Lothar Becker: Das Erzgebirge, die Stasi und ich (Satire)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 8 Minu­ten

Das Erzgebirge, der Wald, die Stasi und ich

Lothar Becker

Ich war ein Idiot. Und was für einer! Im Okto­ber 89 habe ich ange­fan­gen, für die Stasi zu arbei­ten. Im Okto­ber 89. Wie kann man nur so blöd sein, wer­det ihr fra­gen. Im Okto­ber 89 ist doch mit der DDR schon alles vor­bei gewe­sen. Ich weiss, ich weiss. Rück­bli­ckend bin ich ja der­sel­ben Ansicht.
Aber ich schwöre, damals habe ich nichts geahnt. Wirk­lich. Ich dachte, das geht immer so wei­ter mit der Zone und mit den Ost­mäch­ten und mit den West­mäch­ten und mit dem Eiser­nen Vor­hang und alle­dem. Die Beton­köpfe sind nicht refor­mier­bar, habe ich gedacht. Die kle­ben an ihrer Macht. An den Ver­hält­nis­sen wird sich in den nächs­ten fünf­hun­dert Jah­ren nichts ändern. Warum ich das gedacht habe, weiss ich bis heute nicht. Viel­leicht habe ich mich etwas zu oft im Wald auf­ge­hal­ten und des­we­gen das eine oder andere nicht mitbekommen.
Ich bin eben ein Erz­ge­birg­ler wie er im Buche steht. Natur­ver­bun­den, hei­mat­lie­bend. Im Wald war die DDR noch sta­bil. Da war es wie immer. Im Wald gab es keine poli­ti­schen Erup­tio­nen. Im Wald gab es kei­nen Gor­bat­schow und kein Neues Forum. Manch­mal kam einer vor­bei, der sah aus wie Rai­ner Eppel­mann. Aber er war es dann doch nicht. Ich muss sagen, im Wald habe ich mich nicht ein­ge­sperrt gefühlt.
Aber sonst immer. Ein­ge­sperrt und beob­ach­tet. Und belauscht. Vor allem belauscht. Weil ich Musik gemacht habe, Songs geschrie­ben und so. Pro­test­songs. In erz­ge­bir­gi­schem Dia­lekt. Denn ich wollte Frei­heit, die Umwäl­zung, den Kapi­ta­lis­mus. Natür­lich, was denn sonst. Das woll­ten ja alle damals. Aber ich hatte keine Ahnung, dass im Okto­ber 89 poli­tisch schon eini­ges im Gange gewe­sen ist. Die Pere­stroika hatte ich irgend­wie ver­passt. Im Wald sind die Ver­hält­nisse wie all die Jahre davor gewe­sen, und ich habe mit mei­nen Lie­dern gegen diese Wald­ver­hält­nisse ange­kämpft. Auf erz­ge­bir­gisch. Ich war ein Mundart-Dissident.

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Aber warum bist du dann zum Stasi gegan­gen, wer­det ihr fra­gen? Das ist kom­pli­ziert. So kom­pli­ziert wie alles damals. Ich will ver­su­chen, es euch zu erklä­ren. Damals musste man um die Ecke den­ken, wenn man die Macht­ha­ber aus­trick­sen wollte, man musste für etwas sein, wenn man gegen es sein wollte, und umge­kehrt musste man gegen etwas sein, wenn man dafür sein wollte. Ver­steht ihr? Also wenn man so tat, als wäre man für die bestehen­den Ver­hält­nisse, konnte man leich­ter gegen sie sein, und genau das habe ich gemacht.
Im Klar­text: Zur Stasi bin ich gegan­gen, weil ich in den Wes­ten wollte. Natür­lich nur zu Besuch. Mit einem Visum. Ich wollte auf jeden Fall wie­der zurück­kom­men. Ohne mein Erz­ge­birge wäre ich ja zu Grunde gegan­gen. Trotz­dem musste ich mal rüber. Aus künst­le­ri­schen Grün­den. Ich hatte von Gun­der­mann gehört, der aus dem­sel­ben Grund mit der Stasi zusam­men­ge­ar­bei­tet hatte. Ger­hard Gun­der­mann, der sin­gende Bag­ger­fah­rer. Gun­der­mann wollte im Wes­ten auf­tre­ten und berühmt wer­den. Das wollte ich auch. Im Wes­ten konnte man Kar­riere machen. Wer es im Wes­ten schaffte, war der Held. Und der wäre ich gern gewesen.
Also habe ich mich in Anna­berg als IM bei der Stasi bewor­ben. Mein Füh­rungs­of­fi­zier hiess Ralf und trug zwei Par­tei­ab­zei­chen, um seine unver­brüch­li­che Treue zum Arbei­ter- und Bau­ern­staat zu zei­gen. „Ich zahle auch zwei Mal die Mit­glieds­bei­träge“, sagte er, „die Par­tei ist mein Ein und Alles.“ Ralfs Deck­name war Rolf. Ich musste ihn Rolf nen­nen, damit seine Iden­ti­tät nicht aufflog.
„Warum willst du inn­of­fi­zi­el­ler Infor­mant wer­den?“, fragte Rolf.
„Wegen Dings, na hier Sieg des Sozia­lis­mus und so“, sagte ich.
„Dufte“, sagte Rolf, „und wie willst uns helfen?“
„Als Spit­zel“, sagte ich, „indem ich den Klas­sen­feind denunziere!“
„Jemand bestimm­tes?“, erkun­digte sich Rolf.
„Nee, gene­rell“, sagte ich.
„Namen“, sagte Rolf, „wir brau­chen Namen.“
„Hm“, sagte ich und über­legte. Ich kannte nur Sven. Sven hatte zusam­men mit Voj­tech, einem Bekann­ten aus Teplice begon­nen, T-Shirts aus suda­ne­si­schen Tex­til­ab­fäl­len her­zu­stel­len. Wei­tere Stoff­reste erhiel­ten sie vom afgha­ni­schen Mili­tär und einer alba­ni­schen Fabrik für pro­tes­tan­ti­sche Her­ren­un­ter­wä­sche. Sven und Voj­tech schrie­ben „Schwer­ter zu Pflug­scha­ren“ oder „Lie­ber tot als rot“ auf die Stoffe, und drei tsche­chi­sche Nähe­rin­nen sas­sen Tag und Nacht an ihren Näh­ma­schi­nen, denn die Nach­frage nach T-Shirts war in Ost­deutsch­land über­wäl­ti­gend. Sven und Voij­tech befan­den sich auf dem bes­ten Weg, mit ihren Pro­duk­ten reich zu wer­den. Dass sie damit der Volks­wirt­schaft und dem Anse­hen der Repu­blik und allem scha­de­ten, war ihnen egal.

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Zufäl­li­ger­weise wusste ich, dass Sven am 28. Okto­ber eine neue Lie­fe­rung über den Grenz­über­gang Ober­wie­sen­thal geplant hatte. Ich wusste es des­we­gen, weil ich mir bei ihm ein T-Shirt mit der Auf­schrift „Stasi in den Tage­bau“ bestellt hatte, und es noch am sel­ben Abend in Crot­ten­dorf abho­len wollte.
Rolf freute sich. „Dafür stel­len wir einige Genos­sen ab!“, bestimmte er, „wenn die Sache funk­tio­niert, dann kön­nen wir auch was für dich tun!“ Na, das lief doch prima!
Tat­säch­lich hatte sich Sven dann am 28. Okto­ber mit sei­nen drei Nähe­rin­nen, Olga, Larissa und Jana in einem bis unter die Decke mit T-Shirts voll­ge­pack­ten Tatra von Teplice zum Grenz­über­gang Ober­wie­sen­thal auf den Weg gemacht. Nun weiss ich nicht, wer von euch schon einen Tatra gese­hen hat, aber allen, die das Fahr­zeug nicht ken­nen, kann ich ver­si­chern, es war der schwerste PKW sei­ner Zeit. Ein rus­si­sches Pro­dukt, das gemacht wurde, um sich durch den sibi­ri­schen Schnee zu frä­sen, und neben­her alles von der Fahr­bahn zu schleu­dern, was dort nicht hin­ge­hörte: kraft­strot­zende Wild­rin­der, Elche oder Bären zum Bei­spiel, wirk­lich alles.
Dum­mer­weise war Sven wäh­rend des stei­len Anstie­ges zum Zoll­ge­bäude der Sprit aus­ge­gan­gen. Das mag am zusätz­li­chen Gewicht der vier­tau­send, ins Wagen­in­nere gepress­ten T-Shirts gele­gen haben, aber auch an Olga, die nicht ganz so dürr wie Larissa und Jana gewe­sen ist. „Scheisse!“, hatte Sven geru­fen, „Olga, Larissa, Jana! Aus­stei­gen und schie­ben!“ Olga, Larissa und Jana stie­gen aus und began­nen, den Skoda die steil anstei­gende Strasse von Bozi Dar zum Grenz­über­gang nach oben zu schie­ben. Sven sass hin­ter dem Steuer und lenkte, und nur, wenn Larissa, Olga und Jana zu schnell waren, bremste er ein wenig.
Die Zoll­be­am­ten krieg­ten sich kaum ein vor Lachen, als Olga, Larissa und Jana das Auto vor ihnen abstell­ten, aber dann wink­ten sie Sven zur Seite, und nah­men den Wagen gründ­lich aus­ein­an­der. „Zoll?“, fragte einer der tsche­chi­schen Beamten.
„Nix Zoll!“, erboste sich Sven, „Eigen­be­darf. Das ziehe ich alles sel­ber an!“
„Ha, ha!“, sag­ten die Zoll­be­am­ten und kon­fis­zier­ten den gesam­ten Wagen­in­halt. Dann sperr­ten sie Sven, Larissa, Olga und Jana zwei Stun­den lang ein, tele­fo­nier­ten mit ihren Vor­ge­setz­ten und lies­sen sie schliess­lich wie­der gehen. Ohne die T-Shirts ver­steht sich. Da schüt­telte Sven resi­gniert den Kopf, setzte sich hin­ters Steuer und liess sich von Olga, Larissa und Jana zurück nach Teplice schieben.

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Unten in Crot­ten­dorf war­te­ten ich und die ande­ren Genos­sen der Stasi bis zum Mor­gen­grauen auf Sven und die T-Shirts, aber als abzu­se­hen war, dass er nicht mehr auf­tau­chen würde, blies Rolf den Ein­satz ab. „Na, das war ja wohl nichts!“, kon­sta­tierte er, „ich hoffe, wir haben kei­nen Ver­rä­ter in unse­ren Rei­hen!“ Damit war ich gemeint. Da habe ich „Ach, so ist das!“ geru­fen, und bin gegan­gen. Wenn eine Tür da gewe­sen wäre, hätte ich sie zuge­knallt. War aber nicht.
Ein paar Wochen spä­ter fiel die Mauer. Nach der Wende inter­es­sierte sich kein Mensch mehr für sin­gende Mund­art-Dis­si­den­ten. Weder im Osten noch im Wes­ten. Fragt Gun­der­mann! Wie so viele andere auch musste ich mich im Arbeits­amt in Anna­berg mel­den. Und nun stellt euch ein­mal vor, wer mir da als Sach­be­ar­bei­ter gegen­über­sass: Es war Rolf!
„Mensch Rolf!“, rief ich, „das ist ja viel­leicht eine Überraschung!“
„Tut mir leid, hier gibt es kei­nen Rolf!“, sagte Rolf, „ich heisse Ralf!“
„Alles klar, Ralf!“, sagte ich, „ich brau­che einen Job, hörst du?“
„Schwie­rig, schwie­rig“, mur­melte Rolf, „mit dei­ner Ver­gan­gen­heit! Du warst doch bei der Stasi, oder?“
„Andere doch auch!“, sagte ich.
„So? Wer denn?“, erei­ferte sich Rolf.
„Das weisst du doch ganz genau!“, sagte ich.
„Ich?“, brüllte Rolf, „Ich soll was wis­sen? Das ist doch wohl die Höhe! Mein gan­zes Leben lang habe ich gegen das Regime gekämpft, nie­mand war akti­ver im Unter­grund als ich! Das fehlte noch, dass ich von einem Stasi-Spit­zel als Stasi-Spit­zel denun­ziert werde! Aus­ge­rech­net ich, eine Säule des Wider­stan­des. Und ich soll dir einen Job ver­sor­gen? Das kannst du ein für alle Mal ver­ges­sen. Und jetzt raus hier, aber dalli!“
Da habe ich mich wort­los umge­dreht, die Tür hin­ter mir zuge­schla­gen, und bin wie­der in den Wald gegan­gen. Im Wald waren die Ver­hält­nisse wie immer. Im Wald war es noch wie im Osten. Manch­mal kam einer vor­bei, der sah aus wie Ibra­him Böhme. Aber er war es dann doch nicht. ♦


Lothar Becker - Schriftsteller Publizist - Glarean MagazinLothar Becker

Geb. 1959 in Lim­bach-Ober­frohna/D, zahl­rei­che Lyrik- und Prosa-Publi­ka­tio­nen in Büchern und Zeit­schrif­ten, Ver­öf­fent­li­chun­gen von Musi­cal- und Thea­ter-Stü­cken, lebt als Jugend-Sozi­al­päd­agoge, Musi­cal-Kom­po­nist und Band-Musi­ker in Lembach/D

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema DDR-Mau­er­fall auch über den Roman von
Ros­wi­tha Quad­flieg und Burk­hart Veigel: Frei

aus­ser­dem zum Thema Poli­tik und Gesell­schaft eine wei­tere Satire von
Lothar Becker: Hit­ler in der U-Bahn

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Ein Kommentar

  1. Coo­ler Text, hat amü­siert, danke – legt auch nach­denk­lich den Fin­ger auf die Bigot­te­rie so man­cher Ossis und Wes­sis. Schö­ner Beweis, dass man das Thema auch mit augen­zwin­kern ange­hen kann. die Situa­tion damals war ja absurd genug in unse­rer Stadt!! Natür­lich wol­len heute immer noch viele von damals nichts gewusst haben von den eige­nen stasi-umtrie­ben. Schön beschrie­ben im Text, schmunzel… 🙂
    Grüsse aus Ber­lin: Chris (dan­kend)
    https://mitvergnuegen.com/2016/ossi-wessi/

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