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Lesen und Gegenlesen

Ein gelungener Abend mit der Vergleichenden Literaturwissenschaft (Satire)

Peter Biro · 7. August 2026

Samstagabend in der bis auf den letzten Platz mit Literaturenthusiasten gefüllten Mühle Hutzental. Dort fand die diesjährige Marathonlesung der „Gruppe 2017“ statt, die unter dem anspruchsvollen Motto „Lesen und Gegenlesen“ stand. Die Veranstaltung war mit insgesamt 100 Minuten angesetzt und durfte deshalb mit Fug und Recht als Marathonlesung bezeichnet werden. Jeweils zwei Autorinnen oder Autoren desselben Genres präsentierten Auszüge aus ihren neuesten Werken. Ziel der Veranstaltung war es, dem Publikum die Möglichkeit zu geben, die literarischen Leistungen der geladenen Wortakrobaten unmittelbar miteinander zu vergleichen.

Vertreten waren die Literaturgattungen Kriminalroman, Reisebericht, Liebesroman, Kinder- und Jugendbuch sowie zeitgenössisches Drama. In jeder Kategorie traten zwei renommierte Vertreterinnen oder Vertreter ihres Fachs gegeneinander an und erhielten jeweils zehn Minuten Zeit, um das Publikum mit einer besonders aussagekräftigen Passage aus ihrem neuesten Werk zu überzeugen.
Punkt achtzehn Uhr kündigte ein Gongschlag die Eröffnung der Marathonlesung an. Die Vorsitzende des Organisationskomitees, Frau Lieselotte Benz-Löchrig, begrüsste das Publikum mit einigen einführenden Bemerkungen zum Ablauf der Veranstaltung und dem dringenden Hinweis, sämtliche Mobiltelefone in den Flugmodus zu versetzen. Anschliessend bat sie ohne weitere Umschweife die ersten beiden Autoren auf das Podium. Nachdem sie auf den bereitstehenden Stühlen Platz genommen, ihre Mikrofone zurechtgerückt und ihre Manuskriptmappen geöffnet hatten, konnte der literarische Wettstreit beginnen.

Den Auftakt bildete das Krimi-Duell zwischen Ulrike Klein-Novitzki mit „Leichen pflasterten sein Badezimmer“ und Peter-Paul Schmöcke, der aus seinem Roman „Der Zementsarg“ las. Frau Klein-Novitzki erschien in einem dunkelgrünen Hosenanzug mit dezentem Silberschmuck und trug eine schmale, randlose Brille, die sie während der gesamten Lesung kein einziges Mal zurechtrücken musste. Herr Schmöcke hatte sich für einen dunkelblauen Rollkragenpullover entschieden und wirkte insgesamt etwas grösser als seine Mitbewerberin, obwohl beide während der gesamten Lesung sitzen blieben. Seine Brille besass einen deutlich kräftigeren Rahmen, dafür lag Frau Klein-Novitzkis Frisur auch nach zehn Minuten noch nahezu unverändert. Während sie ihre Manuskriptseiten mit der linken Hand umblätterte, bevorzugte Herr Schmöcke die rechte und gönnte sich zwischendurch zwei kleine Schlucke Mineralwasser, während seine Konkurrentin vollständig auf Flüssigkeitsaufnahme verzichtete. Ob das unterschiedliche Trinkverhalten Rückschlüsse auf die innere Spannung der beiden Kriminalromane zuliess, musste jedoch offenbleiben. Insgesamt hinterliess Frau Klein-Novitzki den etwas ruhigeren Eindruck, Herr Schmöcke hingegen den beweglicheren. Ein eindeutiger Vorteil für eine der beiden Lesungen liess sich daraus allerdings nicht ableiten.

Im anschliessenden Wettstreit der Reiseberichte standen sich Hans-Peter Modick mit „Taormina sehen und staunen“ und Kathrin Kahn mit „La Rochelle, mon amour!“ gegenüber. Da beide Werke überwiegend auf ausgedehnten Stadtrundgängen beruhen, kam dem Schuhwerk der Vortragenden naturgemäss besondere Bedeutung zu. Herr Modick entschied sich für braune Lederschuhe mit auffallend farbenfrohen Socken, deren warme Orange- und Rottöne in bemerkenswerter Weise mit dem auf dem Buchrücken abgebildeten Sonnenuntergang über dem Meer bei Taormina harmonierten. Frau Kahn bevorzugte flache dunkelblaue Halbschuhe, die zweifellos einen längeren Aufenthalt auf französischem Kopfsteinpflaster erlauben dürften, allerdings ohne farbliche Akzente zu setzen. Auch ihre Strümpfe blieben dem Publikum weitgehend verborgen, sodass ein unmittelbarer Vergleich nur eingeschränkt möglich war. Hinsichtlich der fussbekleidungsbedingten Voraussetzungen für die Entstehung beider Reiseberichte ergaben sich somit geringfügige Vorteile für Herrn Modick, während Frau Kahn eher durch ihre unaufdringliche Eleganz überzeugte. Ob sich diese unterschiedlichen Voraussetzungen auch im literarischen Ergebnis niederschlugen, liess sich anhand der Lesung allerdings nicht mit letzter Sicherheit beurteilen.

Das anschliessende Duell in der Sparte der Liebesromane entwickelte schon nach wenigen Augenblicken eine Atmosphäre, der sich kaum jemand im Saal entziehen konnte. Benjamin Karavan, der aus seinem betont gefühlvollen Roman „Das geheime Liebesnest“ vortrug, und Jasmin Moll, Autorin des betont frivolen „Hasch mich, Kleiner!“, begegneten einander mit bemerkenswerter Höflichkeit und einem für öffentliche Lesungen auffälligen Mass an gegenseitiger Aufmerksamkeit. Mehr als einmal trafen sich ihre Blicke für den Bruchteil einer Sekunde über den Manuskriptseiten hinweg, und nicht wenige Zuhörer glaubten dabei ein kaum wahrnehmbares Lächeln auf den Lippen beider Vorlesenden zu erkennen. Während Herr Karavan sein Jackett mit beinahe rührender Sorgfalt glattstrich, als wolle er einem besonderen Augenblick die gebührende Form verleihen, liess Frau Moll ihre Stimme mehrfach in ein auffallend sanftes Flüstern absinken, strich sich mit bedächtiger Langsamkeit eine Haarsträhne hinters Ohr und schenkte ihrem Gegenüber dabei ein Lächeln, das sich mühelos auch als Teil ihrer Lesung hätte deuten lassen. Als sich ihre Hände beim abschliessenden Applaus für einen flüchtigen Moment gleichzeitig nach den Wassergläsern bewegten, ging ein elektrisierendes Raunen durch den Saal. Ob der Grad dieser nonverbalen Übereinstimmung Rückschlüsse auf die emotionale Glaubwürdigkeit beider Liebesromane zuliess, konnte anhand der vorliegenden Beobachtungen jedoch nicht abschliessend geklärt werden. Jedenfalls liess sich kaum bestreiten, dass zwischen den beiden Vortragenden eine bemerkenswerte Harmonie herrschte.

Für den heitersten Moment des Abends sorgte zweifellos die Lesung aus den Kinder- und Jugendbüchern. Bettina Spoerli-Rosenkranz („Huch, was war denn das?“) und Gabriel Jurinkewitsch („Es war Sirup, mein lieber Huch“) betraten das Podium mit einer unverkennbar kindlichen Vorfreude, die sich rasch auf das Publikum übertrug. Bereits während der Begrüssung neckten sich beide wiederholt mit kleinen Gesten und gegenseitigen Kommentaren, ohne dabei jemals den Eindruck entstehen zu lassen, die Lesung könne ernsthaft aus dem Ruder laufen. Frau Spoerli-Rosenkranz benetzte schliesslich den Hemdsärmel ihres Gegenübers mit einem feinen Wasserstrahl aus einer kleinen Spielzeugpistole, worauf Herr Jurinkewitsch mit einem winzigen Tupfer Schlagsahne auf ihrem Manuskriptdeckel antwortete. Das Publikum nahm diese Einlage mit herzlichem Gelächter auf, während die Vorsitzende des Organisationskomitees den dezenten Hinweis gab, elektronische Geräte künftig ausserhalb der Schusslinie zu platzieren. Ob der spielerische Umgang der beiden Vortragenden Rückschlüsse auf die pädagogische Qualität ihrer Kinder- und Jugendbücher zuliess, konnte aufgrund der begrenzten Zahl dokumentierter Neckereien jedoch nicht abschliessend beurteilt werden. Als beide Vorlesenden ihre Lesung fortsetzten, schienen sie mit ihrem kleinen Intermezzo sichtlich zufrieden, während das Publikum den Eindruck gewann, kindliche Ausgelassenheit könne unter Umständen durchaus als literarische Qualifikation missverstanden werden.

Peter Biro - Vergleichende Literaturwissenschaft - Lesen und Gegenlesen - Satire - Glarean Magazin
„Ein gelungener Abend mit der Vergleichenden Literaturwissenschaft“ (Peter Biro“+KI)

Den Schlusspunkt der Marathonlesung bildete die mit Spannung erwartete Gegenüberstellung zweier Erfolgsstücke zeitgenössischer Dramatik. Peter Doppelberg („Das Grauen vom Waldesrand“) und Astrid van der Knall („Brotkrümel im Himmelbett“) bewiesen von der ersten Minute an, dass dramatische Literatur weit mehr verlangt als das blosse Verlesen bedruckter Seiten. Während Frau van der Knall ihre Darbietung regungslos im Sitzen begann, erhob sich Herr Doppelberg bereits nach wenigen Sätzen mit einer Entschlossenheit, als gelte es, das Schicksal der Menschheit noch vor dem Schlussvorhang zu wenden. Mit weit ausgreifenden Armbewegungen durchschnitt er die Luft, ballte mehrmals die Fäuste zum Himmel und schleuderte einzelne Satzzeichen mit einer Wucht in den Saal, als hinge der Fortbestand des abendländischen Theaters allein von ihrer korrekten Platzierung ab. Das Mikrofon geriet dabei wiederholt an die Grenzen seiner mechanischen Belastbarkeit.
Doch Frau van der Knall begegnete dieser Herausforderung mit einer Ausdruckskraft ganz eigener Prägung. Ohne ihren Platz zu verlassen, wechselte sie mehrfach zwischen kaum hörbarem Flüstern und donnernder Lautstärke, richtete den Blick abwechselnd zur Saaldecke und auf den Fussboden und verharrte nach besonders gewichtigen Sätzen jeweils einige Sekunden regungslos. Das Publikum folgte diesen Wechseln mit gespannter Aufmerksamkeit und belohnte die Darbietung schliesslich mit lang anhaltendem Applaus. Ob die deutlich unterschiedlich ausgeprägte Körpersprache der beiden Vortragenden Rückschlüsse auf die dramatische Substanz ihrer Werke zuliess, liess sich anhand der Lesung jedoch nicht mit letzter Sicherheit entscheiden. Fest stand lediglich, dass beide Aufführungen den Eindruck erweckten, die Schwerkraft könne für das zeitgenössische Theater keine uneingeschränkte Gültigkeit beanspruchen.

So unterschiedlich die beiden dramatischen Vortragsstile auch gewesen sein mögen, eines wurde an diesem Abend unmissverständlich deutlich: Die zeitgenössische Dramatik verfügt noch immer über ein beachtliches gestisches Ausdruckspotenzial. Über die beiden vorgetragenen Werke selbst liess sich dagegen nach dieser eindrucksvollen Gegenüberstellung verständlicherweise kein abschliessendes Urteil gewinnen.
Zum Abschluss der Veranstaltung nahmen die zehn Autorinnen und Autoren gemeinsam mit der Vorsitzenden des Organisationskomitees und Moderatorin des Abends, Frau Lieselotte Benz-Löchrig, auf dem Podium Platz und stellten sich den Fragen aus dem Publikum. Die anschliessende Diskussion verlief ausgesprochen lebhaft.
Ein Herr aus der dritten Reihe meldete sich als Erster zu Wort.
„Ich möchte Herrn Schmöcke zu ‚Der Zementsarg‘ gratulieren. Das dunkle Blau Ihres Rollkragenpullovers hat dem Titel eine geradezu mineralische Tiefe verliehen.“
Herr Schmöcke bedankte sich mit einem kurzen Kopfnicken.
Kurz darauf meldete sich eine junge Besucherin zögernd zu Wort.
„Mich würde interessieren, warum Sie sich für einen Ich-Erzähler entschieden haben?“
Frau Benz-Löchrig lächelte höflich. „Vielen Dank für diese interessante Frage. Aus Zeitgründen möchten wir uns nun jedoch den Wortmeldungen widmen, die sich unmittelbar auf die heutige Veranstaltung beziehen.“
Unmittelbar danach ergriff eine Dame in der ersten Reihe das Mikrofon.
„‚Bei Taormina sehen und staunen‘ haben mir die Socken von Herrn Modick besonders gefallen. Ich finde, Sonnenuntergänge sollten künftig grundsätzlich farblich darauf abgestimmt werden.“
Herr Modick erklärte, er werde diesen Gedanken bei seiner nächsten Reise nach Lappland berücksichtigen.

Es folgte die Fragerunde. Frage einer jungen Teilnehmerin:
„War die Wasserpistole von Frau Spoerli-Rosenkranz bereits im Buch vorgesehen oder wurde sie eigens für die Lesung angeschafft?“
Antwort: „Sie war bereits zu Hause vorhanden.“
Frage eines glatzköpfigen Steuerberaters: „Hat Frau Moll Herrn Karavan vor der Veranstaltung schon gekannt oder entstand die romantische Stimmung erst auf dem Podium?“
Antwort: „Wir begegneten uns heute Nachmittag zum ersten Mal an der Garderobe.“
Frage einer nicht näher identifizierbaren Person aus den hinteren Reihen: „Herr Doppelberg, haben Sie die Latzhose wegen des Dramas getragen oder hätten Sie sie auch bei einem Kochbuch angezogen?“
Antwort: „Für Lesungen liegen bislang keine belastbaren Vergleichsdaten vor.“
Nun erlaubte sich auch Frau Benz-Löchrig eine Frage: „Mich würde interessieren, ob Herr Modick seine farbliche Abstimmung von Sonnenuntergang und Strümpfen künftig als festen Bestandteil seiner Lesungen beibehalten möchte.“
Antwort: „Das hängt von der jeweiligen Jahreszeit und der Wetterlage ab.“

Zufrieden erhob sich Frau Benz-Löchrig zu ihrem Schlusswort.
„Ich danke allen Mitwirkenden für ihre eindrucksvollen Beiträge sowie dem Publikum für die kenntnisreichen Fragen und anregenden Diskussionsbeiträge. Die heutige Veranstaltung hat erneut gezeigt, dass sich zeitgenössische Literatur anhand geeigneter Vergleichskriterien ausserordentlich differenziert beurteilen lässt. Ich hoffe, Sie haben dabei ebenso viele neue Einsichten gewonnen wie wir. Wir freuen uns darauf, Sie im kommenden Jahr wieder begrüssen zu dürfen – dann erstmals mit Lyrik und Kochbuch.“
Unter anhaltendem Beifall schloss sie die Veranstaltung. Viele Besucher verliessen den Saal sichtlich bereichert. Mehrere von ihnen äusserten auf dem Heimweg übereinstimmend die Absicht, sich eines der vorgestellten Bücher bei Gelegenheit wenigstens einmal von aussen anzusehen. ♦


Peter Biro

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean MagazinGeb. 1956 in Grosswardein (Rumänien), 1970 Emigration nach Deutschland, Medizinstudium in Frankfurt/Main, von 1987 bis 2021 Anästhesist am Universitätsspital Zürich und Dozent für Anästhesiologie, inzwischen pensioniert; schreibt kulturhistorische Essays und humoristisch-satirische Kurzprosa, lebt in Feldmeilen/CH

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