Vergessene Bücher (3): So grün war mein Tal – (R. Llewellyn)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 13 Minu­ten

Existentielle Fragen des Menschseins

von Walter Ehrismann

So grün war mein Tal“, 1939 im eng­li­schen Ori­gi­nal erschie­nen, war das Haupt­werk des wali­si­schen Autors Richard Lle­wel­lyn (Pseud­onym von Richard Daf­ydd Vivian Lle­wel­lyn Lloyd), ein Roman über das Leben in einer Berg­bau­sied­lung im Süden von Wales, 1942 von John Ford mit Mau­reen O’Hara und Wal­ter Pidgeon ver­filmt unter dem Titel „How Green Was My Val­ley„. Der Strei­fen wurde für zehn Oscars nomi­niert, mit fünf Oscars prä­miert, und gilt als einer der bes­ten Film­werke aller Zei­ten – spä­ter, 1975, noch­mals ver­filmt als sechs­tei­lige Fern­seh­se­rie. 1990 wurde der Film von John Ford ins Ver­zeich­nis der Natio­nal Film Regis­try auf­ge­nom­men, sei­ner kul­tu­rel­len, his­to­ri­schen und ästhe­ti­schen Bedeu­tung wegen. Von Richard Lle­wel­lyn, 1906 in Lon­don gebo­ren, ist die­ser Roman das bekann­teste sei­ner Werke. Der Schrift­stel­ler ver­brachte jedoch nur einen Teil sei­nes Lebens in Wales. „Wie grün war mein Tal doch und das Tal jener, die nicht mehr sind“ – so endet der Roman.

Die Geschichte der Bergbau-Familie Morgan

Richard Llewellyn: So grün war mein Tal - Roman (Vergessene Bücher)Im Mit­tel­punkt der beein­dru­cken­den Fami­li­en­saga steht die Geschichte der Berg­bau-Fami­lie Mor­gan, die um 1880 ein ein­fa­ches, aber zufrie­de­nes Leben führt. Geburt, Kind­heit und Jugend, kirch­li­che Ein­seg­nung, die ers­ten lan­gen Hosen und der erste Kuss, Schule und Arbeit, Kon­flikte, Fuss­ball­spiel und Chor­sin­gen, Dieb­stahl und Tot­schlag, Krank­heit und Alter sind ein­ge­bet­tet in das Drama der kom­men­den Ent­frem­dung. Die vor­der­grün­dige Idylle fin­det ein jähes Ende, denn man hat im Tal neue Koh­le­vor­kom­men ent­deckt, und schon bald ent­brennt zwi­schen der Dorf­ge­mein­schaft und den skru­pel­lo­sen eng­li­schen Gru­ben­be­trei­bern ein rück­sichts­lo­ser Inter­es­sen­kampf um Gewinn und Arbei­ter­ehre, um Pri­vi­le­gien und alt­her­ge­brach­tes Leben, um Moder­ni­sie­rung und Zer­fall der bestehen­den Gesell­schafts­struk­tu­ren. Es ist die Geschichte eines Tales und eines Städt­chens, das vom Berg­bau lebt und vom Berg­bau zugrunde gerich­tet wird, eines Ortes wie viele auf der Welt, die am Ende des vor­letz­ten und zu Beginn des letz­ten Jahr­hun­derts durch die mass­lose Indus­tria­li­sie­rung ver­än­dert, rui­niert wur­den und mit ihnen die ganze Lebens­art. Am Ende wirft der grosse Krieg (1. WK) sei­nen dro­hen­den Schat­ten voraus.

Suche nach dem Platz an der Sonne

Wenn der Industrie und der Wirtschaft ganze Landstriche geopfert werden: Szene aus dem s/w-Film
Wenn der Indus­trie und der Wirt­schaft ganze Land­stri­che geop­fert wer­den: Szene aus dem s/w-Film „How green was my val­ley“ (1941)

Wenn früh am Mor­gen die Män­ner aus den Häu­sern tre­ten und zur Grube gehen, ste­hen die Frauen unter der Tür und schauen ihnen nach, wie sie die Stras­sen hin­un­ter mar­schie­ren, ein­an­der grüs­sen, das Essens­pa­ket in der einen Hand, die Pfeife in der andern. Links und rechts der Strasse die typi­schen Rei­hen­häu­ser, zwei­stö­ckig, weiss getüncht, die schma­len Vor­gär­ten mit dem Sitz­platz und hin­ter den Häu­sern der Gemü­se­gar­ten, ein Bäum­chen, Bee­ren­sträu­cher, ein Kanin­chen­stall oder ein Gehege für ein paar Hüh­ner. Huw, der Jüngste der Fami­lie Mor­gan, erzählt von sei­nen Eltern, die hart am Wan­del der Zeit tra­gen, aber den­noch stets ver­su­chen, die Fami­lie zusam­men­zu­hal­ten. Die ganze Fami­lie Mor­gan ist mit darin ver­wi­ckelt – der Vater Gwi­lym als Stol­len­meis­ter, die fünf älte­ren Söhne als Hauer oder Maschi­nis­ten. Die Brü­der, stolze und lei­den­schaft­li­che Män­ner, machen sich für die Rechte der Arbei­ter stark und grün­den neu eine Gewerk­schaft, wäh­rend Ang­ha­rad, eine der Schwes­tern, den Sohn eines Gru­ben­be­sit­zers hei­ra­tet. Eine begin­nende, zarte Romanze zwi­schen ihr und dem viel älte­ren Pre­di­ger hat sich nicht erfüllt. Und die Mut­ter? Sie ver­wal­tet die Geld­büchse, die jeder am Schluss der Woche mit sei­nem Lohn füllt. Zu Bron­wen, der Braut eines sei­ner Brü­der, schaut Huw in jugend­li­cher Ver­eh­rung auf. Er him­melt sie an, denn sie ist es, die ihn in der lan­gen Zeit sei­ner Krank­heit pflegt und auf­mun­tert. Spä­ter wird sie zu sei­ner ers­ten gros­sen Liebe, und nur das gegen­sei­tige Wis­sen um die Zuge­hö­rig­keit ver­hin­dert ein Abglei­ten ins Unerlaubte.
In Rück­bli­cken erzählt der Autor mit der Stimme des halb erwach­se­nen Huw die Geschichte. Er spürt den Ernst des dro­hen­den Streiks, der den Streit ent­fa­chen wird zwi­schen dem Vater mit sei­nen alt­her­ge­brach­ten Ansich­ten und Huws Brü­dern. Huw Mor­gan, noch zu jung für den Ein­stieg in die Grube, ruft sich in Erin­ne­rung, wie er als Knabe die dra­ma­ti­schen Ereig­nisse erlebte, die nicht nur das Leben sei­ner Eltern und der gan­zen Fami­lie, son­dern auch sein eige­nes und das aller Bewoh­ner des Minen­städt­chens radi­kal ver­än­derte. Danach zieht er für immer weg von Cwn Rhondda, weg aus dem Tal wie alle, die ver­su­chen, einen Platz an der Sonne, das heisst Arbeit und über­haupt eine Zukunft zu haben.

Was ist noch gültig? Gibt es Sünde?

Fragen von existentieller Bedeutung aufgeworden: Richard Llewellyn (1906–1983) - Richard Llewellyn: So grün war mein Tal - Roman (Vergessene Bücher)
Fra­gen von exis­ten­ti­el­ler Bedeu­tung auf­ge­wor­den: Richard Lle­wel­lyn (1906–1983)

Im Ver­laufe der Geschichte wird der Leser, die Lese­rin mit Fra­gen kon­fron­tiert, die unser aller Zusam­men­le­ben betref­fen: Was ist all­ge­mein gül­tig? Was ist Moral, gibt es Sünde, und wie steht es mit der Strafe, der Rache? Darf der Vater eines geschän­de­ten und ermor­de­ten Mäd­chens den über­führ­ten Täter töten? Lle­wel­lyn meint dezi­diert „Ja“ – und als Leser/Leserin ist man hin- und her­ge­ris­sen, wenn das eigene mora­li­sche Denk­ge­bäude ins Wan­ken gerät, gerade wenn wir an die heu­ti­gen Fälle von Kin­der­schän­dung den­ken und unser Rache­ge­fühl von der Jus­tiz schlecht bedient wird, das Gesetz­buch Lücken auf­weist oder die wan­kel­hafte Aus­le­gung durch Rich­ter, Psych­ia­ter und zeit­be­dingte Ansich­ten uns unsere eigene Ver­ant­wor­tung abnimmt. Die ganze männ­li­che Dorf­ge­mein­schaft in die­ser Tra­gö­die eines „zurück­ge­blie­be­nen“ Berg­bau­ge­biets in Wales am Ende des vor­letz­ten Jahr­hun­derts betei­ligt sich an der Suche nach dem Mör­der, über­gibt, als sie ihn fin­det, den jäm­mer­lich um sein Leben fle­hen­den Mann an der Stelle, wo das acht­jäh­rige Kind getö­tet wurde, dem Vater und über­lässt den wim­mern­den Täter der Rache des Vaters. Es war ein „Aus­län­der“, ein zuge­wan­der­ter Eng­län­der, der nicht zur Gemein­schaft der klei­nen Stadt gehörte. Die Män­ner bil­den einen Kreis um die bei­den und schauen zu, die Frauen und Kin­der sind im Dorf geblie­ben und hören die Schreie. Diese archai­sche Szene unge­fähr in der Mitte des Buches bil­det den Auf­takt zu Huws end­gül­ti­gem Erwach­sen­wer­den. Rück­bli­ckend über­schaut der Erzäh­ler seine Kind­heit und Jugend in die­sem Städt­chen im Süden von Wales, das unter den täg­lich grös­ser wer­den­den Schla­cke­ber­gen der Koh­le­för­de­rung, die schlei­chend lang­sam bis zu den Hin­ter­gär­ten rei­chen, zu ersti­cken droht. Wo frü­her Wie­sen und Wei­den für Schafe waren, Obst­gär­ten, Tei­che, Wege und Plätze, über­all­hin stösst nun die Schla­cke vor, die Reste der Kohle, die bei der Ver­hüt­tung übrig­ge­blie­ben sind, oder der unver­wert­bare Teil des Aus­hubs aus den Berg­wer­ken, der nicht allein die Land­schaft ver­schan­delt, son­dern sich auch in den Lun­gen der Men­schen fest­setzt, sie krank macht. Die­ser Ver­falls­pro­zess des Ein­zel­nen und der Gemein­schaft ist der Inhalt des Romans, der uns in ein­drück­li­chen Bil­dern zeigt, was Gier, Gewinn­sucht, Auf­he­bung der inner­lich ver­spür­ten Schran­ken in den Men­schen anrich­tet. Die Söhne ent­frem­den sich dem Vater, die Frauen den Män­nern, die Toch­ter ent­frem­det sich der Mut­ter, der Ein­zelne dem gemein­sa­men Wohl. Dazwi­schen schie­ben sich Erin­ne­rungs­stü­cke von umwer­fen­der Komik, wenn ein Fuss­ball­match zwi­schen zwei Orten zu den dama­li­gen Regeln aus­ge­tra­gen wird, die Besäuf­nisse und Schlä­ge­reien nach dem Schluss­pfiff, wenn der orts­an­säs­sige Chor ein­ge­la­den wird, vor der Köni­gin (Vik­to­ria) zu sin­gen, oder wenn Huw von einem Boxer, dem Freund eines sei­ner Brü­der, auf­trai­niert wird, um in der Schule den unge­rech­ten, ver­hass­ten Leh­rer ver­prü­geln zu können.

Umzingelt vom Moloch Moderne

Huw Mor­gan wird das Berg­bau-Städt­chen und die weni­gen Übrig­ge­blie­be­nen sei­ner Fami­lie am Ende der Geschichte ver­las­sen. Als Erin­ne­rungs­stück nimmt er das blaue Tuch, das seine Mut­ter jeweils als Schal um die Schul­tern gewi­ckelt hat, mit auf den lan­gen Weg. Als er geht, ist das Schick­sal der klei­nen Stadt und der Land­schaft längst besie­gelt: Alles wird zer­stört wer­den wie so viele Städte und Dör­fer die­ser Gegend, der Koh­le­för­de­rung, den Zechen, den Begleit­erschei­nun­gen des Berg­baus und den Hüt­ten­wer­ken geop­fert im Ver­laufe der fort­schrei­ten­den Indus­tria­li­sie­rung. Kaputt­ge­macht auch die Sit­ten, Bräu­che und Bin­dun­gen der in Jahr­zehn­ten gewach­se­nen Gemein­schaft, hin­ge­ge­ben dem Moloch Moderne.

„How Green Was My Val­ley“: Idyl­li­sche Berg­welt-Kind­heit und…

Huws Erin­ne­rungs­ar­beit beginnt dort, wo er und einer sei­ner Brü­der heim­lich die gehei­men Ver­samm­lun­gen der Arbei­ter nachts am Berg belau­schen, die Rede des all­ge­mein geach­te­ten Vaters anhö­ren, der den Leu­ten ins Gewis­sen redet und sie von der Nutz­lo­sig­keit und Unrecht­mäs­sig­keit eines Streiks zu über­zeu­gen ver­sucht, wie sich die Mut­ter ein­mischt in das begin­nende gewerk­schaft­li­che Geba­ren der Män­ner, wie sie auf dem Rück­weg von der Ver­samm­lung auf dem Eis des Baches aus­rutscht und Huw ihr das Leben ret­tet, indem er stun­den­lang ihren Kör­per mit dem sei­nen stützt im Eis. Er wird krank, bett­läg­rig, ver­passt die Ein­schu­lung und wird zuhause vom Pre­di­ger der Gemeinde in Lesen, Schrei­ben und Rech­nen unter­rich­tet. Bron­wen, die junge Frau sei­nes Bru­ders, päp­pelt ihn auf, ver­wöhnt ihn mit ihrer Koch­kunst. Sie wird zum ers­ten Idol sei­ner Kna­ben­jahre.  Und als Huw end­lich dem Unter­richt der Pri­mar­schul­stufe fol­gen kann, hat er Mühe, sich ein­zu­glie­dern. Eine ver­armte Frau, die ihren bei einem Eisen­ab­stich ver­brüh­ten Mann pflegt, lehrt für ein paar Pen­ces in ihrer Stube die Kin­der der Berg­leute das Ein­mal­eins und die Buch­sta­ben des Alpha­bets. Noch schwie­ri­ger wird’s für Huw auf der Mit­tel- und Ober­stufe. Er muss ins benach­barte Städt­chen, ist gut eine Stunde zu Fuss unter­wegs. Es ist eine Tages­schule, jedes Kind bringt von daheim die Mit­tags­ver­pfle­gung mit. Wali­sisch, ihre urei­gene Spra­che, ist im Unter­richt und auf dem Pau­sen­platz strikte ver­bo­ten. So müs­sen sie halt Eng­lisch par­lie­ren, für die Jugend­li­chen eine Fremd­spra­che. Ihr Wali­sisch ist nahe dem Gäli­schen und dem Bre­to­ni­schen ver­wandt und weist über­haupt kei­nen Bezug zur eng­li­schen Spra­che auf. Wer gegen diese eiserne Schul­re­gel ver­stösst, bezieht Prü­gel­strafe, damals an der Schule gang und gäbe, vom Prü­gel­meis­ter mit dem Rohr­stock voll­zo­gen. Die­ser „Spra­chen­streit“ gibt einen Ein­blick in die Distanz, die zwi­schen den ehe­ma­li­gen Erobe­rern aus Eng­land und den wali­si­schen Unter­ta­nen herrschte und immer noch herrscht. Erst in jün­ge­rer Zeit ist an den Schu­len Wali­sisch als Unter­richts­spra­che an der Unter- und Mit­tel­stufe wie­der ein­ge­führt wor­den, zuerst den Behör­den in der That­cher-Ära abge­trotzt und dann recht­lich abgesichert.
Der Junge ver­liebt sich. Lei­der stammt das Mäd­chen, das mit ihm die­selbe Schul­klasse der Ober­stufe besucht, aus dem Nach­bar­ort. Nachts auf dem Berg lässt er seine Ange­be­tete den Klang der Nach­ti­gal hören, in freier Natur unter dem Ster­nen­him­mel. Sie schlüp­fen, weil es gegen mor­gen kalt wird, unter die Decke und Huw erkun­det die Geheim­nisse des weib­li­chen Kör­pers. Plötz­lich Lärm und Fackeln! Die Män­ner des andern Städt­chens suchen die zwei, und nur mit knap­per Not ent­kom­men sie uner­kannt der dro­hen­den Strafe.

Rigide Gemeinschaft der Gläubigen

Im Got­tes­dienst ihrer Kir­che muss Huw ein­mal mit­an­se­hen, wie es einer jun­gen Frau ergeht, die „gefal­len“ ist: Vor der Gemein­schaft der Gläu­bi­gen beich­tet sie ihren Abfall vom rech­ten Glau­ben und von der gül­ti­gen Moral, und obwohl Huw weiss, dass der ält­li­che Pas­tor ein Ver­hält­nis mit Huws jun­ger Schwes­ter hat, gelingt es ihm nicht, eine weni­ger rigide Denk­art im Kreis der Dis­ku­tie­ren­den ein­zu­brin­gen. Er muss in der Kir­che schwei­gen, weil er unter den Gläu­bi­gen noch zu jung ist. Nach­her aber, vor der Kir­che, wagt er es, für die Gemass­re­gelte Par­tei zu ergrei­fen. Sein Vater ist erschüt­tert über den unbot­mäs­si­gen Jun­gen, dass er ihn tage­lang mit Schwei­gen bestraft.

...drohende Zerstörung durch rauchende Fabrik-Schlote - Richard Llewellyn: So grün war mein Tal - Roman (Vergessene Bücher)
…dro­hende Zer­stö­rung durch rau­chende Fabrik-Schlote

So ist vie­les in die­sem Roman gezeich­net durch die Denk­art einer längst ent­schwun­de­nen Zeit, und doch, wenn man das Lokal­ko­lo­rit weg­lässt, schä­len sich die exis­ten­ti­el­len Fra­gen des Mensch­seins her­aus. Wer einen Ver­gleich her­bei­zie­hen möchte, schaue sich den Film „Billy Elliot – I will dance“ an. Auch diese Geschichte spielt im tris­ten Milieu einer Berg­bau-Fami­lie in Wales. Arbeit, Bier­trin­ken, Boxen, Streik – all das ist in die­ser Geschichte eben­falls drin, vor rea­lem Hin­ter­grund der That­cher-Ära hun­dert Jahre spä­ter als „So grün war mein Tal“ – in der Zeit der gros­sen Arbei­ter­auf­stände um 1980 wegen der ange­droh­ten Schlies­sung der Gru­ben. Und auch in die­ser Geschichte fällt der Junge aus der Reihe: Er will tan­zen, nicht boxen! Billy wird in die Royal Dance Com­pany auf­ge­nom­men, Huw Mor­gan, das alter ego des Schrift­stel­lers Lle­wel­lyn, stu­diert in Lon­don. Beide ver­las­sen ihren „Urgrund“ und wer­den sich in der fer­nen Haupt­stadt behaup­ten müs­sen. Bei bei­den stellt sich die Fami­lie anfangs quer. Bis der Vater stolz sein kann auf den Jun­gen, ver­geht eine Zeit der Irrun­gen und Wir­run­gen. Huw erfährt die Unter­stüt­zung durch die Fami­lie frü­her, er hat ja der Mut­ter das Leben geret­tet. Aus­ser­dem gewinnt er den Schön­schreibe-Wett­be­werb einer Zei­tung, sodass der Vater bereits früh stolz auf ihn sein kann.
Das alles ent­schei­dende Ereig­nis aber ist der Streik. Huw erlebt die tiefe Spal­tung zwi­schen Vater und Söh­nen. Die Brü­der Huws befür­wor­ten die Arbeits­nie­der­le­gung und ver­las­sen im Streit die Fami­lie und ihr Haus. Im Ort herr­schen wegen des Streiks Hun­ger und Not, die letz­ten Reser­ven, das Geld der Gewerk­schaft und die Nah­rungs­mit­tel, sind auf­ge­braucht, die Lohn­büchse der Mut­ter bleibt leer. Die Fami­lien hel­fen ein­an­der, so gut es geht, aber zuletzt hat nie­mand mehr etwas. Obwohl Huws Vater lange gegen den Streik war und gar als Streik­bre­cher auf­tritt, stellt er sich zuletzt loyal hin­ter die For­de­run­gen der Arbei­ter und muss dafür bit­ter büs­sen. Der Streik miss­lingt und die Fabrik­be­sit­zer neh­men Rache. Der Gru­ben­be­sit­zer stellt ihn bei Kälte, Regen und Schnee als Ein­gangs­kon­trol­leur im Freien auf. Dann zer­stört ein Wet­ter die Grube. Als Vater Gwi­lym auf Druck der Arbei­ter­kol­le­gen noch­mals als Ret­ter zuge­las­sen wird, gerät er auf der Suche nach Ver­schüt­te­ten in einen zusam­men­bre­chen­den Stol­len. Unter den Toten ist auch er. Der Scha­den ist immens, die Grube wird defi­ni­tiv geschlos­sen. Die Ehe Ang­ha­rads schei­tert, ein Bru­der stirbt an Depres­sion, die andern sind weg, Vater und Mut­ter gestor­ben. So endet die Geschichte.

Weltaufauflage von über 2 Millionen Exemplaren

... ist eine Essay-Reihe, in der das Glarean Magazin Werke vorstellt, die vom kultur-medialen Mainstream links liegengelassen oder überhaupt von der
… ist eine Essay-Reihe, in der das Glarean Maga­zin Werke vor­stellt, die vom kul­tur-media­len Main­stream links lie­gen­ge­las­sen oder über­haupt von der „offi­zi­el­len“ Lite­ra­tur-Geschichte igno­riert wer­den, und doch von lite­ra­ri­scher Bedeu­tung sind über alle modi­sche Aktua­li­tät hin­aus. Die Autoren der Reihe pfle­gen einen betont sub­jek­ti­ven Zugang zu ihrem jewei­li­gen Gegen­stand und wol­len weni­ger beleh­ren als viel­mehr erin­nern und interessieren.

Anhand der Inhalts­an­gabe ist man geneigt, das Buch als düs­ter und trau­rig zu bezeich­nen. Das ist es nicht, eher bit­ter­süss, wenn es von Huws glück­li­cher Kind­heit und Jugend erzählt. Die Tra­gö­dien, die die Fami­lien und das Tal tref­fen und der schlei­chende Zer­fall der Gemein­schaft wech­seln sich ab mit fröh­li­chen Ereig­nis­sen, alles getra­gen von einer glück­li­chen, zusam­men­hal­ten­den und sich sehr lie­ben­den Fami­lie, auch wenn die schliess­lich aus­ein­an­der geris­sen wird. Bei der Spra­che ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Roman 1939 geschrie­ben wurde. Sie ist zwar „alt­mo­disch“, aber schön, das merkt man auch in der Über­set­zung. Das Buch erreichte eine Welt­auf­lage von weit mehr als zwei Mil­lio­nen Exem­pla­ren. An die­sen Erfolg konn­ten die spä­te­ren Werke Lle­wel­lyns nicht anknüp­fen. Die Fort­set­zung der Mor­gan-Saga, unter dem Titel „Das neue Land der Hoff­nung“ erschie­nen, über­zeugte lite­ra­risch nicht. Man­gelnde Sach­kennt­nis im Flie­ger-Roman „Den Ster­nen nah“ und schlicht Kitsch im Kib­buz-Buch „Und mor­gen blüht der Sand“ wurde Lle­wel­lyn in der Kri­tik vor­ge­wor­fen. Der Autor ver­starb im Dezem­ber 1983 in Dublin.

Die Geschichte in den Geschichten

Ich liebe Fami­li­en­sa­gas, ihre Detail­ver­ses­sen­heit, ihr auto­bio­gra­phi­sches Cachet, die Geschich­ten einer Epo­che in ihrem his­to­ri­schen Rah­men. Oft ver­lege ich meine Ferien in das Gebiet eines Romans, den ich grad gele­sen habe. So habe ich mal die ganze süd­li­che Pro­vence durch­streift auf der Suche nach den Orten aus dem Roman „Die Kin­der der Fins­ter­nis“. Oder ich lese Fach­bü­cher, Geschichte, Rei­se­be­schrei­bun­gen, sammle Zusätz­li­ches. So bin ich vor kur­zem auf einen Arti­kel in der Neuen Zür­cher Zei­tung gestos­sen: Phö­nix aus der Kohle – die Auf­er­ste­hung von Car­diff (NZZ vom 7. Juli 2011). Zitat: „Eine knappe halbe Stunde dau­ert die Fahrt von Car­diff Rich­tung Nor­den, dann ist man im Grü­nen. Das war nicht immer so. Erst in den ver­gan­ge­nen Jah­ren wur­den hier die Löcher auf­ge­füllt, wel­che durch den Koh­le­ab­bau in der Region seit 1880 ent­stan­den waren. Aber die Zeit heile alle Wun­den, heisst es, und so ent­stan­den auf den ehe­ma­li­gen Koh­le­mi­nen schritt­weise Land­schafts­parks, die den Tou­ris­ten zum Wan­dern, Biken oder auch ein­fach nur zum Ver­wei­len ein­la­den. Wer die Spu­ren der Koh­le­indus­trie von nahem besich­ti­gen möchte, ist in Blae­na­von gut auf­ge­ho­ben. Die eins­tige Boom­town der indus­tri­el­len Revo­lu­tion ist heute Unesco-Welt­kul­tur­erbe. Hier kann man sich von einem Guide 90 Meter unter der Erde durch die eins­tige Mine, den ‚Big Pit‘, füh­ren las­sen. Auf der Rück­fahrt prä­sen­tiert sich dann die Land­schaft wie­der so, wie man sie sich vor­ge­stellt hat – Ort­schaf­ten, deren Namen geschrie­ben wer­den, als wäre eine Katze ein­mal quer über die Tas­ta­tur spa­ziert, wech­seln sich ab mit saf­ti­gen Mat­ten, auf denen Schafe wei­den. Zwei bis vier Schafe pro Ein­woh­ner soll es in der Hei­mat von Dylan Tho­mas, Richard Lle­wel­lyn, Tom Jones und Ryan Giggs geben, je nach­dem, wen man fragt“. ♦


Walter Ehrismann Wal­ter Ehrismann

Geb. 1943 in Chur/CH – gest. 2013 in Urdorf; Aus­bil­dung zum Leh­rer, Stu­dium an der Zür­cher Fach­hoch­schule für Gestal­tung, 1966 Unfall im süd­fran­zö­si­schen Meer, seit­her im Roll­stuhl, zahl­rei­che male­ri­sche, bild­haue­ri­sche und lite­ra­ri­sche Publikationen

Lesen Sie im Glarean Maga­zin aus der Reihe „Ver­ges­sene Bücher“ auch von Bernd Giehl: „Liebe Mut­ter…“ (Mar­ga­ret Millar)

2 Kommentare

  1. Sehr schö­ner Bei­trag zum „ver­ges­se­nen“ (nicht von mir) Buch Richard Lle­wel­lyns! G.A. Lang (81)

  2. Gra­tu­liere zu die­sem Bei­trag, Herr Ehris­mann! Sehr schön for­mu­liert. Auch sehr ein­fühl­sam, dabei in hohem Masse informativ.
    In der Tat ein wür­di­ges Buch, der ver­gess­li­chen Lite­ra­tur-Mode unbe­dingt zu ent­reis­sen. Fai­rer­weise muss man anfü­gen, dass der Schrift­stel­ler Lle­wel­lyn nicht NUR für die Ewig­keit geschrie­ben hat… (Hier ein paar Titel: https://www.amazon.com/Richard-Llewellyn/e/B000AP81HE?tag=duckduckgo-d-20 ) Man­ches Spä­tere aus sei­ner Feder streift schon haar­scharf das Kitschige.
    Aber „How Green…“ ragt wirk­lich her­aus. Ich habe es in jün­ge­ren Jah­ren im eng­li­schen Ori­gi­nal gele­sen, eine packende, auch sozi­al­his­to­risch sehr inter­es­sante Sache.

    Noch­mals Dank für die­sen schö­nen Artikel !

    T. Schnei­der

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