Herbert Jost: Hamlets Rückkehr (Theaterfragment)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Hamlets Rückkehr

 Her­bert Jost

Ein dunk­ler, lee­rer Raum, des­sen Rück­wand von
einem schwe­ren, schwar­zen Vor­hang ver­deckt wird.
Ham­let und Hora­tio von links

HAMLET

So bin ich also wie­der da,
zurück­ge­kehrt – woher? – wohin?
Nicht nach Hel­sin­gör, wie’s scheint,
das ich für alle Zeit verliess,
als mei­nen Leib die Erde deckte.
Und doch, es stimmt: ich bin zurück.

HORATIO

Und nun, mein Prinz?

HAMLET

Und nun, treuer Horatio,
will ich ein Weil­chen bleiben.
Hier, denk ich,
ist es grad so gut,
wie an jedem andern Ort –
tau­send­mal besser
als unter der Linde,
wo die Fami­lie beisammensitzt,
andere zer­re­det, die gleich uns
die ird’sche Welt schon lang verliessen.
Ich sage dir, Horatio –
und bau dabei auf deine Freundschaft,
dass kei­nem du es hinterbringst –
heut weiss ich end­lich, dass mein Kampf
ver­lo­ren war, eh er begann.
Ich stritt einst für mei­nen Vater –
nein, nicht für ihn,
für sei­nen Geist und Seelenfrieden! –
ich schlug mich für Gerechtigkeit
und Sühne brü­der­li­cher Untat,
für viele hehre Dinge.
Ach! Von hier besehen
war alles eit­ler Plunder!
Nun, da ich mit ihnen bin so viele Ewigkeiten,
kenn ich den Vater und den Oheim wohl genug,
um zu ver­stehn, wie sehr ich irrte:
kei­ner von denen, bes­ter Freund,
ist gut oder auch schlecht genug,
dass es sich lohnt, dafür zu sterben.

HORATIO

Was grämt ihr Euch?
Ihr tatet doch nur recht,
nach bes­tem Wis­sen und Gewis­sen recht,
wieso Euch nun mit Zwei­fel plagen?

HAMLET

Ver­stehst du nicht, Horatio?
Mein Ende, es war ganz umsonst
und alles Leid, das ehe­dem geschah –
umsonst und ganz und gar vergebens.
Der Schmerz, den ich Ophe­lia brachte,
Ophe­lia, die ich liebte, und die
noch immer mich erfüllt mit unnenn­ba­rer Zärtlichkeit,
Laer­tes und die ande­ren alle,
die diese komi­sche Tra­gö­die fällte –
umsonst gin­gen sie hin,
ohne Nut­zen war dies alles.

HORATIO

Ihr könnt nicht wei­ter trau­ern, Prinz.
Die Ewig­keit ist viel zu gross,
um sie in Schmerz zu baden.

HAMLET

Ja, du hast recht, Horatio.
Doch lass mich nun,
da mein Auge tro­cken bleibt,
noch die­sen einen Augenblick
in Andacht hier verweilen.
Geh, guter Freund,
und lass mich jetzt allein.
Bald wird Ophe­lia hier erscheinen,
und noch bevor sie bei mir ist,
soll meine Wut ver­flo­gen sein.

HORATIO

Wie Euch beliebt, mein Prinz.

Ab nach rechts

HAMLET

Allein. – Allein?
Nein, sicher nicht.
Wohl kann man hier sehr ein­sam sein,
doch ganz alleine ist man nie.
Wie sehr sich doch die Sphä­ren gleichen!
Der treue Hora­tio hat ja recht:
warum soll ich mich grämen?
Es liegt kein Sinn in die­ser Qual,
kein Scha­den zwar, doch auch kein Nutzen.
Oft­mals denke ich zurück:
Wie Yoricks Schä­del in der Hand ich hielt,
wie Ekel mich befiel bei dem Gedanken,
dass dies einst jener Yorick war, mein Yorick…
Nun seh ich selbst so aus da unten,
drü­ben – wo auch immer.
Und oft treff ich den guten Narr’n.
Er ist noch ganz der alte,
doch macht er keine Spässe mehr.
In die­sem wei­ten Paradies
ist jeder ein viel gröss’rer Narr,
als Yorick jemals einer war.
Wozu dann seine Kunst verschwenden?
Bald wird Ophe­lia kommen.
Ophe­lia! Wie befreit ich war,
als ich sie end­lich wiedertraf,
gesund an Geist und Seele.
Wahn­sinn ist nicht für diese Welt.
So ist sie mir gerettet;
und auch, wenn sie so fleisch­los ist,
wie alle ande­ren um uns her:
ich lieb sie mehr als je.

Ophe­lia erscheint von links

OPHELIA

Da bist du ja.
Doch ganz allein?
Warst du nicht mit Horatio?

HAMLET

Ich schickt‘ ihn fort.
Er ist für­wahr ein guter Freund,
doch man­ches Mal sehr anstrengend.

OPHELIA

Anstren­gend? Horatio,
der dich aus tiefs­ter Seele liebt?
Wie soll ich das verstehen?

HAMLET

Emp­fin­dest du’s als leicht,
mit einem Freund zu reden,
der nicht ver­steht, wovon du sprichst?

OPHELIA

Dann also sprachst du ihm
von dei­nen Zwei­feln, Hamlet?
du weisst, von allen, die hier sind,
wird kei­ner das verstehen.
Selbst ich weiss nur, was dich bewegt,
weil mein Herz mit dem dei­nen schlug.

HAMLET

Viel­leicht muss es so sein,
dass ich zweifle, dass ich leide,
und der Tod mir bit­ter ist.

OPHELIA

Man könnte glau­ben, hört man dich,
wir wären nicht im Himmel.

HAMLET

Für euch mag es der Him­mel sein,
den ich euch herz­lich gönne,
für mich bleibt es ein Ort der Pein.

OPHELIA

Ein Ort der Pein?
Wär‘ ich dann hier?

Ham­let schweigt

OPHELIA

Wir wol­len auf die Sterne sehn
und all den Gram vergessen!

Der Vor­hang im Hin­ter­grund öff­net sich;
dahin­ter: ein ster­nen­über­sä­ter Himmel.
Kur­zes Schweigen

OPHELIA

Weisst du, als ich ertrun­ken bin,
als mir die Sinne schwanden,
da sah ich Gott für kurze Zeit.

HAMLET

Auch ich sah ihn in dem Moment,
als, von Laer­tes gift’gem Streich gefällt,
ich mei­nen letz­ten Atem tat.
Er kam heran und sprach zu mir:
– Du hat­test mich geru­fen, Sohn,
nun sieh, ich bin gekommen. –
Ich sagte drauf: Ja, das ist wahr,
Ham­let hat Euch wohl gerufen,
als die Qual sein Herz zerriss.
Doch das ist lange her.
Und nun seid ihr gekommen.
Dar­auf ver­schwand er – ein­fach so.
Und nie kam er zurück. ♦


Herbert JostHer­bert Jost

Geb. 1960 in Frankfurt/M, Eth­no­lo­gie-Stu­dium und Pro­mo­tion in Mar­burg; fach­wis­sen­schaft­li­che, bel­le­tris­ti­sche und zeich­ne­ri­sche Publi­ka­tio­nen in Büchern, Zeit­schrif­ten und Antho­lo­gien, seit 1980 als Autor, Zeich­ner, Pro­du­zent, Regis­seur und Dar­stel­ler frei­be­ruf­lich tätig, lebt in Alsfeld/D

Lesen Sie im Glarean Maga­zin auch von
Christa Degen: Isla de Los Lobos

… sowie zum Thema His­to­ri­scher Roman über
Rebecca Gablé: Der dunkle Thron

Kommentare sind willkommen! (Keine E-Mail-Pflicht)