Der Serien-Report über Schachzeitschriften (3): SCHWEIZERISCHE SCHACHZEITUNG

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Das älteste deutschsprachige Schachmagazin

von Mario Ziegler

Wir leben im digitalen Zeitalter – auch das Schach und seine millionenfachen Adepten. Persönliches Handy und heimische Computersoftware geben längst den Takt an beim Königlichen Spiel. Daneben existieren aber nach wie vor eine Reihe traditionsreicher Print-Medien. Der neue Serien-Report im GLAREAN MAGAZIN über Schachmagazine stellt die wichtigsten nationalen und europäischen Titel vor.
Heute: Die SCHWEIZERISCHE SCHACHZEITUNG.

„Nicht in meinen schlimmsten Träumen hätte ich mir jemals vorstellen können, solche Schreckens-Schlagzeilen über News auf der Website des Schweizerischen Schachbundes (SSB) platzieren zu müssen. Doch die Folgen des tückischen Corona-Virus zeitigten auch auf den Schachsport gravierende Auswirkungen.“

Mit diesen Worten beginnt der Chefredakteur der Schweizer Schachzeitung Dr. Markus Angst sein Vorwort der Ausgabe 3/2020. Das Corona-bedingte Erstarren des weltweiten Spielbetriebs sind seit dem Ausbruch der Pandemie beherrschende Themen aller Schachmedien. Seit dem Abbruch des Kandidatenturniers in Jekaterinburg Ende März herrschte zumindest „offline“ Flaute im Schach, was sich natürlich auf die Berichterstattung aller Schachzeitschriften auswirkte. Ich nehme in der folgenden Besprechung die „Schweizer Schachzeitung“ in den Blick und beziehe mich auf die Ausgaben 1, 2 und 3 des Jahres 2020, also das letzte „normale“ Heft vor dem Ausbruch der Pandemie und die beiden folgenden, in denen sich die Einschränkungen immer stärker widerspiegelten.

Chefredakteur seit 26 Jahren: Markus Angst

Markus Angst - Chefredakteur Schweizerische Schachzeitung 2020 - Rezension Glarean Magazin
Aktuell, kompetent, schachbegeistert – und seit über 25 Jahren im Amt: Chefredakteur und SSB-Mediensprecher Markus Angst

Die „Schweizer Schachzeitung“ (SSZ), das offizielle Organ des Schweizerischen Schachbundes, wurde 1900 begründet, womit sie das älteste noch existierende deutschsprachige Schachmagazin ist. Sie erscheint sechsmal im Jahr in einer Auflage von 6000 Exemplaren und wird allen aktiven Schweizer Schachspielern und -spielerinnen zugestellt. Das Format ist A5, der Druck schwarzweiß, der Umfang etwa 50 Seiten (die Ausgabe 3/2020 umfasst lediglich 36 Seiten, was aber sicher der skizzierten Corona-Flaute geschuldet ist).
Als besonderen Service bietet die „Schweizer Schachzeitung“ alle Ausgaben seit 2000 zum Download an, die jeweils aktuelle allerdings mit einer zeitlichen Distanz zur Printausgabe. Chefredakteur ist seit 1994 Markus Angst, seines Zeichens Mediensprecher des Schachbundes und Leiter der Schweizer Mannschaftsmeisterschaft. In der Schachwelt wurde er nicht zuletzt durch seine Tätigkeit als einer der Schiedsrichter der Weltmeisterschaft 2004 zwischen Kramnik und Léko in Brissago bekannt.

Schach in drei Landessprachen

Interview in der Schweizerischen Schachzeitung 3-2020 mit dem Schweizer Grossmeister Yannick Pelletier - auf französisch
Interview in der SSZ 3/2020 mit dem Schweizer Grossmeister Yannick Pelletier – auf französisch

Was sofort auffällt ist die Mehrsprachigkeit: Entsprechend den Amtssprachen der Schweiz sind die Artikel entweder in deutscher, in französischer oder in italienischer Sprache verfasst, einige wurden übersetzt und parallel in deutscher und französischer Fassung abgedruckt. Einige feste Rubriken wiederholen sich in jedem Heft: „Seniorenschach“, „Fernschach“ (bearbeitet durch Oliver Killer), „Problemschach“ (Martin Hoffmann) und „Studien“ (Roland Ott), sowie eine mehrere Seiten umfassende Ergebnisübersicht über nationale Turniere. Wer nicht nur über Schach lesen, sondern auch sein Spiel verbessern möchte, kann dies durch das Lösen der Kombinationen (jeweils 9 Aufgaben aus einem aktuellen Turnier) sowie das Studium der Partien tun, die teilweise kommentiert sind. Am umfassendsten fällt die Analyse einer kürzlich gespielten Weltklassepartie aus, für welche der französische Großmeister Romain Édouard verantwortlich zeichnet. Diese Analyse ist der einzige Teil der Hefte ohne unmittelbaren „Schweiz-Bezug“. Ansonsten konzentrieren sich die Themen auf den nationalen Spielbetrieb: Schweizer Turniere und Mannschaftswettbewerbe, die Nationalmannschaft, Portraits und Interviews mit bekannten Persönlichkeiten des Schweizer Schachs.

Inhaltlich aufs Nationale fokussiert

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Mir gefällt dieses Konzept: Wo viele andere Publikationen einen Überblick über das internationale Geschehen anstreben, fokussiert sich die SSZ bewusst auf das nationale Schachleben. Zwar kann der Leser sich auf diese Weise nicht über die jüngsten Glanztaten der Carlsen, Caruana und Vachier-Lagrave informieren, aber statt dieser Informationen, die ja vergleichsweise leicht im Internet zugänglich sind, erhält er Berichte über Turniere, die weniger im Fokus der Berichterstattung stehen, ihm aber vielleicht näher liegen (nicht nur geographisch, sondern auch was die Teilnehmer angeht). Dadurch begibt sich die SSZ von vorneherein weniger in Konkurrenz mit Schachseiten im Internet als andere Magazine. Ich könnte mir vorstellen, dass solch ein Konzept durchaus auch für die deutsche Schachszene tragfähig wäre. In der ersten und zweiten Ausgabe des Jahres, wo noch die „normalen“ Themen im Vordergrund standen, wurde etwa über das Zürcher Weihnachts-Open 2019, das Schachfestival Basel oder das Accentus Young Masters in Bad Ragaz sowie verschiedene Mannschaftswettbewerbe berichtet.

Portraits, Berichte, Interviews

Interview-Partner der SSZ 3/2020 und aktuell der Schweiz erfolgreichster Grossmeister: Noel Studer
Interview-Partner der SSZ 3/2020 und aktuell der Schweiz erfolgreichster Grossmeister: Noel Studer

Auch hier tritt die Schweizer Perspektive in den Vordergrund: Beim Bericht über das Zürcher Weihnachtsopen wird ein Schlaglicht auf das 12jährige Nachwuchstalent Dorian Asllani geworfen (1/2020, S. 4), im Zusammenhang mit dem Accentus Young Masters, einem Vergleich zwischen einer Mannschaft aus jungen Schweizer Meistern und einer Weltauswahl, wird weniger auf das Turnier selbst eingegangen (es wird noch nicht einmal die Mannschaftsaufstellung der Weltauswahl genannt), sondern der Fokus auf die Leistungen des erfolgreichsten Schweizers, GM Noël Studer, gelegt. Wie zu erwarten werden auch in Portraits und Berichten Personen und Institutionen aus der Schweiz vorgestellt: der Schachklub Payerne (1/2020, S. 14-15), der Präsident der Schiedsrichterkommission Josef Nemecek (1/2020, S. 22-29), WIM Camille De Seroux (2/2020, S. 12-15), verschiedene Initiativen zu Schach-Feriencamps in der Schweiz (2/2020, S. 34-35). Wie gesagt: Man kann unterschiedlicher Meinung über dieses Konzept sein, mir ist es sympathisch.

Eine Fülle von Informationen

Werden in Heft 2/2020 die ersten Folgen der Corona-Pandemie thematisiert (eine Unterbrechung der Schweizer Ligen, die Absage des Mitropacups, der für Anfang Mai in Davos geplant war), so steht Heft 3/2020 voll im Zeichen des Virus und der mit ihm verbundenen Einschränkungen. In einem Artikel behandelt Oliver Marti, Geschäftsführer des Schweizerischen Schachbundes, die Historie des Online-Schachs. Die Großmeister Noël Studer und Yannick Pelletier machen sich in Interviews ebenso zur Corona-Krise und der aktuellen Situation Gedanken wie der Präsident des Schachbundes Peter Wyss sowie der Präsident der Schweizer Schach Senioren Anton Brugger.

Problemschach in der Schweizerischen Schachzeitung 3-2020 - Glarean Magazin
Traditionsreich und vielbeachtet seit Jahrzehnten: Die Problemschach-Spalte der Schweizerischen Schachzeitung

Wenn man ein Fazit ziehen möchte: Die „Schweizer Schachzeitung“ beinhaltet, im Vergleich zu anderen Magazinen, weniger eigentliches Schachmaterial, also Analysen, Kombinationen usw., auch wenn sie mit GM Édouard und GM Nico Georgiadis hochrangige Kommentatoren aufbieten kann. Dafür versieht die SSZ den Leser mit einer Fülle von Informationen: Neben Berichten und Interviews auch Turnierresultaten und Statistiken, also Materialien, die gerade nicht so leicht im Internet zu bekommen sind. Damit geht die SSZ einen deutlich anderen Weg als viele andere Publikationen: Mit einem klaren Schweiz-Fokus wird der Kreis der potentiellen Leser von vornherein beschränkt, diese werden aber umfassend über dieses eingegrenzte Thema informiert.

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Schließen möchte ich dann doch mit einem praktischen Endspiel-Zitat aus der Fernschach-Rubrik der SSZ-Ausgabe 2/2020  – ein wunderschönes Beispiel für die Bedeutung der Aktivität in der letzten Partiephase:

(Mausklick auf einen Zug oder eine Variante öffnet das Analysefenster inkl. PGN-Download)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachzeitschriften auch den Report über die deutsche ROCHADE

… sowie zum Thema Brillante Schachzüge: The Engine Crackers – Neue Knacknüsse für Schachprogramme (Computerschach)

Der Serien-Report über Schachzeitschriften (2): ROCHADE

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Vielfältiger Schach-Mix für den Vereinsspieler

von Mario Ziegler

Wir leben im digitalen Zeitalter – auch das Schach und seine millionenfachen Adepten. Persönliches Handy und heimische Computersoftware geben längst den Takt an beim Königlichen Spiel. Daneben existieren aber nach wie vor eine Reihe traditionsreicher Print-Medien. Der neue  Serien-Report im GLAREAN MAGAZIN über Schachzeitschriften stellt die wichtigsten nationalen und europäischen Titel vor. Heute: ROCHADE EUROPA.

Schach-Zeitschrift - Rochade Europa - Ausgabe Nr.3 März 2020 - Rezension Glarean MagazinDie „vielseitig-informative Schachzeitung“ ROCHADE EUROPA wurde – noch unter dem Namen „Europa-Rochade“ – im Jahre 1972 von Heinz Köhler begründet und im Eigenverlag zunächst im hessischen Maintal publiziert. 1997 übernahm sein Sohn Carsten den Verlag, im folgenden Jahr erfolgte der Umzug ins thüringische Sömmerda. Seit 2015 wird die Zeitschrift vom Verlag Rochade GmbH & Co. KG (Kernen) herausgegeben, Chefredakteur ist Jens Hirneise.

Einst die BILD-Zeitung des deutschen Schachs

Rochade Europa - Ausgabe 11 2003 - Glarean Magazin
Cover der November-Ausgabe 2003: Auflösung und Farbe der Bilder sind im Original leider  tatsächlich so schlecht wie auf diesem Scan…

In der Vergangenheit zeichnete sich die ROCHADE durch einen sehr bunten Mix aus Turnierberichten und Rubriken der unterschiedlichsten Thematik und Qualität sowie durch sehr überschaubare Druckqualität aus, was ihr nicht selten einen Vergleich mit der „BILD-Zeitung“ einbrachte. Manche Leser werden sich an eine entspr. längere Polemik erinnern, die Jörg Seidel unter dem Titel „Glanz und Elend der ROCHADE“ auf der Homepage „Metachess“ veröffentlichte, und die leider heute nicht mehr erhältlich ist.
Mit dem Wechsel der Herausgeberschaft 2015 vollzog sich – neben einer erheblichen Verbesserung des optischen Erscheinungsbildes – auch ein inhaltlicher Wandel: Es wurde größerer Wert auf Rubriken zu verschiedenen Bereichen des Schachtrainings gelegt.

Am durchschnittlichen Vereinsspieler orientiert

Für die nachfolgende Besprechung lagen mir die Ausgaben 2/2020 und 3/2020 vor. Der Umfang liegt in beiden Fällen bei 114 Seiten im Format A4, der Druck ist durchgängig vierfarbig.
Einen breiten Raum nimmt die Berichterstattung über aktuelle nationale und internationale Turniere ein. Dies sind in 2/2020 etwa die Schnellschach- und Blitz-Weltmeisterschaft, der Grand-Prix in Jerusalem oder das Staufer-Open, in 3/2020 die Frauen-Weltmeisterschaft zwischen Ju Wenjun und Aleksandra Goryachkina und das Turnier in Wijk aan Zee. Über diese aktuellen Ereignisse berichten profilierte Autoren wie die IMs Jonathan Carlstedt und Frank Zeller. Letzterer ist auch für die Berichterstattung über die Bundesliga und Kommentierung der dort gespielten Partien zuständig.

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A propos Kommentierung: Diese fällt im Vergleich zur zuletzt besprochenen Zeitschrift SCHACH vergleichsweise knapp aus – man kann aber auch sagen: sie wird aufs Wesentliche komprimiert und orientiert sich eher am durchschnittlichen Vereinsspieler denn an der Spitze. Hier ein Beispiel aus dem Grand-Prix-Turnier in Jerusalem mit Anmerkungen von Frank Zeller, der ganz sicher nicht den Anspruch hatte, alle Feinheiten der spannenden Partie zwischen Gelfand und Nepomniachtchi zu ergründen:

Rochade Europa - Ausgabe Februar 2020 - Analyse - Glarean Magazin
Kein Varianten-Gestrüpp für den Grossmeister, sondern einfache Partien-Hotspots für Vereinsspieler: Die Partien-Analysen der ROCHADE

Internationales Schachgezwitscher

Neben den obligatorischen Kurznachrichten aus aller Welt, Buchbesprechungen (Jörg Palitzsch), Schachproblemen und Studien (IM Valeri Bronznik) fällt die Rubrik „Schachgezwitscher“ auf, die von Conrad Schormann betreut wird. Hier werden die unterschiedlichsten Nachrichten, die zuvor im Internet kursierten, sozusagen auf Papier transferiert. In den besprochenen Heften geht es z.B. um die in London gestrandete iranische WM-Schiedsrichterin Bayat oder die umstrittene Zusammenarbeit von Magnus Carlsen mit dem Sportwettenanbieter Unibet. Auf der einen Seite fragt man sich, wieso noch niemand zuvor auf diese Idee gekommen ist; rücken doch solche Notizen Themen in den Fokus, die ansonsten in der gedruckten Schachberichterstattung keine Rolle spielen. Auf der anderen Seite ist das „Schachgezwitscher“, das ja nicht zufällig Erinnerungen an Twitter-Kurznachrichten weckt, eben genau das, was der Name andeutet: das kurze Antippen interessanter Themen ohne tiefergehende Beleuchtung, was manchmal – wie auch bei Twitter – den Eindruck von Beliebigkeit erweckt.

Eine der traditionsreichen ROCHADE-Rubriken mit hohem Trainingsfaktor: Die "Endspieluniversität"
Eine der traditionsreichen ROCHADE-Rubriken mit hohem Trainingsfaktor: Die „Endspieluniversität“

Die Interviews, die in jedem Heft mit Persönlichkeiten aus der Schachwelt geführt werden (in Heft 2/2020 mit FM Aleksandar Vuckovic, in 3/2020 mit Ex-Weltmeister Ruslan Ponomariov), beinhalten teilweise sich wiederholende Fragen in leicht variiertem Wortlaut („Was war das Ungewöhnlichste, was Sie bisher bei einem Schachturnier erlebt haben?“ – „Wie unterscheidet sich die Vorbereitung eines Spitzenspielers von der eines Amateurs?“ – „Welchen Rat können Sie den Lesern geben, um ihr Schachspiel in den verschiedenen Partiephasen zu verbessern?“). Naturgemäß steht und fällt ein solches Interview mit der Auskunftsfreude des Gesprächspartners. Das Thema Schachgeschichte wird durch die umfangreiche Artikelserie von Herbert Bastian über die historische Entwicklung der Schachideen abgedeckt.

Ein Kernelement der ROCHADE ist seit jeher der Regionalteil mit Berichten aus den Landesverbänden, wobei nicht alle Verbände die Möglichkeit der Berichterstattung nutzen. Ich erinnere mich, dass vor Jahren die ROCHADE die Haupt-Informationsquelle für das Schachleben im Saarland war, wo ich damals lebte und spielte. Doch mittlerweile ist gerade in diesem Bereich das Internet aktueller und ausführlicher als es eine Zeitschrift je sein kann, so dass sich die Frage stellt, wie viele Schachfreunde den Regionalteil wirklich noch lesen bzw. daraus etwas erfahren, was sie nicht ohnehin schon im Internet zur Kenntnis genommen haben. Die gleiche Frage muss für den umfangreichen Turnierkalender mit Veranstaltungen aus dem In- und Ausland gestellt werden, denn vermutlich wird der interessierte Turnierspieler auf der Suche nach dem nächsten passenden Turnier in erster Linie die einschlägigen Seiten im Internet konsultieren.

Viel Trainingsmaterial zum Selbststudium

Aus meiner Sicht stellen die verschiedenen Rubriken mit Trainingsmaterialien den interessantesten Teile der ROCHADE dar. Hier bietet die Zeitschrift viel Stoff zum Selbststudium, aber auch für Trainer. Im Einzelnen handelt es sich um „Dynamisches Schach“ (GM Zigurds Lanka), „Powertraining“ (IM Roman Vidoniak), „Partie des Monats“ (GM Dennis Wagner), „Endspieluniversität“ (WGM Bettina Trabert/GM Spyridon Skembris) und „Schachschule“ (IM Valeri Bronznik).
Weniger didaktisches Material als Beispiele für die Unerschöpflichkeit des Schachs stellt die Rubrik „Schach ohne Grenzen“ (Bronznik) vor, in der z.B. das folgende Endspiel (sowie die Partie Saric-Suleymanli, Budva 2019, die in selbiges mündete) analysiert wurde (3/2020 S. 74f.):

Zusammengefasst: Die ROCHADE EUROPA richtet sich eher an den durchschnittlichen Vereinsspieler denn an die Spitze. Die Analysen haben nicht den Anspruch, die letzten Feinheiten einer Partie auszuloten, gehen aber in ausreichender Weise auf die kritischen Momente ein. Neben der obligatorischen aktuellen Berichterstattung bietet die ROCHADE viel Trainingsmaterial zu den verschiedensten Bereichen des Schachs, was sie für Trainer, aber auch den wissbegierigen Lernenden zu einem interessanten Medium macht. ♦

Zeitschrift Rochade Europa (Die vielseitig-informative Schachzeitung), erscheint monatlich, Verlag Rochade GmbH Kernen, ISSN 0943-4356

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachzeitschriften auch das Interview mit dem KARL-Herausgeber Harry Schaak

Der Serien-Report über Schachzeitschriften (1): SCHACH

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Fokussiert auf das Spitzenschach

von Mario Ziegler

Wir leben im digitalen Zeitalter – auch das Schach und seine millionenfachen Adepten. Persönliches Handy und heimische Computersoftware geben längst den Takt an beim Königlichen Spiel. Daneben existieren aber nach wie vor eine Reihe traditionsreicher Print-Medien. Der neue  Serien-Report im GLAREAN MAGAZIN über Schachzeitschriften stellt die wichtigsten nationalen und europäischen Titel vor. Heute: SCHACH – Deutsche Schachzeitung.

Das Internet bestimmt unser Leben in einem Ausmass, wie man es noch vor wenigen Jahren kaum für möglich gehalten hätte. Informationen fliessen uns im Sekundentakt zu; was in diesem Moment am anderen Ende der Welt geschieht, können wir nach wenigen Minuten auf dem heimischen Computer, Tablet oder Handy lesen. Die Kehrseite der Medaille ist der zunehmende Rückgang gedruckter Literatur, für die es immer schwieriger wird, sich gegen die elektronische Konkurrenz zu behaupten. Denn Bücher, Zeitschriften und Zeitungen sind in der Regel teurer als die vielfach kostenlosen digitalen News.

Wo liegt also grundsätzlich der Mehrwert eines Printmediums? In dieser Serie soll es nicht um das Haptische gehen, nicht um das „Leseerlebnis“, sondern um inhaltliche Aspekte. Im Rahmen eines grossen Reports sollen einige nationale und internationale Schachzeitschriften in den Blick genommen und dabei die Frage beantworten werden, wo diese Print-Medien mehr oder Anderes bieten als die diversen Homepages mit Schachnachrichten.

Anspruchsvolles Schachperiodikum

SCHACH - Deutsche Schachzeitung - Cover Januar 2020 - Rezensionen Glarean MagazinDie Monats-Zeitschrift „SCHACH – Deutsche Schachzeitung“ weist eine starke Fokussierung auf das Spitzenschach auf, was sich in der Auswahl der Autoren sowie in den umfangreichen Analysen widerspiegelt. Durch die immer wieder in die Berichte eingeflochtenen O-Töne der Beteiligten und die Rubriken „Schachfragen“ und „Probleme und Studien“ hebt sich die Zeitschrift von anderen deutschen Publikationen ab.
„Der Exzelsior Verlag wurde 1999 in Nachfolge des Berliner Sportverlages gegründet. Unser Flaggschiff ist die monatlich herausgegebene Zeitschrift SCHACH, die seit 1947 erscheint und sich nach 1990 als anspruchsvollstes deutschsprachiges Schachperiodikum etabliert hat. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf der exklusiven Vor-Ort-Berichterstattung über nationale und internationale Spitzenereignisse. Zu unseren Autoren zählt die komplette Weltelite von Magnus Carlsen über Viswanathan Anand und Levon Aronjan bis hin zu ‚Kommentatoren-Grossmeistern‘ wie Peter Swidler und Nigel Short. Breiten Raum nehmen daneben ständige Rubriken, u. a. mit Lehrcharakter, ein“ – so liest sich das durchaus selbstbewusste Portrait auf der Homepage des Berliner Exzelsior Verlags.

Ursprünge in der DDR

SCHACH - Deutsche Schachzeitung - Print-Head Ausgabe 1952 - Rezensionen Glarean Magazin
Der Print-Head der DDR-Ausgabe vom August 1952 („Organ der Sektion Schach der Deutschen Demokratischen Republik“)

Die Geschichte der Zeitschrift spiegelt die Veränderungen auf dem deutschen Schachzeitschriftenmarkt wider. 1947 wurde sie unter dem Titel „Schach-Express“ in der ehemaligen DDR gegründet. 1996 übernahm sie die Zeitschrift „Schach-Report“, in die ihrerseits bereits 1989 das älteste deutsche Schachorgan, die „Deutsche Schachzeitung“, aufgegangen war. Durch den heute verwendeten Untertitel von „Schach“, nämlich „Deutsche Schachzeitung“, stellt sich das Magazin in deren Tradition. Chefredakteur ist seit 1991 GM Raj Tischbierek.
Meiner Besprechung liegen die Ausgaben 12/1019 und 1/2020 zugrunde. Der Umfang jeder Ausgabe variiert leicht, liegt aber etwa bei 80 Seiten im Format A5. Der Druck ist dreispaltig gesetzt, die zahlreichen Fotos schwarzweiss.

Berichte über herausragende Turniere

SCHACH - Deutsche Schachzeitung - Leseprobe - Rezensionen Glarean Magazin
Ausführliche Berichterstattung über prominente internationale Schach-Turniere: Leseprobe aus SCHACH – Deutsche Schachzeitschrift

Nach Inhaltsverzeichnis, Impressum und Vorwort, in dem IM Dirk Poldauf aktuelle Themen der Schachwelt aufgreift, folgen umfangreiche Berichte über herausragende Turniere. In Heft 12/2019 war dies der FIDE-Chess.com-„Grand Swiss“ auf der Isle of Man, wobei der hauptsächliche Fokus auf der Qualifikationsmöglichkeit für das Kandidatenturnier lag (S. 4-28). Oft werden bei solchen umfangreichen Turnierberichten neben dem Sieger besondere Personen in den Fokus gerückt, so auch hier: „Die Deutschen“ (Keymer, Blübaum und Huschenbeth), „Die Inder“ (Gukesh, Sadhwani und Sarin), „Die Frauen“ (Dronavalli und Sadwakassowa). Auffallend ist, dass „Schach“ die dritte GM-Norm für Vincent Keymer erwähnt und würdigt, sich aber der überschwänglichen Lobeshymnen enthält, die im Internet gesungen wurden.

Als zweiter grosser Bericht folgt in 12/2019 der Grand-Prix in Hamburg, ebenfalls eine Qualifikationsmöglichkeit für das Kandidatenturnier (S. 30-37), und die Mannschafts-Europameisterschaft in Batumi (S. 38-52). In Heft 1/2020 wird ausführlich auf das Finale der Grand Chess Tour in London eingegangen (S. 4-12), danach auf das Tiebreak-Match zwischen Grischuk und Duda, mit welchem sich der Russe einen Platz im Kandidatenturnier sicherte (S. 14-22).

Spezialität: Die deutsche Schach-Bundesliga

Neben diesen grossen Artikeln sind kürzere Turnierberichte enthalten, gewöhnlich aus der Feder eines Beteiligten, etwa in 12/2019 über die Schweizer Mannschaftsmeisterschaft, die Offene Internationale Bayerische Meisterschaft oder die Weltmeisterschaft im Chess960, in 1/2020 über den Europapokal, das Grand Chess Tour-Turnier in Kolkata oder das Open in Heusenstamm.

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Die Schachbundesliga nimmt während der Saison einen breiten Raum in „Schach“ ein. In 12/2019 gibt es einen Vorbericht mit den Mannschaftsaufstellungen (S. 53-55), in 1/2020 einen Überblick über die ersten vier Runden (S. 47-59). Kein anderes Magazin berichtet so umfassend über die deutsche Eliteliga wie „Schach“.

Etwas aus dem Rahmen fallen Artikel, die sich mit historischen Themen befassen. In 1/2020 ist dies ein Artikel (genauer gesagt: der zweite Teil eines Artikels) von Dr. Robert Hübner über das Interzonenturnier 1979 in Rio de Janeiro, wie bei Hübner zu erwarten bereichert durch umfassende Analysen. Auch wenn ich selbst starke Sympathien für Schachgeschichte hege und diesen Artikel mit grossem Interesse gelesen habe, erscheinen mir diese Texte in einem Magazin, das ansonsten sehr stark auf aktuelles Weltklasseschach abhebt, wie ein Fremdkörper.

Rubriken mit persönlicher Note

SCHACH - Deutsche Schachzeitung - Raj Tischbierek - Rezensionen Glarean Magazin
Seit 1991 redaktionell verantwortlich für die SCHACH-Inhalte: Grossmeister Raj Tischbierek

Als regelmässige Rubriken enthält SCHACH neben „News“ (nationale und internationale Kurznachrichten) Rezensionen aus der Feder von IM Frank Zeller, die von GM Michael Prusikin betreuten Taktikrubriken „Hohe Schule der Kombination“ (jeweils eine Angriffspartie, eine Eröffnungsfalle und eine Studie) und „Kombinationen“ (18 Taktikaufgaben zum Selberlösen) und die „Schach-Fragen“. Letzteres ist ein Fragebogen an Persönlichkeiten aus der Schachwelt (im Fall der besprochenen Hefte der deutsche IM Dietmar Kolbus, der mittlerweile auf der Isle of Man lebt, und die Exweltmeisterin Nona Gaprindaschwili) mit 19 sich wiederholenden und einer speziell auf den Befragten zugeschnittenen Frage.
Natürlich fallen die Antworten unterschiedlich ausführlich aus, und manchmal sind sie auch ausgesprochen nichtssagend, z.B. im Fall von Nona Gaprindaschwili: „Welche Spieler würden Sie einladen, wenn ein Sponsor Sie mit der Ausrichtung eines Turniers beauftragen würde?“ – „Aaaach, da gibt es heute so viele Möglichkeiten! Wie sich alles entwickelt hat… Allein, dass heute die Chinesen überall dabei sind, und wie stark sie geworden sind! Das war zu ‚meinen Zeiten‘ überhaupt noch nicht absehbar.“ – „Mit wem würden Sie gerne einen Tag lang tauschen und warum?“ – „Warum tauschen? Ich bin mit mir zufrieden.“ – „Wann haben Sie zum letzten Mal etwas zum ersten Mal getan und was?“ – „Das ist keine Frage für mich.“
Nun ja, das ist wenig erhellend, dennoch finde ich diese Rubrik persönlich eine der interessantesten des Heftes, erlaubt sie doch manchen persönlichen Einblick.

Betreuung des Problem- und Studien-Schachs

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Zuletzt möchte ich „Probleme und Studien“ hervorheben, die von Franz Pachl betreut wird. Diese vierseitige Rubrik bietet Berichte über Problem- und Studienturniere, Turnierausschreibungen und natürlich viele Probleme, darunter etliche Urdrucke. Natürlich ist dies ein Thema für Spezialisten, aber es gibt in Deutschland – mit Ausnahme solcher Nischenpublikationen wie „Feenschach“ – keine andere Zeitschrift, die sich so ausführlich mit dem Bereich des Kunstschachs befasst.

Fazit: Generell weist SCHACH eine starke Fokussierung auf das Spitzenschach auf. Breitenschach sowie regionale Schachereignisse werden nur selten thematisiert. Diese Ausrichtung spiegelt sich in der Auswahl der Autoren sowie in den Analysen wider, die sich durchgängig auf hohem Niveau bewegen. Damit werden als Zielgruppe tendenziell stärkere Spieler angesprochen. Als besonders interessant empfinde ich die immer wieder eingeflochtenen O-Töne und Interviews, in denen auf kritische Moment einer Partie oder eines Turniers, aber auch auf übergreifende Themen eingegangen wird. Im Vergleich zu anderen Publikationen berichtet „Schach“ sehr ausführlich über die deutsche Bundesliga und weist mit den „Schachfragen“ und „Probleme und Studien“ zwei Rubriken auf, die keine andere deutsche Schachzeitschrift in dieser Form bietet. ♦

Zeitschrift SCHACH – Deutsche Schachzeitung, monatlich, Exzelsior Verlag, ISSN 0048-9328

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach in der DDR auch über Manuel Friedel: Schach und Politik in der DDR

Schach-Zeitschrift Caissa – Ausgabe 1-2018

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Das Lied der KZ-Schachspieler

von Walter Eigenmann

Bereits in seinem dritten Jahrgang angekommen ist das 2016 gegründete, inhaltlich wie bibliographisch ambitiöse Schach-Print-Projekt „Caissa“. (Lesen Sie hier auch den Bericht des Glarean Magazins zum Start dieser neuen „Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte“).

Caissa - Schach-Zeitschrift - Chaturanga Verlag - Rezension Glarean MagazinDas aktuelle Heft 1 des Jahres 2018 wartet wie sein Vorgänger wiederum mit einer Fülle exquisiter Inhalte auf, die insbesondere die historisch und wissenschaftlich interessierten Leser unter den Schachfreunden ansprechen dürften.

Spielkultur inmitten der Barbarei

Großen Raum nimmt diesmal der zweite Teil eines Reports „Schach im KL Buchenwald“ von Siegfried Schönle ein. Dieses deutsche Vernichtungslager der Nazis hat schrecklichste Kapitel der jüngeren Menschheitsgeschichte geschrieben – aber dass in all dem minutiös geplanten und systematisch vorangetriebenen Massenmord-Horror noch so etwas wie eine Schachkultur mit geheimen Privat-Turnieren, Schachbibliotheken und versteckten Korrespondenz-Partien entstehen konnte, grenzt ans Wunderbare.

Hymne der Buchenwalder Schachspieler - Schachzeitschrift Caissa 1-2018 - Glarean Magazin
Schach und Kunst inmitten des deutschen Konzentrationslager-Horrors: Das Musikstück „Hymne der Schachspieler in Buchenwald“, ein vierstimmiges Männerchor-Lied (Quelle: „Caissa“ 1/2018)

Jedenfalls wird in dem 32-seitigen, mit umfangreichem Anmerkungsapparat und Details-Anhang dokumentierten Artikel u.a. berichtet, dass das Schach immer wieder für tröstende Ablenkung bei den KL-Häftlingen gesorgt habe. Sogar eine „Hymne der Schachspieler in Buchenwald“ – ein vierstimmiges Männerchor-Lied – förderte die Nachkriegsforschung zutage, wie „Caissa“ zu berichten weiß.

Vielseitige schachhistorische Inhalte

Elke Rehder - Bild Dr. B. in Isolationshaft - Ausstellung Stefan Zweig - Glarean Magazin
„Dr. B. in Isolationshaft“: Gemälde von Elke Rehder in der Berliner Stefan-Zweig-Kunstausstellung „Die Schachnovelle“

Weitere Fokus-Artikel in „Caissa“ zum Thema Schachgeschichte sind diesmal u.a. das Wiener Duell zwischen Steinitz und Harrwitz (Peter Anderberg), Becketts Roman „Murphy“ und die „schachspielenden Schimpansen“ (Reinhard Krüger), der Kongress der „British Chess Association London“ von 1866 (Robert Hübner) sowie „Der Rösselsprung – Ein bunter Hund der Kulturgeschichte“ (Maria Schetelich). Erwähnenswert ist schließlich noch der Beitrag von Raymund Stolze zum 75. Jubiläum der berühmten „Schachnovelle“ von Stefan Zweig, woran eine Kunst-Ausstellung in der Berliner Anna-Ditzen-Bibliothek erinnert mit Bildern der Hamburger Malerin, Graphikerin und Büchkünstlerin Elke Rehder. ♦

Caissa – Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte, Heft 1/2018, Chaturanga Verlag (Hrsg. M. Ziegler), ISSN 2363-821

Lesen Sie zum Thema Schach und Kunst auch über
Manfred Herbold (Hrsg.): Fernschach und Kunst

Neue Schachzeitschrift Caissa gegründet

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Neues Magazin für die schachhistorische Forschung

von Walter Eigenmann

Wer im Online-Jahre des Herrn 2016 ein neues Print-Medium auf den Markt wirft, das ausgerechnet Schachhistorie zum Gegenstand hat, ist entweder verrückt, oder naiv, oder ein Chess-Junkie, oder Millionär, oder das alles zusammen. Der Neunkirchener Althistoriker Dr. Mario Ziegler ist (wahrscheinlich) nichts von alledem – und trotzdem wagten er und seine Mitarbeiter vom Chaturanga-Verlag, mit „Caissa“ eine halbjährliche 100-seitige „Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte“ ins Leben zu rufen. Vor kurzem präsentierte Ziegler im Verbund mit dem Salzburger Co-Herausgeber Prof. Dr. Rainer Buland nun die erste „Caissa“-Nummer.

Caissa- Cover-Erstausgabe-Glarean MagazinWer soll „Caissa“ – nicht zu verwechseln mit der gleichnamen ehemaligen „Schachrundschau Caissa“, die 1955 mit der Deutschen Schachzeitung fusionierte – eigentlich lesen? In seinem Vorwort zur Erstausgabe umreißt der Initiant und Chefredakteur Mario Ziegler die Intention des Magazins: „Caissa will eine Plattform schaffen, auf der Forschungsergebnisse der unterschiedlichsten Disziplinen im Bereich der Schach- und Brettspiel-Geschichte präsentiert werden können und dadurch ein Bild vom gegenwärtigen Stand der Forschung deutlich wird“. Die Zeitschrift solle „die gesamte Schach- und Brettspiel-Geschichte von den ersten Anfängen bis in die jüngste Vergangenheit, einschliesslich Verweisen auf Brettspiele in der Kunst und Literatur“ berücksichtigen.

Vermisst: Ein übergeordnetes Konzept der Schachforschung

Schach-Mario-Ziegler-Glarean-Magazin
„Die gesellschaftliche Bewertung des Spiels für ganze Epochen der Geschichte steht noch aus“: „Caissa“-Initiant und -Herausgeber Mario Ziegler (*1974)

Dabei ortet Ziegler Defizite in der aktuellen Schachgeschichts-Forschung, z.B. die mangelnde Institutionalisierung der zahlreichen, aber in ihrer Vereinzelung wirkungslosen Solo-Projekte: Es existierten bedeutende nationale und internationale „Gruppierungen, die sich den verschiedenen Aspekten der Brettspiele und insbesondere des Schachspiels widmen – eine Vernetzung all dieser Bemühungen sucht man jedoch nach wie vor vergeblich“. Die meisten dieser Initiativen seien privatem Engagement geschuldet, vermisst werde ein „übergeordnetes Konzept“. Auch im universitären Bereich würden die Brettspiele als Forschungsgegenstand kaum wahrgenommen: „Auch wenn immer wieder Teilaspekte in den Blick genommen werden, so ist doch bezeichnend, dass etwa die gesellschaftliche Bewertung des Spiels für ganze Epochen der Geschichte noch nicht aufgearbeitet ist“. Explizite Zielgruppen von „Caissa“ sind dementsprechend „Bibliotheken, Wissenschaftler und interessiertes Fachpublikum im Bereich der Geschichts-, Sprach- und Kulturwissenschaften“.

Breites thematisches Spektrum

„Caissa“-Autor und Großmeister Robert Hübner arbeitete akribisch diverse Partien des legendären Matches Blackburne-Steinitz von 1822 auf und recherchierte erstmals verschollen geglaubte Notationen

Welches thematisch vielfältige Untersuchungsfeld sich dabei für „Caissa“ auftut, stellt bereits die Première-Ausgabe des Magazins unter Beweis: Vom ersten „Wettkampf zwischen Blackburne und Steinitz“ (Autor: Robert Hübner) über ein Portrait des bedeutenden ungarischen Schachspielers und Redakteurs Laslo Toth (Ivan Bottlik) bis hin zur „NS-Ideologie im Brettspiel“ (Antonella Ziewacz) und einem Rückblick auf die „Wendejahre 1989-90 in der Zeitschrift ‚Schach'“ (Bernd Gräfrath) deckt die Erstausgabe ein schachhistorisch wie -wissenschaftlich ebenso heterogenes wie informatives Spektrum ab. Hinzu kommen die unverzichtbaren Rezensionen und Verlags-Ankündigungen einschlägiger Fachliteratur, vor allem aber zahllose, durchwegs sorgfältig gewählte und qualitativ hervorragende Bild-Dokumentationen zu jedem Artikel.

Die internationale Ausrichtung des Bandes unterstreichen dabei jene Beiträge, die nicht nur in englischer Sprache kurz zusammengefasst, sondern gleich ausschließlich im englischen Original abgedruckt werden. Zu erwähnen ist hier ein schöner Essay von Peter J. Monté, der den mythischen bzw. gött-lichen Urgünden des Schachspiels in den altpersischen, -griechischen und -römischen Kulturen in Wort und Bild nachspürt, sowie ein komplett englisch verfasster Abriss von Adrian Harvey „Social participation in the game of chess“, der kenntnisreich das Schachspiel als bedeutender Teil der „gehobenen“ Freizeitkultur im England des 18. Jahrhunderts bis in unsere heutigen Tage der schachlichen „Durchdringung“ aller Gesellschaftsschichten untersucht.

Schach in den Büchern des Deutschen Barock und der frühen Neuzeit

Schachhistoriker Siegfried Schönle fahndete umfangreich und wissenschaftlich exakt dokumentiert nach Spuren und Belegen zum Schachspiel in Drucken aus dem 17. Jahrhundert
Schachhistoriker Siegfried Schönle fahndete umfangreich und wissenschaftlich exakt dokumentiert nach Spuren und Belegen zum Schachspiel in Drucken aus dem 17. Jahrhundert

Im Zentrum dieser Erstausgabe steht aber die 44-seitige „annotierte Bibliographie“ über das „Schach in Büchern aus der Zeit des Deutschen Barocks und der frühen Neuzeit“ des Kasseler Schachliteratur-Sammlers Siegfried Schönle. Mit Akribie und umfangreichem Quellen-Nachweis stellt der Autor eine Fülle von Büchern bzw. Reprints aus dieser Zeit mit explizitem Schachbezug zusammen, dokumentiert fast alle entspr. Publikationen mit Cover- und/oder Detail-Bebilderung, stellt den allgemein-kulturellen und literarisch-belletristischen Spuren der Buch-Inhalte nach, fördert schachkulturell Belangloses ebenso wie schachhistorisch Richtungsweisendes zutage und dokumentiert so einen illustren, ja manchmal bizarren Bilderbogen des Phänomens Schach im Werk zahlreicher Forscher und Schriftsteller jener Zeit.

Printtechnische und typographische Qualität

„Gesellschaftsspiele spiegeln den Zeitgeist einer Epoche wieder und sind dadurch historische Quellen für Ansichten und Entwicklungen einer Gesellschaft“: Antonella Ziewacz beleuchtet den Kulturmissbrauch des Spiels während der Nazi-Diktatur

So vielfältig der historische Mix dieser ersten, in einer Startauflage von 5’000 Exemplaren gedruckten „Caissa“-Nummer daherkommt, so sehr hält dabei das Outfit des Bandes mit. Das im dreispaltigen Layout präsentierte und durchwegs farbig bebilderte Heft ist sowohl vom Print als auch von der Typographie her äussert qualitätsvoll aufgezogen. Sogar die detailverliebte Partien-Kommentierung eines Robert Hübner mit ihrer Varianten-Verschachtelung kommt problemlos lesbar daher, wobei die weinrote Farbe der Diagrammdrucke eine schöne optische Finesse darstellt. Man merkt dem Heft auf jeder Seite den professionellen Anspruch an, den Herausgeber und Druckerei an dieses Magazin stellen. Ein special compliment geht an dieser Stelle auch an R. Dobicki & S. Schäfer für das erlesene Grafikdesign.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Die neugegründete Zeitschrift „Caissa“ widmet sich der historisch-wissenschaftlichen Forschung des Schachs und der Brettspiele. Die Erstausgabe dokumentiert eindrücklich ein breites thematisches Spektrum und eine erlesene Qualität sowohl in drucktechnischer wie in grafischer Hinsicht. Für die historisch-wissenschaftlich Interessierten unter den Schach-Adepten ist „Caissa“ zweifellos das neue Referenz-Printmedium.

Wer als Amateur- oder Turnier-Spieler mal schachkulturell über den Rand seines kleinen 64-feldrigen Brettes hinausblicken wollte, der griff bis heute vorzugsweise zu einem anderen, ebenfalls qualitätsvollen Schach-Periodikum, nämlich „Karl„. Seit kurzem wird also nun mit „Caissa“ auch für die historisch-wissenschaftlich Interessierten unter den Schach-Adepten eine willkommene und qualitativ professionelle Ergänzung zur Verfügung stehen, die zumal mit einem Einzelpreis von 15 Euro pro Band das Budget absolut fair belastet. Für diese Leserschicht ist „Caissa“ zweifellos das neue Referenz-Printmedium – auch oder gerade in unseren modernen Tagen der kurzlebigen Live-Turnier-News und des Blog-Häppchen-Schachs… ■

Mario Ziegler (Hrsg.): Caissa – Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte Nummer 1/2016 (Erstausgabe), 94 Seiten, Chaturanga Verlag, ISSN 2363-8214

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Geschichte auch über
Isaac Lipnitzky: Fragen der modernen Schachtheorie

Interview mit Harry Schaack (Schachzeitschrift KARL)

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Vom Vereinsblatt zum internationalen Schachfeuilleton

Interview mit dem KARL-Herausgeber Harry Schaack

von Thomas Binder

Mit der Schachzeitschrift KARL feiert heuer eines der profiliertesten Schach-Printmedien sein zehnjähriges Jubiläum. Ursprünglich nur für den lokalen Bereich konzipiert, mauserte sich dieses „Kulturelle Schachmagazin“ während des vergangenen Dezenniums unter der Ägide seines Gründers, Herausgebers und Chefredakteurs Harry Schaack zu einer qualitätsvollen und vielbeachteten Schach-Gazette weit über die BRD-Grenzen hinaus.

KARL will nach eigenem Bekunden „in Berichten, Analysen, Essays und Porträts einen Blick werfen auf die kulturellen, historischen und gesellschaftlichen Aspekte des Schachs“. Weniger die modernsten Eröffnungsvarianten als vielmehr die unübersehbar vielfältigen „außerschachlichen“ Aspekte des Königlichen Spiels stehen also im Fokus der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift. „Glarean“-Mitarbeiter Thomas Binder hat dem KARL-Herausgeber einige Fragen zur Vergangenheit und Zukunft seines interessanten Magazins gestellt.

Schach_Zeitschrift KARL_Jubilaeumsheft_Interview_Glarean-MagazinGlarean Magazin: Glückwunsch Ihnen und dem KARL-Team zum zehnjährigen Jubiläum, Herr Schaack! Wie kam es seinerzeit zur Gründung einer Schachzeitung mit einem solch klaren Profil auf „Schach und Kultur“?

Harry Schaack: KARL war ursprünglich die Vereinszeitung meines Klubs „Schachfreunde Schöneck“, die ich seit den späten Neunzigern verantwortlich betreute. 2001 entschloss ich mich zusammen mit Johannes Fischer und Stefan Löffler die Zeitschrift unter gleichem Namen mit völlig neuem Konzept bundesweit zu vertreiben, die ersten Jahre noch mit einem Vereinsteil für Mitglieder. Nun erschien KARL in hoher Qualität mit Schwerpunkt-Konzept. Gründe für die Ausrichtung unseres Heftes waren zum einen natürlich unser generelles Interesse an Kultur, zum anderen war uns schon damals klar, dass im Zeitalter des Internets ein Printprodukt, das vorrangig über Turniere berichtet, stets der Aktualität hinterher hechelt.
Die erste Ausgabe „Tempo“ erschien im Sommer 2001. Nach drei Heften schied Stefan Löffler aus, Johannes Fischer ist dagegen bis heute eng mit KARL verbunden und betreut mehrere Rubriken. Zunächst gab es einige Skepsis, ob das Schwerpunkt-Konzept dauerhaft tragen würde. Doch wir hatten schon zu Beginn eine lange Liste möglicher Themen erstellt, die nach nunmehr 41 Ausgaben noch nicht ausgereizt ist. Daher sehen wir optimistisch in die Zukunft.

GM: Können Sie sich – als der „Macher“ des KARL – unseren Lesern kurz vorstellen? Sie haben ja im Schach sicher auch außerhalb der KARL-Redaktion Ihre Spuren hinterlassen?

HS: Ich habe Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte studiert. Nach meinem Abschluss arbeitete ich einige Zeit als Grafiker in einer Werbeagentur, was mir aber offen gestanden nicht sehr zusagte. Ich suchte eher eine Tätigkeit im kulturellen Bereich. Dann ergab sich dank einer Anstoßfinanzierung die Chance, KARL zu machen. Heute bin ich selbstständig und – neben der KARL-Herausgabe – als Grafiker und Journalist tätig. Zudem war ich für die Chess Classics drei Jahre lang als Pressesprecher tätig.
Schach spiele ich seit über 20 Jahren bei den bereits erwähnten „Schachfreunden Schöneck“ in der Nähe von Frankfurt, wo ich lange Zeit in der 2. Bundesliga gespielt habe. Ich bin FIDE-Meister, spiele aber in den letzten Jahren aus Zeitmangel nur noch selten (was ich bedaure).

GM: Und der Name KARL?

HS: Bundesweit gibt es unser Heft seit 2001, doch eigentlich gibt es KARL – wie bereits erwähnt – schon viel länger. Die Geburtsstunde geht auf das Jahr 1984 zurück, als mein Schach-Klub seine Mitglieder aufforderte, einen Namen für die neu gegründete Vereinszeitung zu finden. Die dritte Ausgabe trug dann den bis heute erhaltenen Namen – übrigens lange vor „Fritz“. „Karl“ verwies auf ein „typisches“ Vereinsmitglied, wollte den „Brigittes“ und „Emmas“ ein männliches Pendant an die Seite stellen und ist auch als Akronym zu verstehen, abgeleitet aus Begriffen, mit denen sich der progressive Verein identifizierte. So war anfangs noch auf dem Cover zu lesen: „Zeitschrift für Kommunikation, Ansichten/Amazonen, Realitäten und Lorbeerkränze“. Der Name ohne direkten Schachbezug sollte ein Hinweis darauf sein, dass die Redaktion kein „Durchschnittsblättchen“ machen wollte und „durchaus auch für Nichtschachspieler“ interessant sein sollte. Ein Credo, das bis heute Gültigkeit hat.

GM: Wir haben in den letzten Jahren manche Schachzeitungen kommen, aber auch gehen sehen. Vor allem jene, die sich auf die aktuelle Berichterstattung konzentrieren, konnten im Wettstreit mit den vielfältigen und tagesaktuellen Quellen im Internet nicht mithalten. Wie sehen Sie allgemein den Markt für Schachzeitungen, und wo positioniert sich Ihr Magazin?

HS: Das Internet ist der natürliche Feind aller Zeitschriften, die sich auf Aktualität konzentrieren. Wenn man eine Nachricht einen Monat später bringt als irgendeine Website, muss man dem Leser Zusatzleistungen bieten, Hintergrundinfos, Vorortberichte, aber das ist nicht immer einfach. In Deutschland gab es bis vor kurzem fast zehn regelmäßig erscheinende Zeitschriften. Dass nicht alle überleben würden, ist nicht verwunderlich, weil der Markt übersättigt war.
Der Trend geht – auch wenn mir das nicht gefällt – immer mehr in Richtung digitaler Zeitung. Das hat natürlich einige Vorteile für die User. Über ein IPad (oder ein ähnliches Gerät) kann man von überall auf der Welt bequem auf sein Archiv zugreifen, ohne kiloweise Papier mitzuschleppen. Jüngere Generationen sind mit diesen neuen Medien aufgewachsen, und das physische Buch wird unweigerlich immer mehr an Boden verlieren. In diesen neuen Medien liegen große Chancen, und in diesem Bereich wird sich auch KARL in Zukunft positionieren müssen.

KARL will detaillierte Recherche mit ästhetischem Outfit verbinden
KARL will detaillierte Recherche mit ästhetischem Outfit verbinden

GM: Wie entwickelt sich die Auflage der Zeitschrift? Sind Sie optimistisch, die „kritische Masse“ für einen wirtschaftlich vertretbaren Betrieb des KARL halten zu können?

HS: Unsere Auflage ist seit einiger Zeit recht konstant. Die Abonnentenzahl steigt stetig leicht an, aber nicht mehr signifikant. Wirtschaftlich wichtig ist für uns der Verkauf älterer Hefte. Von Beginn an war dies ein Teil unseres Konzeptes. Da die Beiträge zu Schwerpunkten nicht der Aktualität geschuldet sind, sind sie auch noch Jahre später lesbar. Sie sind in dieser Hinsicht eher mit Fachbüchern als mit Zeitschriften vergleichbar.
Ich denke, dass unsere kulturelle Fokussierung ein Publikum anspricht, das sich dem Buch bzw. dem Papier verpflichtet fühlt. Deshalb habe ich im Moment keine Sorge und bin zuversichtlich, dass sich das Heft weiterhin „trägt“. Zum anderen stand für mich nie der finanzielle Aspekt im Vordergrund. Es ist eher meine Leidenschaft, die das Heft stützt. Denn eigentlich ist mein Honorar angesichts des betriebenen Aufwandes nicht adäquat.

GM: KARL hat zu allen Themen immer außerordentlich kompetente Autoren aufzubieten. Sicher ist das mittlerweile ein Selbstläufer, weil man sich geehrt fühlt, für den KARL schreiben zu dürfen, oder?

HS: Das ist nicht ganz richtig. In Deutschland haben wir vielleicht einen ganz guten Ruf und können auf einen Autorenpool zurückgreifen. Doch wir arbeiten auch mit vielen nichtdeutschen Autoren zusammen. KARL erscheint in Deutsch und ist deshalb im Ausland vor allem durch meine Präsenz bekannt. Kontakte entstehen nicht selten durch meine zahlreichen Turnierbesuche im Ausland. Zudem weiß man oft nicht, wie zuverlässig ein Autor ist, wenn man das erste Mal mit ihm arbeitet. Ein Wagnis, das uns z.B. bei unserem Fischer-Heft sehr in Verlegenheit gebracht hat. Ein deutscher Autor, dessen Namen ich nicht nennen möchte, sagte uns kurz vor Redaktionsschluss einen zentralen Beitrag ab. Aber aus diesem Desaster haben wir gelernt.

GM: Auf Ihrer Homepage listen Sie ca. 160 „Mitarbeiter“ auf (darunter auch einige leider bereits verstorbene). Wie ist diese Liste zu verstehen?

HS: Die Liste ist eine Gesamtdarstellung all unserer Mitarbeiter seit unserer ersten bundesweiten Ausgabe. Die große Menge ist auch ein Spiegelbild unseres Heft-Konzeptes, das immer wieder nach neuen Experten verlangt.

GM: Möchten Sie einige Autoren hervorheben, mit denen Sie besonders intensiv und produktiv zusammenarbeiten?

HS: Seit 2004 arbeite ich im schachhistorischen Bereich sehr intensiv mit Dr. Michael Negele zusammen, der mich auch in dankenswerter Weise immer wieder mit seiner Sammlung unterstützt. Er ist vermutlich unser fleißigster Autor. Eng arbeite ich auch mit Prof. Dr. Ernst Strouhal und Michael Ehn zusammen, die neben ihrer KARL-Kolumne zahlreiche weitere Artikel beigesteuert haben. In letzter Zeit ist Großmeister Mihail Marin öfter mit längeren schachspezifischen Beiträgen vertreten. Johannes Fischer ist freilich als Mann der ersten Stunde von Beginn an im Boot. Er betreut u.a. unsere Reihe „Porträts“ und hat das Bild der Zeitschrift über die Jahre erheblich mitgeprägt. Schließlich sind natürlich unsere langjährigen Kolumnisten Prof. Dr. Christian Hesse und Wolfram Runkel zu nennen.

GM: Wie lange arbeiten Sie an einer KARL-Nummer von der Themenidee bis zu dem Tag, da es bei mir im Briefkasten liegt? Wer außer den Autoren ist daran noch beteiligt?

HS: Das ist schwer zu sagen, weil dies stark themenabhängig ist. Die Idee entsteht meist schon viele Monate vorher. Dann frage ich frühzeitig Autoren und Interviewpartner an, doch nicht alle können oder wollen tatsächlich einen Artikel schreiben, d.h. ich muss das Themenkonzept peu à peu anpassen. Mein eigener Aufwand richtet sich danach, wie viele Artikel ich selbst schreibe, und wie viele Reisen ich dafür unternehmen muss. Bei einem Schwerpunkt wie der WM in Bonn 2008 war ich z.B. der einzige Journalist, der die gesamte Spielzeit vor Ort war. Insofern kostet teilweise alleine die Recherche enorm viel Zeit.
Die heiße Schlussphase bis zur Fertigstellung eines Heftes beträgt etwa drei bis vier Wochen. Für die graphische Umsetzung des Heftes und die Auswahl der Beiträge bin ich alleine verantwortlich, wenngleich ich mich z.B. mit Johannes Fischer oft bespreche und auch seine Ideen einfließen. Außerdem gibt es noch zwei, drei Korrekturleser.

GM: Ich habe immer diejenigen Ausgaben als besonders interessant empfunden, in denen Sie ein Thema umfassend und aus sehr verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Stellvertretend seien Ausgaben wie „Schach und Politik“, „Rivalen“, „Zufall“, „Schach und Musik“ oder „Schönheit“ genannt. In letzter Zeit verschiebt sich Ihr Schwerpunkt etwas zu Heften über eine einzelne Region oder ein Traditionsturnier. Zufall oder bewusste Themenverschiebung?

„Schach & Musik“ war ebenso schon KARL-Schwerpunkt wie „Schach & Politik“ oder „Schach & Frauen“

HS: Eine Themenverschiebung kann ich nicht erkennen. Die beiden Hefte, die sich mit einer Region beschäftigten, lagen nur dadurch direkt hintereinander, weil der Schachbund NRW sein Jubiläum feierte, das Heft 4/2010 über die Niederlande aber schon über ein Jahr im Voraus geplant war. Auch in der Vergangenheit gehörten Hefte über Regionen, Städte und Turniere zu unserer Themenpalette. Wenn wir die Möglichkeit haben, uns an aktuelle Ereignisse wie Jubiläen oder Ausstellungen anzuhängen, machen wir das. So ist unser letztes Heft über die Chess Classic deshalb entstanden, weil dieses nicht nur für Deutschland wichtige Traditionsturnier plötzlich zu Ende ging und ich als ehemaliger Pressesprecher mit dem Event verbunden war. Und da muss man schon einmal kurzfristige Themenänderungen vornehmen.

GM: Wie weit in die Zukunft reicht denn Ihr aktueller Themenkatalog? Können Sie uns mit ein paar Stichworten neugierig machen?

HS: Wir planen meist vier Hefte im Voraus. Für das Heft 1/2012 habe ich z.B. bereits einiges in die Wege geleitet und auch schon Interviews geführt. Bis zum Heft 2/2012 gibt es bereits konkrete Absprachen. Titel möchte ich nicht nennen, denn es wäre ungünstig, wenn andere Zeitschriften die gleichen Themen aufgreifen würden. So war ursprünglich für das Heft 3/2011 ein Kortschnoi-Schwerpunkt vorgesehen. Doch weil ihm auch die Zeitschrift SCHACH fast ein ganzes Heft gewidmet hat, haben wir davon abgesehen und uns stattdessen für seinen Antipoden Karpow entschieden, der ebenfalls einen runden Geburtstag hat.

GM: Unter den aktuell in der Schachszene diskutierten Problemen stehen (leider) die Betrugsmöglichkeiten mit elektronischen Hilfsmitteln im Blickpunkt. Aus meiner Sicht wäre dies ein ideales Feld für KARL, das Thema mit allen Aspekten (geschichtlich, technisch, rechtlich, Folgen und Lösungsansätze usw.) auszuleuchten. Sind Sie in der Spur?

Das erste Themen-Heft:
Das erste Themen-Heft: „Tempo!“

HS: Sie haben vollkommen recht, Betrug ist ein reizvolles Thema und im Moment auch leider ein aktuelles Problem. Ich hatte Gelegenheit, mich in Bonn bei der Deutschen Meisterschaft als Augenzeuge direkt vor Ort über den „Fall Natsidis“ zu informieren und mit Teilnehmern darüber zu sprechen. Der technische Fortschritt hat Möglichkeiten geschaffen, die Manipulation immer leichter machen. Gelingt es in Zukunft nicht, dies zu unterbinden, wird das Schach stark leiden.
„Betrug“ war eines der Themen, die wir zu Beginn auf unserer Ideenliste für KARL-Schwerpunkte notiert hatten – das war 2001. Natürlich habe ich in Anbetracht der aktuellen Ereignisse über dieses Thema nachgedacht. Da wir aber einige Hefte im Voraus planen, müssen sich die Leser noch ein wenig gedulden. Doch ich bin sicher, dass uns das Thema noch eine ganze Weile begleiten wird.

GM: Im Vergleich zum hochwertigen Anspruch Ihrer Zeitschrift fällt das begleitende Internet-Angebot eher nüchtern und spartanisch aus. Damit sind Sie in der Schachzeitungs-Branche allerdings keineswegs allein. Reicht die Kraft nicht für eine umfassende Online-Präsenz oder spielt da auch die Angst mit, sich quasi eine Konkurrenz im eigenen Haus zu schaffen?

HS: Unsere Internet-Seite bedarf dringend einer Überarbeitung, das ist richtig. Dieses Problem haben wir leider allzu lange hinausgeschoben. Im Moment sind wir dabei, die Seite komplett neu zu gestalten. Dies dauert allerdings noch einige Zeit, weil mittlerweile doch schon ein enormer „Content“ vorhanden ist. Wir bieten auf unserer Homepage zu jedem unserer Hefte gleich mehrere Leseproben. Mittlerweile sind in unserer „Kolumne“, wo verschiedene Autoren aktuelle Publikationen rezensieren, über hundert Beiträge zu finden.
Wir hoffen, in naher Zukunft eine ansprechende Website präsentieren zu können. Angst vor Konkurrenz im eigenen Haus haben wir dagegen nicht. Unsere dort veröffentlichten Beiträge dienen unserer Eigenwerbung. Eine tägliche Berichterstattung über aktuelle Ereignisse streben wir dagegen nicht an.

GM: Was sind aus Ihrer Sicht die Highlights von zehn Jahren KARL-Geschichte? Denken Sie an ein besonders gelungenes Heft, einen sehr interessanten – vielleicht auch kontroversen – Artikel?

HS: Ein ganz besonderes Highlight ist zweifellos bis heute das Keres-Heft (KARL 2/2004). Dabei wurden wir – Johannes Fischer und ich – vom Estnischen Fremdenverkehrsamt unglaublich unterstützt. Die besorgten uns nicht nur den Flug, sondern auch eine mehrtägige Estland-Rundreise in Begleitung. Wir hatten dadurch Kontakt zu allen wichtigen Gesprächspartnern, u.a. auch mit der Familie von Keres. Das war wundervoll und ist auch dem Engagement von Johannes Fischer zu verdanken, der im Vorfeld zahlreiche Institutionen anfragte. Zudem haben alle von uns angestrebten Artikel und Interviews geklappt, darunter die mit Spasski und Smyslow.
Aufgrund dieses Heftes lud man mich 2006 anlässlich des 90. Geburtstages des estnischen Nationalhelden zur großen Keres-Feier nach Tallinn ein. Ein unvergessliches Erlebnis, denn alle großen Spieler der Ära Keres waren versammelt: Karpow, Kortschnoi, Spasski, Awerbach, Taimanow, Gligoric, Unzicker, Schmid, Olafsson, u.v.m. Die Einladung enthielt auch Empfänge beim Präsidenten und ein Mittagessen mit dem Premierminister. Das war großartig. Ein anderes schönes Erlebnis war die Zusammenarbeit mit der Familie Unzicker für KARL 2/2007. Mit seiner Frau und den beiden Söhnen traf ich mich mehrfach in München zu mehrstündigen Interviews, die letztlich zu einer sehr persönlichen Biographie führten.
Auch zahlreiche Atelierbesuche bei diversen Künstlern, die sich mit Schach beschäftigten, sind mir in guter Erinnerung geblieben. Unter den vielen Ausgaben sind mir schachhistorisch vor allem die Lasker- und Nimzowitsch-Ausgaben (KARL 1/2008 + 4/2006) sowie die Hefte über den DSB und über Wien (1/2002 + 2/2009) in Erinnerung geblieben. Aber ich mag auch das Musik-Heft (KARL 4/2007), wo ich u.a. mit Portisch sprechen konnte, der in seiner Karriere nur ganz selten Interviews gegeben hat. Gleich zwei kuriose Artikel gibt es im Zufalls-Heft (KARL 2/2006): Einen von Strouhal über „Schach&Religion“ und einen von Donninger über „Zufall&Computer“. Das originellste Titelbild ist vermutlich jenes des Taktik-Heftes – ein Kugelfisch, den ich einer Anregung meiner Lebensgefährtin verdanke. Schließlich haben wir im aktuellen Heft (KARL 2/2011) mit unserem Preisrätsel, dass es meines Wissens so im Schachbereich noch nie gab, einen großen Erfolg gelandet, denn die Rückmeldung unserer Leser ist so groß wie nie.

GM: Herr Schaack, besten Dank für Ihre Ausführungen und weiterhin viel Erfolg mit KARL! ■

Leseprobe 1 – Chrilly Donninger: Computerschach

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über KARL: Die ganze Kultur der 64 Schach-Felder

Ausserdem zum Thema: Der Serien-Report über Schachzeitschriften (3): SCHWEIZERISCHE SCHACHZEITUNG

KARL Nr. 2/2007: Die ganze Kultur der 64 Schachfelder

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 2 Minuten

Die Schachzeitschrift  KARL

von Walter Eigenmann

Nein, irgendwie ist KARL (alias „Das kulturelle Schachmagazin“) nicht wie die andern. Wo letztere seitenweise im undurchdringlichen Varianten-Gestrüpp der mega-super-ober-neuesten Eröffnungstheorie rumstolpern, geht KARL zum Beispiel der Frage nach, warum Frauen im Schach-Sport hoffnungslos in der Minderheit sind. Wenn andere Schach-Gazetten bis hinters Komma den aktuellsten Elo-Push von Anand vorrechnen, liest man im KARL solche schrägen Schwerpunkt-Titel wie „Schach und Politik“, „Wunderkinder“, „Schönheit“, „Blindschach“. Und wenn die anderen sich halbseitig fett über den neuesten Rückzug von Sponsor X vom GM-Turnier Y austauschen, rückt KARL das Groß-Schach-Projekt eines Bildhauers namens Albrecht (für die nächstjährige Schacholympiade in Dresden) ins Blickfeld – oder dann zum Beispiel einen Schach-Gentleman, wie Deutschland einen zweiten wohl nicht so schnell wieder kriegt: Wolfgang Unzicker.

Jahrzehntelanger deutscher Vorkämpfer: Wolfgang Unzicker

Karl - Das kulturelle Schachmagazin - Nummer 2-2007Just diesem jahrzehntelangen Vorkämpfer des bundesrepublikanischen Spitzenschachs, welcher vor rund einem Jahr im spanischen Albufeira im Alter von 80 Jahren einem Herzversagen erlag, ist die neueste KARL-Ausgabe gewidmet. Dabei spüren Herausgeber Harry Schaak und seine Korrespondenten einem der wirklich ganz Großen der jüngeren Schach-Geschichte nach – einer jener seltenen Persönlichkeiten, über welche das einhellige Urteil des Umfelds ausschließlich positiv ausfällt und immer ausfiel. Das beweist gerade auch diese aktuelle KARL-Nummer. Sie widmet sich Unzicker als einem „Wandler zwischen den Welten“, der als vollamtlicher Jurist immer nur Amateur-Status hatte und doch manchmal weltmeisterlich spielte, und der im Berufs- oder Turnier-Alltag stets der höchst korrekte, sittsame Herr Richter war, aber zu später oder freundschaftlicher Stunde ein ganzes Auditorium mit seinem riesigen Witze-Fundus erheitern konnte.

Vielfältige Themen-Palette

KARL um-schreibt auf seinen dokumentarisch reich bebilderten 33 Unzicker-Seiten einen facettenreichen Schachspieler: Unzicker als Richter, Unzicker als Familienvater, Unzicker als Schach-Schriftsteller, Unzicker als Olympia-Spieler – und auch Unzicker als (politischer) Antipode des anderen bedeutenden deutschen Schach-Wolfgang, nämlich Uhlmanns. Dieser kommt im KARL zu Worte mit einer kleinen Unzicker-Hommage, die berichtet, wie es damals „wirklich“ war zu den alten DDR-Zeiten des staatlich geförderten Schach-Profitums. „Wenn die Geschichte anders gelaufen wäre und ich gemeinsam mit Unzicker in einem Land aufgewachsen wäre, dann hätten wir uns vielleicht gegenseitig stimulieren können.“ (Uhlmann)
Natürlich beinhaltet der neue KARL neben seinem Schwerpunkt noch eine Menge weiteres Schach: Partien, Kolumnen, Rezensionen, News, Events, u.a. Besonders hervorzuheben das höchst vergnüglich-geistreiche (Selbst-)Portrait des umtriebigen Schach-Schriftstellers Lothar Nikolaiczuk.

Wolfgang Unzicker – Michael Botvinnik Europameisterschaft 1961: 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4 4.e5 c5 5.a3 Lxc3+ 6.bxc3 Dc7 7.Sf3 Se7 8.Ld3 Ld7 9.a4 Sbc6 10.Dd2 h6 11.0-0 c4 12.Le2 a5 13.La3 Sa7 14.g3 Sac8 15.Sh4 Dd8 16.f4 Sf5 17.Sxf5 exf5 18.Lf3 Le6 19.Tfb1 b6 20.Dg2 Ta7 21.Tb5 Td7 22.g4 Se7 23.Lxe7 Kxe7 24.Kh1 g6 25.Tab1 Kf8 26.gxf5 Lxf5 27.Lxd5 Dh4 28.Le4 Dxf4 29.Lxf5 gxf5 30.Txb6 Ke7 31.e6 1-0 (we/07) . ■

KARL, Das kulturelle Schachmagazin Nr.2/07, Karl Verlag Frankfurt, 68 Seiten, ISSN 1438-9673, 5,50 EUR

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Feuilleton auch über das neue
Schach-Magazin Caissa aus dem Chaturanga-Verlag
… sowie zum Thema „Beliebteste Schachprogramme“:
Das eiserne Triumvirat: Rybka – Fritz – Shredder
Ausserdem im GLAREAN MAGAZIN zu lesen: Der grosse Serien-Report über Schachzeitschriften (1) – SCHACH, Die deutsche Schachzeitung