Monika Rinck: Wirksame Fiktionen (Poetikvorlesungen)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 6 Minu­ten

Fiction or Non-Fiction?

von Bernd Giehl

Ich liebe die­ses Buch. Ich könnte stun­den­lang darin lesen. Mein ers­ter Gang führt mich nach dem Nach­hau­se­kom­men direkt zu ihm. Bevor ich es öffne, streichle ich es. Und jedes Mal zünde ich dann den Kamin an und werfe es ins Feuer. Aber am nächs­ten Tag liegt es wie­der neben mei­nem Lese­ses­sel: „Wirk­same Fik­tio­nen“ von Monika Rinck.

Monika Rinck - Wirksame Fiktionen - Göttinger Poetik-Vorlesungen - Cover - Literatur-Rezension Glarean MagazinFalls Sie jetzt mei­nen, der Autor die­ser Rezen­sion habe nicht mehr alle Tas­sen im Schrank, könn­ten Sie Recht haben. Könnte aber auch sein, dass ich mich zu tief auf diese „Wirk­sa­men Fik­tio­nen“ von Monika Rinck ein­ge­las­sen habe, in der die Autorin gleich zu Anfang die Geschichte eines Man­nes schil­dert, der von der Poli­zei ver­däch­tigt wurde, eine Biblio­thek in Los Ange­les in Brand gesteckt zu haben: „Er ver­wirrte die Behör­den durch einen gan­zen Strauss ein­an­der wider­spre­chen­der Aus­sa­gen“. Ich zitiere: „Er war da, er war nicht da. Er war ver­traut mit der Büche­rei; er hatte sie nie­mals in sei­nem Leben besucht. Er roch an dem betref­fen­den Tag nach Rauch, er roch nach gar nichts. Das ein­zige, was aus­ser Frage stand: Harry fabu­lierte gerne. ‘He finds it dif­fi­cult to give a straight ans­wer‘, one fri­end told investigators.“
Das ist das Ver­fah­ren der moder­nen Dich­tung. Sie lässt sich nicht ein­deu­tig auf eine bestimmte Aus­sage fest­le­gen. An ers­ter Stelle benutzt sie Meta­phern, also Bil­der um die Welt zu beschrei­ben. „Meta­fo­res steht auf den Klein­last­wa­gen grie­chi­scher Trans­port­un­ter­neh­men. Sie trans­por­tie­ren Güter.“

Fragen über Fragen

Monika Rinck - Lyrikerin - Literatur-Dozentin - Glarean Magazin
Die Lyri­ke­rin und Lite­ra­tur-Dozen­tin Monika Rinck

Und dann, wenn man glaubt, die Aus­sage end­lich halb­wegs ver­stan­den zu haben, kommt eine Szene (Geschichte, Gedicht) die alles wie­der ver­un­klart. „Das Pferd (und das Schiff) waren ver­gleichs­weise frühe Trans­port­mit­tel. Die Domes­ti­zie­rung des Pfer­des wird auf das dritte vor­christ­li­che Jahr­tau­send datiert. Das mon­go­li­sche Gross­reich ver­dankt sich mass­geb­lich der orga­ni­sier­ten Rei­te­rei. Das Pferd wech­selte um ein Säck­chen Radium den Besit­zer. Der Mes­sias betrach­tete dies in locke­rer Garderobe.“
Wurde Radium nicht erst 1898 von Marie Curie ent­deckt? Was kann es da mit dem Reich von Dschin­gis Khan (12./13.Jahrhundert) zu tun haben? Und was hat – bitte – der Mes­sias mit all dem zu tun?
Fra­gen über Fra­gen. Man kann sich in ihnen ver­lie­ren. Aber heute nicht. Heute müs­sen wir wei­ter. Wir wol­len ja schliess­lich irgendwo ankom­men. Nur wo, das ist noch die Frage. An einer Grenze viel­leicht? – Schon an die­sem Bei­spiel merkt man, dass Monika Rinck Lyri­ke­rin ist. Eine sehr bekannte zudem. Lyri­ker tun so etwas. Sie ver­bin­den Begriffe aus weit von­ein­an­der ent­fern­ten Zusam­men­hän­gen mit­ein­an­der und kom­men dadurch (manch­mal) zu über­ra­schen­den Erkenntnissen.

Ein gelahrtes Buch

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Es ist schon ein gelahr­tes Buch, geschätz­ter Leser, und wenn du jetzt glaubst, du habest dich ver­le­sen, denn da müsse „gelehrt ste­hen, dann hast du dich lei­der getäuscht. Es zitiert einige Gelehrte, die sich mit der Theo­rie des Gedichts aus­ein­an­der­ge­setzt haben, von Pla­ton über Hegel bis Käte Ham­bur­ger (1996-1992), und ebenso kom­men Lyri­ker des 21. Jahr­hun­derts zu Wort.
Worum also geht es? Vor­der­grün­dig um die Frage, ob Gedichte „Fik­tion“ seien, oder ob sie eher „Non-Fic­tion“ sind und damit ins Sach­buch-Regal gehö­ren. Monika Rinck ten­diert zu „Non Fic­tion“ und nimmt dazu einen eigen­ar­ti­gen Begriff von „Fik­tion“ zu Hilfe: Der Begriff leite sich von (latei­nisch) „fin­gere“ ab und bedeute „Täu­schung“. Dabei bezieht sie sich auf die schon erwähnte Käte Hamburger.
Gewiss: Romane und Erzäh­lun­gen bil­den die Wirk­lich­keit nicht im Mass­stab 1:1 ab; sie bil­den sie neu (manch­mal mehr, manch­mal weni­ger), aber ist das „Täu­schung“? Erzäh­lende Prosa steht m.E. ebenso in einer Bezie­hung zur Wirk­lich­keit wie Lyrik, nur dass diese Bezie­hung in der Lyrik schwe­rer zu grei­fen ist, weil Lyrik viel­deu­ti­ger ist.
Aber so genau ist die Frage wohl nicht zu ent­schei­den, und Monika Rinck, diese geniale Spie­le­rin, tut selbst alles, um sie in der Schwebe zu hal­ten. Nicht zuletzt dadurch, dass sie ver­schie­dene Leit­mo­tive – z.B. das Säck­chen mit Radium, das Motiv des beschä­dig­ten Kes­sels oder das der bren­nen­den Biblio­thek – wie­der und wie­der erwähnt, mit­ein­an­der ver­mischt. Und auf Seite 43 fragt sie sich, ob die Frage von Wahr­heit und Lüge das Fik­tio­nale nicht genau so betrifft wie das Doku­men­ta­ri­sche, also Nicht-Fiktionale.

Die Grenze als Metapher…

Zaun - Grenzen - Glarean Magazin
Die „Grenze“ als lyri­sche Metapher

Man wird von die­sem Buch keine end­gül­ti­gen Ant­wor­ten erwar­ten kön­nen. Dazu ist es viel zu spie­le­risch ange­legt. Es arbei­tet nicht wis­sen­schaft­lich, also nicht mit Argu­ment und Gegen­ar­gu­ment und Ent­kräf­tung des Gegen­ar­gu­ments, son­dern es springt von einer Asso­zia­tion zur nächs­ten, ohne dabei den roten Faden aus­ser Acht zu lassen.
Ein wich­ti­ges Thema ist die „Grenze“ als Meta­pher, aber ebenso als (oft grau­same) Wirk­lich­keit, die Men­schen daran hin­dert, in ein ande­res Land zu kom­men. Natür­lich ist in den letz­ten Jah­ren die „Grenze“ immer mehr zum Thema gewor­den, sei es das Mit­tel­meer, das Europa von den Län­dern des Südens trennt, oder sei es die zwi­schen Mexiko und den USA. Wo Donald Trump gern eine Mauer bauen würde, wenn man ihn nur liesse.

… und das Gedicht als Politikum

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Ob die Grenze Thema von Gedich­ten sein sollte? Monika Rinck bejaht dies vehe­ment und zitiert auch ein Gedicht von Wendy Tre­vino, einer in San Fran­cisco leben­den Autorin. Bei ihr wie auch bei ande­ren, zum Teil im Exil leben­den Autoren, mit denen Rinck sich ver­bun­den fühlt und die sie zum Teil auch ins Deut­sche über­setzt hat, wird dann klar, was die Autorin mit „Non Fic­tion“ meint: es sind Gedichte, die vehe­ment poli­tisch sind.
Ich denke, in diese Rich­tung geht es. Monika Rincks Begriff von „Fic­tion“ (also erzäh­len­der Prosa) scheint mir etwas ein­sei­tig; vor allem von ame­ri­ka­ni­schen Serien bei „Net­flix“ geprägt, wo es vor allem um Gewalt als Selbst­zweck geht, wäh­rend Gedichte ihrer Mei­nung nach eher die ganze Wirk­lich­keit abbil­den. So sub­jek­tiv sie auch sein mag; so schliesst sie doch auch das ein, wovor wir oft genug die Augen verschliessen. ♦

Monika Rinck: Wirk­same Fik­tio­nen, Göt­tin­ger Lich­ten­berg-Poe­tik­vor­le­sun­gen 2019, 102 Sei­ten, Wall­stein Ver­lag, ISBN 978-8353-3555-4

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