Jo Nesbø: Messer (Harry-Hole-Krimi Band 12)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 7 Minu­ten

Ein Leben, schlimmer als der Tod“

von Isabelle Klein

Es wird eng für Harry Hole, den berühm­ten Haupt­kom­mi­sar des nor­we­gi­schen Kult-Krimi-Autors Jo Nesbo, ganz eng – in sei­nem Fall Num­mer 12: „Mes­ser“.
Das Dut­zend ist also voll, und es muss (so das Gesetz der Serie, vgl. unten) ein Pau­ken­schlag her. Für den, der (wie ich) getrost den Klap­pen­text hat Klap­pen­text sein las­sen und sich völ­lig blank ins Lese-Schman­kerl gestürzt hat, bie­tet die­ser 12. Band eine völ­lig uner­war­tete Ent­wick­lung im Harry-Hole-Uni­ver­sum, die für künf­tige Bände eini­ges erah­nen lässt.

Jo Nesbo - Messer - Ullstein Verlag Cover - Krimi-Literatur-RezensionenRakel ist tot. Ermor­det, bru­tal ersto­chen. Diese Hiobs­bot­schaft ereilt Harry am abso­lu­ten Tief­punkt sei­nes wech­sel­haf­ten Lebens: Job an der Hoch­schule weg, Frau weg (sie hatte ihm Monate vor­her die Kof­fer vor die Tür gestellt).
Klar, was Harry macht – das, was er nach Seri­en­mör­der fan­gen am bes­ten kann: Sau­fen (sorry, aber jedes andere Wort wäre unzutreffend).
Sei­nen Alko­hol­kon­sum finan­ziert er mit einer ein­fa­chen Poli­zis­ten­tä­tig­keit, als Part­ner von Truls Bernt­sen; Selbst für Alko­hol ist nicht genü­gend Geld da. Trost fin­det er bei der Foren­si­ke­rin Alex­an­dra und spä­ter auch bei der uns bekann­ten Kaja Sol­ness, die hier mal wie­der kurz in der Hei­mat weilt. Harry beschliesst also, sich erst mal mit sei­nem Freund Alko­hol zu betäu­ben, so dass Schmerz und Leere aus­ge­blen­det wer­den – der Rausch als Hilfsmittel.

Harry fucking Hole“

Erste Ver­däch­tige zei­gen sich am Hori­zont, Harry ermit­telt! Haben Gesetz und Ord­nung Harry schon jemals von etwas abge­hal­ten? Zusam­men mit Kaja, Alex­an­dra und Bjorn nimmt er den Kampf gegen den Mör­der der gelieb­ten Frau auf. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

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Und getreu dem Motto ist „Harry fuck­ing Hole, oder der ‚demo­li­tion man'“ (S. 49). In die­sem 12. Harry-Hole-Fall bleibt nichts dem Zufall über­las­sen, alles ist per­fekt insze­niert, manch­mal viel­leicht sogar ein klein wenig über­kon­stru­iert. Harry durch­lebt Lei­den epi­schen Aus­mas­ses, die Auf­lö­sung kommt einer grie­chi­schen Tra­gö­die gleich.
Uns bleibt aber auch nichts erspart, mag der eine den­ken, oder: JN zieht zwar weite Kreise, aber ein­mal mehr ist ihm ein genia­les Werk des Harry-Hole-Zyklus gelun­gen, in dem er uns, wie eigent­lich in jedem Werk seit „Koma“, atem­los im Unge­wis­sen lässt. Zumin­dest ist dies­mal eines sicher: Harry lebt…

Billy Wil­der (Dreh­buch­au­tor für viele exzel­lente Screw­balls der 30er und 40er Jahre) sagte ein­mal unge­fähr, dass die Kunst darin bestehe, die Zuschauer glau­ben zu las­sen, dass er einen Wis­sens­vor­sprung habe, was jedoch durch die Autoren inten­diert ist und eben durch unvor­her­ge­se­hene twists and turns wie­der genom­men wird. Sel­bi­ges betreibt Nesbø. Er nimmt Anlauf, obwohl er uns durch die durch­zechte Nacht, Black­outs, blu­tige Klei­dung und ein ver­steck­tes Mes­ser usw. Böses erah­nen lässt, und zieht einen wei­ten Bogen, bis er zum alles­klä­ren­den Aus­gangs­punkt zurückkehrt.

Grausame Realität des Lebens

So stellt sich Harry, zumin­dest vor­läu­fig, der grau­sa­men Rea­li­tät eines Lebens ohne Rakel. Wer anders könnte es sein als seine Neme­sis, der der Autor in „Durst“ viel Raum gewid­met hat.
Svein Finne, der Rache an dem Tod sei­nes Nach­kom­mens neh­men will: Wie könnte er Harry bes­ser tref­fen, als ihm das Wert­vollste zu neh­men? Doch als der Seri­en­ver­ge­wal­ti­ger ein Alibi hat, wird es eng, und Har­rys Augen­merk rich­tet sich auf den undurschau­ba­ren Chef Rakels, Roar Bohr, ein post­trau­ma­tisch belas­tungs­ge­stör­ter Kriegsveteran.

Jo Nesbo - Krimi-Autor von Harry Hole - Filmszene Der Leopard - Glarean Magazin.png
„Smar­ter killt kei­ner“ – Film-Szene aus „Der Leo­pard“ von Jo Nesbo

Hat er ein Motiv? Durch ihn und Kaja teilt Nesbø die Schre­cken der Afgha­ni­stan-Ein­sätze. Und schliess­lich – es scheint, als wären auch hier aller guten Dinge drei – mate­ria­li­siert sich ein wei­te­rer Ver­däch­ti­ger: Har­rys Nach­fol­ger als Kneipenbesitzer.

Die The­men sind breit gefä­chert, und wie so oft heis­sen sie Abhän­gig­keit, Gewalt, Krieg, Suff, Untreue. Gemein­hin die Feh­ler der Ver­gan­gen­heit, die einen bzw. einen jeden in die­sem Buch, der Schuld auf sich gela­den hat, einholen.

Entwicklung in weiten Kreisen

Der Auf­bau ist aus­ufernd, fal­sche Fähr­ten und Neben­schau­plätze neh­men viel Raum ein. Man mag bemän­geln, dass dies alles im End­ef­fekt zu künst­lich sei, dass der rote Faden fehle. Als (mitt­ler­weile) gros­ser Hole-Fan kann ich dies durch­aus ver­ste­hen. Trotz­dem: Genau das ist die nes­bø­sche Kunst und zeich­net das hohe Niveau der Serie auch nach 12 Tei­len aus. Er ver­steht es, den Leser bei der Stange zu hal­ten. Genau das beherr­schen viele Autoren nicht…
Und letzt­lich fügt alles sich durch­aus har­mo­nisch zusam­men – das fas­zi­niert und macht betrof­fen zugleich. Nesbø ist ein­fach die Drama-Queen der aktu­el­len Thril­ler­welt, er wirft die Angel aus, und schon wird eine Ent­wick­lung in Gang gesetzt, die weite Kreise zieht, auch wenn sie mit­un­ter übers Ziel hin­aus­schiesst. Das macht in sich Sinn und gene­riert den ganz beson­de­ren Reiz des HH-Kosmos‘.

Zu gewaltverherrlichend, zu sexlastig?

Jo Nesbo - Schriftsteller - Krimi-Autor von Harry Hole - Glarean Magazin
Krimi-Best­sel­ler-Autor und Harry Hole-Erfin­der Jo Nesbo (geb. 1960)

Die Kri­tik liegt sicher­lich im Detail: Zu gewalt­ver­herr­li­chend, zu sex­las­tig. Wie kann Harry, gleich Inspek­tor Lyn­ley, so kurz nach Rakels Tod bzw. der Tren­nung in fremde Bet­ten hüp­fen? Wie kann Harry sich gott­gleich auf­schwin­gen, dabei jedes Rechts­emp­fin­den hin­ter sich las­sen? Oder auch: zu aus­schwei­fend (Schil­de­rung der Gräuel der Blau­helm­ein­sätze) – usw. All das mag durch­aus seine Berech­ti­gung haben, und doch emp­finde ich „Mes­ser“ kei­nes­wegs als Rein­fall, son­dern als aus­ge­mach­tes Meisterwerk.
Betrach­tet man allein die mög­li­che Ent­wick­lung Harry Holes für die fol­gen­den Fälle (die es dann doch hof­fent­lich geben wird), hat man unge­ahnte Optio­nen. Denn Harry ist eine Schlange, die sich häu­tet. Er lässt sich nicht in Kate­go­rien ein­tei­len, er ist schil­lernd und unbe­re­chen­bar und dadurch doch fast wie­der bere­chen­bar. Und sind wir mal ehr­lich: Nor­di­sche Kri­mis waren schon immer „mehr von allem“: Mehr von detail­lier­ter Gewalt, von häu­fi­gem und bei­läu­fi­gem Sex, aus­ufernd in Länge und Moti­va­ti­ons­la­gen – das wis­sen wir spä­tes­tens seit Stieg Lars­son und Adler Olsen, um nur mal zwei zu nennen.

Regeneration einer ganzen Roman-Serie

FAZIT: Der neu­este Krimi von Jo Nesbø: Mes­ser ist ein gros­ser Wurf und dürfte die Geschi­cke des Nesbo-Prot­ago­nis­ten Harry Hole in ganz neue Gefilde len­ken. In die­sem 12. Band pas­siert die span­nende Rege­ne­ra­tion einer gan­zen kul­ti­gen Roman-Serie. Empfehlung!

Mei­nes Erach­tens ist Rakels Tod ein Befrei­ungs­schlag. Bereits vor vie­len Jah­ren hat Patri­cia Corn­well ihrer Scar­petta etwas Ähn­li­ches ange­tan (und Ben­ton dann doch wie­der auf­er­ste­hen las­sen). Eliza­beth George war da kon­se­quen­ter und fast noch tra­gi­scher, denn sie liess die hoch­schwan­gere Gat­tin Lyn­leys vor des­sen Augen Opfer eines sinn­lo­sen Anschlags werden.
Serien müs­sen sich, zumin­dest nach einer gewis­sen Lauf­dauer, rege­ne­rie­ren. Was ist dazu ein­fa­cher, als das Leben des Hel­den von Grund auf zu erschüt­tern? Wäh­rend die ande­ren den Feh­ler began­gen haben, diese Chance nicht für ihre Figu­ren und Geschich­ten zu nut­zen – bei­spiels­weise sind die Autoren George und Corn­well für mich inzwi­schen lei­der unles­bar gewor­den -, bin ich mir recht sicher, dass Nesbø die Chance nut­zen wird und wie Phoe­nix aus der Asche ersteht. Die Kar­ten ste­hen gut, denn der Poli­zist, der Pro­fi­ler, sie sind erst mal passé, der Vater und ..?. wer­den dem wei­te­ren Ver­lauf mit­un­ter eine völ­lig andere Wen­dung geben. Ein bes­se­rer, ein wie Phoe­nix der Asche ent­stei­gen­der Harry Hole ist zu erwarten.

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Eines bleibt sicher: „Mes­ser“ ist ein Buch, das pola­ri­siert. Soll­ten Sie Neu­ein­stei­ger im HH-Uni­ver­sum sein, viel­leicht gerade erst einen oder zwei der HH-Kri­mis gele­sen haben, soll­ten Sie es sich gut über­le­gen. Aber für den, der offen ist für Ent­wick­lun­gen und den nor­di­schen Krimi mit Raum für Ande­res zu schät­zen weiss: Kau­fen, lesen genies­sen. Nesbø ist so gut wie eh und je, für mein Emp­fin­den sogar noch bes­ser. Ein­fach eine Klasse für sich.

Eine Erkennt­nis, die ich aus die­ser äus­serst anre­gen­den Linie für mich per­sön­lich mit­nehme: Jeder, tat­säch­lich jeder kann plötz­lich eine rote Linie über­schrei­ten. Ein Thril­ler der Extra­klasse, der die Harry-Hole-Reihe voll­kom­men neu jus­tiert. Eine glatte 10 von 10. ♦

Jo Nesbø: Mes­ser (Harry Hole Krimi Bd. 12), Rowohlt Ver­lag, 574 Sei­ten, ISBN 9783550081736

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… sowie über den Thril­ler vo nClau­dia Prax­meier: Bienkönigin

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