Carsten Priebe: Eine Reise durch die Aufklärung

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 5 Minu­ten

Eine Ente erobert die Welt

von Walter Eigenmann

Der deutsch­stäm­mige Schwei­zer Finanz-Publi­zist und tech­nik­be­geis­terte Hobby-His­to­ri­ker Dr. Cars­ten Priebe (geb. 1967) stellt sei­nem neuen 156-sei­ti­gen Trak­tat „Eine Reise durch die Auf­klä­rung über die „Maschi­nen, Manu­fak­tu­ren und Mätres­sen“ in der Auf­klä­rung einen „glo­rio­sen“ Aus­spruch des mali­ziö­sen Iro­nis­ten Vol­taire voran: „… ohne … die Ente von Vau­can­son hät­ten wir nichts, was noch an die Glo­rie Frank­reichs erin­nert…“ Die Rede ist von der berühm­ten mecha­ni­schen Ente des Gre­no­bler Kon­struk­teurs Jac­ques Vau­can­son, der sein tech­ni­sches Meis­ter­werk erst­mals 1738 in Paris einer stau­nen­den Gelehr­ten-Welt präsentierte.

Carsten Priebe - Eine Reise durch die Aufklärung - Maschinen, Manufakturen und Mätressen Rezension im Glarean MagazinDie Ente, auf einem Podest fixiert, ver­mochte nicht nur mit den Flü­geln zu schla­gen und zu schnat­tern, son­dern auch zu fres­sen, zu „ver­dauen“ und sicht­bar aus­zu­schei­den – die per­fekte Illu­sion eines „Tie­res“, wel­ches offen­bar, zeit­ge­nös­si­schen Berich­ten zufolge, von nicht weni­gen Betrach­tern sogar aus der Nähe für leben­dig gehal­ten wurde.
Nach dem Tode Vau­ca­nons (1782) wider­fuhr dem mecha­ni­schen Wun­der­ding des genia­len Tech­ni­kers eine wahre Irr­fahrt durch das ganze gebil­dete Europa des frü­hen 18. Jahr­hun­derts, (in wel­chem die Auto­ma­ten als spe­zi­elle Aus­prä­gung der auf­kom­men­den Tech­nik-Beses­sen­heit eine zen­trale Rolle in der Gunst der auf­klä­re­ri­schen Salons spielten).

Französische Androiden im Jahre 1749

Jacques Vaucanson (1709-1782)
Jac­ques Vau­can­son (1709-1782)

Jac­ques Vau­can­son sel­ber reiste schon von 1732 bis 1740 mit sei­nen rat­ternd-ras­seln­den „Geschöp­fen“ durch Frank­reich und Ita­lien, dar­un­ter auch mit sei­nem berühm­ten „Flö­ten­spie­ler“ und sei­nem „Tromm­ler“. Einer der öffent­li­chen Höhe­punkte sei­nes Schaf­fens bil­dete im Jahre 1749 seine grosse Prä­sen­ta­tion von drei neuen Andro­iden auf dem Markt von St. Ger­main. Buch-Autor Priebe schil­dert die tech­ni­sche Leis­tung der drit­ten Figur die­ses bestaun­ten Vau­can­son­schen „Tryp­ti­chons“: „Der dritte Android war als Mohr kos­tü­miert und hatte in der einen Hand eine Glo­cke, in der ande­ren einen Ham­mer. Es gelang Vau­can­son, die schwie­rige Auf­gabe zu lösen, dass der Mohr ziel­si­cher mit dem Ham­mer die frei­schwin­gende Glo­cke traf.[…]“

Sittengemälde der ganzen Aufklärung

Jacques Vaucansons mechanischer Trommler (Zeitgenössische Postkarte)
Jac­ques Vau­can­sons mecha­ni­scher Tromm­ler (Zeit­ge­nös­si­sche Postkarte)

Cars­ten Prie­bes „Reise durch die Auf­klä­rung“ wäre aller­dings nur halb so inter­es­sant, wenn sie es bei der puren Wir­kungs­ge­schichte eines Tech­nik-Wun­der­wer­kes beliesse. Viel­mehr gerät des Autors „Suche nach künst­li­chem Leben“ via zeit­ge­nös­si­sche Mecha­nik zu einer Art Sit­ten-, Poli­tik- und Phi­lo­so­phie-Gemälde des gesam­ten Auf­klä­rungs-Zeit­al­ters, einer Tour d’horizont, wel­che sich vom Russ­land-Schwe­den-Krieg (1709) und der Geburt Dide­rots (1713) über den pol­ni­schen Thron­folge-Krieg (1738) und die Geburt Goe­thes (1749) bis hin zu Napo­leon (1769), Louis XVI (1774) und den ame­ri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­krieg (1775-1783) erstreckt. Der Band ist eine sehr bele­sene, immer wie­der frap­pant die tech­ni­schen und bio­gra­phi­schen mit den sozia­len und kul­tu­rel­len Aus­prä­gun­gen des Jahr­hun­derts ver­knüp­fende, dabei flüs­sig-unter­halt­sam for­mu­lierte Abhand­lung, wel­che dem Leser eine erstaun­li­che Fak­ten- und Detail-Fülle ausbreitet.

Automatenbau als Modell des Menschenbildes

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Priebe gelingt es durch geschickt ver­we­ben­des Doku­men­tie­ren, jene dama­lige und noch heute nach­wir­kende Tech­nik-Hybris zu ver­an­schau­li­chen, wie sie u.a. in der berühm­ten gewor­de­nen, pro­gram­ma­ti­schen Schrift „L’Homme-Machine“ des Phi­lo­so­phen J.O. de la Mettrie gip­felte. Darin beschreibt La Mettrie den Men­schen als eine sich selbst steu­ernde Maschine, die sich – einem prä­zi­sen Uhr­werk gleich – allein auf­grund mecha­nisch-phy­si­ka­li­scher Prin­zi­pien defi­nie­ren lasse.
Im Zuge der  auf­kom­men­den Reli­gi­ons-Kri­tik – pikan­ter­weise war Vau­can­son Jesui­ten-Zög­ling! – stan­den damals Auto­ma­ten-Kon­struk­tion und Men­schen­bild in einer wech­sel­sei­ti­gen Bezie­hung, wie sie u.a. der Gra­zer Kunst-His­to­ri­ker Wen­zel Mracek in sei­nem Essay „Simu­la­tum Cor­pus – Vom künst­li­chen zum vir­tu­el­len Men­schen“ (Insti­tut für Kunst­ge­schichte, Graz 2001) for­mu­liert: „Einer­seits war es ein mecha­nis­tisch bestimm­tes Bild vom Orga­nis­mus, das als Grund­lage für die Schaf­fung künst­li­cher Men­schen in Form immer per­fek­te­rer Auto­ma­ten diente, umge­kehrt lie­ferte der Auto­ma­ten­bau wie­derum das Modell für das Men­schen­bild.“ (250 Jahre spä­ter sollte die­ser Gedanke in gewan­del­ter Form z.B. als lite­ra­ri­sche Sci­ence Fic­tion bei Isaak Asi­mov erneut unge­ahnte Erfolge feiern).

Epochales Synonym der Technik-Geschichte

Carsten Priebe
Cars­ten Priebe

Cars­ten Priebe legt mit „Eine Reise durch die Auf­klä­rung“ eine glei­cher­mas­sen infor­ma­tiv wie genuss­voll zu lesende Doku­men­ta­tion vor über eine Ente, die keine ist, und doch mehr ist als eine Ente… Ein Mythos näm­lich, und in Wir­kung und Geschichte ein Syn­onym für eine ganze Epo­che euro­päi­scher Geis­tes­ge­schichte. Dabei spart der Autor kei­nes­wegs an mar­tia­li­schen Schil­de­run­gen auch der fins­ters­ten Hin­ter­höfe jener Zeit, wel­che bekannt­lich nicht nur natur­wis­sen­schaft­li­che Errun­gen­schaf­ten, son­dern auch Pest und Siech­tum, nicht nur Frei­geist-Theo­rien und revo­lu­tio­näre Polit-Bewe­gun­gen, son­dern auch Fol­ter und Hin­rich­tung, nicht nur tech­ni­sche Höhen­flüge, son­dern auch Will­kür und Feu­da­lis­mus kannte.
Auf­klä­rung mal ganz anders – als üppig auf­be­rei­tete Fähr­ten­su­che nach einer Maschine, deren Spur durch ganz Europa an vie­len wich­ti­gen Den­kern vor­bei in zahl­rei­che wis­sen­schaft­li­che und gelehrte „Salons“ führt und dabei der Leser­schaft auf unter­halt­same Weise nicht nur ein Tech­nik-Genie jener Zeit, son­dern auch ein Gedan­ken­gut näher­bringt, das bis in unsere Tage nachwirkt. ♦

Cars­ten Priebe: Eine Reise durch die Auf­klä­rung, Edi­tion BoD, 156 Sei­ten, ISBN 978-3833486142

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema „Fran­zö­si­sche Auf­klä­rung“ auch über Fried­rich Schil­ler: Die Räuber

… und zum Thema Digi­ta­li­sie­rung das „Zitat der Woche“: Von den Deck­män­tel­chen „Moder­ni­sie­rung“ und Flexiblisierung“

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