E. Pormeister: Grenzgängerinnen – Gertrud Leutenegger & Silja Walter

Fortgehen und Daheimbleiben in einem

von Gün­ter Nawe

Eve Pormeister - Grenzgängerinnen - Saxa VerlagZwei schrei­bende Frauen, zwei be­deu­tende Schwei­zer Schrift­stel­le­rin­nen – mit dem li­te­ra­ri­schen Schaf­fen von Ger­trud Leu­ten­eg­ger (geb. 1948) und der Nonne Silja Wal­ter (geb. 1919) be­schäf­tigt sich die est­ni­sche Ger­ma­nis­tin und Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Eve Por­meis­ter, Pro­fes­so­rin an der Uni­ver­si­tät Tartu. Sie hat be­reits in Ein­zel­stu­dien über beide Au­to­rinn­nen ge­ar­bei­tet und kann dar­über hin­aus als Ex­per­tin für Schwei­zer Li­te­ra­tur gel­ten.
In dem vor­lie­gen­den Band legt sie neue Stu­dien über die bei­den «Grenz­gän­ge­rin­nen» Ger­trud Leu­ten­eg­ger und Silja Wal­ter vor – li­te­ra­ri­sche Es­says, die ein­zeln und ne­ben­ein­an­der ge­le­sen wer­den kön­nen, und die doch zu­sam­men­hän­gen. Für Eve Por­meis­ter ist das Band, das beide Schrift­stel­le­rin­nen ver­bin­det, das «Fort­ge­hen und Da­blei­ben in ei­nem» (Silja Wal­ter). Beide sit­zen sie auf ei­nem Baum: eine auf ih­rem «Ap­fel­baum», die an­dere auf ih­rem «Wol­ken­baum». Me­ta­phern, wie sie in der Dich­tung der ei­nen und an­de­ren zu fin­den sind. Von ih­ren «Bäu­men» herab zei­gen sie uns die Welt – zeit­kri­tisch, spi­ri­tu­ell, ly­risch und sprachmäch­tig.

Farbenreiche und musikalische Sprachbilder

«Farbenreiche und musikalische Sprachbilder»: Gertrud Leutenegger
«Far­ben­rei­che und mu­si­ka­li­sche Sprach­bil­der»: Ger­trud Leu­ten­eg­ger

Eve Por­meis­ter be­schreibt die ge­bür­tige In­ner­schwei­ze­rin Leu­ten­eg­ger als sehr poe­ti­sche Au­to­rin. Nahe am Werk zeigt sie die far­ben­rei­chen und mu­si­ka­li­schen Sprach­bil­der als Ge­gen­ent­wurf zu den – wie Por­meis­ter schreibt – «er­starr­ten Denk- und Ver­hal­tens­mus­tern». Ex­em­pla­risch dar­ge­stellt am Ro­man «Vor­abend» zum Bei­spiel. Und sie zi­tiert Leu­ten­eg­ger: «Ich schreibe, um aus mei­nen Schmer­zen ein Fest zu ma­chen». Schmerz­li­che Er­fah­run­gen macht die Leu­ten­eg­ger auch in ih­rem Werk «Po­mona», das Eve Por­meis­ter eben­falls aus­führ­lich un­ter­sucht und deu­tet.
Da­bei er­fah­ren wir, dass es sich – wie spä­ter auch bei Silja Wal­ter – nicht um fe­mi­nis­ti­sche Li­te­ra­tur, nicht um eine éc­ri­ture fé­mi­nine han­delt, son­dern ein­fach nur um «Texte von weib­li­cher Hand». Bei­der Poe­tik ist al­ler­dings je­weils eine «schmerz­li­che und not­wen­dige Grenz­erfah­rung» in vie­ler­lei Hin­sicht.

«Spiritualität mit Poesie verbunden»: Silja Walter
«Spi­ri­tua­li­tät mit Poe­sie ver­bun­den»: Silja Wal­ter

Die Nonne und Dich­te­rin Silja Wal­ter ver­steht es auf ho­hem li­te­ra­ri­schem Ni­veau, Spi­ri­tua­li­tät mit Poe­sie zu ei­ner re­li­giö­sen Dich­tung zu ver­bin­den. Werke wie ihre Ge­dichte (z.B. «Die Feu­er­taube» 1985), Chro­nik­spiele (u.a. «Die Jahr­hun­dert-Treppe» 1981), Thea­ter­stü­cke («Sie ka­men in die Stadt» 1982) und Prosa («Der Wol­ken­baum. Meine Kind­heit im al­ten Haus» 1991) be­le­gen dies. Por­meis­ter ver­sucht die «Au­ßen­sei­te­rin» in die schwei­ze­ri­sche Li­te­ra­tur ein­zu­ord­nen und ihr den Platz, den sie ver­dient, zu­zu­wei­sen. Sie macht dies sehr klug, und sie ver­deut­licht da­mit auch die Ver­bin­dung, ja die «Ver­wandt­schaft» mit Ger­trud Leu­ten­eg­ger.

«Ich glaube, darum schreibe ich»

Auf der Spur von Grenz-Gängerinnen: Germanistin Eve Pormeister
Auf der Spur von Grenz-Gän­ge­rin­nen: Ger­ma­nis­tin Eve Por­meis­ter

Silja Wal­ter über sich selbst: «Ich bin nicht Schrift­stel­le­rin / und dazu noch Nonne. / Ich bin nur eine Nonne, / die schreibt. / Ich glaube, darum schreibe ich.» – «Ich glaube, darum schreibe ich» ist eine Art dich­te­ri­schen Cre­dos, das ihr gan­zes Werk durch­zieht. Von ihr wurde ein­mal ge­schrie­ben: …wie nie­mand sonst schafft Silja Wal­ter im Ein­klang mit ih­rem Be­kennt­nis Werke, die li­te­ra­risch auf der Höhe un­se­rer Zeit ste­hen.» («Welt­wo­che» 1977). Eve Por­meis­ter be­stä­tigt diese Wür­di­gung 30 Jahre Jahre spä­ter mit ih­rem Es­say.

Das Werk Gertrud Leuteneggers und Silja Walters, der beiden bekannten Schweizer Autorinnen und «Grenzgängerinnen», hat in der gleichnamigen, sehr lesenswerten Untersuchung von Eve Pormeister überzeugende Deutungen erfahren.
Das Werk Ger­trud Leu­ten­eg­gers und Silja Wal­ters, der bei­den be­kann­ten Schwei­zer Au­to­rin­nen und «Grenz­gän­ge­rin­nen», hat in der gleich­na­mi­gen, sehr le­sens­wer­ten Un­ter­su­chung von Eve Por­meis­ter über­zeu­gende Deu­tun­gen er­fah­ren.

«Grenz­gän­ge­rin­nen» also zwi­schen Poe­sie und Er­zäh­lung, zwi­schen Zeit­kri­tik und spi­ri­tu­el­ler Er­fah­rung. So mit den Au­gen der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Por­meis­ter ge­le­sen zei­gen sich neue As­pekte im Werk der bei­den Au­to­rin­nen – oder be­stä­ti­gen be­stehende Auf­fas­sun­gen. Geis­tes­ver­wandt beide: Ger­trud Leu­ten­eg­ger und Silja Wal­ter, de­nen «diese Lust: eine Welt ent­flam­men zu las­sen» ge­mein­sam ist.
Das Werk Leu­ten­eg­gers und Wal­ters hat in die­ser Un­ter­su­chung über­zeu­gende Deu­tun­gen er­fah­ren, und die wun­der­ba­ren Ar­bei­ten von Eve Por­meis­ter, er­gänzt um per­sön­li­che Ge­sprä­che mit den Au­to­rin­nen, «ent­flam­men» auch den Le­ser, ma­chen neu­gie­rig auf mehr. Was kann man Bes­se­res von ei­nem Buch sa­gen! ■

Eve Por­meis­ter: Grenz­gän­ge­rin­nen – Ger­trud Leu­ten­eg­ger / Silja Wal­ter, 222 Sei­ten, SAXA Ver­lag, ISBN 978-3-939060-26-0

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