Veröffentlicht am 26. Oktober 2026
Von William Shakespeare bis Nelio Biedermann
Charles Stünzi
Das Thema „Der alte Schriftsteller und die Sexualität“ spielt bei zwei mittlerweile verstorbenen literarischen Giganten, dem Amerikaner Philip Roth (1933-2018) und dem Deutschen Martin Walser (1927-2023) eine wichtige Rolle. Grundsätzlich schreiben Schriftsteller immer über Themen, die sie umtreiben, auch persönliche.
Und ewig lockt das Weib

So ist es nicht erstaunlich, dass im Spätwerk der beiden oben genannten Autoren das Altern und dessen Beschwerden, der nahende Tod und angesichts der schwindenden sexuellen Potenz auch der Topos „Der alte Mann und die junge Frau“ eine tragende Rolle spielen. Dies führte und führt nach wie vor in Kreisen des sogenannten Bildungsbürgertums auch zu Kritik und Ablehnung. Dort spricht man dann abwertend von „Altherrenfantasien“, bei Walsers Roman „Angstblüte“ auch wegen einer derben, auch sprachlich vulgären Passage. Dabei geht es dort nur um die Verdeutlichung und Konkretisierung des oben genannten Problems, eines Problems des 71-jährigen Protagonisten Karl von Kahn und natürlich auch des noch älteren Autors.
Walsers wunderschöne Geschichte „Ein liebender Mann“ handelt von Goethe, der sich als 72-Jähriger in Marienbad in die 17-Jährige Ulrike von Levetzow verliebte und sich durch seinen Heiratsantrag gesellschaftlich lächerlich machte. Auch hier heisst das Thema, noch pointierter als in „Angstblüte“, „der alte Mann und die junge Frau“.
Der Amerikaner Philip Roth war ein sexuell sehr aktiver Mann, und auch ihn beschäftigten beim Schreiben seines Alterswerkes natürlich seine altersbedingten körperlichen Beschwerden und seine schwindende Libido. Es ist legitim, wenn er dieses reale persönliche Problem in seinen späten Romanen fiktionalisierte, und zwar ungeschminkt, frei von jeglichen Euphemismen, zum Teil auch vulgär. Mit Pornografie, die literarisch wertlos ist und allein die sexuelle Erregung der Leser bezweckt, hat all dies nichts zu tun.
Verbotene Zone?

Der Sexualität kommt als einer grundsätzlichen menschlichen Triebkraft im individuellen Leben und im gesellschaftlichen Kontext eine grosse Bedeutung zu. Trotz einer Befreiung v. a. für die jüngeren und jungen Menschen durch die 1968er Revolution wird der Bereich der Erotik in weiten Kreisen der bürgerlichen Gesellschaft immer noch weitgehend tabuisiert.
Heutzutage wird kaum bestritten, dass die Kunst, und damit auch die belletristische Literatur, fast alles darf und jedenfalls alles thematisieren darf, also auch die Sexualität. Dennoch kam und kommt es oft zu einem Skandal oder Skandälchen, wenn in einem Buch sexuelle Handlungen freizügig beschrieben werden. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein kam es auch immer wieder zu Prozessen, Anklagen, Zensur und Selbstzensur, Veröffentlichungs- und Verkaufsverboten, dies auch bei Büchern, welche danach den Status unbestrittener literarischer Meisterwerke erlangen sollten. Drei weltbekannte Romane will ich hier erwähnen: „Madame Bovary“ von Gustave Flaubert (1821-1880), „Lady Chatterley’s Lover“ von D. H. Lawrence (1885-1930) und „Lolita“ von Vladimir Nabokov (1899-1977).
Diesem von Pornografie-Vorwürfen und Verboten begleiteten Literaturschaffen muss man auch das Werk des Amerikaners Henry Miller (1891-1980) und der Amerikanerin Anaïs Nin (1903-1977) hinzufügen, welche die sexuelle Freizügigkeit nicht nur ausführlich und explizit beschrieben, sondern sie zusammen und mit anderen auch intensiv auslebten. Einen besonderen Rang in der Geschichte der feministischen Bewegung hat sich schliesslich die US-Schriftstellerin Erica Jong (geb. 1942) als eigentliche Ikone sexuell freizügiger emanzipatorischer Frauenliteratur geschaffen.
Wer ist schuldig: Der Autor, der Erzähler, der Protagonist?

Oder vielleicht sogar der Leser, der sich so was zu Gemüte führt? Es geht in den drei genannten grossen Romanen „Madame Bovary“, „Lady Chatterley’s Lover“ und „Lolita“, eingebettet in unübersehbare sozialkritische Aspekte, zweimal um einen von einer Frau (!) begangenen Ehebruch und einmal um das erotische Verhältnis zwischen einem reifen Mann und einem minderjährigen Mädchen, also um sexuelle Handlungsmuster, welche in der bürgerlichen Gesellschaft weitgehend als unsittlich, im letzten Fall auch als schwere Rechtsbrüche galten bzw. immer noch gelten.
Damit sind wir bei einem entscheidenden Punkt angelangt: Die „unmoralischen“ Taten, welche Flaubert, Lawrence und Nabokov beschreiben und welche die fiktiven Figuren in ihren Romanen „begehen“, wurden von gestrengen selbsternannten Sittenrichtern den Autoren angelastet. Man wollte ihnen das Recht und die künstlerische Freiheit nicht zugestehen, diese Themen öffentlich und in fiktionaler Form zu behandeln. Ja, man verdächtigte sie geradezu, das problematische Verhalten ihrer Figuren durch dessen Beschreibung zu legitimieren oder gar zu propagieren, bzw. deren „Unsittlichkeit“ als akzeptabel oder sogar als vorbildhaft in die Gesellschaft hineintragen zu wollen. Vor allem Jugendliche würden dadurch verführt und verdorben. Aber auch für die Augen und Ohren von Frauen erachtete man derlei Geschichten oft als ungeeignet, wie es das folgende Beispiel zeigt.
Fiktion, Zensur, Biografie
Wer sich mit William Shakespeare (1564-1616) intensiv beschäftigt, weiss, dass dieser in seinen Dramen die gesamte Palette menschlichen Verhaltens unverfälscht und keineswegs verniedlichend darstellte und dabei, ganz im Einklang mit den Gepflogenheiten des elisabethanischen Theaterbetriebs, auch vor witzigen erotischen Derbheiten und oft mehrdeutigen Anzüglichkeiten nicht Halt machte. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts veröffentlichte ein englischer Arzt namens Thomas Bowdler (1754-1825) eine von sexuell und religiös anstössigen Passagen „gereinigte“ Shakespeare-Werkausgabe, den sogenannten „Family Shakespeare“. So sollte das Werk des von Bowdler durchaus bewunderten grossen Barden für „family readings“ im Beisein von Frauen und Jugendlichen angepasst und so natürlich auch verbreitet werden.
Wir bleiben in England, schreiten aber vom neunzehnten ins achtzehnte Jahrhundert zurück. Ein legendärer Bestseller wurde der Roman „Fanny Hill“ von John Cleland (1709-1789), in welchem es um das Leben einer Prostituierten geht. Dem Text wird eine qualitativ ansprechende Prosa attestiert, und Cleland überschritt nicht die Grenze zwischen etwas schlüpfriger Unterhaltungsliteratur und abstossender Pornografie. Man lernt darin auch vieles über die grossenteils ärmlichen Lebensbedingungen im England jener Zeit.

Unsere literarisch-erotische Erkundungstour führt uns zum Ende des 20. Jahrhunderts und nach Frankreich. Catherine Millet (geb. 1948), anerkannte Expertin für moderne Kunst und Chefredakteurin der Zeitschrift „art press“, schrieb den skandalumwitterten autobiografischen Roman „La Vie sexuelle de Catherine M.“. Sie beschreibt darin authentisch ihr ausschweifendes, durch Gruppensex geprägtes Geschlechtsleben, welches sie zusammen mit ihrem Mann in der Swinger-Szene von Paris führte. Sie tut dies frei von Emotionen, fast erschreckend sachlich, also rein deskriptiv und präzise mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit. Freilich sei diese Lektüre „empfindsamen Seelen“ nicht empfohlen.
„Das ist Geschmackssache“
Es gibt zwar durchaus valide literarische Wertungskriterien, aber trotzdem gilt das obige Zitat auch für das Lesen von Literatur. Eigentlich ist es nicht die Literatur, welche mehr oder weniger Sex verträgt. Es sind vielmehr die Leserinnen und Leser. Deren Geschmack ist vor allem durch ihre jeweils individuelle Sozialisierung geprägt, aber sie lassen sich heutzutage meist nicht mehr bevormunden, auch nicht durch die Kirche.
Über Geschmack kann man reden, aber man sollte bekanntlich nicht darüber streiten. Es geht um individuelle, sehr unterschiedliche Emotionen und Vorlieben. Der Literaturbetrieb offeriert allen potentiellen Leserinnen und Lesern ein riesiges Angebot unterschiedlichster Textarten und Textformen, und niemand (ausser vielleicht Schülern im Literaturunterricht) ist gezwungen, ein Buch oder eine bestimmte Art von Büchern zu lesen.
Ich fühle mich in dieser Hinsicht autark. So lese ich, von sexuellen Inhalten mal abgesehen, durchaus auch gerne Bücher, welche nicht im europäischen literarischen Wertekanon vorkommen, z. B. solche des m. E. bei uns stark unterschätzten amerikanischen Romanciers Stephen King (geb. 1947), der ein geradezu genialer Geschichtenerzähler ist und Spannung aufbauen kann wie kaum ein anderer.
Unwohlsein beim Lesen

Zurück zu Büchern mit sexuellen Inhalten: Ich mag es nicht, wenn es in einem solchen Buch extrem schmuddelig bzw. unappetitlich zu und her geht, wie z. B. bei Charles Bukowski (1920-1994), Charlotte Roche (geb. 1978), Helene Hegemann (geb. 1992) und leider auch Michel Houellebecq (geb. 1958). Aber diese Meinung ist kein Qualitätsurteil, sondern ein Geschmacksurteil. Diese Bücher können durchaus gute Literatur sein, aber sie sind einfach nichts für mich, ich fühle mich beim Lesen nicht wohl. Bei Catherine Millets autobiografischem Buch musste ich mich durchkämpfen. Bei den genannten Büchern von Martin Walser oder auch bei Günter Grass (1927-2015) mit seiner „Blechtrommel“ habe ich keinerlei Probleme. Die offene, direkte Darstellung der Sexszenen im Familienroman „Lazar“ des Schweizer Aufsteigers Nelio Biedermann (geb. 2003) finde ich erfrischend und authentisch (d. h. hier der Generation des Autors entsprechend), auch wenn sie von anderen Lesern als deplatziert und sogar als schwülstig abgelehnt wird. So sind eben die „Geschmäcker“ verschieden.
Ein negatives Qualitätsurteil fälle ich hingegen über literarisch wertlose Machwerke wie „50 Shades of Grey“ von E. L. James (geb. 1963), wo vor allem den lesenden Frauen in pseudo-gepflegtem Rahmen „gluschtige“ Häppchen von sadomasochistischem Soft Porn serviert werden. So monströs und eklig wie in den Romanen des Marquis de Sade (1740-1814) geht es hier aber zum Glück nicht zu und her. ♦
Geboren 1948 in Chur, Studium der Anglistik und Germanistik in Basel, pensioniertier Gymnasiallehrer in Englisch, Deutsch und Latein, Vorstands-Funktionär verschiedener Schriftsteller-Verbände, zahlreiche Sach- und belletristische Publikationen in Büchern und Zeitschriften, lebt in Glis/Wallis
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