Beatrice Nunold: …und die Welt… (Groteske)

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…und die Welt ist eine Scheibe

Bea­trice Nunold

Ver­dammt, wo hatte ich so etwas schon gese­hen?“ Ich starrte auf das hoch kom­pli­zierte Kachel­mo­saik. Unter mei­nen Füs­sen wan­den sich ver­schlun­gene Kno­ten und Schlin­gen. „Quas­i­k­ris­talle1 , das sind Quas­i­k­ris­talle.“ Die Pen­ro­se­par­ket­tie­rung, auch mit­tel­al­ter­li­che ara­bi­sche Kno­ten­or­na­mente wie­sen 5-, 8- oder 10-, sogar 12-zäh­lige Rota­ti­ons­sym­me­trien auf. Aber dies war das ver­wir­renste Mus­ter, das mir je unter die Augen gekom­men war. Mir schwin­delte bei sei­nem Anblick und dem Ver­such eine Ord­nung zu erken­nen. Von dem Mosaik ging ein dif­fu­ses Leuch­ten aus, als wür­den die weni­gen Pho­to­nen, die sich bis hier her durch­ge­schla­gen hat­ten, reflek­tiert. Undurch­dring­li­che Fins­ter­nis über­spannte das nicht enden wol­lende Pla­teau. Fei­ner Nie­sel­re­gen strei­chelte mein Gesicht, durch­feuch­tete Haar und Klei­dung und ver­lieh den Mosai­ken einen geheim­nis­vol­len Schim­mer. Da war Musik. Sie füllte mei­nen Kopf. Leise sphä­ri­sche Klänge schwol­len zu einer gewal­ti­gen Sym­pho­nie an. Das kannte ich doch, wenn auch anders, ein­fa­cher, rocki­ger, – die Pea-Brains2, – mein Lieb­lings­lied. Doch kein Dampf­ham­mer-Havey-Metal-Sound dröhnte in mei­nem Schä­del. Viel­stim­mige Ober­töne wei­te­ten mein Bewusst­sein, dehn­ten es bis an die Grenze zur Auf­lö­sung, bis an die Schwelle zur Fins­ter­nis, die in mei­nem Hirn her­auf­zu­däm­mern drohte:

Strings swin­gen im Quan­ten­schaum, im Quantenschaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.

Mor­gen­glanz …“

… im Quantenschaum …

Esther!! Sieh dir das an …“

Ein Gott träumt…

Ich glaube nicht, was ich da sehe!“

…den 3-Bran-Raum…

Esther! Wach end­lich auf!“
Tabahs Stimme wurde deut­li­cher. Der Ober­ton­chor ver­stummte. Der Him­mel lich­tete sich. Das Fuss­bo­den­mo­saik begann aus den Fugen zu gera­ten. Opa­ker Gold­glanz brach zwi­schen den Ris­sen her­vor. Ich glaubte zu stür­zen. Der eigene Schrei gellte mir in den Ohren.
„Mor­gen­glanz?! Wo bleibst du. Mal­lion! Schmeiss Esther aus dem Bett!“
Ein Rüt­teln liess mein Bewusst­sein wie­der zum Zen­trum mei­ner selbst zusam­men­zur­ren. Jemand schüt­telte Gold­staub aus Klei­dern und Haa­ren. Die Luft flirrte und wäh­rend der Flit­ter zu nichts ver­ging, erwuchs aus die­sem Nichts eine Welt.
„Crea­tio ex nihilo“, hörte ich mich kommentieren.
„Esther, hey! Alles wie­der senkrecht?“
Die Welt war lila. Nein, die Welt waren Mer­rylls Augen, seine lie­ben lila Augen, die mich besorgt anblick­ten. Die Corona sei­nes wir­ren weis­sen Haa­res brachte die Sonne in meine Welt zurück.
„Du hast geträumt.“
„Ja, einen Traum aus Quan­ten­schaum.“ Ich war immer noch benommen.

Esther, komm end­lich durch. Die Kapi­tä­nin wird auf der Brü­cke ver­langt. Tabah flippt aus.“

Was ist los, Tabah?“ fragte ich als wir die Brü­cke betra­ten. Der Kama­ria­ner sah mich mit sei­nen schwarz schim­mern­den Augen fra­gend an. Er brauchte nichts zu sagen. Mein Blick klebte am Pan­ora­ma­schirm. Einen Moment lang glaubte ich, mein Traum spuke noch in mei­nem Hirn.
Die Besat­zung des klei­nen Raum­schiffs war ver­sam­melt. Ich spürte ihre Ratlosigkeit.
„Woher soll ich wis­sen, was das ist, – irgend­eine Quas­i­k­ris­tall-Gigan­to­ma­nie, – keine Ahnung. Was meint unsere Astro-Archäologin?“
„So etwas habe ich schon mal gese­hen, nur viel ein­fa­cher. Auf Terra, glaub ich, hat die Isla­misch-ara­bi­sche Kul­tur eine ähn­li­che Orna­men­tik her­vor­ge­bracht. Ver­gleich­ba­res gibt es bei uns auf Kama oder auf Kathara, die Mosai­ken der Tuba­nischa und bei vie­len ande­ren Pla­ne­ten­kul­tu­ren. Quas­i­k­ris­talle sind qua­si­pe­ri­odisch. Ihre Peri­odi­zi­tät wird erst in einem höher­di­men­sio­na­len Raum ver­ständ­lich. Mathe­ma­tik ist uni­ver­sal. Ich nehme an, diverse Kul­tu­ren sind auf ver­gleich­bare Lösun­gen gekom­men. Aber so etwas Kom­pli­zier­tes …. Und wer um alles im Mul­ti­ver­sum par­ket­tiert die schwar­zen Tie­fen des Kos­mos? „Fenet schüt­telte den Kopf.
Das Schiff schwebte über eine nicht enden wol­lende Platt­form blau-gol­de­ner Mosai­ken auf weis­sem Grund. Sie schim­mer­ten fahl in der Weltraumnacht.
Ich starrte unver­wandt auf den Schirm: „Com­pu­ter, Pea-Brains, Neuwelt.“
„Mor­gen­glanz, bist du kom­plett durchgeknallt?“
„Halt die Klappe, Tabah.“
Aus einer anfäng­li­chen Geräu­sche­ka­ko­pho­nie ent­span­nen sich Töne zu Melo­die­fä­den und woben einen kom­ple­xen Klang­tep­pich, dar­über konnte der Schwer­me­tall­rhyth­mus nicht hin­wegd­röh­nen. Er häm­merte die ver­schlun­gene Melo­die auf unsere ein­di­men­sio­na­len Hör­ge­wohn­hei­ten herunter.
„Kom­ple­xi­täts­re­duk­tion.“
„Was? Mor­gen­glanz, ich mach mir ernst­haft Sorgen …“
„Ruhe, Tabah!“

Eter­nity, die Front­frau der Band erhob ihre Rockröhre:

Der Tag trägt Trauer,
Die Far­ben der Nacht,
Ein sanf­ter Schauer
Strei­chelt ihn sacht.
Sacht, sacht in den Far­ben der Nacht, in den Far­ben der Nacht.

Zum Refrain unter­stütz­ten die Jungs grö­lend ihre Sängerin.

Strings swin­gen im Quan­ten­schaum, im Quantenschaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Im Quantenschaum…

Com­pu­ter, stopp. Ich habe das schon ein­mal gese­hen, – in mei­nem Traum und diese Musik gehört, nur sagen wir sym­pho­ni­scher, wie Sphä­ren­klänge, – viel­leicht eine Superstring-Sphärensymphonie.“
Das Bild auf dem Schirm änderte sich. In den Boden waren schmale, sehr lange Spitz­bo­gen­fens­ter ein­ge­las­sen. Als wäre das nicht selt­sam genug, zeig­ten diese in alle Rich­tun­gen. Hin­ter den Fens­ter­öff­nun­gen lau­erte undurch­dring­li­che Fins­ter­nis, manch­mal gold-opak changierend.
„Ent­we­der waren diese Bau­meis­ter total meschugge oder unfass­bare Genies, oder bei­des,“ mur­melte ich vor mich hin.
Am Hori­zont kam so etwas wie eine Bar­riere ins Bild. Vor uns wuchs eine gewal­tige, das ganze Blick­feld aus­fül­lende Quas­i­k­ris­tall­mo­sa­ik­mauer und ver­lor sich in der Schwärze des Alls. Gemau­erte Lan­zett­fens­ter zeig­ten schein­bar will­kür­lich nach oben, unten, seit­wärts als hätte das Bau­werk keine Aus­rich­tung. Wie bei Vexier­bil­dern kippte hin­ter den Fens­tern sam­te­nes Dun­kel in auf­glän­zen­des Gold.
„Tran­szen­denz ohne Trans­pa­renz wie der Gold­grund mit­tel­al­ter­li­cher Bil­der. Die Licht­un­durch­läs­sig­keit des Gol­des bringt das düs­terste Leuch­ten des Uni­ver­sums her­vor. ‚Fürch­tet den Tag des Herrn, denn des Herrn Tag ist Fins­ter­nis und nicht Licht’, Amos ich weiss nicht was.“
Die ande­ren Schwiegen.
„Der bar­ba­ri­sche Glanz des Gol­des ist bloss der Wider­schein sei­ner imma­nen­ten Dun­kel­heit oder doch der Vor­schein des Herrn Tag. Auf Terra gibt es das alte latei­ni­sche Wort sacer. Es bedeu­tet sowohl hei­lig als auch verflucht.“
„Ich bin keine Sprach­wis­sen­schaft­le­rin“, mel­dete sich Fenet, aber zab­rach auf Kama oder empur auf Sum­far hat eine ver­gleich­bare Bedeutung.“
Unter uns sahen wir gewal­tige Por­tale. Aus kom­pli­zier­ten Kno­ten­mus­tern wuch­sen gro­teske Dämo­nen oder lös­ten sich in diese auf. Höl­len­frat­zen mit weit auf­ge­ris­se­nen Augen und Mäu­lern glotz­ten eher ver­zwei­felt als böse. Wie die Fens­ter so hat­ten die Tore keine bestimmte Aus­rich­tung. Die Hori­zont und Fir­ma­ment aus­fül­lende Mauer, auf die wir zuhiel­ten, zeigte das glei­che Bild.
Tabah erholte sich als ers­ter von dem Anblick: „Wir soll­ten lan­den, Mor­gen­glanz, und uns die­ses absurde Bau­werk näher ansehen.“
„Noch nicht.“
Ich setzte mich auf mei­nen Kapi­täns­ses­sel und steu­erte das Schiff senk­recht die Mauer empor. Doch das schien nur so. Die Mauer wan­delte sich zum Pla­teau. Ich drehte das Schiff um 180 Grad. Neben uns ragte das eins­tige Fuss­bo­den­mo­saik als Mauer in die schwarze Höhe. Das Schiff setzte auf. Unsere Sen­so­ren zeig­ten aus­rei­chend Sau­er­stoff und Schwerkraft.
Fenet, Tabah, Mal­lion und ich stan­den auf dem Fuss­bo­den­mo­saik, das wir zunächst als Mauer iden­ti­fi­ziert hat­ten. Es nie­selte und der Tag trug Trauer. Von den Mosai­ken ging ein hoff­nungs­lo­ses Leuch­ten aus, und doch war der fahle Schim­mer wie ein Geschenk.
„End­zeit­licht, Abglanz der Ver­gäng­lich­keit.“ Meine Stimme klang rau und erstickt.
„Esther, mahnte mich Mer­ryll, „hör auf zu orakeln.“
Vor unse­ren Füs­sen dehnte sich ein von unse­rer Posi­tion aus nicht zu über­bli­cken­des Fens­ter und gähnte gold­schlie­rige Dun­kel­heit. Unwill­kür­lich wichen wir zurück und lenk­ten unsere Schritte auf ein Por­tal in der Mauer.
„Wenn es nicht so kunst­voll gear­bei­tet und so kom­pli­ziert gestal­tet wäre, würde ich es als bar­ba­risch bezeichnen.“
Wäh­rend die Astro-Archäo­lo­gin sprach, berührte sie mit ihre Hand das Tor. Geräusch­los sprang es nach innen auf und gab den Blick frei in einen rie­si­gen Rund­bau, umstan­den von einem Säu­len­wald. Stre­be­pfei­ler schos­sen in die Höhe. Ich konnte nur ahnen, dass sie sich gleich der Euklid­schen Par­al­le­len irgendwo im Unend­li­chen tref­fen. Zusa­gen der Raum sei kathe­dra­len­haft wäre eine Ver­nied­li­chung. Wir ver­harr­ten auf der Schwelle, win­zige Wesen, schau­dernd vor der bedrän­gen­den Nähe des Uner­mess­li­chen. Bun­tes Licht brach durch den stei­ner­nen Forst, glimmte im Dun­kel und wogte als far­bi­ger Pho­to­nen­schleier auf der Rotundenlichtung.
„Und das Licht fiel in die Fins­ter­nis und die Fins­ter­nis hat es nicht ergrif­fen“, ich hauchte die Worte. Abt Suger muss ähn­lich über­wäl­tigt gewe­sen sein als er den Kir­chen­raum von St. Denis betrat. ‚Lux mira­bi­lis et Continua’ …“
„Mor­gen­glanz“, unter­brach mich Tabah, „Nie­mand aus­ser­halb dei­nes Pro­vinz­pla­ne­ten ver­steht den Pro­vinz­dia­lekt die­ses Him­mel­ko­mi­kers oder kennt die­sen Provinztempel.“
„Das ist nicht nötig,“ wandte Fenet ein. „In den meis­ten Pla­ne­ten­kul­tu­ren wird Licht als Epi­pha­nie des gött­li­chen emp­fun­den, als etwas Heiliges.“
„Ja,“ bestä­tigte Mer­ryll, „denk an den Pro­vinz­tem­pel der Warinda mei­nes klei­nen Pro­vinz­pla­ne­ten Kathara.“
Ich wollte die Rotunde betre­ten, zog mei­nen Fuss aber wie­der zurück. Die Stre­be­pfei­ler spie­gel­ten sich im Boden und schie­nen in der Tiefe zu loten, umflos­sen von einem wun­der­bar unun­ter­bro­che­nen Glanz far­big gebro­che­nen Lichts.
„Esther, seit wann bist du so ängst­lich oder wirst du plötz­lich reli­giös. Zie­het eure Schuhe aus, ihr betre­tet hei­li­gen Boden,“ läs­terte Tabah, der mal wie­der ver­suchte seine Ergrif­fen­heit mit Cool­ness zu über­spie­len. Ich igno­rierte ihn. Im Augen­win­kel gewahrte ich, wie Fenet sich anschickte über die Schwelle zu treten.
„Nicht!“ Ich packte Thyra gerade noch am Arm.
„Tran­tasch kabir shun!“ ‚hei­lige Scheisse!’ fluchte sie in ihrer Mut­ter­spra­che, und wich ent­setzt meh­rere Schritte zurück.
Da war kein spie­geln­der Boden, son­dern ein gäh­nen­der Abgrund. Die Säu­len rag­ten in die Untiefe ebenso wie in die Höhe. Aber gab es über­haupt ein Unten und Oben. Die Tiefe des Abgrun­des und die Tiefe des Alls sind ein- und das­selbe und nur für uns nicht das glei­che. Hier musste wahr­lich nie­mand auf den Kopf gehen, um in den Abgrund des Him­mels zu blicken.
„Dort“, sagte Mer­ryll leise.
Eine Art Floss schwebte durch ein Spa­lier aus far­big gebro­che­nem Licht auf uns zu. Das Floss hielt an der Schwelle. Wir sahen uns an. Ich nahm mei­nen gan­zen Mut zusam­men und ver­wehrte den Ängs­ten, die aus dem Untie­fen mei­nes Selbst empor kro­chen, besitzt von mir zu ergrei­fen. Vor­sich­tig betrat ich die schwe­bende Platt­form. Sie trug mich, schwankte nicht ein­mal. Mer­ryll und Tabah taten es mir gleich. Nur Fenet zögerte zunächst. Ich konnte sie gut ver­ste­hen. Keine Angst zu haben ist ein Zei­chen von Phan­ta­sie­lo­sig­keit. Auch wenn dies hier unser Vor­stel­lungs­ver­mö­gen über­for­derte, die Ein­bil­dungs­kraft belebt selbst das Unvor­stell­bare mit Phan­to­men. Kein Bild­ver­bot hat das je zu unter­bin­den ver­mocht. Tabah reichte Fenet die Hand und zog sie zu sich hinüber.

Das Floss schwebte durch das Photonenspalier.
„Don’t pay the fer­ry­men…,“ schoss es mir durch den Kopf und „Wer hier ein­tritt, lasse alle Hoff­nung fahren …“.
Hin­ter uns schlu­gen die Tür­flü­gen ins Schloss. Oh, Shit! Was hätte ich für einen Ver­gil gege­ben. Sogar Cha­ron, der die toten See­len über den abgrün­di­gen Styx in den Hades schifft, wäre mir will­kom­men gewesen.
Musik stieg aus der Tiefe des Rau­mes empor, die­selbe die ich in mei­nem Traum ver­nom­men hatte und deren Rock­ver­sion mir durch die P(ea)-Bra(i)ns ver­traut war. Der Ober­ton­chor hob an:

Der Tag trägt Trauer,
Die Far­ben der Nacht,

Nur mit Mühe gelang es mir mein Bewusst­sein daran zu hin­dern in die Unend­lich­keit aus­ein­an­der zu driften.

Ein sanf­ter Schauer
Strei­chelt ihn sacht.

Ohren zuhal­ten!“ schrie ich.

Strings swin­gen im Quan­ten­schaum Schaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.

Der Sire­nen­ge­sang klang jetzt etwas gedämpf­ter, aber er zerrte immer noch an den Neuronen.

Die Sonne hinkt auf ihrer Bahn.
Der Mond erbleicht.
Pan phan­ta­siert im Fieberwahn.
Ver­ges­sen ist leicht.
Strings swin­gen im Quan­ten­schaum Schaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.

Ich war jetzt in der Lage den Gesang zu orten.

Am Abgrund schlum­mert ein Stein.
Die Tiefe träumt Welten.
Quarks tanz­ten Ringelreihen
Als Dimen­sio­nen zerschellten.

Das Licht­spa­lier sang. Ich kann nicht sagen, dass dies zu mei­ner Beru­hi­gung beitrug.

Strings swin­gen im Quan­ten­schaum Schaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.

Manch­mal glaubte ich schwa­che For­men zu erkennen.

Das Meer ver­dampft zu Silberschein.
Die Ferne geht verloren.
Schwei­gend rollt der Hori­zont sich ein.
Neu­welt wird geboren.

Was war das nur für eine Spra­che. Selt­sa­mer­weise ver­stand ich sie.

Strings swin­gen im Quan­ten­schaum Schaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Strings swin­gen im Quan­ten­schaum Schaum,
ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Im Quan­ten­schaum, im Quantenschaum…

Pro­toglossa,“ dachte ich. „Pro­toglossa…“
Der Gesang verstummte.
„Ihre Gehirne sind für unsere Musik nicht aus­ge­legt,“ erklang ein melo­di­sches Unisono.
Wir lös­ten die Hände von unse­ren Ohren.
„Ihre Hirne sind für unser Wis­sen nicht ausgelegt.“
Ich wollte pro­tes­tie­ren, da sah ich, wor­auf wir zusteu­er­ten. Auf einem schwe­ben­den Mosaik ruhte ein Fels­bro­cken, ein Find­ling, – bizarr geformt als hätte ein wüs­ter Äonen­sturm die rohe Mate­rie erodiert.
„Pro­to­ma­te­rie,“ schoss es mir durch den Kopf. „Nein, damit asso­zi­ierte ich bis­her die Strings oder deren ange­regte Schwin­gungs­zu­stände die Ele­men­tar­teil­chen. Die­ser Fels schien so etwas wie ein hei­li­ges Objekt zu sein, wie die Kaaba in Mekka. Das Floss legte an. Wir betra­ten die Mosaik-Platt­form. Ich hörte Fenet neben mir zitie­ren: „Am Abgrund schlum­mert ein Stein, / die Tiefe träumt Welten …“
Da begann ich zu begrei­fen, oder nein, so etwas wie ein Begrei­fen ergriff mich und erschüt­terte mich bis ins Mark. Unsere Welt die Schaum­ge­bo­rene. Ich fiel auf die Knie und starrte über den Rand in den Abgrund.
„Esther!“ Mer­rylls Stimme über­schlug sich fast.
Ich hob mein Haupt und blickte in den Abgrund über mir. Fins­ter­nis und opa­kes Gold durch­schie­nen von far­big gebro­che­nem Licht. „Das Xaos, Pla­tons Chora3„, stam­melte ich, „die Amme des Wer­dens“, das Bulk4, – dass ich das Erlebe!
Ich sah mich um. Schlanke Licht­ge­stal­ten umstan­den uns. Mer­ryll half mir auf.
„Die Pro­to­to­po­lo­gie der Spin-Netze des Quan­ten­schaums5 ist nicht dia­phan.“ sprach es stau­nend aus mir.
„Nur der Welt­raum ist durchscheinend.“
„Wer seid ihr?!“ hörte ich Mer­rylls ver­wun­derte Frage.
„Wir sind das Licht der Welt. Wir sind das Unbe­grif­fene der Fins­ter­nis. Wir sind die Hir­ten des Seins. Wir sind die Hüter der End­lich­keit. Wir sind die Wäch­ter der Welt, die Engel, die Ange­loi, die Kara­mir, die Marusch. Wir sind das Fun­keln der Sterne und des Feu­ers Schein, das Leuch­ten in den Augen und das Licht der Ver­nunft. Wir sind die Grenz­pos­ten zur Unendlichkeit.“
Fenet bückte sich und zeich­nete mit einem Fin­ger das kom­pli­zierte Mus­ter nach. Ein Pen­ro­se­par­kett war nur eine extrem ein­fa­che Vari­ante die­ses ver­schlun­ge­nen Quasikristallmosaiks.
„Eine drei­di­men­sio­nale Pro­jek­tion der unend­li­chen Tiefe, der All-Dimen­sion aller Bra­nen­wel­ten, aller Zeit-Spiel-Räume der Mul­ti­ver­sen, ein abs­trak­tes Bild, stark ver­ein­facht, von dem, wovon nie­mand ein Bild sich machen kann, nicht ein­mal wir. Auch wir sind Gefan­gene der 3-dimen­sio­na­len fla­chen Scheibe, unse­rer 3-Bran­welt, die unser Uni­ver­sum ist, so wie ihr und alle hadro­ni­sche Mate­rie.6 Unsere Welt, sie endet hier.“
Bei die­sen Wor­ten began­nen die Licht­ge­stal­ten sich wie­der in far­bige Pho­to­nen­schleier aufzulösen.
„Geht jetzt! Dies ist kein guter Ort für hadro­ni­sche Wesen. Manch­mal bre­chen die Dämme. Ein Mul­ti­di­men­si­ons­stru­del, wir spü­ren ihn.“

Der Panik nahe spran­gen wir auf das Floss. Ich betete zu allen mir bekann­ten Göt­tern und Göt­zen des Mul­ti­ver­sums, das Floss möge schnell genug und das Tor wie­der offen sein. Schon tauchte es vor uns auf. Es war geschlos­sen. Hin­ter uns ein Dröh­nen, das unsere Trom­mel­felle zu zer­reis­sen drohte. Wir wag­ten nicht uns umzu­dre­hen. Ich ahnte das Auf­reis­sen der sich um uns herum ver­dun­keln­den Welt. Statt der Pforte dräute vor uns Fins­ter­gold. Wir schrieen wie aus einer Kehle als wir in die mas­siv wir­kende Gold­nacht ras­ten. Eine Melange von Gold und Schwärze stob an uns vor­bei. Das Tor sprang auf. Das Floss rammte die Schwelle. Wir flo­gen in hohen Bogen auf den Mosa­ik­bo­den. Hin­ter uns schlug kra­chend die Pforte zu. Ich rap­pelte mich hoch.
„Mer­ryll!“
Er war in eines die­ser Lan­zett­fens­ter gestürzt und ver­suchte sich her­aus­zu­zie­hen. Ich flog zu ihm, packte ihn unter den Axeln. Die ande­ren kamen zur Hilfe. Kaum hatte er fes­ten Boden unter den Füs­sen, erschüt­terte ein Beben die Mosa­ik­ebene. Es fehlte nicht viel und wir wären gemein­sam in den Abgrund gestürzt, aus dem wir gerade mei­nen Liebs­ten befreit hat­ten. Ohren­be­täu­ben­des Brül­len erfüllte die Luft.
„Zum Schiff!“ Schrie ich.
Wir rann­ten um unser Leben.

Ich star­tete durch. Die Besat­zung presste es in die Sitze. Aus dem Laut­spre­cher dröhn­ten die Pea-Brains. Vor uns öff­nete sich ein Wurm­loch. Wir tun­nel­ten uns in hei­me­li­gere Gefilde unse­res Provinzuniversums.
Ich drehte mich um. Mer­ryll war grün im Gesicht, ein hüb­scher Kon­trast zu sei­nen Lila Augen. Tamir Tabah grinste breit, umklam­merte aber immer noch Fenets Hand.
„Puh, das war knapp! Dann doch lie­ber zer­strahlt im Quan­ten­nir­wana als Ver­schol­len oder Schlim­me­res im Out­back der Mul­ti­ver­sen.“ Ich lachte und das Lachen befreite. „Und wo geht’s als nächs­tes hin? Wie wär’s mit immer der Nase nach von einem Rand unse­rer 3-Bran-Schei­ben­welt zum ande­ren, – Pto­le­mäus revistet.“
„Waas?“ kam es wie aus einem Munde.
„Ver­gesst es, – Provinzgeschichte.“

Strings swin­gen im Quan­ten­schaum, im Quantenschaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Im Quan­ten­schaum…


1 Quas­i­k­ris­talle sind schein­bar ape­ri­odisch. Ihre Peri­odi­zi­tät ist erst in einem höher­di­men­sio­na­len Raum zu erkennen.

2 Wort­spiel der Phy­si­ker: p-Brane ist laut­gleich mit Pea-Brain, Erb­sen­hirn. Brane: von Mem­bran. p-Brane: Lösung der Ein­stein­schen Glei­chung E=mc². P-Bra­nen expan­die­ren in einige Rich­tun­gen unend­lich. In einer Dimen­sion wirkt eine p-Brane wie ein schwar­zes Loch und fängt Objekte ein. P steht für die Anzahl der räum­li­chen Dimensionen.

3 Pla­ton, Tima­ios, 49 a, vgl. 52 d.

4 Als Bulk (engl. Gross, Gross­steil, Gros) wird der umfas­sende höher­di­men­sio­nale Raum bezeich­net, in dem alle Bra­nen­wel­ten ver­sam­melt sind. Er ist die „Ort­schaft aller Orte und Zeit­spiel­räume“, von der Heid­eg­ger spricht, das grie­chi­sche Xaos, der gäh­nende Abgrund und Pla­tons Chora, die Tiefe, die Spalte oder Kluft.

5 Hät­ten wir die Mög­lich­keit, so geht die Theo­rie eini­ger Phy­si­ker, die Natur soweit zu ver­grös­sern, dass selbst win­zigste Struk­tu­ren mit Plank-Länge (10-35 m) sicht­bar wür­den, löse sich die Kon­ti­nui­tät von Raum und Zeit auf und ein dis­kre­tes, gequan­tel­tes Spin-Netz­werk ein­di­men­sio­na­ler Fäden würde sicht­bar, bzw. auf Grund der Unschär­fe­re­la­tion, die quan­ten­phy­si­ka­li­sche Über­la­ge­rung aller mög­li­chen Zustände. Der Spin ist der Eigen­dreh­im­puls eines Ele­men­tar­teil­chens. Seine mathe­ma­ti­schen Eigen­schaf­ten sind mit Netz­werk­ver­knüp­fun­gen ver­gleich­bar, wie ein Gewebe aus ein­di­men­sio­na­len Fäden. Ist das Bulk eine Art Prä­geo­me­trie, so das Spin-Netz oder der Quan­ten­schaum eine Art Pro­to­geo­me­trie oder –Pro­to­to­po­lo­gie, aus der eine kon­krete Raum­zeit erst emergiert.

6 Nor­male aus Quarks zusam­men­ge­setzte und der Star­ken­wech­sel­wir­kung (Hadron) unter­lie­gende Mate­rie. Wäh­rend einige Teil­chen sich frei in allen Bra­nen­wel­ten und im Bulk bewe­gen kön­nen, sol­che die Anre­gungs­zu­stände geschlos­se­ner Strings sind wie das Gra­vi­ton, kön­nen andere, Anre­gungs­zu­stande offe­ner Strings, sich nur ent­lang der Raum­di­men­sio­nen bestimm­ter Bra­nen­wel­ten bewe­gen, sind also Gefan­gene der Bra­nen­welt. Was für die Ele­men­tar­teil­chen gilt, trifft auch auf Objekte und Wesen zu, die aus die­sen Teil­chen bestehen. Wir leben, so die Theo­rie eini­ger Phy­si­ker, in einer 3-Branwelt.


Beatrice Nunold - Glarean MagazinDr. Bea­trice Nunold

Geb. 1957 in Han­no­ver, Stu­dium der Phi­lo­so­phie, Kunst­ge­schichte, Volks­kunde, Spra­che und Kul­tur Viet­nams in Ham­burg, Pro­mo­tion; ver­schie­dene wis­sen­schaft­li­che und lite­ra­ri­sche Publi­ka­tio­nen, lebt als freie Autorin und Phi­lo­so­phin in Goslar/D

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Kurz­prosa auch von
Horst-Die­ter Radke: Drei Tier-Fabeln

… sowie zum Thema Gott und die Welt das Thea­ter­frag­ment von
Her­bert Jost: Ham­lets Rückkehr

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