ver­ar­bei­tung betraut sind“. Dem­entspre­chend kön­nen bei Musi­kern sog. Amu­sien – hier ‚Moto­ri­sche Amu­sie‘: Stö­run­gen in der Pro­duk­tion von Musik­stü­cken; oder ‚Sen­so­ri­sche Aumu­sie‘: Stö­run­gen in der Wahr­neh­mung von Musik­stü­cken – auch auf­tre­ten, wenn Hirn­ge­biete geschä­digt sind, die bei Nicht­mu­si­kern nicht an der Kon­trolle von Musik­ver­ar­bei­tun­gen betei­ligt sind.

8. Wie produziert das Gehirn Musik?

Wenn man Musik­stü­cke spielt, sind gemäss Jän­ckes Unter­su­chun­gen viel­fäl­tige Gedächt­nis­in­for­ma­tio­nen nötig: „Diese Infor­ma­tio­nen rei­chen von Tönen, Rhyth­men und Melo­dien bis hin zu Erin­ne­run­gen an Epi­so­den, Per­so­nen und Emo­tio­nen, die mit dem zu spie­len­den Musik­stück asso­zi­iert sind.“ In die­sem Zusam­men­hang geht der Autor auch auf die Tat­sa­che ein, dass zahl­rei­che Musi­ker unter „erheb­li­chen Ängs­ten und Sor­gen hin­sicht­lich ihrer Spiel­leis­tung“ lei­den: „Sie sind teil­weise der­art gehemmt, dass sie nicht oder nur sel­ten frei und locker ihren Spiel­fluss fin­den.“ Kern­spin­to­mo­gra­phi­sche oder EEG-Mes­sun­gen sol­cher Per­so­nen im Labor hät­ten erge­ben, dass bei der­ar­ti­gen Blo­cka­den ins­be­son­dere eine starke Akti­vie­rung „fron­ta­ler Hirn­struk­tu­ren“ fest­stell­bar sei, was dar­auf hin­weise, dass diese Hirn­ge­biete „viel zu starke hem­mende Ein­flüsse auf die ande­ren für die Musik­pro­duk­tion eben­falls wich­ti­gen Hirn­ge­biete aus­üben“. Auf­grund die­ser Erkennt­nis arbeite nun die Wis­sen­schaft wei­ter an spe­zi­fi­schen Hirn­trai­nings­me­tho­den für ver­bes­serte Musik­leis­tun­gen (Stich­worte: „Neu­rofeed­back“, „Brain-Com­pu­ter-Inter­face-Tech­nik“ u.a.)

9. Verändert Musizieren das Gehirn?

Grösserer sensomotorischer Hirn-Kortex bei Musikern
Grös­se­rer sen­so­mo­to­ri­scher Hirn-Kor­tex bei Musikern

Die­ser Frage wid­met Lutz Jän­cke einen beson­ders inter­es­san­ten Abschnitt sei­nes Buches. Er doku­men­tiert die über­ra­schende Fähig­keit des mensch­li­chen Gehirns zur ana­to­mi­schen Anpas­sung bzw. zu einer Zunahme der „Dichte der grauen Sub­stanz“ (= u.a. Sitz der wich­ti­gen „Syn­ap­sen“). Jän­cke: „Inten­si­ves musi­ka­li­sches Trai­ning ist mit erheb­li­chen makro­sko­pi­schen Ver­än­de­run­gen in Hirn­be­rei­chen gekop­pelt, die beson­ders stark an der Kon­trolle des Musi­zie­rens betei­ligt sind. Diese ana­to­mi­schen Ver­än­de­run­gen hän­gen offen­bar von der Inten­si­tät und Häu­fig­keit des Musi­zie­rens ab. Je häu­fi­ger trai­niert wird, desto aus­ge­präg­ter sind die Veränderungen“.

10. Musik und Sprache

Grössere Dichte der grauen Substanz (Zellen) bei Musikern
Grös­sere Dichte der grauen Sub­stanz (Zel­len) bei Musikern

Die neuere Erfor­schung des kom­ple­xen Bezie­hungs­fel­des „Musik-Spra­che“ hat nach Jän­cke bis­he­rige Auf­fas­sun­gen stark revi­diert. So könne z.B. die strikte funk­tio­nale und ana­to­mi­sche Tren­nung zwi­schen Spra­che und Musik nicht mehr auf­recht erhal­ten wer­den: „Die Wahr­neh­mung der Spra­che und Musik wird von stark über­lap­pen­den Ner­ven­zell­netz­wer­ken bewerk­stel­ligt. Wich­tig dabei ist auch, dass an der Ana­lyse von Spra­che und Musik beide Hirn­hälf­ten betei­ligt sind.“ Wei­ter: „Musik ist nach einem bestimm­ten Regel­sys­tem auf­ge­baut. Die­ses Regel­sys­tem hat bemer­kens­werte Ähn­lich­kei­ten mit dem Regel­sys­tem der Spra­che. Teil­weise wer­den für die Ana­lyse des Musik­re­gel­sys­tems glei­che Hirn­struk­tu­ren ein­ge­setzt.“ Eine der Kon­se­quen­zen sol­cher For­schungs­er­geb­nisse sind medi­zi­ni­sche Ansätze: „Musi­ka­li­sche Inter­ven­tio­nen wer­den erfolg­reich für die The­ra­pie von Sprach­stö­run­gen eingesetzt“.

11. Musik und Alter

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Zum Abschluss sei­nes „Par­force­rit­tes durch die Welt der Musik, des Ler­nens und des Gehirns“ (Jän­cke) kommt der Zür­cher Wis­sen­schaft­ler auf das je län­ger, desto inten­si­ver the­ma­ti­sierte Pro­blem­feld „Musik&Alter“ zu spre­chen. Und auch Jän­ckes For­schun­gen bre­chen hier eine Lanze fürs Musi­zie­ren, gemäss dem bekann­ten Apo­dik­tum „Use it or lose it“, indem er die grosse Bedeu­tung von beson­ders drei Hirn-inten­si­ven Betä­ti­gun­gen kon­sta­tiert: „Längs­schnitt-Stu­dien haben erge­ben, dass ältere Men­schen, die bis ins hohe Alter Musi­zie­ren, Tan­zen und Brett­spiele spie­len, sel­ten im fort­ge­schrit­te­nen Alter an Demen­zen lei­den. Hier­bei zeigte sich, dass ein Betä­ti­gungs­um­fang in die­sen drei Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten von ca. ein­mal pro Woche das Risiko, spä­ter eine Demenz zu ent­wi­ckeln, um ca. 7 % senkte. Die inten­sive Aus­übung die­ser Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten scheint die ‚kogni­tive Reserve‘ im Alter zu stei­gern.“ Zusam­men­ge­fasst: „Men­schen, die bis ins hohe Alter musi­zie­ren, ver­fü­gen über einen gerin­ge­ren oder kei­nen Abbau des Hirn­ge­we­bes im Stirn­hirn im Ver­gleich zu Per­so­nen, die nicht Musizieren.“ ♦

Lutz Jän­cke, Macht Musik schlau? – Neue Erkennt­nisse aus den Neu­ro­wis­sen­schaf­ten und der kogni­ti­ven Psy­cho­lo­gie, 452 Sei­ten, Ver­lag Hans Huber/Hochgrefe, ISBN 978-3456845753

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema „Musik als Demenz-Prä­ven­tion“ auch über Theo Har­togh: Musi­zie­ren im Alter

Probeseiten (verkleinert)

Leseprobe 1 aus Lutz Jäncke: "Macht Musik schlau"? - Neue Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der kognitiven Psychologie - Huber Verlag
Lese­probe 1 aus Lutz Jän­cke: „Macht Musik schlau“? – Neue Erkennt­nisse aus den Neu­ro­wis­sen­schaf­ten und der kogni­ti­ven Psy­cho­lo­gie – Huber Verlag
Leseprobe 2 aus Lutz Jäncke: "Macht Musik schlau"? - Neue Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der kognitiven Psychologie - Huber Verlag
Lese­probe 2 aus Lutz Jän­cke: „Macht Musik schlau“? – Neue Erkennt­nisse aus den Neu­ro­wis­sen­schaf­ten und der kogni­ti­ven Psy­cho­lo­gie – Huber Verlag

Buch-Inhalt

Vorwort (Eckart Altenmüller)                                     9
1. Einleitung                                                   11
Von Kognitionen, psychischen Funktionen und Genen               13
Transfer                                                        14
Wunderwelt der Neuroanatomie und Bildgebung                     16
Von Zeitschriften und Büchern                                   18
Die Geschichte dieses Buches                                    20
Abschliessende Bemerkungen                                       21
2. Der Mozart-Effekt - Beginn eines Mythos                      23
2.1  Der Beginn                                                 24
2.2  Die Folgen                                                 33
2.3  Replikationsversuche                                       35
2.4  Weiterführende Experimente                                 45
2.5  Der Einfluss der Stimmung und der Musikpräferenz           50
2.6  Zusammenfassung und kritische Würdigung                    57
3. Längsschnittstudien                                          59
3.1  Allgemeines                                                59
3.2  Internationale Längsschnittuntersuchungen                  61
3.3  Deutschsprachige Längsschnittstudien                       74
3.4  Zusammenfassung und kritische Würdigung                    90
4. Querschnittuntersuchungen                                    95
4.1  Musik und Gedächtnis                                       96
4.2  Musikgedächtnis                                           105
4.3  Visuell-räumliche Leistungen                              113
4.4  Rechenleistungen                                          138
4.5  Spielen vom Notenblatt                                    147
4.6  Motorische Leistungen                                     150
4.7  Musikwahrnehmung                                          157
4.8  Musiker und Nichtmusiker                                  192
4.9  Zusammenfassung und kritische Würdigung                   194
5. Lernen und passives Musikhören                              197
5.1  Suggestopädie                                             201
5.2  Ergebnisse aus dem Journal of the Society
     for Accelerative Learning and Teaching                    207
5.3  Ergebnisse aus Zeitschriften, die von Fachleuten
     begutachtet werden                                        210
5.4  Zusammenfassung und kritische Würdigung                   233
6. Musik und Emotionen                                         237
6.1  Preparedness                                              240
6.2  Wir mögen, was wir häufig hören                           246
6.3  Heute "hü" morgen "hott" -
     wechselnde emotionale Musikwirkungen                      249
6.4  Hirnaktivität und emotionale Musik                        258
6.5  Emotionen bei Profimusikern                               271
6.6  Zusammenfassung und kritische Würdigung                   274
7. Wie verarbeitet das Gehirn Musik?                           277
7.1  Zusammenfassung                                           292
8. Musik und Hemisphärenspezialisierung                        295
8.1  Amusie                                                    300
8.2  Amusien bei Musikern                                      302
8.3  Zusammenfassung                                           304
9. Wie produziert das Gehirn Musik?                            307
9.1  Motorische Kontrolle                                      308
9.2  Sequenzierung                                             311
9.3  Gedächtnis                                                314
9.4  Aufmerksamkeit                                            315
9.5  Musizieren - Kreativität                                  317
9.6  Zusammenfassung und kritische Würdigung                   325
10. Verändert Musizieren das Gehirn?                           327
10.1 Wiederholen ist die Mutter des Lernens                    329
10.2 Expertise - Üben, Üben, Üben                              334
10.3 Gehirne wie Knetmasse                                     335
10.4 Reifung und Hirnplastizität                               347
10.5 Plastizität nicht nur bei Musikern                        349
10.6 Zusammenfassung                                           355
11. Musik und Sprache                                          357
11.1 Funktionen und Module                                     359
11.2 Von Tönen und Sprache                                     361
11.3 Fremdsprachen und Musik                                   365
11.4 Syntax und Semantik                                       367
11.5 Klingt Musik französisch, deutsch oder englisch?          375
11.6 Musik und Lesen                                           376
11.7 Musik und Sprachstörungen                                 381
11.8 Zusammenfassung                                           387
12. Musik und Alter                                            391
12.1 Zusammenfassung                                           399
13. Schlussfolgerungen                                         401
Macht das Hören von Mozart-Musik schlau?                       402
Hat Musikunterricht einen günstigen Einfluss
auf Schulleistungen und kognitive Funktionen?                  403
Worin unterscheiden sich Musiker von Nichtmusikern?            404
Lernt man besser, wenn man gleichzeitig Musik hört?            405
Beeinflusst Musik die Emotionen?                               407
Wird Musik in bestimmten Hirngebieten verarbeitet?             408
Wie produziert das Gehirn Musik?                               409
Verändert Musizieren das Gehirn?                               410
Besteht ein Zusammenhang zwischen Musik und Sprache?           411
Ist es gut, wenn man im fortgeschrittenen Alter musiziert?     412
Soll man in der Schule musizieren?                             413
14. Dank                                                       415
15. Literatur                                                  417
Sachwortregister                                               433
Personenregister                                               451

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Musik­psy­cho­lo­gie auch über Theo Har­togh: Musi­zie­ren im Alter


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