Serien-Report über Schachzeitschriften (1): SCHACH

Fokussiert auf das Spitzenschach

von Mario Ziegler

Wir le­ben im di­gi­ta­len Zeit­al­ter – auch das Schach und sei­ne mil­lio­nen­fa­chen Adep­ten. Per­sön­li­ches Han­dy und hei­mi­sche Com­pu­ter­soft­ware ge­ben längst den Takt an beim Kö­nig­li­chen Spiel. Da­ne­ben exis­tie­ren aber nach wie vor eine Rei­he tra­di­ti­ons­rei­cher Print-Me­di­en. Der neue  Se­ri­en-Re­port im Glarean Ma­ga­zin über Schach­zeit­schrif­ten stellt die wich­tigs­ten na­tio­na­len und eu­ro­päi­schen Ti­tel vor. Heu­te: SCHACH – Deut­sche Schachzeitung.

Das In­ter­net be­stimmt un­ser Le­ben in ei­nem Aus­mass, wie man es noch vor we­ni­gen Jah­ren kaum für mög­lich ge­hal­ten hät­te. In­for­ma­tio­nen flies­sen uns im Se­kun­den­takt zu; was in die­sem Mo­ment am an­de­ren Ende der Welt ge­schieht, kön­nen wir nach we­ni­gen Mi­nu­ten auf dem hei­mi­schen Com­pu­ter, Ta­blet oder Han­dy le­sen. Die Kehr­sei­te der Me­dail­le ist der zu­neh­men­de Rück­gang ge­druck­ter Li­te­ra­tur, für die es im­mer schwie­ri­ger wird, sich ge­gen die elek­tro­ni­sche Kon­kur­renz zu be­haup­ten. Denn Bü­cher, Zeit­schrif­ten und Zei­tun­gen sind in der Re­gel teu­rer als die viel­fach kos­ten­lo­sen di­gi­ta­len News.

Wo liegt also grund­sätz­lich der Mehr­wert ei­nes Print­me­di­ums? In die­ser Se­rie soll es nicht um das Hap­ti­sche ge­hen, nicht um das „Le­se­er­leb­nis“, son­dern um in­halt­li­che Aspek­te. Im Rah­men ei­nes gros­sen Re­ports sol­len ei­ni­ge na­tio­na­le und in­ter­na­tio­na­le Schach­zeit­schrif­ten in den Blick ge­nom­men und da­bei die Fra­ge be­ant­wor­ten wer­den, wo die­se Print-Me­di­en mehr oder An­de­res bie­ten als die di­ver­sen Home­pages mit Schachnachrichten.

Anspruchsvolles Schachperiodikum

SCHACH - Deutsche Schachzeitung - Cover Januar 2020 - Rezensionen Glarean MagazinDie Mo­nats-Zeit­schrift „SCHACH – Deut­sche Schach­zei­tung“ weist eine star­ke Fo­kus­sie­rung auf das Spit­zen­schach auf, was sich in der Aus­wahl der Au­toren so­wie in den um­fang­rei­chen Ana­ly­sen wi­der­spie­gelt. Durch die im­mer wie­der in die Be­rich­te ein­ge­floch­te­nen O-Töne der Be­tei­lig­ten und die Ru­bri­ken „Schach­fra­gen“ und „Pro­ble­me und Stu­di­en“ hebt sich die Zeit­schrift von an­de­ren deut­schen Pu­bli­ka­tio­nen ab.
„Der Ex­zel­si­or Ver­lag wur­de 1999 in Nach­fol­ge des Ber­li­ner Sport­ver­la­ges ge­grün­det. Un­ser Flagg­schiff ist die mo­nat­lich her­aus­ge­ge­be­ne Zeit­schrift SCHACH, die seit 1947 er­scheint und sich nach 1990 als an­spruchs­volls­tes deutsch­spra­chi­ges Schach­pe­ri­odi­kum eta­bliert hat. Ihr Haupt­au­gen­merk liegt auf der ex­klu­si­ven Vor-Ort-Be­richt­erstat­tung über na­tio­na­le und in­ter­na­tio­na­le Spit­zen­er­eig­nis­se. Zu un­se­ren Au­toren zählt die kom­plet­te Welt­eli­te von Ma­gnus Carlsen über Vis­wa­nathan Anand und Le­von Aron­jan bis hin zu ‚Kom­men­ta­to­ren-Gross­meis­tern‘ wie Pe­ter Swid­ler und Nigel Short. Brei­ten Raum neh­men da­ne­ben stän­di­ge Ru­bri­ken, u. a. mit Lehr­cha­rak­ter, ein“ – so liest sich das durch­aus selbst­be­wuss­te Por­trait auf der Home­page des Ber­li­ner Ex­zel­si­or Verlags.

Ursprünge in der DDR

SCHACH - Deutsche Schachzeitung - Print-Head Ausgabe 1952 - Rezensionen Glarean Magazin
Der Print-Head der DDR-Aus­ga­be vom Au­gust 1952 („Or­gan der Sek­ti­on Schach der Deut­schen De­mo­kra­ti­schen Republik“)

Die Ge­schich­te der Zeit­schrift spie­gelt die Ver­än­de­run­gen auf dem deut­schen Schach­zeit­schrif­ten­markt wi­der. 1947 wur­de sie un­ter dem Ti­tel „Schach-Ex­press“ in der ehe­ma­li­gen DDR ge­grün­det. 1996 über­nahm sie die Zeit­schrift „Schach-Re­port“, in die ih­rer­seits be­reits 1989 das äl­tes­te deut­sche Schach­or­gan, die „Deut­sche Schach­zei­tung“, auf­ge­gan­gen war. Durch den heu­te ver­wen­de­ten Un­ter­ti­tel von „Schach“, näm­lich „Deut­sche Schach­zei­tung“, stellt sich das Ma­ga­zin in de­ren Tra­di­ti­on. Chef­re­dak­teur ist seit 1991 GM Raj Tischbierek.
Mei­ner Be­spre­chung lie­gen die Aus­ga­ben 12/1019 und 1/2020 zu­grun­de. Der Um­fang je­der Aus­ga­be va­ri­iert leicht, liegt aber etwa bei 80 Sei­ten im For­mat A5. Der Druck ist drei­spal­tig ge­setzt, die zahl­rei­chen Fo­tos schwarzweiss.

Berichte über herausragende Turniere

SCHACH - Deutsche Schachzeitung - Leseprobe - Rezensionen Glarean Magazin
Aus­führ­li­che Be­richt­erstat­tung über pro­mi­nen­te in­ter­na­tio­na­le Schach-Tur­nie­re: Le­se­pro­be aus SCHACH – Deut­sche Schachzeitschrift

Nach In­halts­ver­zeich­nis, Im­pres­sum und Vor­wort, in dem IM Dirk Pold­auf ak­tu­el­le The­men der Schach­welt auf­greift, fol­gen um­fang­rei­che Be­rich­te über her­aus­ra­gen­de Tur­nie­re. In Heft 12/2019 war dies der FIDE-Chess.com-„Grand Swiss“ auf der Isle of Man, wo­bei der haupt­säch­li­che Fo­kus auf der Qua­li­fi­ka­ti­ons­mög­lich­keit für das Kan­di­da­ten­tur­nier lag (S. 4-28). Oft wer­den bei sol­chen um­fang­rei­chen Tur­nier­be­rich­ten ne­ben dem Sie­ger be­son­de­re Per­so­nen in den Fo­kus ge­rückt, so auch hier: „Die Deut­schen“ (Key­mer, Blü­baum und Hu­schen­beth), „Die In­der“ (Gu­kesh, Sadhwa­ni und Sa­rin), „Die Frau­en“ (Drona­val­li und Sad­wakas­so­wa). Auf­fal­lend ist, dass „Schach“ die drit­te GM-Norm für Vin­cent Key­mer er­wähnt und wür­digt, sich aber der über­schwäng­li­chen Lo­bes­hym­nen ent­hält, die im In­ter­net ge­sun­gen wurden.

Als zwei­ter gros­ser Be­richt folgt in 12/2019 der Grand-Prix in Ham­burg, eben­falls eine Qua­li­fi­ka­ti­ons­mög­lich­keit für das Kan­di­da­ten­tur­nier (S. 30-37), und die Mann­schafts-Eu­ro­pa­meis­ter­schaft in Ba­tu­mi (S. 38-52). In Heft 1/2020 wird aus­führ­lich auf das Fi­na­le der Grand Ch­ess Tour in Lon­don ein­ge­gan­gen (S. 4-12), da­nach auf das Tie­break-Match zwi­schen Gri­schuk und Duda, mit wel­chem sich der Rus­se ei­nen Platz im Kan­di­da­ten­tur­nier si­cher­te (S. 14-22).

Spezialität: Die deutsche Schach-Bundesliga

Ne­ben die­sen gros­sen Ar­ti­keln sind kür­ze­re Tur­nier­be­rich­te ent­hal­ten, ge­wöhn­lich aus der Fe­der ei­nes Be­tei­lig­ten, etwa in 12/2019 über die Schwei­zer Mann­schafts­meis­ter­schaft, die Of­fe­ne In­ter­na­tio­na­le Baye­ri­sche Meis­ter­schaft oder die Welt­meis­ter­schaft im Chess960, in 1/2020 über den Eu­ro­pa­po­kal, das Grand Ch­ess Tour-Tur­nier in Kolk­a­ta oder das Open in Heusenstamm.

Anzeige Amazon: Chessebook Schachspiel aus Holz 52 x 52 cm
An­zei­ge

Die Schach­bun­des­li­ga nimmt wäh­rend der Sai­son ei­nen brei­ten Raum in „Schach“ ein. In 12/2019 gibt es ei­nen Vor­be­richt mit den Mann­schafts­auf­stel­lun­gen (S. 53-55), in 1/2020 ei­nen Über­blick über die ers­ten vier Run­den (S. 47-59). Kein an­de­res Ma­ga­zin be­rich­tet so um­fas­send über die deut­sche Eli­te­li­ga wie „Schach“.

Et­was aus dem Rah­men fal­len Ar­ti­kel, die sich mit his­to­ri­schen The­men be­fas­sen. In 1/2020 ist dies ein Ar­ti­kel (ge­nau­er ge­sagt: der zwei­te Teil ei­nes Ar­ti­kels) von Dr. Ro­bert Hüb­ner über das In­ter­zo­nen­tur­nier 1979 in Rio de Ja­nei­ro, wie bei Hüb­ner zu er­war­ten be­rei­chert durch um­fas­sen­de Ana­ly­sen. Auch wenn ich selbst star­ke Sym­pa­thien für Schach­ge­schich­te hege und die­sen Ar­ti­kel mit gros­sem In­ter­es­se ge­le­sen habe, er­schei­nen mir die­se Tex­te in ei­nem Ma­ga­zin, das an­sons­ten sehr stark auf ak­tu­el­les Welt­klas­se­schach ab­hebt, wie ein Fremdkörper.

Rubriken mit persönlicher Note

SCHACH - Deutsche Schachzeitung - Raj Tischbierek - Rezensionen Glarean Magazin
Seit 1991 re­dak­tio­nell ver­ant­wort­lich für die SCHACH-In­hal­te: Gross­meis­ter Raj Tischbierek

Als re­gel­mäs­si­ge Ru­bri­ken ent­hält SCHACH ne­ben „News“ (na­tio­na­le und in­ter­na­tio­na­le Kurz­nach­rich­ten) Re­zen­sio­nen aus der Fe­der von IM Frank Zel­ler, die von GM Mi­cha­el Pru­sik­in be­treu­ten Tak­ti­k­ru­bri­ken „Hohe Schu­le der Kom­bi­na­ti­on“ (je­weils eine An­griff­s­par­tie, eine Er­öff­nungs­fal­le und eine Stu­die) und „Kom­bi­na­tio­nen“ (18 Tak­tik­auf­ga­ben zum Sel­ber­lö­sen) und die „Schach-Fra­gen“. Letz­te­res ist ein Fra­ge­bo­gen an Per­sön­lich­kei­ten aus der Schach­welt (im Fall der be­spro­che­nen Hef­te der deut­sche IM Diet­mar Kol­bus, der mitt­ler­wei­le auf der Isle of Man lebt, und die Ex­welt­meis­te­rin Nona Ga­prin­da­schwi­li) mit 19 sich wie­der­ho­len­den und ei­ner spe­zi­ell auf den Be­frag­ten zu­ge­schnit­te­nen Frage.
Na­tür­lich fal­len die Ant­wor­ten un­ter­schied­lich aus­führ­lich aus, und manch­mal sind sie auch aus­ge­spro­chen nichts­sa­gend, z.B. im Fall von Nona Ga­prin­da­schwi­li: „Wel­che Spie­ler wür­den Sie ein­la­den, wenn ein Spon­sor Sie mit der Aus­rich­tung ei­nes Tur­niers be­auf­tra­gen wür­de?“ – „Aaaach, da gibt es heu­te so vie­le Mög­lich­kei­ten! Wie sich al­les ent­wi­ckelt hat… Al­lein, dass heu­te die Chi­ne­sen über­all da­bei sind, und wie stark sie ge­wor­den sind! Das war zu ‚mei­nen Zei­ten‘ über­haupt noch nicht ab­seh­bar.“ – „Mit wem wür­den Sie ger­ne ei­nen Tag lang tau­schen und war­um?“ – „War­um tau­schen? Ich bin mit mir zu­frie­den.“ – „Wann ha­ben Sie zum letz­ten Mal et­was zum ers­ten Mal ge­tan und was?“ – „Das ist kei­ne Fra­ge für mich.“
Nun ja, das ist we­nig er­hel­lend, den­noch fin­de ich die­se Ru­brik per­sön­lich eine der in­ter­es­san­tes­ten des Hef­tes, er­laubt sie doch man­chen per­sön­li­chen Einblick.

Betreuung des Problem- und Studien-Schachs

Anzeige Amazon: 100 brillante Schachzüge - Geniale Kombinationen, verblüffende Strategien
An­zei­ge

Zu­letzt möch­te ich „Pro­ble­me und Stu­di­en“ her­vor­he­ben, die von Franz Pachl be­treut wird. Die­se vier­sei­ti­ge Ru­brik bie­tet Be­rich­te über Pro­blem- und Stu­di­en­tur­nie­re, Tur­nier­aus­schrei­bun­gen und na­tür­lich vie­le Pro­ble­me, dar­un­ter et­li­che Ur­dru­cke. Na­tür­lich ist dies ein The­ma für Spe­zia­lis­ten, aber es gibt in Deutsch­land – mit Aus­nah­me sol­cher Ni­schen­pu­bli­ka­tio­nen wie „Feen­schach“ – kei­ne an­de­re Zeit­schrift, die sich so aus­führ­lich mit dem Be­reich des Kunst­schachs befasst.

Fa­zit: Ge­ne­rell weist SCHACH eine star­ke Fo­kus­sie­rung auf das Spit­zen­schach auf. Brei­ten­schach so­wie re­gio­na­le Schach­ereig­nis­se wer­den nur sel­ten the­ma­ti­siert. Die­se Aus­rich­tung spie­gelt sich in der Aus­wahl der Au­toren so­wie in den Ana­ly­sen wi­der, die sich durch­gän­gig auf ho­hem Ni­veau be­we­gen. Da­mit wer­den als Ziel­grup­pe ten­den­zi­ell stär­ke­re Spie­ler an­ge­spro­chen. Als be­son­ders in­ter­es­sant emp­fin­de ich die im­mer wie­der ein­ge­floch­te­nen O-Töne und In­ter­views, in de­nen auf kri­ti­sche Mo­ment ei­ner Par­tie oder ei­nes Tur­niers, aber auch auf über­grei­fen­de The­men ein­ge­gan­gen wird. Im Ver­gleich zu an­de­ren Pu­bli­ka­tio­nen be­rich­tet „Schach“ sehr aus­führ­lich über die deut­sche Bun­des­li­ga und weist mit den „Schach­fra­gen“ und „Pro­ble­me und Stu­di­en“ zwei Ru­bri­ken auf, die kei­ne an­de­re deut­sche Schach­zeit­schrift in die­ser Form bietet. ♦

Zeit­schrift SCHACH – Deut­sche Schach­zei­tung, mo­nat­lich, Ex­zel­si­or Ver­lag, ISSN 0048-9328

Le­sen Sie im Glarean Ma­ga­zin zum The­ma Schach in der DDR auch über Ma­nu­el Frie­del: Schach und Po­li­tik in der DDR

Kommentare sind willkommen! (Keine E-Mail-Pflicht)