Veröffentlicht am 1. September 2011
Die Schach-Weltmeisterschaft 1972 mit Bobby Fischer gegen Boris Spasski
Am 1. September 1972 gab in Reykjavik ein russischer Spieler – Boris Spasski – eine Schachpartie auf, und sein amerikanischer Gegner – Bobby Fischer – wurde Weltmeister. Es gibt historische Momente, in denen die Welt den Verstand verliert, und zwar mit bemerkenswerter Grösse. Die Schach-WM 1972 in Island war so ein Fall: Zwei Männer sitzen einander schweigend gegenüber, schieben Holzfiguren über 64 Felder, und rundherum benehmen sich Regierungen, Redaktionen und Millionen Zuschauer, als hinge das Schicksal der Menschheit an einer Läuferdiagonale.

Man muss diese Chuzpe der Geschichte bewundern: Ausgerechnet das leiseste Spiel der Welt wurde zur lautesten Bühne des Kalten Krieges. Die geopolitische Grosswetterlage war damals ohnehin von jener nervösen Hysterie, die man später gern „Epoche“ zu nennen pflegt: Die Amerikaner steckten im Vietnamkrieg fest, die Russen verwalteten ihr Imperium mit frostigster Selbstgewissheit, atomare Raketen standen herum wie schlecht gelaunte Gartenstatuen, und jede symbolische Auseinandersetzung avancierte sofort zum Stellvertreter-Krieg. Man rang nicht nur um Territorien, sondern um Prestige, Deutungshoheit, moralische Kulissen, kurz: um das Recht, sich selbst für die Zukunft der Menschheit zu halten.
Intelligenz-Referendum mit Uhr

Und mitten in dieses globale Muskelzucken platzte ein Schachmatch. Aber warum gerade Schach, warum nicht Tischtennis, Hufeisenwerfen oder Synchronschwimmen? Weil Schach seit Jahrhunderten den Ruf hat, mehr zu sein als ein Spiel. Goethe wird das Bonmot zugeschrieben, Schach sei ein „Probierstein des Gehirns“, und wenn das Zitat stimmt, dann wurde noch selten ein Satz des grossen Dichterfürsten mit solcher Lust missbraucht wie 1972. Denn wenn Schach ein Prüfstand des Intellekts ist, dann ist ein Weltmeister nicht bloss ein Mann mit guter Konzentration und Logik-Vermögen, sondern gleich der lebende Nachweis geistiger und kultureller Überlegenheit – seines Landes, seines Bildungssystems, seiner Zivilisation, vermutlich auch seiner Frühstückskultur. Reykjavík 1972 war ein Intelligenzreferendum mit Uhr.
Schach als ideologisches Aushängeschild

Diese Symbolik hatte das Sowjet-Regime längst verinnerlicht. Seit 1948 kam der Weltmeister aus dem Osten, und das war kein Zufall, sondern Staatsprojekt: Schach wurde gefördert, gesponsert, organisiert, systematisiert, in Schulen getragen, mit Trainern, Theoretikern und Funktionären umstellt, bis selbst ein Springerzug nach Planwirtschaft roch. Der sowjetische Weltmeister war nicht einfach Champion, sondern Aushängeschild einer Ordnung, die behauptete, Vernunft liesse sich administrieren.
Molotow-Cocktail mit Eröffnungsbuch
Dann kam Robert J. „Bobby“ Fischer – ein Molotow-Cocktail mit Eröffnungsbuch! Fischer war das Gegenteil jeder institutionellen Behaglichkeit: Ein Einzelgänger, ein Genie, ein Querulant, ein fanatischer Arbeiter, ein Mann von ungeheurer Präzision und mindestens ebenso ungeheurer Kränkbarkeit. Bobby wollte perfekte Bedingungen, perfekte Ruhe, perfekte Stühle, perfekte Kameras, vermutlich auch perfekt ausgerichtete Moleküle in der Raumluft. Wo andere einen Turniersaal sahen, sah Fischer ein Komplott mit Neonbeleuchtung. Seine Forderungen waren legendär, seine Empfindlichkeiten erst recht. Aber wie so oft gilt: Solange jemand gewinnt, nennt man das Exzentrik; verliert er, heisst es bloss schlechte Manieren…
Spasski gegen Drama-Queens

Sein Gegenüber Boris Spasski war da von ganz anderer Statur: Charmant, elegant, höflich, humorvoll, mit jener gelassenen Intelligenz, die keinen Lärm braucht. Er wirkte wie der einzige Erwachsene in einem Raum voller Drama-Queens. Spasski war sowjetischer Weltmeister, ja, aber kein blecherner Funktionär auf zwei Beinen. Er hatte Stil, Witz und die seltene Fähigkeit, selbst in absurden Situationen nicht sofort dem Operettenpathos zu verfallen. Gerade deshalb taugte er schlecht für grobe Propaganda: er war zu menschlich für die Karikatur, und erst recht für die Schachfunktionäre in Moskau und Ost-Berlin.
Presse-Hype in Amerika und Europa

Die westliche Presse liebte Fischer sofort als Freiheitshelden mit Tick. Endlich einmal ein Amerikaner, der den sowjetischen Apparat herausforderte – nicht mit Bomben, sondern mit Bauernzügen. Man schrieb vom Triumph des Individuums, vom einsamen Genie gegen die Maschine, vom Cowboy gegen das Kollektiv. Das war erzählerisch appetitlich und intellektuell ziemlich bequem. Denn natürlich war Fischer kein politisches Manifest, sondern vor allem ein ausserordentlich komplizierter Mann mit überragendem Talent. Aber Nuancen waren noch nie das Lieblingsgericht grosser Schlagzeilen. (Dass Bobby Fischer in den letzten Jahren seines Lebens – bevor er 2008 an Nierenversagen starb – zum Hitler-Bewunderer, Amerika-Hasser und Anti-Juden-Hetzer wurde und schliesslich als paranoider Soziopath endete, hat die internationale Fischer-Pietät lange Zeit unter den Teppich gekehrt).
Schach als Teil des kulturellen Selbstbildes
Im Osten reagierte man entsprechend verspannt. Dort war Schach eben kein Hobby mit Uhr, sondern Teil des kulturellen Selbstbildes. Wenn man jahrzehntelang erklärt hat, die besten Köpfe der Welt sässen im eigenen System, ist ein Amerikaner am Spitzenbrett keine sportliche Randnotiz, sondern eine peinliche Störung der ideologischen Innenarchitektur. Man suchte Erklärungen, Nebenursachen, äussere Umstände – kurz: alles ausser der Möglichkeit, dass auch jenseits des Eisernen Vorhangs jemand denken konnte.
Turnierorganisation vor dem Kollaps

Dann begann das Match, und Fischer tat, was Fischer immer tat: Er verwandelte Organisation in Nervenzusammenbruch. Er erschien verspätet, stritt über Honorare, mokierte sich über Kameras, verlor die erste Partie mit einem spektakulär fragwürdigen Zug, verweigerte die zweite, kassierte kampflos einen Punktverlust, drohte mit Abreise, kehrte zurück, verlangte neue Bedingungen – man wusste zeitweise nicht, ob hier ein Weltmeisterschaftskampf lief oder die teuerste Laune des Planeten.
Irgendwann wurde dann in einem Nebenraum gespielt, weil Fernsehkameras angeblich zu laut summten. Die Welt lernte: Selbst ein Objektiv kann zur Staatsaffäre werden, wenn nur genügend Reporter daneben stehen.
Sieg ohne Sentenz
Und dann geschah das Ärgerlichste für alle, die Drama lieber mögen als Resultate: Fischer spielte überragend. Nach dem chaotischen Auftakt übernahm er die Kontrolle, gewann Partie um Partie, zerlegte den Mythos sowjetischer Unbesiegbarkeit und zwang die Welt zum Eingeständnis, dass Genialität manchmal eben auch dann echt ist, wenn sie sich unerquicklich aufführt. Spasski blieb würdevoll, Fischer blieb schwierig, das Ergebnis blieb eindeutig.
Von Bobby ist angesichts seines grössten Triumphes im Augenblick der Siegerehrung kein besonderer Ausspruch überliefert, kein pathetisches Wort für die Geschichtsbücher. Fischer wurde Weltmeister und behandelte den Moment ungefähr so, als sei mit diesem „Match des Jahrhunderts“ bloss eine weitere organisatorische Unzulänglichkeit behoben worden…

Als Schach Glamour hatte
Mit Bobby Fischers Sieg endete mehr als ein Schach-WM-Match, es endete ein Monopol, ein Narrativ, eine Ära. Und im Westen brach ein beispielloser Schachboom aus: Plötzlich wurden Bretter verkauft, Klubs gegründet, Kinder an Springergabeln herangeführt, und Menschen, die eine Woche zuvor kaum wussten, wie sich der Läufer bewegt, diskutierten nun mit ernster Miene über Positionsspiel. Für kurze Zeit bekam Schach etwas, das ihm bis dato und auch naturgemäss fremd ist: Glamour.
Die eigentliche Pointe von Reykjavík liegt aber tiefer. Das Match bewies nicht, welches System klüger war, moralischer oder zukunftsfähiger. Es bewies nur, wie verzweifelt beide Lager nach Symbolen hungerten. Ein Brett mit 64 schwarzen und weissen Feldern musste herhalten, um Weltanschauungen aufzupumpen. Zwei Männer spielten Schach, und die Welt führte sich auf wie im Final Countdown der Menschheitsgeschichte.
Das ist lächerlich, doch gleichzeitig grandios – und der Grund, warum man sich bis heute daran erinnert. ♦
Lesen Sie im Glarean Magazin auch über Michael Ehn & Ernst Strouhal: Schönheit und Schrecken des Schachs
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