Computerschach: Die besten Engines der Welt

Schachprogramme: Wie sie spielen, wie sie siegen

von Walter Eigenmann

Seit den ers­ten erhält­li­chen Schach­com­pu­tern Ende der 1970er Jahre hat die Schach­welt nun ein über drei Dez­en­nien dau­ern­des, pro­gres­si­ves Pro­gram­mie­ren gese­hen, und die­ses hat (im Ver­bund mit ste­tig ver­bes­ser­ter Hard­ware) inzwi­schen ein Niveau erreicht, das die Engi­nes – also die rech­nen­den “Moto­ren” – zu abso­lu­ten Über­flie­gern macht. Es dürfte heut­zu­tage kei­nen ein­zi­gen Men­schen mehr geben – den amtie­ren­den Schach-WM Magnus Carlsen ein­ge­schlos­sen -, der ein regu­lä­res Match über 20 Par­tien unter FIDE-Bedin­gun­gen gegen eine der 10 bes­ten Engi­nes der Welt auch nur aus­ge­gli­chen gestal­ten könnte.

Extrem weit und extrem genau berech­nen heute die Pro­gramme bereits auf han­dels­üb­li­chen PC’s ihre Züge, und auch wenn nach wie vor schach­li­che Defi­zite bei den Engi­nes aus­zu­ma­chen sind – siehe hierzu auch im Glarean Maga­zin: Die Test-Suite “Night­mare 2” für Schach­pro­gramme -, so ist in einer “nor­ma­len” Par­tie die bes­ten­falls krea­tive, aber in ihrer Kapa­zi­tät und Unbe­stän­dig­keit hoff­nungs­los defi­zi­täre huma­no­ide Denk­weise abso­lut chan­cen­los. (Man ver­glei­che dazu auch das Auf­se­hen erre­gende (Vorgabe-)Match des Pro­gram­mes “Komodo” gegen den ame­ri­ka­ni­schen Super-Gross­meis­ter Hikaru Naka­mura im Januar 2016, als das Tak­tik-Genie Naka­mura trotz mas­si­ver Benach­tei­li­gung sei­nes elek­tro­ni­schen Geg­ners eine Nie­der­lage nicht ver­mei­den konnte).

Nicht gegen, sondern mit der Maschine spielen

Fidelity Chess Challenger 1 (Chicago Januar 1977)
Fide­lity Chess Chal­len­ger 1 (Chi­cago Januar 1977)

Den ein­zel­nen Schach­spie­ler küm­mert das aller­dings (zurecht) nicht (mehr) – die enorme sport­li­che Leis­tung z.B. an einer Tour de France wird ja nicht abge­wer­tet dadurch, dass man mit dem Motor­rad schnel­ler und leich­ter von Düs­sel­dorf nach Paris kommt… Im Gegen­teil: Wenn der Mensch nicht gegen, son­dern mit der Maschine Schach spielt, zei­tigt dies schach­lich enorm gül­tige Ergeb­nisse, sei es in der Ana­lyse eige­ner Par­tien, oder sei es im Fern­schach, wo der mehr oder weni­ger smarte Umgang des FS-Meis­ters mit sei­nem “Engine-Park” über Sieg oder Nie­der­lage ent­schei­det. (Siehe hierzu im Glarean Maga­zin auch das Inter­view mit dem Fern­schach-Gross­meis­ter Arno Nickel).

No Opening-Books, no Endgame-Tablebases

Das Ergebnis einer 30-jährigen Entwicklung in der Schachprogrammierung: Die Freeware-Engine Stockfish
Das ful­mi­nante Ergeb­nis einer 30-jäh­ri­gen Ent­wick­lung in der Schach-Pro­gram­mie­rung: Die Free­ware-Engine Stockfish

Der Mensch gegen die Maschine: ein unglei­cher Kampf, sogar dann noch, wenn der Mensch Bau­ern oder Züge als Vor­ga­ben erhält. Der Mensch mit der Maschine: das ist heut­zu­tage die ange­sagte Kom­bi­na­tion, wenn es darum geht, der “schach­li­chen Wahr­heit”, dem ana­ly­ti­schen Erkennt­nis­ge­winn in Eröff­nung, Mit­tel­spiel und End­spiel mög­lichst nahe zu kom­men. Doch wie steht es mit: Maschine gegen Maschine? Wie sehen da die Hier­ar­chien aus? Wel­ches sind denn die abso­lu­ten Überflieger-Engines?

Der Autor die­ses Bei­tra­ges hat, um das her­aus­zu­fin­den, von sei­nem häus­li­chen Intel-Com­pu­ter mal ein Tur­nier mit über 30 der aktu­ell bes­ten Pro­gramme aus­spie­len las­sen. Als User-Inter­face (= die “Soft­ware-Haube”, unter der die 31 “Moto­ren” agier­ten) diente die bekannte und häu­fig benützte Schach-Ober­flä­che “Fritz 15”. Das Tur­nier wurde als 2-run­di­ges Round-Robin ange­legt, total spielte also jede der 31 Engi­nes 60 Par­tien, ins­ge­samt gene­rierte das Tur­nier über 900 Games.

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Dabei kamen weder Eröff­nungs­bü­cher noch End­spiel-Tabel­len zum Ein­satz; die Pro­gramme hat­ten also nicht nur das Mit­tel-, son­dern auch das End­spiel und die ganze Eröff­nung völ­lig auto­nom zu gestal­ten. Dafür wurde mit dem Modus “Per­ma­nent Brain = On” jene Option akti­viert, die selbst­ver­ständ­lich stets in von Men­schen aus­ge­tra­ge­nen Tur­nie­ren “ange­wen­det” wird, näm­lich das Berech­nen auch dann, wenn der Geg­ner am Zuge ist.

Vor- und Nachteile von Kurz-Bedenkzeiten

Befrem­den mag viel­leicht die mit nur zwei Minu­ten allzu kurz schei­nende Bedenk­zeit pro Engine. Doch dies­be­züg­lich gel­ten ange­sichts heu­ti­ger Hard­ware-Mög­lich­kei­ten andere Gesetze: Die Pro­gramme rech­ne­ten, wie anhand des Par­tien-Down­loads nach­ge­prüft wer­den kann, im Mit­tel­spiel durch­schnitt­lich zwi­schen 16-20 Halb­züge (!) weit – das gene­riert schach­lich äus­serst hoch­wer­tige Par­tien bzw. schliesst min­der­wer­tige oder gar Pat­zer-Züge aus, wie sie bekannt­lich in mensch­li­chen (auch Grossmeister)-Turnieren gang und gäbe sind.

Bei total zwei Minu­ten Bedenk­zeit pro Pro­gramm sind “Panik-Züge” zumal im spä­te­ren End­spiel nicht gänz­lich aus­zu­schlies­sen – und erst recht, wo weder viel­zü­gige Eröff­nungs­vor­ga­ben noch 5-7-men-Tab­le­ba­ses ver­füg­bar sind. Meine entspr. Tur­nier-Recher­che hat aber rela­tiv wenige Games zutage geför­dert, in denen eine Engine eine deut­li­che Gewinn­stel­lung wegen “Sofort-Zie­hens” zum Ver­lust ver­darb. Denn man muss sich ver­ge­gen­wär­ti­gen, dass moderne Pro­gramme in Sekun­den-Bruch­tei­len zig-tau­sende von Stel­lun­gen berech­nen – und dies mit raf­fi­nier­tes­ten Algo­rith­men bzw. hoch­se­lek­ti­ven Ver­fah­ren. Heu­tige Engi­nes spie­len “intel­li­gent” Schach, auch im Hun­ders­tel-Sekun­den-Bereich. Par­tie-Ver­luste auf­grund von Zeit­über­schrei­tun­gen kamen nicht vor; aller­dings zei­tigte das Tur­nier natur­ge­mäss einige “See­schlan­gen”.
Der gewich­tige Vor­teil von betont kur­zen Bedenk­zei­ten in Com­pu­ter-Par­tien ist natür­lich die grosse Anzahl Par­tien, die recht schnell gene­riert wer­den kön­nen, um so sta­tis­tisch rele­vante Werte zu erhalten.

Das Triumvirat Stockfish-Houdini-Komodo

Der Waran als grosser Feind des Fisches: Das Schachprogramm Komodo von Grossmeister Larry Kaufmann & Co.
Der Waran als gros­ser Feind des Fisches: Das Schach­pro­gramm Komodo von Gross­meis­ter Larry Kauf­mann & Co.

Die unten­ste­hende Rang­liste bestä­tigt einen Befund, den bereits zahl­rei­che andere Anwen­der mit ihren pri­va­ten Tur­nie­ren auf­zeig­ten: Die drei Engi­nes Stock­fish, Hou­dini und Komodo sind zur­zeit kon­kur­renz­los. Die Geg­ner­schaft mit 7-10 Punk­ten auf Distanz zu hal­ten scheint nur auf den ers­ten Blick knapp; in die­sem Klas­se­feld ist das viel­mehr eine deut­li­che Marke.

Wel­ches die­ser drei Pro­gramme nun ulti­ma­tiv auf dem obers­ten Podest steht, lässt sich nicht abschlies­send sagen, weil das stark vom Design der jeweils aus­ge­rich­te­ten Tur­niere abhängt. Je nach Hard- und Soft­ware kann jedes Mit­glied die­ses Tri­um­vi­rats das frag­li­che Ran­king domi­nie­ren. Und da die Updates des Trios je im ca. Halb­jahr-Takt erfol­gen, wech­seln sie sich in den vie­len pri­va­ten Rang­lis­ten der Anwen­der immer wie­der ab auf dem Platz Eins.
Fest steht aber, dass sie aktu­ell alle ande­ren Pro­gramme deut­lich distan­zie­ren im Engine-Engine-Betrieb. Erfreu­lich ist dabei, dass mit Stock­fish 8 unter den vier bes­ten Moto­ren auch einer ist, der den Usern kom­plett kos­ten­los zur Ver­fü­gung gestellt wird, wäh­rend Komodo, Hou­dini und Shred­der gekauft wer­den müssen.
Apro­pos: Hier fin­det sich ein stän­dig aktua­li­sier­ter Über­blick auf hun­derte von Schach-Engi­nes sowie deren Urhe­ber und Geschichte inkl. Download-Adressen.

Shredder und Andscacs als zweite Garnitur

Schach-Programmierer Stefan Meyer-Kahlen
Jah­re­lang die Num­mer Eins, nun als “Zweite Gar­ni­tur” unter­wegs: Schach-Pro­gram­mie­rer Ste­fan Meyer-Kahlen

Die “zweite Gar­ni­tur” des aktu­el­len Engine-Par­kes wird von Shred­der und Ands­cacs gebil­det. Diese bei­den Pro­gramme sind auch jene, die dem Spit­zen­trio am gefähr­lichs­ten nahe kom­men und ihm regel­mäs­sig Remi­sen abtrot­zen kön­nen. Ins­be­son­dere die Gra­tis-Engine Ands­cacs, inzwi­schen dem Kom­merz-Pro­gramm Shred­der in Sachen Spiel­stärke eben­bür­tig, leis­tet sich allen­falls gegen schwä­chere die eine oder andere Nie­der­lage mehr. Beide sind als “solide” bekannt, wobei Shred­der in sei­ner aktu­el­len Ver­sion auch tak­tisch enorm zuge­legt hat. (Siehe hierzu auch die entspr. Rezen­sion im Glarean Magazin).

Starke Motoren auch in der 3. und 4. Liga

Die dritte Liga setzt sich aus 15 sehr star­ken moder­nen Moto­ren von Fire bis Naum zusam­men. Dar­un­ter übri­gens auch Rybka, das lang Zeit die kom­plette Geg­ner­schaft in Grund und Boden spielte. Diese Engi­nes mögen mit den Top-Four des Fel­des nicht ganz mit­hal­ten kön­nen, aber sie spie­len noch immer ein Schach, gegen das jeder mensch­li­che Geg­ner mehr­heit­lich chan­cen­los wäre. “Stärke” ist in der Welt des König­li­chen Spiels ein extrem rela­ti­ver Begriff…

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Schliess­lich sind in der vier­ten Reihe zahl­rei­che einst hoch­in­ter­es­sante Pro­gramme anzu­tref­fen: Fritz, Hiarcs, Junior, Spike, Zappa – das waren vor Jah­ren äus­serst klang­volle Namen, wel­che die Szene mit ihrem teils sehr ori­gi­nel­len und kraft­vol­len Spiel­stil wesent­lich beein­fluss­ten. Auch dies ein deut­li­cher Hin­weis dar­auf, wel­chen gewal­ti­gen Fort­schritt das Com­pu­ter­schach in den letz­ten 15 Jah­ren an den Tag gelegt hat. So lan­dete in die­sem Tur­nier mit Gan­dalf eine Engine auf dem letz­ten Platz, die in den spä­te­ren 1990er Jah­ren mit ihrer ori­gi­nel­len Spiel­weise und ihren Tur­nier­er­fol­gen für Auf­se­hen sorgte. (Zu Gan­dalfs “Ehren­ret­tung” muss erwähnt wer­den, dass die­ses Pro­gramm aktu­ell nur zwei Cores unterstützt).

Exkurs: Stockfish

Der zur­zeit wohl kom­plet­teste, in man­chen pri­va­ten Rang­lis­ten gar als die Num­mer Eins geführte Motor ist sicher Stock­fish (aktu­elle Ver­sion: Num­mer 8). Seine über­all doku­men­tierte, beein­dru­ckende Tur­nier-Per­for­mance beweist, dass das Pro­gramm kaum Schwä­chen hat. Es spielt äus­serst sicher, rech­net extrem tief und behan­delt alle drei Par­tie­pha­sen (bzw. deren Über­gänge) ausgewogen.

Diese Ein­schät­zung lässt sich an aus­ge­such­ten Test­stel­lun­gen leicht veri­fi­zie­ren. (Apro­pos: Alle nach­fol­gen­den Cha­rak­te­ri­sie­run­gen bezie­hen sich auf die Stan­dard-Ein­stel­lun­gen der Engi­nes. Denn Abwei­chun­gen von den Default-Wer­ten oder auch spe­zi­ell “getunte” Pro­gramm-Deri­vate ver­mö­gen im Computer-“Turnieralltag” meist nicht zu reüs­sie­ren und sind darum allen­falls für Spe­zial-Ana­ly­sen interessant).
Hin­weis: Maus­klick in die 12 nach­ste­hen­den Nota­tio­nen akti­viert ein Ana­lyse-Fens­ter und ermög­licht zudem einen PGN-Down­load der Partie:

Der Linienöffner

Lini­en­öf­fen – Zen­trums­he­bel – Rocha­de­an­griffe – das sind u.a. die zen­tra­len Begriffe, mit denen man die Schwer­punkte von Stock­fi­shs haupt­säch­li­chen Stär­ken umreis­sen könnte.
Den fol­gen­den Angriff fin­det das Pro­gramm sofort – im Gegen­satz zu vie­len sei­ner Kon­tra­hen­ten:
2rr2k1/1bq2ppp/p2n2P1/1p1pb3/3N3P/3BB3/PPPQ4/1K1R3R w – – 0 24

Bei nach­ste­hen­dem Zen­trums­he­bel – ein Klas­si­ker in der GM-Pra­xis – tun sich die meis­ten Engi­nes schwer. Nicht so Stock­fish, der das lini­en­öff­nende Brech­ei­sen f2-f4 sofort spielt:

r1b1kq1r/1p1n2bp/p2p2p1/3PppB1/Q1P1N3/8/PP2BPPP/R4RK1 w kq – 0 16

Dank sei­ner Fähig­keit des enorm tie­fen und selek­ti­ven Rech­nens ist Stock­fish her­vor­ra­gend im Umgrup­pie­ren von Figu­ren – wie z.B. in dem fol­gen­den Sprin­ger­ma­nö­ver, das in eine gefähr­li­che Initia­tive mün­det. Andere Pro­gramme sind in sol­chen Stel­lun­gen überfordert:

r3rbk1/1p3p1p/2pn1pb1/3p4/p2P2PN/2NBPP2/PP3K1P/2RR4 w – – 0 20

Pro­bleme hat Stock­fish in gewis­sen End­spiel-Stel­lun­gen – bei­spiels­weise fin­den die meis­ten star­ken Pro­gramme den nach­fol­gen­den Lösungs­zug sofort, wäh­rend Stock­fish (trotz End­game-TB-Hilfe) im Trü­ben stochert:

4kr2/5p1K/3p1Q2/1p4P1/4P3/1PP5/7b/8 w – – 0 1

Exkurs: Komodo

Die Engine Komodo (aktu­elle Ver­sion: 11.2) gilt in der Szene als “mensch­lichs­tes” Pro­gramm, das für ein betont “posi­tio­nel­les” Com­pu­ter­schach steht: Stille Züge, Qua­li­täts­op­fer “auf Posi­tion”, Zwi­schen­züge, nach­hal­ti­ges Druck­spiel – das sind u.a. die spon­ta­nen Stich­worte, die einem beim Beob­ach­ten von Komodo-Games ein­fal­len. Selbst­ver­ständ­lich spielt aber Komodo auch tak­tisch auf einem extrem hohen Level, und seine Königs­an­griffe zäh­len immer wie­der zu den High­lights der Partien.
Dass Komodo “mensch­lich” spiele, mag kein Zufall sein; im Gegen­satz zu ande­ren star­ken Engi­nes pro­gram­miert im Komodo-Team seit Jah­ren mit Larry Kauf­mann ein bekann­ter Gross­meis­ter mit, des­sen Schach-Wis­sen spür­bar in die Algo­rith­men des Motors ein­ge­flos­sen sein dürfte.

Der Menschliche

Komodo kann (natür­lich) auch spek­ta­ku­läre Züge fin­den, aber es sind seine druck­vol­len Zwi­schen- bzw. Stil­len Züge, mit denen das Pro­gramm die Geg­ner­schaft immer wie­der “erdrückt”. Als Bei­spiel für viele ähn­li­che Fälle sei die fol­gende Posi­tion ange­führt, wo mit dem Qua­li­täts­op­fer h3 eine nach­hal­tige Initia­tive gesi­chert wird. Wäh­rend Komodo den Zug sofort spielt, tappt die Kon­kur­renz teils minu­ten­lang im Dunkeln:

2rr2k1/pp2pp1p/1n1q2pb/1B1PRb2/3P1Nn1/1QN5/PP1B1PPP/4R1K1 w – – 0 16

 Starke Fel­der okku­piert Komodo so schnell wie kaum ein ande­res Pro­gramm. Als Bei­spiel diene eine Stel­lung Komodo’s gegen das starke Gull, in der ein Turm-Vor­pos­ten ver­nich­tend eta­bliert wird:

2r1r1k1/3b1pb1/p6p/P2Pn1p1/3NP3/q2p2P1/3Q2BP/BR3R1K b – – 0 29

 

Anands präch­ti­ges Sprin­ger­op­fer gegen Kar­ja­kin in Wijk aan Zee 2006 öff­net Tür und Tor gegen den feind­li­chen König – doch auch starke Pro­gramme tun sich schwer damit. Nicht so Komodo, der es in Sekun­den­schnelle sieht und auch sofort als Gewinn­zug deklariert:

q3nrk1/4bppp/3p4/r3nPP1/4P2P/NpQ1B3/1P4B1/1K1R3R b – – 0 24

Schwer tut sich die Engine zuwei­len in tak­tisch zuge­spitz­ten Opfer-Kom­bi­na­tio­nen gegen die Rochade. Wäh­rend in der fol­gen­den Stel­lung der Turm­ein­schlag von Top-Pro­gram­men sofort gespielt wird, hat ihn Komodo nach einer hal­ben Minute immer noch nicht:

1r3rk1/6p1/p1pb1qPp/3p4/4nPR1/2N4Q/PPP4P/2K1BR2 b – – 0 24

Exkurs: Houdini

Der Endspieler

Hou­dini in sei­ner aktu­el­len Ver­sion 5.01 ist der König des End­spiels im Engine-Zir­kus. Das Pro­gramm hat nicht nur eine höchst effi­zi­ente Tab­le­ba­ses-Anbin­dung, son­dern offen­bar auch ein über­durch­schnitt­li­ches End­spiel-Wis­sen. In die­ser Par­tie­phase gewinnt es Stel­lun­gen, die andere Spit­zen­pro­gramme zum Remis ver­der­ben. Auch Hou­dini ist natür­lich ein Super-Tak­ti­ker (und sein “Tactical”-Derivat sieht atem­be­rau­bende Kom­bi­na­tio­nen), aber sein End­spiel straft so man­che Remis-Pro­gnose Lügen. Hier nur drei Stel­lun­gen, deren Poten­tial bzw. Gewinn­züge Hou­dini sofort sieht, wäh­rend die Kon­kur­renz minu­ten­lang ahnungs­los ist:

4Q3/4n1r1/6Pp/1B6/8/8/6r1/5K1k w – – 0 1

 Nach ca. einer hal­ben Minute zeigt Hou­dini in der fol­gen­den End­spiel-Stel­lung nicht nur den Lösungs­zug, son­dern auch die defi­ni­tive Gewinn-Bewer­tung an. Davon kön­nen andere Engi­nes nur träumen…

5Bkq/1p6/1ppR3P/5K2/Pn6/8/P1PP4/8 w – – 0 1

 

Egal wel­chen Motor man auf nach­fol­gende Stel­lung ansetzt: alle ste­hen sie wie der Esel vorm Berg bei die­ser Stel­lung, obwohl ihnen alle mög­li­chen End­game-Tab­le­ba­ses zur Ver­fü­gung ste­hen. Nicht so Houdini…

8/2p1q3/p3P3/2P4p/1PBP2kP/2N3P1/7K/8 w – – 0 1

 Auch Hou­dini hat natür­lich seine Defi­zite: bei sehr tie­fen bzw. kom­ple­xen Kom­bi­na­tio­nen scheint es zuwei­len blind zu sein. Nur ein Bei­spiel: Das fol­gende herr­li­che Damen­op­fer von Sma­gin (gegen Saho­vic in Biel 1990) fin­den Stock­fish & Co. in maxi­mal 30 Sekun­den, wäh­rend Hou­dini sich sehr viel län­ger Zeit lässt:

r2qk2r/ppp1b1pp/2n1p3/3pP1n1/3P2b1/2PB1NN1/PP4PP/R1BQK2R w KQkq – 0 12

.

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Fazit: Wenn hier nur die drei unbe­strit­te­nen Top-Engi­nes aus einem bun­ten Pool von vie­len Dut­zend her­vor­ra­gen­den Schach­pro­gram­men beson­ders auf­ge­führt wer­den, ist das durch­aus ein biss­chen unfair gegen­über all den (zumeist) als Ama­teur-Pro­gram­mie­rer täti­gen Engine-Machern, deren kos­ten­los down­load­ba­ren Engi­nes viel zur Leben­dig­keit des aktu­el­len Com­pu­ter­schachs bei­tra­gen. Ande­rer­seits haben sich nun mal all jene User, die ihre eige­nen Par­tien mög­lichst zuver­läs­sig ana­ly­siert haben wol­len, und erst recht alle Fern­schach-Spie­ler, die inter­ak­tiv effi­zi­ente Unter­stüt­zung beim Com­pu­ter suchen, halt unter eben vie­len Dut­zend “Ange­bo­ten” für die mög­lichst “stärks­ten” Moto­ren zu ent­schei­den. Diese heis­sen gegen­wär­tig unbe­strit­ten Stock­fish, Komodo und Hou­dini. Und vie­les spricht dafür, dass die­ses Tri­um­vi­rat auch in abseh­ba­rer Zukunft das inter­na­tio­nale Com­pu­ter­schach beherr­schen wird. ♦

Rangliste

    Programm               Punkte    (TB)

01. Houdini 5.01           54.0 / 60
02. Stockfish 8            52.5 / 60
03. Komodo 11.01           51.0 / 60
04. Deep Shredder 13       44.0 / 60
05. Andscacs 0.91          43.5 / 60
06. Fire 5                 40.0 / 60
07. Gull 3.1               39.5 / 60
08. Fizbo 1.9              39.0 / 60
09. Chiron 4.0             38.5 / 60
10. Protector 1.9          37.5 / 60
11. Equinox 3.3            35.5 / 60
12. Critter 1.6a           34.5 / 60
13. NirvanaChess 2.4       34.0 / 60
14. Fritz 15               33.5 / 60
15. Deep Rybka 4.1         32.5 / 60
16. Bouquet 1.8            31.0 / 60
17. Hannibal 1.7           30.0 / 60
18. Texel 1.06             28.5 / 60
19. Sting SF 8.1           27.0 / 60
20. Arasan 20.2            26.0 / 60 (589.75)
21. Naum 4.6               26.0 / 60 (579.75)
22. Deep Hiarcs 14         23.5 / 60
23. Pedone 1.5             23.0 / 60
24. Spike 1.4              18.5 / 60
25. Senpai 1.0             17.5 / 60
26. Spark 1.0              16.5 / 60
27. Zappa Mexiko II        15.0 / 60
28. Deep Junior Yokohama   14.0 / 60
29. Deep Onno 1-2-70       12.0 / 60
30. Deep Sjeng WC2008      11.0 / 60
31. Deep Gandal 7.0        01.0 / 60
    (Hier findet sich die Turnier-Kreuztabelle für alle Begegnungen).

Hardware
Intel i7-4790 / 3.6 GHz / 8 Cores / x64-Prozessor / 1MB Hash-Memory pro Engine

Software
 Interface: Fritz 15 / Keine Eröffnungsbücher / Keine Endspiel-Datenbanken / Windows 10

Turnier
 2min Bedenkzeit pro Engine / "Permanent Brain" on / 4 Cores pro Engine

Hier lassen sich alle Partien downloaden (PGN- & CBH-CBV-Format - zip-Datei)

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Com­pu­ter­schach auch über Neue Test­auf­ga­ben für Pro­gramme (ERET-Stel­lungs­test)

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8 Kommentare

  1. Tol­ler Arti­kel! Hat mir nach ca. 10 Jah­ren Pause wie­der Lust auf (Computer)Schach gemacht.
    Was wären denn Pro­gramm­emp­feh­lun­gen, wenn ich ein Pro­gramm in der Spiel­stärke auf das Niveau eines Ver­eins sen­ken möchte? Da habe ich noch nichts gefun­den. Bei den meis­ten von mir aus­pro­bier­ten Pro­gram­men stimmt zwar die Elo-/DWZ-Per­for­mance, aber die Par­tien sind ent­we­der grot­ten­schlecht (ganz grobe Feh­ler) oder fast über­ir­disch gut. So zumin­dest meine sub­jek­tive Wahrnehmung.

    Bin für jeden Tipp hierzu dankbar 🙂

    Gruß
    Carl

    • Da wäre natür­lich zuerst zu umreis­sen, was denn mit “Ver­eins-Niveau” gemeint ist: 1600 Elo, 1700, 1800, 1900, 2000 Elo?
      Dann: Soweit ich die Schach-Inter­faces über­bli­cke, haben sie (fast alle) die Option der Spiel­stärke-Absen­kung; Fritz, Shred­der, Arena, Scid – sie gestat­ten dies­be­züg­lich die Anpas­sung der gela­de­nen Engi­nes. Aller­dings mit unter­schied­lich “glaub­haf­tem” Spiel, da trifft deine Wahr­neh­mung sicher zu.

      Mir per­sön­lich gefiel und gefällt noch immer in die­ser Hin­sicht der “Chess­mas­ter” am bes­ten, des­sen vie­len “Per­so­na­li­ties” wirk­lich sehr gelun­gen aus­fie­len und eine raf­fi­nierte Palette an solch unter­schied­li­chen “Spiel­wei­sen” offe­rie­ren. Ob der CM aber über­haupt noch im Han­del erhält­lich ist, habe ich nicht recherchiert.
      Gruss: Walter

      • Vie­len Dank, Walter.

        Was meine Elo­zahl betrifft, da habe ich keine Ahnung. Zu Ver­eins­zei­ten hatte ich so um die 1900 (glaube ich). Nach­dem ich aber 10 Jahre kei­ner­lei Schach gespielt habe, weder mit Men­schen, noch am PC, weiß ich nicht, wo ich heute stehe.

        Chess­mas­ter 11 ist bei Ama­zon noch gebraucht erhält­lich und wäre wirk­lich eine Option für mich. Ich ver­su­che noch zu recher­chie­ren, ob moderne Hardware/Betriebssysteme pro­ble­ma­tisch für CM sind und werde dann wohl im “Anti­qua­riat” zuschlagen.

        Die Beschrei­bung, auch auf der Ubi­s­oft-Seite liest sich schon mal vielversprechend.
        Gruß, Carl

  2. hallo wal­ter,

    wie­der ein lesens­wer­ter arti­kel über schach von dir. lese deine schach­bei­träge regel­mäs­sig und sehr gerne.

    alles sehr pro­fund recher­chiert und gut auf­be­rei­tet mit viel viel inhalt.
    hatte vor, bei gele­gen­heit dei­nen arti­kel hier in mei­nem neuen blog zu verlinken.

    bin gespannt, wel­che span­nen­den the­men du uns noch offerierst
    und mach wei­ter so!!

    schach­li­che grüsse in die schweiz
    joe

  3. Ein sehr guter Bei­trag, molto bene! Ein der bes­ten Über­bli­cke über die heu­tige Schach­pro­gramme!! Bin jetzt gespannt, wie der bald erschei­nende neue Hou­dini 6 dann so abschnei­den wird bei euren 12 Test­po­si­to­nen! Aber Ist Hou­dini 5 wirk­lich bes­ser als Stock­fish?? Hier: http://www.computerchess.org.uk/ccrl/4040

    Ciao San­dro

    • Die drei Tops sind von ihrem Ran­king her aus­tausch­bar – rei­ner Zufall (bzw. abhän­gig je vom Tur­nier-Design), wer gerade auf dem obers­ten Podest steht.
      Aber so “gleich stark” sie sind, so unter­schied­lich spie­len sie – das ist die eigent­li­che Über­ra­schung dabei…

      Gruss: W.E.

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