Computerschach: Die besten Engines der Welt

Schachprogramme: Wie sie spielen, wie sie siegen

von Walter Eigenmann

Seit den ers­ten er­hält­li­chen Schach­com­pu­tern Ende der 1970er Jah­re hat die Schach­welt nun ein über drei Dez­en­ni­en dau­ern­des, pro­gres­si­ves Pro­gram­mie­ren ge­se­hen, und die­ses hat (im Ver­bund mit ste­tig ver­bes­ser­ter Hard­ware) in­zwi­schen ein Ni­veau er­reicht, das die En­gi­nes – also die rech­nen­den „Mo­to­ren“ – zu ab­so­lu­ten Über­flie­gern macht. Es dürf­te heut­zu­ta­ge kei­nen ein­zi­gen Men­schen mehr ge­ben – den am­tie­ren­den Schach-WM Ma­gnus Carlsen ein­ge­schlos­sen -, der ein re­gu­lä­res Match über 20 Par­tien un­ter FIDE-Be­din­gun­gen ge­gen eine der 10 bes­ten En­gi­nes der Welt auch nur aus­ge­gli­chen ge­stal­ten könnte.

Ex­trem weit und ex­trem ge­nau be­rech­nen heu­te die Pro­gram­me be­reits auf han­dels­üb­li­chen PC’s ihre Züge, und auch wenn nach wie vor schach­li­che De­fi­zi­te bei den En­gi­nes aus­zu­ma­chen sind – sie­he hier­zu auch im Glarean Ma­ga­zin: Die Test-Suite „Night­ma­re 2“ für Schach­pro­gram­me -, so ist in ei­ner „nor­ma­len“ Par­tie die bes­ten­falls krea­ti­ve, aber in ih­rer Ka­pa­zi­tät und Un­be­stän­dig­keit hoff­nungs­los de­fi­zi­tä­re hu­ma­no­ide Denk­wei­se ab­so­lut chan­cen­los. (Man ver­glei­che dazu auch das Auf­se­hen er­re­gen­de (Vorgabe-)Match des Pro­gram­mes „Ko­mo­do“ ge­gen den ame­ri­ka­ni­schen Su­per-Gross­meis­ter Hi­ka­ru Na­ka­mu­ra im Ja­nu­ar 2016, als das Tak­tik-Ge­nie Na­ka­mu­ra trotz mas­si­ver Be­nach­tei­li­gung sei­nes elek­tro­ni­schen Geg­ners eine Nie­der­la­ge nicht ver­mei­den konnte).

Nicht gegen, sondern mit der Maschine spielen

Fidelity Chess Challenger 1 (Chicago Januar 1977)
Fi­de­li­ty Ch­ess Chal­len­ger 1 (Chi­ca­go Ja­nu­ar 1977)

Den ein­zel­nen Schach­spie­ler küm­mert das al­ler­dings (zu­recht) nicht (mehr) – die enor­me sport­li­che Leis­tung z.B. an ei­ner Tour de France wird ja nicht ab­ge­wer­tet da­durch, dass man mit dem Mo­tor­rad schnel­ler und leich­ter von Düs­sel­dorf nach Pa­ris kommt… Im Ge­gen­teil: Wenn der Mensch nicht ge­gen, son­dern mit der Ma­schi­ne Schach spielt, zei­tigt dies schach­lich enorm gül­ti­ge Er­geb­nis­se, sei es in der Ana­ly­se ei­ge­ner Par­tien, oder sei es im Fern­schach, wo der mehr oder we­ni­ger smar­te Um­gang des FS-Meis­ters mit sei­nem „En­gi­ne-Park“ über Sieg oder Nie­der­la­ge ent­schei­det. (Sie­he hier­zu im Glarean Ma­ga­zin auch das In­ter­view mit dem Fern­schach-Gross­meis­ter Arno Ni­ckel).

No Opening-Books, no Endgame-Tablebases

Das Ergebnis einer 30-jährigen Entwicklung in der Schachprogrammierung: Die Freeware-Engine Stockfish
Das ful­mi­nan­te Er­geb­nis ei­ner 30-jäh­ri­gen Ent­wick­lung in der Schach-Pro­gram­mie­rung: Die Free­ware-En­gi­ne Stockfish

Der Mensch ge­gen die Ma­schi­ne: Ein un­glei­cher Kampf, so­gar dann noch, wenn der Mensch Bau­ern oder Züge als Vor­ga­ben er­hält. Der Mensch mit der Ma­schi­ne: Das ist heut­zu­ta­ge die an­ge­sag­te Kom­bi­na­ti­on, wenn es dar­um geht, der „schach­li­chen Wahr­heit“, dem ana­ly­ti­schen Er­kennt­nis­ge­winn in Er­öff­nung, Mit­tel­spiel und End­spiel mög­lichst nahe zu kom­men. Doch wie steht es mit: Ma­schi­ne ge­gen Ma­schi­ne? Wie se­hen da die Hier­ar­chien aus? Wel­ches sind denn die ab­so­lu­ten Überflieger-Engines?

Der Au­tor die­ses Bei­tra­ges hat, um das her­aus­zu­fin­den, von sei­nem häus­li­chen In­tel-Com­pu­ter mal ein Tur­nier mit über 30 der ak­tu­ell bes­ten Pro­gram­me aus­spie­len las­sen. Als User-In­ter­face (= die „Soft­ware-Hau­be“, un­ter der die 31 „Mo­to­ren“ agier­ten) dien­te die be­kann­te und häu­fig be­nütz­te Schach-Ober­flä­che „Fritz 15“. Das Tur­nier wur­de als 2-run­di­ges Round-Ro­bin an­ge­legt, to­tal spiel­te also jede der 31 En­gi­nes 60 Par­tien, ins­ge­samt ge­ne­rier­te das Tur­nier über 900 Games.

100 Brillante Schachzüge - Walter Eigenmann - 230x220
An­zei­ge

Da­bei ka­men we­der Er­öff­nungs­bü­cher noch End­spiel-Ta­bel­len zum Ein­satz; die Pro­gram­me hat­ten also nicht nur das Mit­tel-, son­dern auch das End­spiel und die gan­ze Er­öff­nung völ­lig au­to­nom zu ge­stal­ten. Da­für wur­de mit dem Mo­dus „Per­ma­nent Brain = On“ jene Op­ti­on ak­ti­viert, die selbst­ver­ständ­lich stets in von Men­schen aus­ge­tra­ge­nen Tur­nie­ren „an­ge­wen­det“ wird, näm­lich das Be­rech­nen auch dann, wenn der Geg­ner am Zuge ist.

Vor- und Nachteile von Kurz-Bedenkzeiten

Be­frem­den mag viel­leicht die mit nur zwei Mi­nu­ten all­zu kurz schei­nen­de Be­denk­zeit pro En­gi­ne. Doch dies­be­züg­lich gel­ten an­ge­sichts heu­ti­ger Hard­ware-Mög­lich­kei­ten an­de­re Ge­set­ze: Die Pro­gram­me rech­ne­ten, wie an­hand des Par­tien-Down­loads nach­ge­prüft wer­den kann, im Mit­tel­spiel durch­schnitt­lich zwi­schen 16-20 Halb­zü­ge (!) weit – das ge­ne­riert schach­lich äus­serst hoch­wer­ti­ge Par­tien bzw. schliesst min­der­wer­ti­ge oder gar Pat­zer-Züge aus, wie sie be­kannt­lich in mensch­li­chen (auch Grossmeister)-Turnieren gang und gäbe sind.

Bei to­tal zwei Mi­nu­ten Be­denk­zeit pro Pro­gramm sind „Pa­nik-Züge“ zu­mal im spä­te­ren End­spiel nicht gänz­lich aus­zu­schlies­sen – und erst recht, wo we­der viel­zü­gi­ge Er­öff­nungs­vor­ga­ben noch 5-7-men-Ta­b­le­ba­ses ver­füg­bar sind. Mei­ne entspr. Tur­nier-Re­cher­che hat aber re­la­tiv we­ni­ge Games zu­ta­ge ge­för­dert, in de­nen eine En­gi­ne eine deut­li­che Ge­winn­stel­lung we­gen „So­fort-Zie­hens“ zum Ver­lust ver­darb. Denn man muss sich ver­ge­gen­wär­ti­gen, dass mo­der­ne Pro­gram­me in Se­kun­den-Bruch­tei­len zig-tau­sen­de von Stel­lun­gen be­rech­nen – und dies mit raf­fi­nier­tes­ten Al­go­rith­men bzw. hoch­se­lek­ti­ven Ver­fah­ren. Heu­ti­ge En­gi­nes spie­len „in­tel­li­gent“ Schach, auch im Hun­ders­tel-Se­kun­den-Be­reich. Par­tie-Ver­lus­te auf­grund von Zeit­über­schrei­tun­gen ka­men nicht vor; al­ler­dings zei­tig­te das Tur­nier na­tur­ge­mäss ei­ni­ge „See­schlan­gen“.
Der ge­wich­ti­ge Vor­teil von be­tont kur­zen Be­denk­zei­ten in Com­pu­ter-Par­tien ist na­tür­lich die gros­se An­zahl Par­tien, die recht schnell ge­ne­riert wer­den kön­nen, um so sta­tis­tisch re­le­van­te Wer­te zu erhalten.

Das Triumvirat Stockfish-Houdini-Komodo

Der Waran als grosser Feind des Fisches: Das Schachprogramm Komodo von Grossmeister Larry Kaufmann & Co.
Der Wa­ran als gros­ser Feind des Fi­sches: Das Schach­pro­gramm Ko­mo­do von Gross­meis­ter Lar­ry Kauf­mann & Co.

Die un­ten­ste­hen­de Rang­lis­te be­stä­tigt ei­nen Be­fund, den be­reits zahl­rei­che an­de­re An­wen­der mit ih­ren pri­va­ten Tur­nie­ren auf­zeig­ten: Die drei En­gi­nes Stock­fi­sh, Hou­di­ni und Ko­mo­do sind zur­zeit kon­kur­renz­los. Die Geg­ner­schaft mit 7-10 Punk­ten auf Di­stanz zu hal­ten scheint nur auf den ers­ten Blick knapp; in die­sem Klas­se­feld ist das viel­mehr eine deut­li­che Marke.

Wel­ches die­ser drei Pro­gram­me nun ul­ti­ma­tiv auf dem obers­ten Po­dest steht, lässt sich nicht ab­schlies­send sa­gen, weil das stark vom De­sign der je­weils aus­ge­rich­te­ten Tur­nie­re ab­hängt. Je nach Hard- und Soft­ware kann je­des Mit­glied die­ses Tri­um­vi­rats das frag­li­che Ran­king do­mi­nie­ren. Und da die Up­dates des Tri­os je im ca. Halb­jahr-Takt er­fol­gen, wech­seln sie sich in den vie­len pri­va­ten Rang­lis­ten der An­wen­der im­mer wie­der ab auf dem Platz Eins.
Fest steht aber, dass sie ak­tu­ell alle an­de­ren Pro­gram­me deut­lich di­stan­zie­ren im En­gi­ne-En­gi­ne-Be­trieb. Er­freu­lich ist da­bei, dass mit Stock­fi­sh 8 un­ter den vier bes­ten Mo­to­ren auch ei­ner ist, der den Usern kom­plett kos­ten­los zur Ver­fü­gung ge­stellt wird, wäh­rend Ko­mo­do, Hou­di­ni und Shred­der ge­kauft wer­den müssen.
Apro­pos: Hier fin­det sich ein stän­dig ak­tua­li­sier­ter Über­blick auf hun­der­te von Schach-En­gi­nes so­wie de­ren Ur­he­ber und Ge­schich­te inkl. Download-Adressen.

Shredder und Andscacs als zweite Garnitur

Schach-Programmierer Stefan Meyer-Kahlen
Jah­re­lang die Num­mer Eins, nun als „Zwei­te Gar­ni­tur“ un­ter­wegs: Schach-Pro­gram­mie­rer Ste­fan Meyer-Kahlen

Die „zwei­te Gar­ni­tur“ des ak­tu­el­len En­gi­ne-Par­kes wird von Shred­der und Ands­cacs ge­bil­det. Die­se bei­den Pro­gram­me sind auch jene, die dem Spit­zen­trio am ge­fähr­lichs­ten nahe kom­men und ihm re­gel­mäs­sig Re­mi­sen ab­trot­zen kön­nen. Ins­be­son­de­re die Gra­tis-En­gi­ne Ands­cacs, in­zwi­schen dem Kom­merz-Pro­gramm Shred­der in Sa­chen Spiel­stär­ke eben­bür­tig, leis­tet sich al­len­falls ge­gen schwä­che­re die eine oder an­de­re Nie­der­la­ge mehr. Bei­de sind als „so­li­de“ be­kannt, wo­bei Shred­der in sei­ner ak­tu­el­len Ver­si­on auch tak­tisch enorm zu­ge­legt hat. (Sie­he hier­zu auch die entspr. Re­zen­si­on im Glarean Magazin).

Starke Motoren auch in der 3. und 4. Liga

Die drit­te Liga setzt sich aus 15 sehr star­ken mo­der­nen Mo­to­ren von Fire bis Naum zu­sam­men. Dar­un­ter üb­ri­gens auch Ryb­ka, das lang Zeit die kom­plet­te Geg­ner­schaft in Grund und Bo­den spiel­te. Die­se En­gi­nes mö­gen mit den Top-Four des Fel­des nicht ganz mit­hal­ten kön­nen, aber sie spie­len noch im­mer ein Schach, ge­gen das je­der mensch­li­che Geg­ner mehr­heit­lich chan­cen­los wäre. „Stär­ke“ ist in der Welt des Kö­nig­li­chen Spiels ein ex­trem re­la­ti­ver Begriff…

Im Schach-Kulturkampf Mensch gegen Maschine steht der Homo sapiens längst auf verlorenem Posten
Im Schach-Kul­tur­kampf Mensch ge­gen Ma­schi­ne steht der Homo sa­pi­ens längst auf ver­lo­re­nem Posten

Schliess­lich sind in der vier­ten Rei­he zahl­rei­che einst hoch­in­ter­es­san­te Pro­gram­me an­zu­tref­fen: Fritz, Hiarcs, Ju­ni­or, Spike, Zap­pa – das wa­ren vor Jah­ren äus­serst klang­vol­le Na­men, wel­che die Sze­ne mit ih­rem teils sehr ori­gi­nel­len und kraft­vol­len Spiel­stil we­sent­lich be­ein­fluss­ten. Auch dies ein deut­li­cher Hin­weis dar­auf, wel­chen ge­wal­ti­gen Fort­schritt das Com­pu­ter­schach in den letz­ten 15 Jah­ren an den Tag ge­legt hat. So lan­de­te in die­sem Tur­nier mit Gan­dalf eine En­gi­ne auf dem letz­ten Platz, die in den spä­te­ren 1990er Jah­ren mit ih­rer ori­gi­nel­len Spiel­wei­se und ih­ren Tur­nier­er­fol­gen für Auf­se­hen sorg­te. (Zu Gan­dalfs „Eh­ren­ret­tung“ muss er­wähnt wer­den, dass die­ses Pro­gramm ak­tu­ell nur zwei Co­res unterstützt).

Exkurs: Stockfish

Der zur­zeit wohl kom­plet­tes­te, in man­chen pri­va­ten Rang­lis­ten gar als die Num­mer Eins ge­führ­te Mo­tor ist si­cher Stock­fi­sh (ak­tu­el­le Ver­si­on: Num­mer 8). Sei­ne über­all do­ku­men­tier­te, be­ein­dru­cken­de Tur­nier-Per­for­mance be­weist, dass das Pro­gramm kaum Schwä­chen hat. Es spielt äus­serst si­cher, rech­net ex­trem tief und be­han­delt alle drei Par­tie­pha­sen (bzw. de­ren Über­gän­ge) ausgewogen.

Die­se Ein­schät­zung lässt sich an aus­ge­such­ten Test­stel­lun­gen leicht ve­ri­fi­zie­ren. (Apro­pos: Alle nach­fol­gen­den Cha­rak­te­ri­sie­run­gen be­zie­hen sich auf die Stan­dard-Ein­stel­lun­gen der En­gi­nes. Denn Ab­wei­chun­gen von den De­fault-Wer­ten oder auch spe­zi­ell „ge­tun­te“ Pro­gramm-De­ri­va­te ver­mö­gen im Computer-„Turnieralltag“ meist nicht zu re­üs­sie­ren und sind dar­um al­len­falls für Spe­zi­al-Ana­ly­sen brauchbar).
Hin­weis: Maus­klick in die 12 nach­ste­hen­den No­ta­tio­nen ak­ti­viert ein Ana­ly­se-Fens­ter und er­mög­licht zu­dem ei­nen PGN-Down­load der Partie:

Der Linienöffner

Li­ni­en­öf­fen – Zen­trums­he­bel – Ro­cha­de­an­grif­fe – das sind u.a. die zen­tra­len Be­grif­fe, mit de­nen man die Schwer­punk­te von Stock­fi­shs haupt­säch­li­chen Stär­ken um­reis­sen könnte.
Den fol­gen­den An­griff fin­det das Pro­gramm so­fort – im Ge­gen­satz zu vie­len sei­ner Kon­tra­hen­ten:
2rr2k1/1bq2ppp/p2n2P1/1p1pb3/3N3P/3BB3/PPPQ4/1K1R3R w – – 0 24

Bei nach­ste­hen­dem Zen­trums­he­bel – ein Klas­si­ker in der GM-Pra­xis – tun sich die meis­ten En­gi­nes schwer. Nicht so Stock­fi­sh, der das li­ni­en­öff­nen­de Brech­ei­sen f2-f4 so­fort spielt:

r1b1kq1r/1p1n2bp/p2p2p1/3PppB1/Q1P1N3/8/PP2BPPP/R4RK1 w kq – 0 16

Dank sei­ner Fä­hig­keit des enorm tie­fen und se­lek­ti­ven Rech­nens ist Stock­fi­sh her­vor­ra­gend im Um­grup­pie­ren von Fi­gu­ren – wie z.B. in dem fol­gen­den Sprin­ger­ma­nö­ver, das in eine ge­fähr­li­che In­itia­ti­ve mün­det. An­de­re Pro­gram­me sind in sol­chen Stel­lun­gen überfordert:

r3rbk1/1p3p1p/2pn1pb1/3p4/p2P2PN/2NBPP2/PP3K1P/2RR4 w – – 0 20

Pro­ble­me hat Stock­fi­sh in ge­wis­sen End­spiel-Stel­lun­gen – bei­spiels­wei­se fin­den die meis­ten star­ken Pro­gram­me den nach­fol­gen­den Lö­sungs­zug so­fort, wäh­rend Stock­fi­sh (trotz End­ga­me-TB-Hil­fe) im Trü­ben stochert:

4kr2/5p1K/3p1Q2/1p4P1/4P3/1PP5/7b/8 w – – 0 1

Exkurs: Komodo

Die En­gi­ne Ko­mo­do (ak­tu­el­le Ver­si­on: 11.2) gilt in der Sze­ne als „mensch­lichs­tes“ Pro­gramm, das für ein be­tont „po­si­tio­nel­les“ Com­pu­ter­schach steht: Stil­le Züge, Qua­li­täts­op­fer „auf Po­si­ti­on“, Zwi­schen­zü­ge, nach­hal­ti­ges Druck­spiel – das sind u.a. die spon­ta­nen Stich­wor­te, die ei­nem beim Be­ob­ach­ten von Ko­mo­do-Games ein­fal­len. Selbst­ver­ständ­lich spielt aber Ko­mo­do auch tak­tisch auf ei­nem ex­trem ho­hen Le­vel, und sei­ne Kö­nigs­an­grif­fe zäh­len im­mer wie­der zu den High­lights der Partien.
Dass Ko­mo­do „mensch­lich“ spie­le, mag kein Zu­fall sein; im Ge­gen­satz zu an­de­ren star­ken En­gi­nes pro­gram­miert im Ko­mo­do-Team seit Jah­ren mit Lar­ry Kauf­mann ein be­kann­ter Gross­meis­ter mit, des­sen Schach-Wis­sen spür­bar in die Al­go­rith­men des Mo­tors ein­ge­flos­sen sein dürfte.

Der Menschliche

Ko­mo­do kann (na­tür­lich) auch spek­ta­ku­lä­re Züge fin­den, aber es sind sei­ne druck­vol­len Zwi­schen- bzw. Stil­len Züge, mit de­nen das Pro­gramm die Geg­ner­schaft im­mer wie­der „er­drückt“. Als Bei­spiel für vie­le ähn­li­che Fäl­le sei die fol­gen­de Po­si­ti­on an­ge­führt, wo mit dem Qua­li­täts­op­fer h3 eine nach­hal­ti­ge In­itia­ti­ve ge­si­chert wird. Wäh­rend Ko­mo­do den Zug so­fort spielt, tappt die Kon­kur­renz teils mi­nu­ten­lang im Dunkeln:

2rr2k1/pp2pp1p/1n1q2pb/1B1PRb2/3P1Nn1/1QN5/PP1B1PPP/4R1K1 w – – 0 16

 Star­ke Fel­der ok­ku­piert Ko­mo­do so schnell wie kaum ein an­de­res Pro­gramm. Als Bei­spiel die­ne eine Stel­lung Komodo’s ge­gen das star­ke Gull, in der ein Turm-Vor­pos­ten ver­nich­tend eta­bliert wird:

2r1r1k1/3b1pb1/p6p/P2Pn1p1/3NP3/q2p2P1/3Q2BP/BR3R1K b – – 0 29

 

Anands präch­ti­ges Sprin­ger­op­fer ge­gen Kar­ja­kin in Wijk aan Zee 2006 öff­net Tür und Tor ge­gen den feind­li­chen Kö­nig – doch auch star­ke Pro­gram­me tun sich schwer da­mit. Nicht so Ko­mo­do, der es in Se­kun­den­schnel­le sieht und auch so­fort als Ge­winn­zug deklariert:

q3nrk1/4bppp/3p4/r3nPP1/4P2P/NpQ1B3/1P4B1/1K1R3R b – – 0 24

Schwer tut sich die En­gi­ne zu­wei­len in tak­tisch zu­ge­spitz­ten Op­fer-Kom­bi­na­tio­nen ge­gen die Ro­cha­de. Wäh­rend in der fol­gen­den Stel­lung der Turm­ein­schlag von Top-Pro­gram­men so­fort ge­spielt wird, hat ihn Ko­mo­do nach ei­ner hal­ben Mi­nu­te im­mer noch nicht:

1r3rk1/6p1/p1pb1qPp/3p4/4nPR1/2N4Q/PPP4P/2K1BR2 b – – 0 24

Exkurs: Houdini

Der Endspieler

Hou­di­ni in sei­ner ak­tu­el­len Ver­si­on 5.01 ist der Kö­nig des End­spiels im En­gi­ne-Zir­kus. Das Pro­gramm hat nicht nur eine höchst ef­fi­zi­en­te Ta­b­le­ba­ses-An­bin­dung, son­dern of­fen­bar auch ein über­durch­schnitt­li­ches End­spiel-Wis­sen. In die­ser Par­tie­pha­se ge­winnt es Stel­lun­gen, die an­de­re Spit­zen­pro­gram­me zum Re­mis ver­der­ben. Auch Hou­di­ni ist na­tür­lich ein Su­per-Tak­ti­ker (und sein „Tactical“-Derivat sieht atem­be­rau­ben­de Kom­bi­na­tio­nen), aber sein End­spiel straft so man­che Re­mis-Pro­gno­se Lü­gen. Hier nur drei Stel­lun­gen, de­ren Po­ten­ti­al bzw. Ge­winn­zü­ge Hou­di­ni so­fort sieht, wäh­rend die Kon­kur­renz mi­nu­ten­lang ah­nungs­los ist:

4Q3/4n1r1/6Pp/1B6/8/8/6r1/5K1k w – – 0 1

 Nach ca. ei­ner hal­ben Mi­nu­te zeigt Hou­di­ni in der fol­gen­den End­spiel-Stel­lung nicht nur den Lö­sungs­zug, son­dern auch die de­fi­ni­ti­ve Ge­winn-Be­wer­tung an. Da­von kön­nen an­de­re En­gi­nes nur träumen…

5Bkq/1p6/1ppR3P/5K2/Pn6/8/P1PP4/8 w – – 0 1

 

Egal wel­chen Mo­tor man auf nach­fol­gen­de Stel­lung an­setzt: alle ste­hen sie wie der sprich­wört­li­che Esel vorm Berg bei die­ser Stel­lung, ob­wohl ih­nen alle mög­li­chen End­ga­me-Ta­b­le­ba­ses zur Ver­fü­gung ste­hen. Nicht so Houdini…

8/2p1q3/p3P3/2P4p/1PBP2kP/2N3P1/7K/8 w – – 0 1

 Auch Hou­di­ni hat na­tür­lich sei­ne De­fi­zi­te: bei sehr tie­fen bzw. kom­ple­xen Kom­bi­na­tio­nen scheint es zu­wei­len blind zu sein. Nur ein Bei­spiel: Das fol­gen­de herr­li­che Da­men­op­fer von Sma­gin (ge­gen Saho­vic in Biel 1990) fin­den Stock­fi­sh & Co. in ma­xi­mal 30 Se­kun­den, wäh­rend Hou­di­ni sich sehr viel län­ger Zeit lässt:

r2qk2r/ppp1b1pp/2n1p3/3pP1n1/3P2b1/2PB1NN1/PP4PP/R1BQK2R w KQkq – 0 12

.

Fa­zit: Wenn hier nur die drei un­be­strit­te­nen Top-En­gi­nes aus ei­nem bun­ten Pool von vie­len Dut­zend her­vor­ra­gen­den Schach­pro­gram­men be­son­ders auf­ge­führt wer­den, ist das durch­aus ein biss­chen un­fair ge­gen­über all den (zu­meist) als Ama­teur-Pro­gram­mie­rer tä­ti­gen En­gi­ne-Ma­chern, de­ren kos­ten­los down­load­ba­ren En­gi­nes viel zur Le­ben­dig­keit des ak­tu­el­len Com­pu­ter­schachs bei­tra­gen. An­de­rer­seits ha­ben sich nun mal all jene User, die ihre ei­ge­nen Par­tien mög­lichst zu­ver­läs­sig ana­ly­siert ha­ben wol­len, und erst recht alle Fern­schach-Spie­ler, die in­ter­ak­tiv ef­fi­zi­en­te Un­ter­stüt­zung beim Com­pu­ter su­chen, halt un­ter eben vie­len Dut­zend „An­ge­bo­ten“ für die mög­lichst „stärks­ten“ Mo­to­ren zu ent­schei­den. Die­se heis­sen ge­gen­wär­tig un­be­strit­ten Stock­fi­sh, Ko­mo­do und Hou­di­ni. Und vie­les spricht da­für, dass die­ses Tri­um­vi­rat auch in ab­seh­ba­rer Zu­kunft das in­ter­na­tio­na­le Com­pu­ter­schach be­herr­schen wird. ♦

Rangliste

    Programm               Punkte    (TB)

01. Houdini 5.01           54.0 / 60
02. Stockfish 8            52.5 / 60
03. Komodo 11.01           51.0 / 60
04. Deep Shredder 13       44.0 / 60
05. Andscacs 0.91          43.5 / 60
06. Fire 5                 40.0 / 60
07. Gull 3.1               39.5 / 60
08. Fizbo 1.9              39.0 / 60
09. Chiron 4.0             38.5 / 60
10. Protector 1.9          37.5 / 60
11. Equinox 3.3            35.5 / 60
12. Critter 1.6a           34.5 / 60
13. NirvanaChess 2.4       34.0 / 60
14. Fritz 15               33.5 / 60
15. Deep Rybka 4.1         32.5 / 60
16. Bouquet 1.8            31.0 / 60
17. Hannibal 1.7           30.0 / 60
18. Texel 1.06             28.5 / 60
19. Sting SF 8.1           27.0 / 60
20. Arasan 20.2            26.0 / 60 (589.75)
21. Naum 4.6               26.0 / 60 (579.75)
22. Deep Hiarcs 14         23.5 / 60
23. Pedone 1.5             23.0 / 60
24. Spike 1.4              18.5 / 60
25. Senpai 1.0             17.5 / 60
26. Spark 1.0              16.5 / 60
27. Zappa Mexiko II        15.0 / 60
28. Deep Junior Yokohama   14.0 / 60
29. Deep Onno 1-2-70       12.0 / 60
30. Deep Sjeng WC2008      11.0 / 60
31. Deep Gandal 7.0        01.0 / 60
    (Hier findet sich die Turnier-Kreuztabelle für alle Begegnungen).

Hardware
Intel i7-4790 / 3.6 GHz / 8 Cores / x64-Prozessor / 1MB Hash-Memory pro Engine

Software
 Interface: Fritz 15 / Keine Eröffnungsbücher / Keine Endspiel-Datenbanken / Windows 10

Turnier
 2min Bedenkzeit pro Engine / "Permanent Brain" on / 4 Cores pro Engine

Hier lassen sich alle Partien downloaden (PGN- & CBH-CBV-Format - zip-Datei)

Le­sen Sie im Glarean Ma­ga­zin zum The­ma Com­pu­ter­schach auch über Neue Test­auf­ga­ben für Pro­gram­me (ERET-Stel­lungs­test)

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8 Kommentare

  1. Tol­ler Ar­ti­kel! Hat mir nach ca. 10 Jah­ren Pau­se wie­der Lust auf (Computer)Schach gemacht.
    Was wä­ren denn Pro­gramm­emp­feh­lun­gen, wenn ich ein Pro­gramm in der Spiel­stär­ke auf das Ni­veau ei­nes Ver­eins sen­ken möch­te? Da habe ich noch nichts ge­fun­den. Bei den meis­ten von mir aus­pro­bier­ten Pro­gram­men stimmt zwar die Elo-/DWZ-Per­for­mance, aber die Par­tien sind ent­we­der grot­ten­schlecht (ganz gro­be Feh­ler) oder fast über­ir­disch gut. So zu­min­dest mei­ne sub­jek­ti­ve Wahrnehmung.

    Bin für je­den Tipp hier­zu dankbar 🙂

    Gruß
    Carl

    • Da wäre na­tür­lich zu­erst zu um­reis­sen, was denn mit „Ver­eins-Ni­veau“ ge­meint ist: 1600 Elo, 1700, 1800, 1900, 2000 Elo?
      Dann: So­weit ich die Schach-In­ter­faces über­bli­cke, ha­ben sie (fast alle) die Op­ti­on der Spiel­stär­ke-Ab­sen­kung; Fritz, Shred­der, Are­na, Scid – sie ge­stat­ten dies­be­züg­lich die An­pas­sung der ge­la­de­nen En­gi­nes. Al­ler­dings mit un­ter­schied­lich „glaub­haf­tem“ Spiel, da trifft dei­ne Wahr­neh­mung si­cher zu.

      Mir per­sön­lich ge­fiel und ge­fällt noch im­mer in die­ser Hin­sicht der „Ch­ess­mas­ter“ am bes­ten, des­sen vie­len „Per­so­na­li­ties“ wirk­lich sehr ge­lun­gen aus­fie­len und eine raf­fi­nier­te Pa­let­te an solch un­ter­schied­li­chen „Spiel­wei­sen“ of­fe­rie­ren. Ob der CM aber über­haupt noch im Han­del er­hält­lich ist, habe ich nicht recherchiert.
      Gruss: Walter

      • Vie­len Dank, Walter.

        Was mei­ne Elo­zahl be­trifft, da habe ich kei­ne Ah­nung. Zu Ver­eins­zei­ten hat­te ich so um die 1900 (glau­be ich). Nach­dem ich aber 10 Jah­re kei­ner­lei Schach ge­spielt habe, we­der mit Men­schen, noch am PC, weiß ich nicht, wo ich heu­te stehe.

        Ch­ess­mas­ter 11 ist bei Ama­zon noch ge­braucht er­hält­lich und wäre wirk­lich eine Op­ti­on für mich. Ich ver­su­che noch zu re­cher­chie­ren, ob mo­der­ne Hardware/Betriebssysteme pro­ble­ma­tisch für CM sind und wer­de dann wohl im „An­ti­qua­ri­at“ zuschlagen.

        Die Be­schrei­bung, auch auf der Ubi­s­oft-Sei­te liest sich schon mal vielversprechend.
        Gruß, Carl

  2. hal­lo walter,

    wie­der ein le­sens­wer­ter ar­ti­kel über schach von dir. lese dei­ne schach­bei­trä­ge re­gel­mäs­sig und sehr gerne.

    al­les sehr pro­fund re­cher­chiert und gut auf­be­rei­tet mit viel viel inhalt.
    hat­te vor, bei ge­le­gen­heit dei­nen ar­ti­kel hier in mei­nem neu­en blog zu verlinken.

    bin ge­spannt, wel­che span­nen­den the­men du uns noch offerierst
    und mach wei­ter so!!

    schach­li­che grüs­se in die schweiz
    joe

  3. Ein sehr gu­ter Bei­trag, mol­to bene! Ein der bes­ten Über­bli­cke über die heu­ti­ge Schach­pro­gram­me!! Bin jetzt ge­spannt, wie der bald er­schei­nen­de neue Hou­di­ni 6 dann so ab­schnei­den wird bei eu­ren 12 Test­po­si­to­nen! Aber Ist Hou­di­ni 5 wirk­lich bes­ser als Stock­fi­sh?? Hier: http://www.computerchess.org.uk/ccrl/4040

    Ciao San­dro

    • Die drei Tops sind von ih­rem Ran­king her aus­tausch­bar – rei­ner Zu­fall (bzw. ab­hän­gig je vom Tur­nier-De­sign), wer ge­ra­de auf dem obers­ten Po­dest steht.
      Aber so „gleich stark“ sie sind, so un­ter­schied­lich spie­len sie – das ist die ei­gent­li­che Über­ra­schung dabei…

      Gruss: W.E.

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