J. Barkhoff & V. Hefferman: Schweiz schreiben (Anthologie)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 3 Minu­ten

Literarische (De)Konstruktion des Mythos Schweiz

von Sig­rid Grün

Die natio­na­len Mythen prä­gen bis heute das Geschichts­be­wusst­sein der Schweiz und tra­gen damit als iden­ti­fi­ka­ti­ons­stif­tende Gebilde zum Zusam­men­halt bei, was bei einer Nation, die vier Spra­chen und vier Kul­tu­ren ver­bin­det, ein Kunst­stück ist. Umso inter­es­san­ter ist es des­halb auch, einen Blick auf den Kon­strukt­cha­rak­ter der zen­tra­len Schwei­zer Mythen zu wer­fen und die zahl­rei­chen Dekon­struk­ti­ons­pro­zesse zu ana­ly­sie­ren, die v.a. in der zeit­ge­nös­si­schen Schwei­zer Lite­ra­tur (ins­be­son­dere nach 1945) eine aus­ser­or­dent­lich wich­tige Rolle spielen.

Schweiz schreiben - Anthologie - Glarean MagazinIm vor­lie­gen­den, von Jür­gen Bark­hoff und Vale­rie Hef­fer­man her­aus­ge­ge­be­nen Band wird genau dies gemacht: „Schweiz schrei­ben“ ist die Zusam­men­fas­sung der Ergeb­nisse einer Tagung, die im Okto­ber 2006 in Irland (in und um Dub­lin) unter dem Titel „Mythos Schweiz. Zu Kon­struk­tion und Dekon­struk­tion des Schwei­ze­ri­schen in der Gegen­wart“ statt­fand. An drei Tagen ver­such­ten sich Schwei­zer Autoren und Aus­lands­ger­ma­nis­ten dem Thema „Die Lage der Schweiz in der Lite­ra­tur, und die Lage der Lite­ra­tur in der Schweiz“ anzunähern.
Her­aus­ge­kom­men ist ein unge­heuer gehalt­vol­les und span­nen­des Buch, das iden­ti­fi­ka­to­ri­sche Pro­zesse sicht­bar macht und exakte Ana­ly­sen zen­tra­ler Schwei­zer Mythen bietet.

Schweizer Mythen von den „Alpen“ bis zum „Sonderfall“

Im Mit­tel­punkt ste­hen fol­gende Mythen und deren (De)Konstruktion: Mythos Schweiz­erli­te­ra­tur, Mythos Alpen, Mythos Eid­ge­nos­sen­schaft, Mythos Son­der­fall, Mythos Mul­ti­kul­tu­ra­li­tät, Mythos lite­ra­ri­scher Gegen­dis­kurs sowie der Mythos Irland. Beim Letzt­ge­nann­ten zielt die Bezug­nahme auf die Gemein­sam­kei­ten der bei­den Staa­ten. Sowohl die Schweiz als auch Irland sind durch ihre Rand­stän­dig­keit (in Europa) gekenn­zeich­net. Der Insel­cha­rak­ter ist ein­mal geo­gra­phisch, ein­mal poli­tisch bedingt. Beide Staa­ten ste­hen für Unab­hän­gig­keit – wäh­rend Irland seine Eigen­stän­dig­keit gegen­über Gross­bri­tan­nien aller­dings in einem erbit­ter­ten Unab­hän­gig­keits­kampf immer wie­der behaup­ten musste, sind die Ursprünge der „bewaff­ne­ten Neu­tra­li­tät“ der Schweiz beim Wie­ner Kon­gress von 1815 zu suchen, auch wenn diese eher auf­er­legte Neu­tra­li­tät ange­sichts der Grün­dungs­my­then Bun­des­brief und Rüt­li­schwur schon viel frü­her ver­mu­tet werden.

Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt als Mythenzertrümmerer

Im Bereich der Lite­ra­tur wer­den Max Frisch und Fried­rich Dür­ren­matt als die Mythen­zer­trüm­me­rer schlecht­hin gehan­delt. Peter von Matt erklärt, wel­che Motive zen­tral sind und schlägt einen Bogen zu frü­he­ren Wer­ken der Schwei­zer Lite­ra­tur. Das „schul­dige Kol­lek­tiv“ ist hier von gros­ser Bedeu­tung – man denke nur mal an Gott­helfs „Schwarze Spinne“ und an Dür­ren­matts „Besuch der alten Dame“.
Doch auch der „Mythos lite­ra­ri­scher Gegen­dis­kurs“ wird an ande­rer Stelle the­ma­ti­siert. Die Schwei­zer Lite­ra­tur greift näm­lich immer wie­der die Poli­tik des Lan­des auf und ent­wi­ckelt einen – nicht immer frucht­ba­ren – Gegen­dis­kurs, wie Els­beth Pul­ver betont: „Die Vor­stel­lung einer ande­ren, bes­se­ren Schweiz mit den Intel­lek­tu­el­len als Herol­den und Sach­wal­tern, sie löst die Beklem­mung nicht; sie droht sie zu zementieren.“

„Schweiz schrei­ben“ ist ein facet­ten­rei­cher und gehalt­vol­ler Band, der sich auf eine äus­serst inter­es­sante Weise mit der Schweiz aus­ein­an­der­setzt. Hier wird das Brö­ckeln zen­tra­ler Schwei­zer Mythen auf­ge­zeigt und ein Schweiz­bild ent­wor­fen, das nicht nur auf der „Heidi-Land“-Idylle basiert, son­dern auch Kri­sen inte­griert. Sehr zu empfehlen!

Die jün­gere Schrif­steller­ge­nera­tion – bei­spiels­weise Zoe Jenny, Ruth Schwei­kert und Peter Stamm – scheint für eine eher „unschwei­ze­ri­sche Schweiz­erli­te­ra­tur“ (Vale­rie Hef­fer­man) zu ste­hen. Doch trifft dies tat­säch­lich zu? Zur beson­de­ren Bezie­hung Schweiz – Irland wird die Lite­ra­tur der in Irland leben­den Schwei­zer Autorin Gabri­elle Ali­oth auf­ge­grif­fen. Neben Ali­oth haben übri­gens meh­rere Schwei­zer Gegen­warts­au­toren auf der grü­nen Insel ein neues Zuhause gefun­den, u.a. Rolf Lap­pert und Hans­jörg Schertenleib.

Schweiz schrei­ben“ ist ein facet­ten­rei­cher und gehalt­vol­ler Band, der sich auf eine äus­serst inter­es­sante Weise mit der Schweiz aus­ein­an­der­setzt. Hier wird das Brö­ckeln zen­tra­ler Schwei­zer Mythen auf­ge­zeigt und ein Schweiz­bild ent­wor­fen, das nicht nur auf der „Heidi-Land“-Idylle basiert, son­dern auch Kri­sen inte­griert. Sehr zu empfehlen! ♦

Jür­gen Bark­hoff / Vale­rie Hef­fer­man (Hrsg.), Schweiz schrei­ben – Zu Kon­struk­tion und Dekon­struk­tion des Mythos Schweiz in der Gegen­warts­li­te­ra­tur, 320 Sei­ten, De Gruy­ter Ver­lag, ISBN 9783484108127

Lesen Sie im Glarean Maga­zin auch den Essay von
Mario Andreotti: Ten­den­zen der Schwei­zer Literatur

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