Lorenz Merz (Regie): Soul of a Beast (Schweizer Spielfilm)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Wild, animalisch, schön, frei

von Katka Räber

End­lich konnte in Locarno wie­der das Inter­na­tio­nale Film­fes­ti­val – unter Corona-Schutz­mass­nah­men – über die Piazza Grande gehen. Welch eine Wohl­tat, welch ein Fest der Sinne! Für mich war dies­mal der Spiel­film „Soul of a Beast“ des Regis­seurs Lorenz Merz der her­aus­ra­gende Schwei­zer Beitrag.

Warum gehe ich ins Kino? Was erwarte ich von einem Kino­be­such? Was geben mir Filme? Mit Fil­men kann ich rei­sen, auch ganz weit, ohne ins Flug­zeug stei­gen zu müs­sen. Ein Kino­be­such ist immer bil­li­ger als jeder Easy-Jet-Flug – und für die Umwelt viel gesün­der. Filme kön­nen mich in die ent­fern­tes­ten Land­schaf­ten ent­füh­ren. Sie brin­gen mir fremde Kul­tu­ren, fremde Lebens­ar­ten, fremde Schick­sale näher. Ich kann mich iden­ti­fi­zie­ren – oder gerade umge­kehrt: Meine Posi­tion dif­fe­ren­zie­ren. Ich kann Empa­thie mit den Protagonist/Inn/en emp­fin­den oder mich mit mei­ner Mei­nung abgren­zen. Filme regen mich an, lie­fern Dis­kus­si­ons­stoff, ver­lei­ten zum Träu­men oder ver­mit­teln mir neue Infor­ma­tio­nen, neue Lösun­gen von Lebens­pro­ble­men. Oder (last but not least) sie unter­hal­ten mich und brin­gen mich auf neue oder andere Gedanken.

Jung, leidenschaftlich, authentisch

Filmfestival Locarno 2021 - Soul of a Beast - Movie Cover - Glarean MagazinVie­les davon deckt für mich der her­aus­ra­gende Schwei­zer Film „Soul of a Beast“ ab, bei dem eigent­lich nur die „schwi­zer­düt­schen“ Dia­loge dar­auf hin­wei­sen, dass es ein hel­ve­ti­scher Strei­fen ist.
Der Film ist jung, lei­den­schaft­lich, schnell, authen­tisch und stark. Die Geschich­ten des jun­gen Man­nes Gabriel, der als Tee­nie in Zürich Vater gewor­den ist und jetzt als allein­er­zie­hen­der Jugend­li­cher sei­nes ca. drei­jäh­ri­gen Soh­nes zwi­schen Ver­ant­wor­tung und sei­ner jugend­li­chen Lebens­freude und Lust am Aus­pro­bie­ren und Aus­lo­ten von Gren­zen pendelt.

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Hierzu wird das Publi­kum auf eine hin­reis­sende Art mit­ge­nom­men. Zoé, die eben­falls noch nicht voll­jäh­rige Mut­ter des klei­nen Jai­mie, ist im Gegen­satz zum wil­den Skate­board­fah­rer Gabriel, der zusam­men mit sei­nem Freund Joel das urbane Zürich unsi­cher macht, ein ver­wöhn­tes Kind der Zür­cher Gold­küste und in ihrem ste­ten Dro­gen­rausch als Mut­ter nicht zu gebrau­chen. Gabriel ver­liebt sich in die Freun­din sei­nes Freun­des Joel, in die unge­zähmte Corey, die gerade auf dem Sprung ist zu ihrem Vater nach Süd­ame­rika. Jun­ges, wil­des Ver­lieb­sein, Eifer­sucht und Gefühle von Ver­rat und Freund­schaft, von Ver­ant­wor­tung und Traum.

Schöne junge Menschen im Gefühlschaos

Soul of a Beast - Schweizer Spielfilm - Ella Rumpf - Film-Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
„Schöne junge Men­schen im Gefühls­chaos“: Ella Rumpf und…

Ich habe sel­ten diese Zer­ris­sen­heit von jugend­li­cher Unbe­küm­mert­heit, Risi­ko­be­reit­schaft und Ver­ant­wor­tung auch kör­per­lich auf der Lein­wand dar­ge­stellt gese­hen und dadurch im eige­nen Inne­ren als Erin­ne­rung erlebt. Da stimmt der wilde Rhyth­mus, die Bil­der­folge, her­vor­ra­gend durch die Kamera ein­ge­fan­gen, die schau­spie­le­ri­sche Leis­tung aller Mit­wir­ken­den, ein­schliess­lich des klei­nen Jaimie.
Obwohl auch Dro­gen und grosse Gefah­ren eine Rolle spie­len, schaut man den schö­nen jun­gen Men­schen in ihrem Gefühls­chaos gerne zu. Das fast ani­ma­li­sche Gefühl des Wun­sches nach Frei­heit, das fil­mi­sche Ein­fan­gen der jun­gen Sexua­li­tät und der Zer­ris­sen­heit zwi­schen Wunsch­träu­men und Wirk­lich­keit sind sehr mensch­lich und fein­füh­lig dar­ge­stellt. Die Seele eines wil­den Tie­res schlum­mert in so man­chem jun­gen Men­schen. Wehe, wenn sie losgelassen…

Soul of a Beast - Schweizer Spielfilm - Pablo Caprez - Film-Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
… Pablo Caprez im Schwei­zer Spiel­film „Soul of a Beast“ (2021)

Soul of a Beast“ hätte ich sogar den Gol­de­nen Leo­par­den gegönnt, was ich sonst prak­tisch noch nie bei Schwei­zer Pro­duk­tio­nen in Erwä­gung gezo­gen habe. Wobei man sich kei­nes­wegs immer mit den Prot­ago­nis­ten iden­ti­fi­zie­ren muss, um mit Sym­pa­thie und Empa­thie an ihrer Seite zu ste­hen. Es war der authen­ti­sche Rhyth­mus und Ton der Bil­der und die Echt­heit der jun­gen Gefühle, die mich fil­misch abso­lut über­zeugt haben. Herausragend. ♦

Lorenz Merz (Regie): Soul of a Beast – Spiel­film, mit Pablo Caprez, Ella Rumpf, Luna Wed­ler, Tona­tiuh Radzi u.a., 100 Minuten

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schwei­zer Film auch über Thaïs Oder­matt: Ama­zo­nen einer Grossstadt

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