Kopf des Monats im Glarean Magazin: Donald Trump

Der Kopf des Monats

Die Mainzer Schriftstellerin und Künstlerin Simone Frieling stellt im Glarean Magazin
jeweils einen «Kopf des Monats» in Form von Scherenschnitten vor.

Don & Moritz

„Ritzeratze –
Dieses war der dritte Streich
Doch der vierte folgt sogleich“

© Copyright 04/2017 by Simone Frieling

Satire von Bernd Giehl

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Museumsreif

Bernd Giehl

August 2013
Neulich habe ich mir so ein Dings… so ein tragbares Telefon… na Sie wissen schon, was ich meine… angeschafft. So ein kleines Teil, das man in die Jackentasche stecken und mitnehmen kann. Notfalls auch auf die Kanzel. Falls der liebe Gott gerade anruft. Der spricht nämlich nicht so gern auf Anrufbeantworter.
Aber es muss ja nicht gleich der liebe Gott sein. Der ruft eher selten an. Kann ja auch die Pietät sein, die sich beschwert, dass sie mich schon wieder nicht erreichen kann. Wo ich denn gewesen sei. ‚In Gedanken‘, konnte ich ja schlecht sagen, auch ‚beim Waldspaziergang‘ hört sich nicht gut an, also behauptete ich, ich hätte einen Krankenbesuch gemacht. Ich solle mir endlich mal einen Anrufbeantworter anschaffen, forderte der unverschämte Kerl.  Dann könne er mir wenigstens eine Nachricht darauf hinterlassen. Ich sehe mir mein altes schwarzes Telefon an, bei dem ich den Hörer tatsächlich noch auf die Gabel legen kann, und denke: Ob das funktioniert? Na, jedenfalls drehe ich lieber die Wählscheibe, als irgendwelche Tasten zu drücken.
Leider bin ich kein Held.  Meine Hartnäckigkeit beim «Nein» sagen hält sich in Grenzen.  Als drei Tage später auch noch der Dekan anrief und mir sagte, die Pietät habe sich beschwert, ich sei nie zu erreichen, wusste ich, was die Stunde geschlagen hat. Aber ein wenig Selbstachtung brauche auch ich. Wir einigten uns schließlich darauf, dass ich künftig per E-Mail zu erreichen sei. Also kaufte ich mir  einen Computer («PC» sagen die Kollegen dazu) ließ mir von einem Bekannten Internet und E-Mail einrichten und meldete mich beim Kurs  «Windows for silverheads» an. Ob ich das als Arbeitszeit verbuchen und dafür weniger Religionsunterricht geben könne, fragte ich den Chef. Der lächelte nur müde. Als ich die erste E-Mail empfing (sie kam vom Dekan, der mir gratulierte), war ich stolz.
Auf dem nächsten Treffen der Pfarrerschaft fragte er mich, wie ich denn mit meinen neuen Computer (er sagte natürlich auch «PC») zurechtkäme. Ich erzählte ihm von meinen Fortschritten. Mittlerweile wagte ich mich nämlich auch schon ins Internet (auch das hatte ich bei meiner Fortbildung gelernt) und schrieb die ersten Texte mit dem Gerät. Aber irgendwie schien er mit den Gedanken schon beim nächsten Punkt der Tagesordnung zu sein; jedenfalls unterbrach er mich mit der Bemerkung, wenn ich schon technisch so weit sei, könne ich mir ja endlich einen Anrufbeantworter oder gar ein neues Telefon kaufen.
Ich wollte ihm schon erwidern, die Kirche sei jahrtausendelang ohne Telefon und Anrufbeantworter ausgekommen; sie werde es auch überleben, wenn einer ihrer Hirten auch weiterhin keine Aufzeichnungsmaschine besitze, aber dann biss ich mir gerade noch rechtzeitig auf die Zunge. Brachte doch alles nichts. Bereit sein ist alles. Auch in der Kirche. Besonders in der Kirche.
An dem Tag war ich wütend.  Ein paar Tage später stach mich der Hafer. Wenn schon ein neues Telefon, dachte ich, dann doch am besten gleich so ein superschickes Teil. Mit dem man Fotos schießen, ins Internet gehen und E-Mails abrufen kann. So etwas hatte ich schon bei meinen Konfirmanden gesehen. Die konnten ihr Spielzeug ja kaum aus der Hand legen. Also ging ich in einen nahegelegenen T-Punkt und kaufte mir so ein Telefon mit einem angebissenen Apfel auf der Rückseite. Würde ich den nächsten Urlaub eben in den Bayerischen Alpen verbringen statt in der Türkei.

Vier Wochen später (Montag)
Habe geübt. Alte Entwürfe für den Konfirmandenunterricht genommen. Religionsunterricht aus dem Ärmel geschüttelt. Besuche auf das Nötigste beschränkt. Predigten aus den letzten Jahren genommen. Merkt ja sowieso keiner. Nur Frau F. hat mich so merkwürdig angeschaut. Tut die aber öfter. Dafür jede freie Minute am Rechner verbracht. Gott und der Welt E-Mails geschrieben. Und mit dem Dings, dem Smartphone gesimst. Unterkringelt mir das Programm doch glatt das Wort «gesimst». Sagt aber heute doch jeder.
Morgen werde ich mir WLAN einrichten lassen. WLAN ist die Zukunft. Sagen alle.
Also, auf in die Zukunft.

Dienstag
Schweren Herzens habe ich mein altes Telefon ins Heimatmuseum gebracht. So ein schönes Gerät habe ihm noch gefehlt, sagt Günter Hopp, der das Museum leitet.

Donnerstag
G. ist gekommen um die Installation vorzunehmen. Fragt mich nach meinem «Rou …» irgendwas.  Ich spreche nicht chinesisch, sage ich. Er lacht und wiederholt das Wort langsam. «ROUTER-PASSWORT.» Als ich immer noch nicht verstehe, zeigt er auf das silbergraue Teil, das an der Wand hängt und grün leuchtet.
«Ich kenne das Passwort nicht. Du hast mir das Internet eingerichtet.»
Er kratzt sich am Kopf, denkt nach, streicht sich über die Wange, denkt noch einmal nach, sagt schließlich:
«Aber ich habe dir doch den Vertrag gegeben. Da müsste es drinstehen.»
«Hast du nicht», sage ich.
«Habe ich doch.»
Also Durchsicht von ungefähr 20 Aktenordnern. Kein Vertrag mit der Telekom. Nirgends. Schließlich Anruf beim «Provider». (Auch das ein Wort, das ich mittlerweile in meinen Wortschatz aufgenommen habe.)  G. erklärt sein Anliegen, hört zu, sagt:
«Aber das müssen Sie doch haben», hört erneut zu, sagt schließlich:
«In Gottes Namen» und legt auf.
«Was soll jetzt in Gottes Namen passieren?»
«Sie schicken uns ein neues Passwort zu.»
Plötzlich schreit er auf, fasst sich an den Kopf, sagt:
«Die Idioten. Ich fasse es nicht.»
«Wen meinst du mit ‚die Idioten‘?» frage ich zurück. G. deutet auf das silbergraue Teil an der Wand, das jetzt mit vier Punkten blinkt. Ich verstehe immer noch nicht.
«Das wirst du gleich selbst sehen können», sagt er. «Starte mal den Rechner.»
Nach zwei Minuten ist er hochgefahren.
«Und jetzt versuch mal, ins Internet zu kommen.»
Ich gehe auf das Symbol, es kreist und kreist, länger als das Universum.  Schließlich erscheint die Meldung auf dem Bildschirm: «Verbindung nicht möglich.»
«Was bedeutet das?» frage ich, den Kopf voll mit bösen Vorahnungen.
«Das bedeutet, dass sie dich abgehängt haben.» Er zieht sein Handy aus der Tasche, schlägt im Telefonbuch nach und wählt die Nummer der Telekom. Ich kann den merkwürdigen Klingelton hören, dann ertönt erst einmal Musik. Zwischendurch eine Automatenstimme: «Bitte haben Sie noch etwas Geduld.»
Zwanzig Minuten später hat er einen Berater erreicht. Einen wirklichen Menschen. Ich kann das Gespräch mithören, da er das Telefon auf «Laut» gestellt hat. Allerdings könnte er genauso gut serbokroatisch oder Hindi reden, dann würde ich nur unbedeutend weniger verstehen. Es geht um eine bestimmte Seite auf die er gehen soll, dann könne er eine Mail von T-Online abrufen. Aber genau das gehe doch gar nicht, weil wir ja nicht ins Internet kämen. Nein, ein Smartphone habe er auch nicht.
«Ich habe doch eins», rufe ich dazwischen, aber er bedeutet mir mit einer Geste, ich solle den Mund halten. Dann legt er auf, versucht, mir die Sache zu erklären. Es gebe da ein E-Mail Passwort. Ob ich das hätte. Stolz wie Oskar sage ich, damit hole ich immer meine Mails ab.
Zehn Minuten später sitzen wir bei ihm zuhause am Computer, rufen die T-Online Seite auf, geben meine E-Mail Adresse ein, danach das Passwort; es erscheint eine Fehlermeldung. Erneuter Versuch. Ob ich mir das Passwort auch richtig gemerkt hätte, fragt G.
Mühsam unterdrücke ich meinen Stolz und sage, Zahlen seien eine meiner vielen Stärken. Schließlich erneuter Anruf bei der Telekom. Ja, natürlich hätten sie auch das E-Mail Passwort geändert. Das sei so üblich. Nein, er könne ihm das Passwort nicht auf seinen Rechner schicken. Schließlich sei er ja nicht der Besitzer des Anschlusses, um den es gehe. Es tue ihm furchtbar leid, aber ein Techniker könne auch nicht kommen. Sie könnten zwar einen schicken, aber der kenne das Passwort nicht. Das könnten sie dem Besitzer des Anschlusses nur persönlich…
Was G. danach gesagt hat, möchte ich lieber nicht wiederholen.

Samstag
Immer noch kein Internet und keine E-Mail. Dabei hat G. wirklich sein Bestes getan.
Habe mich zusammenreißen müssen, damit ich nicht bei der geringsten Kleinigkeit das HB-Männchen spiele.

Dienstag
Das Router Passwort ist per Post gekommen. G. hat mir den Anschluss neu eingerichtet. Ich habe das Gefühl, dass er wütend auf mich ist. «Du solltest dir endlich mal ein E-Mail Konto auf deinem i-phone einrichten lassen. Dann passieren solche Dinge auch nicht mehr.»
Ich hätte ihn am liebsten gefragt, ob ich schuld sei. Die Frage habe ich runtergeschluckt. Stattdessen habe ich ihm eine Flasche Armagnac geschenkt.
Ein wenig schien ihn das wieder zu versöhnen.

Oktober
Habe das Handbuch fürs i-phone von vorne bis hinten gelesen und dann versucht, ein E-Mail Konto einzurichten. Weiß nicht wie viele Versuche ich unternommen habe. War in drei T-Punkten, aber beim Kennwort kam immer dieselbe Fehlermeldung.

Drei Tage später
Ich habe G. mein i-phone geschenkt. Er hat sogar Danke gesagt.

Gestern
In der  Nacht, als ich nicht schlafen konnte, überfiel mich Wehmut. Mein altes schwarzes Telefon fiel mir ein, das mir über so viele Jahre gute Dienste geleistet hat. Morgens wusste ich, was ich tun musste. Also ging ich als erstes, noch vor der Dienstbesprechung ins Heimatmuseum. Natürlich hatte es noch nicht offen. Glücklicherweise wohnt Herr Hopp in der Wohnung über dem Museum. Er war sogar noch zuhause. Ich musste 50 Euro als Spende geben, sonst hätte ich es nicht wiederbekommen. Es täte ihm in der Seele weh, sagte Herr Hopp.
Zuhause steckte ich den Stecker in die Dose und hob den Hörer ab. Ein Summen ertönte. Dann legte ich den Hörer behutsam wieder auf die Gabel.
Man muss zu seinen Irrtümern stehen. ■

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Bernd Giehl

Geb. 1951 in Marienberg/D, Studium der Theologie in Marburg, verschiedene literarische und theologische Publikationen, lebt als evang. Pfarrer in Nauheim

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Drei Märchen-Grotesken von Christian Urech

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Es war einmal…

Christian Urech

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… ein einsamer Buchstabe

der zu den Zeiten von Napoleons Rußland-Feldzug einfach in den kargen Weiten der sibirischen Steppen vergessen worden war und seither in der unzivilisierten Natur des Nordens umherirrte.
Es war ein französischer Buchstabe, wohlgesprochen, ein Buchstabe, der in den Wörtern der feinsten Pariser Salons verkehrt hatte, und dies schon vor der Revolution. Er war durch die süße Kehle der Marie Antoinette gegangen, in einem Rokokoschlößchen. Molière hatte ihn auf die Bühne gebracht, der Papst ihn urbi et orbi unter der christlichen Menschheit verbreitet.
Und jetzt? So allein, so allein! Seit Jahrzehnten, Jahrhunderten – allein.
Nur einmal, da hatte er sich in den Mund eines besoffenen russischen Bauern verirrt, der ihn aber alsogleich mit einem wüsten Fluch wieder in die Verbannung hinausbeförderte.
Was beweist, daß manchen einsamen Buchstaben nichts weiter fehlt als ein gutes Wort. ■

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… eine Tomate

die war sehr sensibel und schüchtern, so dass sie sicher errötet wäre, wenn ihr jemand ein Kompliment gemacht hätte – und wenn sie überhaupt noch hätte röter werden können, als sie es schon war. Es war nämlich eine schöne, saftige, sonnengereifte Tomate.
Natürlich gab es genügend brutale Menschen, die nur zu gerne in sie hineingebissen hätten. Aber die Tomate, die zwar sensibel, jedoch nicht im Mindesten masochistisch veranlagt war, hatte einen gesunden Überlebenstrieb. So rollte sie – nach einer an der Mutterpflanze glücklich verlebten Jugend (und anschließend gelandet auf dem Gemüsestand eines italienischen Bauern) – einfach tollkühn davon.
Sie rollte mit dem unverschämten Glück der Naiven quer durch den Moloch Florenz, in dessen Kinos perfiderweise der neueste Hollywood-Streifen mit dem Titel «Angriff der Killertomaten» gezeigt wurde. Rollte also davon, ohne von Autos zerquetscht, von Füßen zertrampelt oder von Polizisten eingefangen und als Beilage zu einem Frühstückssandwich gescheibelt zu werden. Sie rollte davon und raus aus der Stadt, in die friedlichen Felder der Toscana hinein.
Es war ein überaus sonniger, heißer Tag. Unsere sensible Tomate wurde müde und wollte ein kleines Schläfchen halten.
Man ahnt schon, wie die Geschichte endet. Matschig und faulig werdend, überlebte sie die Siesta in dem trockenen Staub wohl kaum.
Was beweist, daß das Leben der Tomanten so oder so kurz und tragisch ist. ■

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… ein armer Mann

dessen Herz war so schwer wie ein Sack voller Steine, denn er hatte eine siebenköpfige Familie zu ernähren und keine Arbeit und kein Geld. Da er in einem Land wohnte, in dem alles andere leichter zu bekommen war als gutes und reichliches Essen – die meisten Nahrungsmittel mussten an die reichen Länder des Nordens verkauft werden, um irgendwelche Schulden zurückzahlen zu können, von denen der arme Mann keine Ahnung hatte, wie sie zustandegekommen waren -, hielt er die Erde für eine öde Wüste oder für einen trüben Sumpf, das Leben aber für eine Art Aufnahmeprüfung: die höhere Schule war das Paradies, der Himmel die Götter.
Sicherlich hatte der arme Mann in diesem Paradies einen anderen Körper als hier auf Erden. Einen stärkeren, widerstandsfähigeren, und mit schärferen Pranken, spitzeren Zähnen. Die Welt im Himmel ist ruhig wie ein Stück sich selbst überlassene Natur, nur erfüllt von der Musik der singenden Vögel, vom Schnattern, Seufzen, Stöhnen, Pfeifen, Schnauben, Stampfen und Rascheln der lebendigen Kreatur.
Der arme Mann, welcher jetzt schön ist und stark, dessen Haut bronzen glänzt, und dessen Haar schimmert wie Gold, dieser arme Mann bahnt sich mit seinem silbernen Schwert einen Weg durch diese grüne, friedliche, dampfende, stampfende, raschelnde Welt. Er schreitet voran wie ein König, ein Adliger, ein Auserwählter, ein Sohn Gottes. Er ist die Krone der Schöpfung, unbeteiligt mitfühlend, ein Wissender und trotzdem Unschuldiger, ein Teil und doch teilhabend am Ganzen.
Mitten im dampfenden, kochenden Urwald steht ein wunderschönes Schloss, ein Schloss mit einer üppigen Architektur, ein Labyrinth aus Türmen, Bogen, Quadern, Pyramiden, die künstlich aufeinandergetürmten Steine fast naturhaft oder zumindest äußerst raffiniert die Natur nachahmend, ein Märchenschloss auf dem Grunde des Meeres.
Und er betritt durch ein bogenförmiges Tor das Schloss, der arme, nunmehr reichgewordene Mann, kein Mensch begegnet ihm, nur davonhuschendes Getier. Und er geht durch lange Gänge, vorbei an bogenförmigen Fenstern, vor denen friedlich, tiefgrün, wogend und brodelnd die Welt liegt. Er verliert sich ganz in diesem endlosen Gehen. Sein Kopf ist leer, die Gedanken sind Größerem gewichen. Er ist nur noch leeres Bambusrohr, Instrument des Absoluten.
Da, plötzlich, ganz unverhofft öffnet sich der Gang in einen offenen Saal. Die Luft ist aus goldenem, fast flüßigem Stoff. Berauscht sinkt der Mann in diesen Stoff hinein, in den Stoff, aus dem die Träume sind (Danke, Herr Simmel).
Solch verzauberte Welten – die aufregendsten Märchen, Sagen und Legenden – gibt es jetzt in einer einzigartigen Buchreihe. Allerdings muß unser armer Mann – will er, was ihm niemand verdenken wird, an ihr teilhaben – zumindest lesen können und wenigstens das Kleingeld übrig haben für den Einführungsband «Das verwunschene Reich». ■

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Christian Urech

Geb. 1955 in Menziken/CH, Germanistik-Studium in Bern, vieljährige Tätigkeit als Redaktor und Lektor bei einem Verlag, Veröffentlichungen von Sachbüchern und Kriminalromanen, lebt als Berufsbildner, freier Journalist und Marketingberater in Zürich

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Charles Lewinsky: «Der Teufel in der Weihnachtsnacht»

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Die Zehn Gebote und Krombacher Pils

Günter Nawe

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Einen Spaß wollte er sich machen, dieser Charles Lewinsky. Und das ist ihm bestens gelungen. Gerade recht zum Weihnachtsfest kommt diese nicht ganz ernstgemeinte (und bereits vor 13 Jahren erstmals verlegte) Geschichte über den Papst und seinen unheiligen Besuch in der heiligen Weihnachtszeit erneut auf den Gabentisch.
Schwester Innocentia, Seiner Heiligkeit deutsche Haushälterin mit Schnurrbärtchen, ist eigentlich mal wieder schuld daran, dass es dank ihrer köstlichen Christstollen, die dem Papst schwer im Magen liegen, zu diesem außergewöhnlichen Rencontre kommt, zu einem Rededuell mit dem Teufel; mitten in der Nacht –  ein Albtraum!
Will der Leibhaftige den Papst nach neutestamentlichem Strickmuster verführen? Immerhin kommt der Teufel sehr präsentabel daher, fein gekleidet und bestens gelaunt.

Gut gelaunt war wohl auch der Zürcher Theater- und Roman-Autor Charles Lewinsky beim Schreiben dieses Textes. Er zündet ein wahrhaftiges Feuerwerk toller Idee, witzig, intelligent – und trotz mancher Respektlosigkeit nie verletzend. Nach Teufels Art also weiß sich der Leibhaftige hervorragend zu verkaufen, so dass sogar dem Heiligen Vater manchmal nicht nur die Argumente ausgehen, sondern er beinahe wirklich in Versuchung kommt, dem Teufel zu glauben. Weiß Satan doch genau, wo dem Papst und damit der Kirche der berühmte Schuh drückt. Laufen ihnen die Schäfchen weg, bröckelt das Image, sinken die Erträge.

Charles Lewinsky

So empfiehlt Satan nichts weniger als einen Relaunch, eine Optimierung kirchlicher Unternehmenspolitik, und verspricht dadurch eine «Umsatzsteigerung» in allen Bereichen. Zum Beispiel Werbespots, die zum Empfang der Sakramente auffordern und das Beten wieder salonfähig machen sollen. Einen elektronischen Beichtstuhl empfiehlt er – eine wahrhaft teuflische Idee. Und ein letzter, sozusagen ultimativer Vorschlag: Sponsoring zum Füllen vatikanischer Kassen. Bedingung: die Sponsoren wollen bei allen Kulthandlungen und Verlautbarungen genannt werden. Nach dem Beispiel: Der Weihrauch riecht nach Käpt’n Iglus Fischstäbchen und die Zehn Gebote werden von Krombacher Pils präsentiert.
Es gibt noch mehr solcher Ideen, die alle sehr überzeugend klingen, sodass der Papst bereit ist, seine Unterschrift unter einen enstprechenden Vertrag zu setzen. Just in dem Augenblick schellt der Wecker und Schwester Innocentia steht in der Tür – mit einem großen Stück köstlichen Dresdener Christstollen….

Charles Lewinskys «Der Teufel in der Weihnachtsnacht» arrangiert ein weihnächtliches Treffen zwischen dem Papst und dem Teufel - ein satanisches Komplott, das den Papst nicht nur in Bedrängnis bringt, sondern gar das Seelenheil kosten kann... Die ganz andere Weihnachts-Geschichte: frech, witzig, maliziös, und sehr gescheit.

Von dieser Art ist Lewinskys Erzählung vom Teufel, der den Papst in der Weihnachtsnacht besucht hat – ein kleines und feines literarisches Kabinettstückchen voller ironischer Komik, gerade recht zur Weihnachtszeit. ■

Charles Lewinsky: Der Teufel in der Weihnachtsnacht, 60 Seiten, Nagel & Kimche, ISBN 978-3-312-00465-2

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Leseproben

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Siggi Liersch: «Köttelbug, ich & andere», Kurzprosa

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Literarische Reanimation des Dadaismus

Bernd Giehl

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Siggi Liersch_Koettelbug_Book on demandEines muss man Siggi Liersch ja lassen: Mut hat er. Schon das Bild des Autors auf dem Cover wirkt eher abschreckend. (Womöglich ist es mit einem extremen Weitwinkelobjektiv aufgenommen worden, einem sogenannten „Fisheye», das den Abgebildeten dicker macht, als er wirklich ist…) Dass dieses Bild allerdings nicht zufällig ausgewählt, sondern Programm ist, merkt man bald, wenn man den einen oder anderen der «Kurzprosa» genannten Texte aufschlägt.
In den ersten beiden Teilen, «Köttelbug» und «ich», ist keiner länger als eine Seite. Die meisten Texte haben einen Umfang von einer drittel bis einer halben Seite. Es handelt sich um ins Groteske gesteigerte Beobachtungen aus dem Alltag, oder dann um Traumsequenzen. Ein Kartenspieler sitzt in einem Raum, in dem die Vorhänge zugezogen sind und gewinnt eine halbe Frau, vom Bauchnabel abwärts, die zudem aussätzig ist. Er möchte ins Freie, wo Geckos an Holzmasten sitzen und von denen einer gerade seine halbe Frau verspeist. («Spiel»). In einem anderen Text («Avantgarde») verwirklicht ein bisher unbekannter Komponist namens Molotow  («nicht zu verwechseln mit einem gleichnamigen, politisch orientierten Namensvetter») den Traum der Futuristen aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts und bringt in Bayreuth bei den Wagner-Festspielen ein Orchester auf die Bühne, das statt mit Violinen, Oboen und Blechblasinstrumenten mit Maschinengewehren, Panzerfäusten und Splitterbomben bewaffnet ist.

Offensichtlich hat da einer den Dadaismus, jene von Hugo Ball, Tristan Tzara, Hans Arp und anderen 1916 in Zürich erfundene Kunstrichtung, noch einmal für sich neu gefunden. Eine schöne Definition von «Dada» habe ich im «Funkkolleg Moderne Literatur» von 1993 gefunden. Laut Tristan Tzara und Richard Huelsenbeck  kam «Dada […] aus dem Leib eines Pferdes als Blumenkorb.» (Studienbrief 4, 12/6) Oder anders gesagt: Dada verbindet möglichst disparate Elemente zu einem Ganzen. Dinge werden montiert, die in der Realität sonst nichts miteinander zu tun haben. In  den Texten des studierten Germanisten Siggi Liersch feiert dieses Prinzip Wiederauferstehung. Auch die über das Buch verstreuten Collagen sind im Stil des Dadaismus gehalten.
Ob man das alles ernst nehmen muss? Meiner Meinung nach sind es eher sinnfreie Texte, die mit der Realität nicht allzu viel zu tun haben. Aber über Dada und die Frage, ob es einen Sinn im Unsinn gibt,  lässt sich bekanntlich wunderbar streiten. Wobei man in einer Zeit, in der eine Partei Steuersenkungen fordert, obwohl sie weiß, dass der Staat so hoch verschuldet ist wie nie zuvor, schon einmal darüber nachdenken kann, ob das Groteske nicht langsam immer mehr zur Realität wird und man der Realität (allenfalls) noch mit Satire beikommen kann…

Siggi Liersch, Köttelbug, ich & andere, Kurzprosa und Collagen, 152 Seiten, BoD Norderstedt, ISBN 978-3-8391-2179-5

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