Kai Koch (Hrsg): Handbuch Seniorenchorleitung

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 6 Minu­ten

Richtig schön singen bis ins hohe Alter

von Walter Eigenmann

Die Sta­tis­ti­ken der deutsch­spra­chi­gen Chor­ver­bände in Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz doku­men­tie­ren deut­lich: Immer mehr ältere Men­schen sin­gen bis ins hohe Alter, sei es in klei­ne­ren oder grös­se­ren For­ma­tio­nen. Für die Diri­gen­ten sol­cher 60plus-Chöre erge­ben sich neben musi­ka­li­schen, didak­ti­schen und orga­ni­sa­to­ri­schen auch ganz spe­zi­fi­sche psy­cho­lo­gi­sche Her­aus­for­de­run­gen. Ein neues „Hand­buch Senio­ren­chor­lei­tung“ wid­met sich umfas­send den vie­len Aspek­ten einer fun­dier­ten moder­nen Seniorenchor-Betreuung.

Kai Koch - Handbuch Seniorenchorleitung - Grundlagen - Erfahrungen - Praxis - Musik-Rezensionen Glarean MagazinHer­aus­ge­ber Prof. Dr. Kai Koch, sel­ber lang­jäh­ri­ger Senio­ren­chor-Lei­ter, hatte 2017 im Rah­men sei­ner Dis­ser­ta­tion erst­mals empi­ri­sche Erkennt­nisse zu didak­ti­schen Fra­ge­stel­lun­gen der Senio­ren­chor­lei­tung publi­ziert, nun bün­delt er mit sei­nem „Hand­buch“ ein 200-sei­ti­ges Kom­pen­dium mit Bei­trä­gen von mehr als 20 fach­lich aus­ge­wie­se­nen Autorin­nen und und Autoren. Dabei glie­dert er den Band in die vier über­grei­fen­den The­men­fel­der „Stimme und Stimm­bil­dung“, „Senio­ren­chor­kon­zep­tion“, „Pro­ben­ar­beit-Senio­ren­chor­lei­tung“ und „Per­spek­ti­ven und Tendenzen“.

Altersbedingte Veränderungen der Singstimme

Bekannt­lich sind stimm­li­che Ver­än­de­run­gen im Alter bei allen Men­schen zu beob­ach­ten, tref­fen aber Chor­sin­gende natür­lich ganz beson­ders. Ab ca. dem 60. Lebens­jahr ver­lie­ren man­che Sän­ge­rin­nen und Sän­ger an Höhe, die Stimm­dy­na­mik ist oft ein­ge­schränkt, die Hör­fä­hig­keit nimmt ab, die Into­na­ti­ons­t­rü­bun­gen neh­men hin­ge­gen zu, eine gewisse vokale Brü­chig­keit tritt oft auf, teils ver­bun­den mit unkon­trol­lier­tem Vibrato.

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Die­sen medi­zi­ni­schen bzw. stimm­phy­sio­lo­gi­schen Aspek­ten begeg­nen Her­aus­ge­ber Koch und die bekannte Stimm­the­ra­peu­tin Chris­tiane Hrasky mit ver­schie­de­nen Stimm­bil­dungs­kon­zep­ten. Vor­ge­stellt wer­den eine ganze Reihe von the­men­spe­zi­fi­schen Übun­gen, vom bewuss­ten Trai­ning aller invol­vier­ten Kör­per­re­gio­nen über atem­the­ra­peu­ti­sche Ansätze bis hin zu grup­pen­dy­na­mi­schen Trainingseinheiten.
Man­che der hier behan­del­ten The­men­fel­der über­schnei­den sich mit grund­sätz­li­chen stimm­bild­ne­ri­schen Berei­chen der Chor­lei­tung, andere sind gezielt auf das Seg­ment 60plus zuge­schnit­ten. Zahl­rei­che Noten­bei­spiele illus­trie­ren die stimm­li­che Stütz­ar­beit in den ein­zel­nen Stimmdisziplinen.

Von der Gründung bis zum Konzertprojekt

Handbuch Seniorenchorleitung - Kai Koch - Leseprobe 1 - Glarean Magazin
Lese­probe 1 aus „Hand­buch Senio­ren­chor­lei­tung“ (Kai Koch, Bosse Ver­lag) – Maus­klick auf das Bild zum Vergrössern

Doro­thea Haver­kamp beginnt ihr inter­es­san­tes Refe­rat „Sin­gen im akti­ven Ruhe­stand“ mit berech­tig­ten Fra­gen wie: „Sin­gen mit älte­ren Men­schen – Top oder Flop? Braucht es einen sol­chen Chor? Wenn ja, für wen genau? Ist das nicht Kon­kur­renz zu bereits bestehen­den Chö­ren? Impli­ziert die Bezeich­nung ‚Senio­ren­chor‘ eine (nega­tive) Aus­gren­zung der Teilnehmenden?“

Die­sen Fra­ge­stel­lun­gen sowie wei­te­ren Pro­blem­be­rei­chen der Orga­ni­sa­tion und Füh­rung wid­met sich der zweite Abschnitt des Buches. Finan­zie­rung, Wer­bung, Ziel­gruppe, Pro­ben­ein­stieg, Stimm­ver­tei­lung, Auf­tritts­mög­lich­kei­ten, Kon­zert­vor­be­rei­tung sind hier etwa die wich­tigs­ten Stich­worte. Diri­gen­ten­spe­zi­fisch wer­den The­mata wie Qua­li­fi­ka­ti­ons­lehr­gänge, Zeit­um­fang, Fort­bil­dung u.a. angesprochen.

Kai Koch - Musikgeragogiker - Glarean Magazin
Musik­ge­r­ago­gi­ker Kai Koch: „Sin­gen in einem Senio­ren-Chor ist kein Abstieg, son­dern eine attrak­tive Alternative“

Anhand ver­schie­de­ner „Modell­chöre“ wer­den sodann kon­krete, bereits bestehende Pro­jekte wie z.B. „Sing mit, bleib fit“ in Nord­rhein-West­fa­len, der Ber­li­ner Senio­ren-Rock-/Pop­chor „High Fos­si­lity“ oder der Tübin­ger Senio­ren-Pop-chor „Off Track“ vor­ge­stellt. Autor Michael Betz­ner-Brandt stellt im Hin­blick auf „Pop­mu­sik im Senio­ren­chor“ dabei klar: „Die Rolle des Chor­lei­ters im Rock- und Pop­chor 60plus ist eher mit der eines Trai­ners beim Fuss­ball zu ver­glei­chen als mit einem klas­si­schen Diri­gen­ten.“ So führt der Autor aus, dass sogar eine gemein­hin eher bei Jugend­chö­ren anzu­tref­fende Warm-up-Tech­nik wie z.B. die Body-Per­cus­sion durch­aus auch bei Senio­ren­chö­ren nütz­lich und erfri­schend ange­wandt wer­den kann.

Das The­men­feld die­ses umfang­rei­chen Buch­ab­schnit­tes wei­ten schliess­lich ver­schie­dene Autoren noch aus mit dem Ein­be­zug von Aspek­ten wie dem „Chor­sin­gen auf dem Land“, den „Alters­gren­zen in Chö­ren“ oder mit einem Exkurs über das „Sin­gen im Alter“ im moder­nen Kino-Film. Nicht aus­ge­klam­mert wer­den auch das Sin­gen von Älte­ren mit Kindern/Jugendlichen oder die spe­zi­elle Pro­ble­ma­tik, die ein 60plus-Chor mit demen­zi­ell erkrank­ten Mit­glie­dern (Alz­hei­mer, For­men der Neu­ro­de­ge­nera­tion) darstellt.

Handbuch Seniorenchorleitung - Kai Koch - Leseprobe 2 - Glarean Magazin
Lese­probe 2 aus „Hand­buch Senio­ren­chor­lei­tung“ (Kai Koch, Bosse Verlag)

Probleme der Senioren-Probenarbeit

Womit wir bei den didak­tisch-kon­kre­ten Pro­ble­men der wöchent­li­chen Pro­ben­ar­beit mit dem Senio­ren­chor und damit beim für man­che Diri­gen­ten rele­van­tes­ten Kapi­tel die­ses „Hand­bu­ches“ wären. Her­aus­ge­ber Koch und seine Co-Autoren stel­len dabei spe­zi­fi­sche Her­aus­for­de­run­gen an die Chor­lei­tung in den Fokus: Reper­toire-Aus­wahl, Metho­dik, Hör­trai­ning, Stimm­hy­giene, Kon­zert­auf­bau, Unter­stüt­zungs­me­dien (Übe-CD, Trai­nings-Video u.a.) lau­ten die Stich­worte. Sogar das eher ver­drängte, aber im 60plus-Ver­ein natür­lich stän­dig prä­sente Thema „Tod & Beer­di­gung im Senio­ren­chor“ streift der Band mit Hin­wei­sen für sen­si­bel agie­rende Dirigenten.

Der 60plus-Chor in der Öffentlichkeit

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Ein vier­ter und letz­ter Buch­ab­schnitt wid­met sich u.a. dem Pro­blem­kreis „Senio­ren­chöre in der Öffent­lich­keit“ und gibt Ant­wor­ten auf Fra­gen im Zusam­men­hang mit der PR-Arbeit, der Pro­gramm­ge­stal­tung, der media­len Prä­sen­ta­tion oder auch der Zusam­men­ar­beit mit ande­ren 60plus-Chö­ren. aus­ser­dem gehen die Autoren Kai Koch, Theo Har­togh und Nina Ruck­ha­ber den Anfor­de­run­gen einer adäqua­ten gerago­gi­schen Aus­bil­dung von Chorleiter/innen nach, wäh­rend Franz Josef Ratte einen Über­blick gibt auf die aktu­elle Senioren-Chorliteratur.

Beson­ders kon­kret wird Her­aus­ge­ber Koch schliess­lich, wenn er unterm Titel „For­de­run­gen und Per­spek­ti­ven“ einen 11-Punkte-Plan vor­stellt, der u.a. ein brei­te­res inter­ge­ne­ra­ti­ves Sing­an­ge­bot in Deutsch­land und sei­nen Nach­bar­län­dern for­dert. Ebenso wich­tig sei zudem eine ver­stärkte Eta­blie­rung des Seni­or­chor­lei­tens in der Aus­bil­dung von haupt- oder neben­be­ruf­li­chen Chor­di­ri­gen­ten. Und schliess­lich müss­ten entspr. admi­nis­tra­tive Stel­len in den Ver­bän­den und staat­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen geschaf­fen wer­den, die der extrem hohen sozio­kul­tu­rel­len und prä­ven­ti­ven Bedeu­tung des Chor­sin­gens im Alter gerecht werden.
Abge­run­det wird das Hand­buch durch ein umfang­rei­ches Ver­zeich­nis von bereits erschie­ne­nen Ein­zel­pu­bli­ka­tio­nen zum Thema sowie durch einige Hin­weise auf geeig­nete Lie­der- und Arrangements-Sammlungen.

Alle Aspekte des Themas aufgegriffen

Der Münch­ner Musik­päd­agoge und -gerago­gik-For­scher Kai Koch und seine über 20 Mit­re­fe­ren­ten legen mit ihrem „Hand­buch Senio­ren­chor­lei­tung“ zwei­fel­los nicht nur das längst fäl­lige, kom­pakte musik­ge­r­ago­gi­sche Buch-Debüt in Sachen „Diri­gie­ren von 60plus-Chö­ren“ vor, son­dern auch ein sehr will­kom­me­nes Kom­pen­dium für alle, die ver­ant­wort­lich mit älte­ren Sin­gen­den in Ver­ein und Ver­band umge­hen wol­len. Die zahl­rei­chen fun­dier­ten Ein­zel­be­richte über kon­krete Erfah­run­gen aus dem Chor-All­tag von älte­ren Men­schen ergän­zen rea­li­täts­nah die theo­re­tisch-wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nisse und chor­di­dak­ti­schen Trai­nings­an­lei­tun­gen. Dem Buch ist Ver­brei­tung zu wün­schen in sämt­li­chen Krei­sen des orga­ni­sier­ten Seniorengesangs. ♦

Kai Koch (Hrsg): Hand­buch Senio­ren­chor­lei­tung – Grund­la­gen, Erfah­run­gen, Pra­xis, 192 Sei­ten, Bosse Ver­lag, ISBN 9783764928674

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Musik und Alter auch über Theo Har­togh: Musi­zie­ren im Alter (Arbeits­fel­der und Methoden)

… sowie zum Thema Musik und Hirn­for­schung über Lutz Jän­cke: Macht Musik schlau? (Neue Erkennt­nisse aus den Neu­ro­wis­sen­schaf­ten und der kogni­ti­ven Psychologie)

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